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  4. Zoë Jenny über ihren neuen Roman und wie sie dazu mit einem Astrophysiker recherchierte

Zoë Jenny über ihren neuen Roman

Den verschwundenen Mond im Visier

In ihrem neuen Roman blickt Zoë Jenny in die Sterne. Die Basler Bestsellerautorin recherchierte dafür in ihrer Wahlheimat Wien bei einem Landsmann aus der Schweiz, dem Astrophysiker Manuel Güdel. Dank ihm erweiterte sie auch ihr literarisches Universum.

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Zoe Jenny

Observieren: Jenny mit Manuel Güdel am Grossen Refraktor von 1878. Heute wird das Teleskop nur noch bei Führungen genutzt.

Geri Born
Total Royal
René Haenig

Um einen Blick durchs Fernrohr in den Himmel über Wien zu erhaschen, muss Zoë Jenny (48) auf die Leiter klettern. Normalerweise kann der komplette Holzboden unter ihren Füssen hydraulisch angehoben und abgesenkt werden. Aber der sogenannte Grosse Refraktor der Wiener Universitätsstern- warte ist nur noch bei öffentlichen Führungen in Betrieb. Himmelsforscher nutzen heute leistungsstärkere Teleskope, um das Universum zu ergründen. «Ausserdem ist der Standort der Sternwarte mitten in Wien aufgrund der Lichtverschmutzung längst nicht mehr so gut», weiss Manuel Güdel (60). Der Astrophysiker ist Professor für die Gebiete Sternentstehung und Exoplaneten an der Uni Wien – und zudem ein Projektleiter für eins der Instrumente des James-Webb-Weltraumteleskops, das vor Kurzem weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Schriftstellerin und Wissenschafter treffen sich nicht zum ersten Mal im bis heute grössten Sternwartengebäude Europas, das 1883 von Kaiser Franz Joseph I. eröffnet wurde. Für ihren neuen Roman «Der verschwundene Mond» recherchierte Jenny im Umfeld Güdels und liess sich vom Professor auch zur Romanfigur Marty inspirieren. Dessen Welt dreht sich als Leiter des Astronomischen Instituts von Wien um die Weiten des Universums, darüber hinaus aber schiebt er die Realität sei- nes Lebens gern beiseite. So bleibt ihm verborgen, dass seine Frau insgeheim andere Zukunftspläne schmiedet und die Tochter an ihrem Frausein zweifelt.

Zoe Jenny

Posieren: Zoë Jenny zwischen Marmorsäulen der imposanten Eingangshalle der Wiener Universitätssternwarte.

Geri Born

Kennengelernt haben sich Jenny und Güdel an einem Event für Auslandschweizer in ihrer österreichischen Wahlheimat. Die Baslerin lebt seit sechs Jahren mit Partner Markus (59) einem Wiener, und Tochter Naomi (12) vor den Toren der Hauptstadt; der Solothurner lehrt seit 2010 als Professor an der Uni Wien, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen, 14 und 17 Jahre alt, an der Stadtgrenze. Den Plot zu ihrem Roman fand sie schon vor Jahren, sagt Jenny. Ihr ehemaliger Lebensgefährte Manfredo Izetta war unter anderem Astronom. «Ursprünglich hatte ich die Geschichte deshalb bei Florenz angesiedelt», er- zählt Jenny. Als sie Bekanntschaft mit Güdel machte, entschied sie sich um. «Direkt vor der Haustür recherchieren zu können, macht vieles leichter.»

 

«Wir Forscher sitzen nicht die ganze Zeit vor dem Teleskop»

Manuel Güdel, Astrophysiker

Von Astronomie habe sie kaum Ahnung gehabt. Deshalb habe sie viele Bücher gelesen und in Gesprächen mit Astrophysiker Güdel gelernt, was es mit FU-Orionis-Ausbrüchen, Exoplaneten, Quanteneffekten, Orion, Pegasus, Kassiopeia, Sagittarius A* und dem Lagrange-Punkt auf sich hat. Manches von dem, was sie erfährt, habe sie auch schockiert. «Man kann genau ausrechnen, wann es mit unserem Planeten vorbei ist. Die Erde, auf der wir leben, hat in Millionen Jahren ein Ende», sagt Jenny kopfschüttelnd. «Auch wenn wir das nicht mehr erleben, aber aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Zweifel daran.»

Zoe Jenny

Unter der Kuppel: Güdel und Jenny auf der Sternwarten-Terrasse. Diese hat auch in der Geschichte ihren Platz.

Geri Born

Sternschnuppen im Garten

Dass Güdel wie sie Schweizer ist, sei ein «schöner Zufall». Er öffnete ihr nicht nur das Tor zur Universitätssternwarte Wien, sondern auch zu seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Jenny durfte sie interviewen und ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen. Beim Schreiben des Romans sei es ihr darum gegangen, aus der Perspektive eines Wissenschafters zu erzählen, eines Forschers, der möglichst weit weg schaut. Im Fall von Güdel sind es die unendlichen Weiten des Universums.

Der Sternenhimmel fasziniert beide. «In warmen Sommernächten schlafen Markus, Naomi und ich manchmal im Garten und schauen nach Sternschnuppen», erzählt Jenny. Manuel Güdel beobachtete als kleiner Bub mit dem Vater den Nachthimmel über Niedergösgen, wo er aufwuchs: «Bis heute habe ich vor Augen, wie ich vom Zimmer aus über den Wald hinweg zum Firmament blickte und tief beeindruckt war.» Bei der ersten Mondlandung 1969 sei er sieben Jahre alt gewesen. «Ich sammelte sämtliche Zeitungsausschnitte von diesem Ereignis – und ich habe sie bis heute aufbewahrt», verrät der Astrophysiker lächelnd.

Zoe Jenny

In der Nische: Zoë Jenny und ihr Partner Markus vor der Uni-Sternwarte. Tochter Naomi ist in den Ferien in England.

Geri Born

Forschen mit Zältli

Noch etwas lieben Güdel und Jenny gleichermassen: Sugus. Im Büro des Schweizer Professors steht ein grosser Glasbehälter mit den süssen Bonbons. Bei den Besuchen der Schriftstellerin leert sich der Vorratsbehälter unmerklich. Güdel lacht. Was sind ein paar Sugus im Vergleich zu den Sternen! Er, ein bescheidener Mann, hat Anteil am Erfolg des grössten Weltraumteleskops: Manuel Güdel hat das James-Webb-Space-Teleskop mitentwickelt. Dass Jenny seine Arbeit in ihrem Roman der breiten Öffentlichkeit näherbringt, freut ihn. «In vielen Köpfen spukt herum, dass wir die ganze Zeit vor dem Teleskop sitzen und Sterne gucken. Dabei sind wir Astronomen mehr Schreibtischforscher.»

Von René Haenig am 1. Oktober 2022 - 17:56 Uhr