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  4. Nicole Glaus: «Ich überlege mir zweimal, ob ich im Zug ­privat telefoniere»

SRF-«Meteo»-Frau Nicole Glaus

«Beim Klimaschutz geht mir vieles zu langsam»

SRF-Meteorologin Nicole Glaus liebt es, draussen in der Kälte die Wettervorhersage zu moderieren. Vor der Zukunft hingegen graut es der Klimawissenschafterin.

Gruen Cover Nicole Glaus

SRF-Moderatorin Nicole Glaus ­findet es noch etwas ungewohnt, angesprochen zu werden.

ZVG

Mehrmals in der Woche steht Nicole Glaus auf dem wohl berühmtesten Dach der Schweiz. Wenn sie dort oben für SRF-Meteo die Wettervorhersage moderiert, schauen ihr über eine halbe Million Menschen zu. Seit einem Jahr arbeitet die Zugerin für eine der beliebtesten ­Livesendungen der Schweiz – an ihre plötzliche Bekanntheit musste sie sich noch gewöhnen. Und auch daran, dass sie die Worte für ihre Prognosen gezielt auswählt.

Doch die Nervosität der ersten Auftritte hat sich gelegt, die 30-Jährige ist definitiv im Zürcher Leutschenbach angekommen. Hier treffen wir sie auch zum Interview. Vor den Fenstern der Cafeteria dominiert grauer Beton, der Himmel ist mit Nebel verhangen, und die Strassen schimmern nass.

Aufgewachsen ist Nicole Glaus in Zug.

Aufgewachsen ist Nicole Glaus in Zug. Ihre Eltern ­gaben ihr die Liebe zu den Bergen ­weiter. Heute zeigt ihnen die Tochter, wie man besonders ökologisch einkauft.

Joan Minder
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GRUEN: Nicole Glaus, draussen sieht es gar nicht gut aus. Wurden Sie heute schon gefragt, ob sich das Wetter übers Wochenende bessert? 
Ausnahmsweise nicht. Sonst sind meine Freunde da sehr zuverlässig. Vor allem jetzt im Winter, wo wir oft zusammen in den Bergen unterwegs sind und das Wetter eine wichtige Rolle spielt. 

Werden Sie auch von Leuten auf der Strasse angesprochen? 
Ja, das kommt ab und zu vor und ist immer noch etwas ungewohnt, obwohl ich jetzt schon ein Jahr lang die «Meteo»-Sendung moderiere.

Verhalten Sie sich anders, seit Sie in der Öffentlichkeit stehen? 
Nein, generell nicht. Es sind eher kleine Dinge: zum Beispiel, dass ich jetzt ­zweimal überlege, ob ich im Zug ein ­privates Telefon mache oder nicht. Bis jetzt hatte ich zum Glück nur schöne Begegnungen. Viele sagen: «Ah, Sie sind ja die Wetterfee!»

«Beim Klimaschutz geht mir vieles zu langsam. ­Globale Ziele sollten ­viel schneller umgesetzt werden.»

Mögen Sie diese Bezeichnung? 
Es ist ein bisschen zweischneidig. Einerseits verstehe ich, warum mich die Leute so nennen. Der Begriff ist historisch ­verwurzelt und wurde über Generationen verwendet. Andererseits sehe ich mich eher als Wetterfrosch.

Wie meinen Sie das? 
Neben dem Moderieren auf dem Dach erstelle ich auch Wetterprognosen, Karten und Diagramme. Das muss ich den Leuten häufig erklären.

Haben Sie es als Frau in dieser Position schwerer als Ihre männlichen Kollegen? 
Es kommt sicher häufiger die Frage, ob ich wirklich etwas vom Wetter verstehe. Wenn ich dann sage, dass ich Klimawissenschaften studiert habe, ist die Sache klar.

Nicole Glaus ­pendelt von ihrem Wohnort Bern  mit dem Zug nach ­Zürich ins Fernsehstudio.

Nicole Glaus ­pendelt von ihrem Wohnort Bern mit dem Zug nach ­Zürich ins Fernsehstudio. Ein Auto besitzt sie nicht, viel lieber ist sie zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs.

Joan Minder

Warum haben Sie sich für dieses Studium entschieden? 
Weil ich nach dem Bachelor in Geografie das Gefühl hatte, dass das Klima ein ­aktuelles Thema ist und bewegt. Die ­physikalischen Vorgänge und auch die Auswirkungen auf die Gesellschaft haben mich schon immer fasziniert.

Was hat Sie während des Studiums besonders beschäftigt? 
Ich habe mich auf Klimarekonstruktionen fokussiert. Also darauf, wie das Wetter in der Vergangenheit verlaufen ist. Es ist erstaunlich: Aus einem Seesediment, das man in den Händen halten kann, erkennt man, wie das Klima vor tausend Jahren ausgesehen hat. Man kann zum Beispiel ablesen, wie häufig es in einer Region zu Hochwasser kam. 

«Einerseits möchte ich in der Natur sein, andererseits will ich das beste Sport-Equipment nutzen – ein ständiger Konflikt.»

Demnach haben Sie sich intensiv mit dem Klimawandel auseinandergesetzt?
Ja, und das Thema ist wahnsinnig komplex. Ich habe natürlich sehr viel gelernt. Was hingegen bis heute geblieben ist: die Machtlosigkeit, die ich diesem Problem gegenüber immer wieder verspüre.

Wie meinen Sie das? 
Vieles geht mir einfach zu langsam. ­Globale Ziele sollten viel schneller ­umgesetzt werden. Das Thema wird wahnsinnig politisiert, obwohl es eigentlich hauptsächlich um Wissenschaft geht. Das finde ich problematisch. 

Dass jeder mitredet?
Genau. Wenn Teilchenphysiker neue Ergebnisse präsentieren, kommen auch nicht sofort zehn Politiker und stellen alles infrage. Bei der Klimaerwärmung geht es um einen aktuellen Wissensstand. Man kann ungefähr abschätzen, was in einer gewissen Zeitspanne passieren wird. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es, die Folgen rückgängig zu machen. Sind die Gletscher einmal geschmolzen, gibt es kein Zurück.

Nicole Glaus
Joan Minder
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Nicole Glaus
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Nicole Glaus
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Macht Ihnen das Angst? 
Ich sehe keinen Grund, warum man nicht alarmiert sein soll. Angst verspüre ich vor allem in Bezug auf zukünftige Generationen. Da muss man sich gut über­legen, ob man Kinder bekommen möchte.

Haben Sie sich schon entschieden? 
Wegen des Klimawandels würde ich ­persönlich nicht auf Kinder verzichten. Schliesslich braucht es auch weiterhin gute Menschen, um die Natur zu schützen.

So wie Greta? Was halten Sie von der Aktivistin? 
Ich finde es wichtig, dass es Menschen gibt, die sich mit Vehemenz für den Umweltschutz einsetzen. Diese Uner­müdlichkeit und Kompromisslosigkeit, die Greta an den Tag legt, bewundere ich. Viele sagen, das sei zu extrem. Ich finde: Wenn man etwas erreichen möchte, muss man auch etwas Ausser­gewöhnliches wagen. Gerade die junge Generation braucht doch solche Vorbilder. Ein 60-jähriger Klimaforscher hat da einen schwierigen Stand.

Sie sagten, dass Sie oft in den Bergen unterwegs sind. Wo trifft man Sie an? 
Im Winter fast jedes Wochenende auf ­Skitouren oder beim Telemärklen auf der Piste. Am liebsten im Berner Oberland wie etwa in Mürren oder Grindelwald. Im Wallis gehört auch die Lauchernalp zu meinen Favoriten. 

Ihr Hobby braucht aber einiges an Material. 
Ja, und das sorgt bei mir und vielen ­Kollegen für einen ständigen inneren Konflikt. Einerseits möchte ich draussen in der Natur sein, und andererseits will ich dazu das beste Equipment nutzen. Ein Material­verschleiss und ein schlechtes Gewissen sind da vorprogrammiert. 

Was tun Sie dagegen? 
Ich wähle gewisse Punkte aus, die für mich machbar sind, und überlege immer, was ich noch verbessern könnte.

«Ich sehe keinen Grund, warum man nicht alarmiert sein soll. Da muss man ­sich gut überlegen, ob man Kinder bekommen möchte.»

Wie sieht das konkret aus?
Seit einigen Jahren achte ich zum Beispiel darauf, woher meine Kleider kommen. Dabei bevorzuge ich ökologisch und fair produzierte Stücke – das mache ich auch beim Sportmaterial.

Meiden Sie Verpackungen? 
Ja. Ich wähle immer jenes Produkt aus, das weniger verpackt ist. Gemüse kaufe ich oft vom Bauernhof. Exotische Produkte und Kaffee bestelle ich über Gebana, ein Unternehmen, das direkt Waren von Bauern bezieht und ohne Zwischenhändler arbeitet. Gerade habe ich dreizehn Kilo Orangen aus Griechenland erhalten. Von Zero Waste bin ich aber noch weit entfernt.

Wie verreisen Sie? 
Ich plane meine Ferien so, dass ich möglichst nicht fliegen muss. Nach Skandinavien nahm ich zum Beispiel den Nachtzug und die Fähre. Einmal angekommen, war ich mit dem Velo unterwegs.

Besitzen Sie ein Auto? 
Nein, ich pendle jeden Tag von der Stadt Bern, wo ich mit meinem Freund wohne, nach Zürich. Auch da gäbe es noch klima­freundlichere Varianten. Zum Beispiel direkt in Zürich zu wohnen. Ich bin mir das sehr bewusst.

Nicole Glaus

Stellt sie einmal eine falsche ­Wetterprognose, ärgert sich Nicole Glaus am nächsten Tag: «Hochnebel ist besonders ­heikel», sagt sie.

Joan Minder

Sie scheinen jeden Ihrer Schritte zu hinterfragen. Sind Sie eine Perfektionistin? 
Mir selber gegenüber sehr. Wenn ich das Gefühl habe, ich könnte noch mehr he­rausholen, versuche ich das. Oft denke ich im Nach­hi­nein auch, ich hätte etwas besser machen müssen.

Dann haben Sie Mühe, sich auf dem Bildschirm zu sehen?
Sagen wir es mal so: Ich habe mich daran gewöhnt. Was ich noch lernen muss, ist, manchmal das Foifi grad sein zu lassen. Das ist gerade bei Liveüber­tragungen wichtig.

Letzte obligate Frage: Welches Wetter mögen Sie am liebsten? 
Ganz klar, wenn es schneit. Ich liebe es, in den Bergen unterwegs zu sein, und auch während der «Meteo»-Sendung auf dem Dach sind Schnee­flocken nützlich, sie lenken so schön von meinen Ver­sprechern ab (lacht).

Von Lisa Merz am 24.02.2020
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