Reisen in Tofino

Kanadas Westküste zieht Surfer und Kreative an

Tofino an der Westküste Kanadas zieht Surfer und Kreative an. Auf Touren kann man Bären beobachten oder mehr über die Geschichte der indigenen Bevölkerung erfahren.

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Tofino, Vancouver Island

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Beliebt bei Surfern: der Chesterman Beach.

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Kaum hörbar, lautlos, wie es nur Menschen können, die dies schon lange machen, lässt Terrell Lamb das Paddel in den Pazifik ­gleiten. Gekonnt steuert er das Kanu durch das zerklüftete Küstengebiet des Clayoquot Sound vor Tofino. Es ist früh am Morgen. Das Meer liegt ruhig da. Auch das Wasser ist gerade erst am Erwachen.

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Lamb gehört zur indigenen Gruppe der ­Tla-o-qui-aht First Nations und arbeitet für Swell Education. Dieses kleine Unter­nehmen ist gänzlich in der Hand von First Nation People. So werden die Ureinwohner Kanadas genannt. Ihr Ziel ist es, den Tou­risten die Geschichte der indigenen Bevöl­kerung und deren Interaktion mit der Natur näherzubringen. Die Touren finden im traditionellen Fortbewegungsmittel der Tla-o-qui-aht First Nations statt: dem Kanu.

Während der Fahrt erzählt Lamb von seinen Vorfahren und der Suche nach seiner eigenen Identität. Die Situation der Urvölker in Kanada ist noch immer schwierig. Lamb wuchs in zwei Welten auf, wusste lange nicht, wohin er gehört: «Streifzüge durch die Natur und der Kampf meiner Vorfahren zum Schutz der hiesigen Wälder haben mich dazu gebracht, mich mehr mit meiner Geschichte auseinanderzusetzen.» Mittlerweile sieht er sich als Botschafter seines Stammes, obschon er lange gezögert hat, diesen Job anzunehmen: «Jeden Tag seine Geschichte zu erzählen, ist nicht einfach. Aber ich glaube, ich kann damit etwas zum Verständnis der indigenen Völker und der Umwelt beitragen.» 

«Hier gibt es noch unberührte Landschaft. Wo Bären und Wölfe zu Hause sind und nicht wir Menschen.» Terrell Lamb

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Terrell Lamb paddelt mit Besuchern im Kanu auf dem Pazifik und erzählt Geschichten seiner Vorfahren.

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Damit steht Lamb nicht alleine da. Als in den Achtzigerjahren Holzfirmen die Region grossflächig roden wollten, formierten sich Einheimische, Zugezogene, Indigene sowie Besucher in friedlichen Massenprotesten, um sich für die Rettung der jahr­hun­derte­alten Baumriesen einzusetzen. Der Konflikt ging als War of the Woods in die Geschichte Kanadas ein. 

Der einstige Fischerort, der heute um die 2000 ganzjährige Einwohner zählt, liegt entlegen an der kanadischen Westküste auf Vancouver Island. In Tofino landet niemand zufällig. Die Strasse, die einen in drei Stunden Autofahrt vom Hafen Nanaimo quer über die Insel führt, endet am Meer. Sackgasse wäre das falsche Wort. Vielmehr ist der Ort ein Anziehungspunkt für Menschen voller Ideen und Tatendrang. Ihr oberstes Gebot: so lokal und unabhängig wie möglich. Fast-Food-Ketten und Franchisegeber wie McDonald’s, Starbucks und Tim Hortons sind verboten. Eine Seltenheit in Ka­nada. Stattdessen entdeckt man bei einem Bummel durch den Ort lauter unabhängige Boutiquen, Läden und Kunstgalerien.

Es gibt Menschen, die kommen, um zu surfen – und dann für immer bleiben

So hat auch Laurie Boudreault aus Québec City ihren Weg hierhin gefunden. Ursprüng­lich kam sie wie so viele Besucher im Sommer zum Surfen nach Tofino. «Dann hat mir dieser Ort mein Herz genommen, und ich blieb.» In ihrem Concept-Store Merge, einer Mischung aus Surfshop, Secondhand- und Schmuckladen, verkauft sie vor allem handgemachte Waren von ­kanadischen Designern und Künstlern. Sie selbst ist Grafik- und Modedesignerin und arbeitet hinter der Verkaufstheke an ihrer Schmuckkollektion. Typisch für Tofino: Die Öffnungszeiten vari­ieren. Boudreault richtet sich nach den Wellen zum Surfen: «Bei den Kunden habe ich die Chance, dass sie am nächsten Tag wiederkommen. Bei den Wellen weiss man das nie so genau.»

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Wer Bären sehen will, ist bei Keith Phillips richtig.

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Keith Phillips will auf seinen Bären-Beobachtungs­touren die Tiere so wenig wie möglich stören.

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Die Natur ist allgegenwärtig, Bären und Wölfe nennen Tofino ihr Zuhause

Ein wenig ausserhalb gelegen, in einer ­alten, umgebauten Industriehalle, backen Cassidy McCaughan und Brendan Foell in der Bäckerei Summit Bread Company seit Mai 2018 ihre Brötchen. McCaughan stammt ursprünglich aus Winnipeg, zog für einen Job nach Tofino und lernte ihren ­späteren Freund und Geschäftspartner Foell kennen. Sie arbeiteten zwar beide in angesagten ­Restaurants, hatten aber Lust, etwas Eigenes zu eröffnen, wie McCaughan erklärt: «Tofino ist definitiv ein Ort, wo die Leute ihr Glück selbst in die Hand nehmen. Das inspiriert enorm.» So entschlossen sie sich ebenfalls, «ihr Ding durchzuziehen». Gearbeitet wird ausschliesslich mit Bio-Mehlen, -Samen und -Körnern. Ihr Aus­hängeschild: das Sauerteigbrot, das auch nach drei Tagen noch frisch schmeckt. Mittlerweile beschäftigen sie fünf Angestellte. «Die Community isst hier sehr bewusst. Wir wussten, dass wir eine Chance haben. Aber mit so einem Erfolg haben wir nicht gerechnet.» Im letzten Jahr wurden sie von der Stadt für das beste neue Geschäft in Tofino ausgezeichnet. 

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Laurie Boudreault kam nach Tofino, um zu surfen, ­verliebte sich in den Ort und eröffnete ihren Laden Merge. 

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Handgemachte lokale Seifenprodukte sind in fast allen Läden zu kaufen. 

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Im Industrieviertel von Tofino nutzen ­Jungunternehmer die ­alten Lagerhallen als Verkaufsfläche. 

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So auch Cassidy McCaughan und Brendan Foell mit ihrer Summit Bread Company.

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Hier steht man an den Wochenenden Schlange: der Foodtruck von Tacofino.

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Laut den Locals sind es die frischesten Tacos der ­kanadischen Westküste.

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Tofino hat für seine Grösse eine unge­wöhnlich hohe Dichte an Spitzenköchen und Res­taurants und hat nicht von ungefähr schon seit Jahren einen Ruf als Reiseziel für Foodies. Erfolgsgeschichten gibt es ­viele zu erzählen. Berühmtheit erlangten beispielsweise die orangefarbenen Trucks von Tacofino, die mit ihrem Konzept «Fast Slow Food» nicht nur Tofino, sondern die gesamte Westküste Kanadas eroberten und heute auch in Victoria und Vancouver ­präsent sind. Jeder Taco wird von Hand in der kleinen Küche des Trucks hergestellt. Den Fish-Taco mit fangfrischem Fisch, Kohl und selbst gemachter scharfer Sauce bestellt man gerne gleich ein zweites Mal. 

Eine Reise hierhin lohnt sich aber nicht nur aus kulinarischer Sicht. Auch die Natur hat viel zu bieten. Der Pacific Rim National Park, der kurz vor Tofino endet, ist ein Paradebeispiel dafür: Den dichten Regenwald, in welchem vor allem die bis zu hundert Meter hohen Sitka-Fichten herausstechen, kann man auf sorgfältig angelegten Wanderwegen erkunden. Sehr beliebt: der Rainforest Trail, der auf Schildern die Zyklen der Regenwälder erklärt. Die Strände sind vor allem bei Surfern beliebt, die sich im Neoprenanzug in die kühlen Wellen werfen. Sie eignen sich aber auch für Spaziergänge und Tierbeobachtungen. Beim Übergang des Long Beach in den Comber Beach lebt auf zwei vorgelagerten Inseln eine Seehundkolonie. Wenn sich in der Ferne graubraune Punkte auf den Felsen bewegen, schleunigst den Feldstecher rausnehmen! 

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Die Holzhütten des Ocean ­Village Resort stehen direkt am Pazifik. Jede Hütte hat einen eigenen Kompost für Küchenabfälle.

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Im März und im Oktober kann man hier ­zudem Grauwale beobachten, die entlang der Pazifikküste zwischen ihren Winter- und Sommerquartieren wechseln. In ruhigen Buchten leben sogar Orcas. Auch die Wälder bieten Lebensraum für Wildtiere wie Weiss­kopfseeadler, Schwarzbären und Wöl­fe. Warnschilder an den Wanderwegen erklären, wie man sich bei einem Zu­sam­men­treffen verhalten soll. Die Aussicht, unterwegs auf Wildtiere zu treffen, ist ­jedoch gering. Sie meiden die Menschen. 

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Auf dem Rainforest Trail im Pacific Rim National Park.

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Der dichte Regenwald kann auf ­sorgfältig angelegten Wanderwegen ­erkundet werden.

Wer trotzdem das Verlangen hat, Schwarzbären in freier Wildbahn zu sehen, ist bei Keith Phillips richtig. Der Kanadier, der schon als Junge seine Sommer in Tofino verbrachte, bietet mit seiner Firma West Coast Aquatic Safaris Bären- und Wal-­Beobachtungstouren an. Die Chance, Bären zu sichten, ist am frühen Morgen und am späten Abend während der Ebbe am grössten. Dann suchen die Tiere unter Steinen und im Schlamm nach proteinreichen Muscheln, Krebsen und Austern. Phillips hat sich schon während seiner Ausbildung ­Gedanken zu einem nachhaltigen Tourismus auf dem Meer gemacht. Als Guide für diverse Firmen sah er, wo andere Fehler machten, und wollte diese nicht wieder­holen. So liess er seine Schiffe nach seinen Vorstellungen bauen. Mit dem Resultat, dass die Motoren kaum mehr ein Geräusch im Wasser machen und der Spritverbrauch minimal ist. «Wenn ich den Touristen den Lebensraum der Bären zeige, wird vielen klar, wie wichtig es ist, diesen auch zu schützen.» 

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Der Totempfahl im Anchor Park ist ein Geschenk der Tla-o-qui-aht First ­Nations für Tofino. 

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The Factory ist Atelier, Laden und Galerie in ­einem. Hier verkaufen drei Künstler Leder­waren, Schmuck und ­Fotografien. 

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Zurück zu Terrell Lamb, der sich auch am Abend wieder bereit macht, aufs Meer hi­n­auszupaddeln. Er plant eine andere ­Route. Der Wind hat sich gedreht. Gewisse Küsten­abschnitte steuert er aber – unabhängig von den Bedingungen – bewusst nie an. «Hier gibt es noch Landschaften, die gänzlich ­unberührt sind. Wo Bären und Wölfe zu Hause sind und nicht der Mensch.» Lamb hofft, dass dies für immer so bleibt.

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ZVG

WHERE TO GO

 

Übernachten Ocean Village Resort Gemütliche Holzhütten am Meer mit eigener Küche. www.oceanvillageresort.com

Essen Tacofino Frische Tacos aus dem orange­farbenen Foodtruck. www.tacofino.com 

Shopping The Factory Drei Künstler, drei ­verschiedene Angebote: Schmuck, Lederwaren und Fotografie. www.thefactorytofino.com 

Merge Hier gibt es Keramik, Schmuck, Mode und vieles mehr. www.mergetofino.com 

UNTERNEHMEN West Coast Aquatic Safaris Mit Keith Phillips auf Bären- oder Wal-Beobach­tungstour. www.whalesafaris.com 

Swell Education Das Unternehmen wird von First Nation People geführt und bietet neben Kanutouren mit einem Guide auch Surfunterricht und Survival-Training in der Natur an. www.tofinopaddle.com

Von Manuela Enggist am 24.02.2020
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