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Für die Umwelt

Rapper Manillio führt einen Secondhand-Shop

Der Solothurner Rapper eröffnete einen Secondhand-Shop und krempelt jetzt seinen Alltag um – dem Planeten zuliebe.

Manillio
Mirjam Kluka

Nummer eins in den Schweizer Charts: check. Hunderttausende Klicks auf ­Youtube: check. Songs, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen: check. Seit fünfzehn Jahren reimt der Solothurner Rapper Manillio, 32, über sein Leben – immer Mundart, immer poetisch, nie abgedroschen. Ein Mix, der ganze Konzerthallen zum Wippen bringt. Zum ­Interview im Berner Café Sattler kommt Manillio, der eigentlich Manuel Liniger heisst, zu Fuss. Seine Wohnung und sein Secondhandshop, den er seit diesem Frühling mit Freunden im Länggass­quartier betreibt, sind nur ein paar Schritte entfernt. Er zieht die Kapuze ­seines ­Hoodies aus der Stirn, bestellt einen ­Kaffee, fährt sich mit der Hand übers Gesicht. «Sorry, ich bin ziemlich müde.»

GRUEN: Manillio, als freischaffender Musiker könnten Sie eigentlich ausschlafen. Warum treffen wir uns schon um neun Uhr morgens?

Weil ich versuche, früh aufzustehen. Es gefällt mir einfach besser, und ich bin zufriedener mit mir, wenn ich bis zum Mittag schon etwas geschafft habe. 

Das klingt nach Selbstdisziplin.

Ja, ich muss meinen Tag strukturieren, so gut es geht. Was die Kreativität angeht, bin ich manchmal eher streng mit mir selber. 

Hinter dem easy Rapper steckt also viel Arbeit?

Ja, ich bin ehrgeizig. Obwohl sich meine Motivation verändert hat. Als ich angefangen habe Rap zu machen, ging es extrem darum, mich zu beweisen. Ich wollte allen zeigen, dass ich was kann und vielleicht auch besser darin bin als viele andere.

Das haben Sie vor zehn Jahren geschafft und Ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben. Wie ging es weiter?

Ohne mein grosses Ziel war ich plötzlich orientierungslos. Ich musste mich fragen, was ich denn nun möchte.

Damals arbeiteten Sie noch als Polygraf. Wie ging das zusammen?

Schlecht, und mein Job war auch ein Grund, warum ich mit meinem zweiten Album «Irgendwo» nicht vom Fleck gekommen bin. Bei der Arbeit war ich mit dem Kopf immer bei der Musik, und in der Freizeit konnte ich mich nicht richtig darauf einlassen. Als ich einen Förderpreis vom Kanton Solothurn gewonnen habe, beschloss ich zu kündigen.

Rapper Manillio

Rapper Manillio lebt mit seiner Frau Vanessa Solis in der Stadt Bern. Bald wird der 32-Jährige zum ersten Mal Vater. 

Mirjam Kluka

War das der richtige Entscheid?

Ja. Ich wollte nie vierzig werden und mich fragen: Warum habe ich es nicht gewagt, voll auf die Musik zu setzen? Seither lebe ich von Album zu Album, von Projekt zu Projekt.

Gut, bis vierzig dauert es noch ein paar Jahre. Wie fühlt sich 32 für Sie an? 

Ich habe mehr Grundvertrauen und weiss, dass es immer weitergeht. Lustiger­weise habe ich auch das erste Mal das Gefühl, nicht mehr der Newcomer zu sein. Ich rutsche in eine andere Rolle. 

In welche?

Man fragt mich um Rat, hat Respekt vor mir. Ich habe extrem Freude, dass ich etwas weitergeben kann. Die Arbeit mit der jüngeren Generation hilft mir auch, auf dem Laufenden zu bleiben. Ich fühle mich nicht alt und finde, dass ich noch mithalten kann.

In Ihrem neuen Video «Vakuum» tragen Sie Goldzähne. Braucht es diese Rap-Klischees wirklich?

Keine Ahnung, ich habe einfach Spass daran (lacht). 

Aber Mode gehört zu Hip-Hop, oder?

Meine Frau macht sich immer lustig ­darüber, dass ich und meine Kollegen alle das Gleiche anhaben. Nein, im Ernst: Rap ist eine Kultur, und dazu gehört auch die Mode. 

Viele US-Rapper protzen mit Markenklamotten, muss das sein?

Nein, das finde ich gar nicht. Hip-Hop schliesst niemanden aus. Ich gestehe: Früher habe ich immer darauf geachtet, dass ich etwas Neues trage. Meine Ausrede war: Ich bin Performer, habe Konzerte und muss auf der Bühne etwas darstellen. 

Modisch gehen Sie nun neue Wege: Sie eröffneten im Frühling zusammen mit Ihrer Frau, Ihrem Musiker-Kollegen Greis, dessen Frau und einer Freundin den Secondhandshop The New New in Bern. Wie hat Sie das verändert?

Seit wir den Laden führen, habe ich ein komplett neues Bewusstsein, was Kleider und Konsum angeht. Seither trage ich eigentlich nur noch Sachen aus zweiter Hand. Auch zu Hause haben wir angefangen auszumisten.

Manillio

Seit diesem Frühling führt Manillio zusammen mit Freunden den Secondhandshop The New New Bern.

Mirjam Kluka

«Ich wollte ­nie vierzig werden und mich fragen: Warum habe ich es nicht gewagt, voll auf die Musik zu setzen?»

«Seit wir den Laden führen, habe ich ein komplett neues Bewusstsein, was Kleider und Konsum angeht.»

Aus welchem Grund?

Durch die Arbeit im Shop merkten wir, wie viel Zeug wir doch alle besitzen – ich schliesse mich da nicht aus. Manchmal kommen Leute mit Bergen von ­Klamotten in den Shop, die sie uns zum Verkauf anbieten. Vieles davon ist ungetragen. Nach einem ganzen Tag im Laden fahren mir die Unmengen an Kleidern ziemlich ein. Da sieht man ­bildlich, dass wir im Überfluss leben.

Hat der Laden Ihr Verhalten bezüglich Umweltschutz verändert?

Ja, es wäre geheuchelt, wenn ich sagen würde, dass ich vorher schon grün unterwegs war. Zwischen zwanzig und dreissig habe ich mir keine Gedanken ­darüber gemacht, wo ich was konsumiere. Heute kaufen wir zum Beispiel kein Fleisch mehr ein. 

Warum?

Meine Frau verzichtet schon länger auf Fleisch, ich versuche mitzuhalten, den Tieren und dem Planeten zuliebe. Wenn ich Fleisch esse, dann auswärts.

Was machen Sie und Ihre Frau sonst noch für die Umwelt?

Wir benutzen nur Naturpflegeprodukte. Beim Einkaufen vermeiden wir Plastikverpackungen, verwenden Gemüsenetze, bevorzugen Biolabels und schauen auf Saisonalität. Irgendwann habe ich ­verstanden, warum ich früher als Kind immer so lange warten musste, bis ich im Sommer endlich Erdbeeren essen durfte. 

Dann habe Sie aber schon als Kind ein paar Dinge in Sachen Nachhaltigkeit mitbekommen?

Ja, das stimmt. Meine beiden jüngeren Brüder und ich mussten zum Beispiel immer den Kompost rausbringen. An ­dieses Ämtli habe ich besonders ­lebhafte Erinnerungen (lacht). In die Ferien geflogen sind wir mit der Familie auch nicht, wir haben in Italien gezeltet.

Sie haben viele junge Fans. Lassen Sie Ihr neues Bewusstsein auch in Ihre Songs einfliessen?

Kürzlich wurde ich von Klimastreikenden angefragt, ob ich an ihrer Party ein Konzert geben könnte. Terminlich passte es nicht, aber ich versuche in Kontakt zu bleiben und zu schauen, wie ich sie sonst unterstützen kann. Politische Themensongs sind jedoch weniger mein Ding.

Warum?

Ich finde, dass in all meinen Songs eine gewisse Haltung mitschwingt und ich durch sie meine Werte transportiere. Dazu muss ich nicht einen Blocher-Rap machen. Solche Songs sind leider oft nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit. 

Wie lassen Sie sich inspirieren?

Musik ist etwas sehr Fragiles, und es gibt Momente, da passiert es einfach. Viel zu oft setzte ich mich hin und dachte: Ich muss jetzt. Aber es bringt nichts, wenn ich drei Stunden nur vor dem Compi sitze. Die besten Ideen kommen mir unterwegs.

Manillio

Manillio trägt ­eines seiner selbst besprayten Tourneeshirts.

Mirjam Kluka
Manillio
Mirjam Kluka

Fliessen die Ideen auch bei Spazier­gängen mit Ihrer Hündin Rodeo?

Manchmal. Aber wenn ich mit ihr in den Wald gehe, dann ist das eher wie Medi­tation. Beim Spazieren schaue ich nicht aufs Telefon, höre keine Musik und mache mir keine Notizen. Da schalte ich einfach ab. 

Wohin gehen Sie dafür am liebsten?

In den Bremgartenwald, er ist ganz in der Nähe von unserem Wohnort. Seit wir Ende letzten Jahres hierhergezogen sind, habe ich die Bedeutung von Nah­erholungsgebiet gecheckt. Man bekommt dort schon fast das Gefühl, man sei in den Bergen.

Könnten Sie sich denn auch vorstellen, auf dem Land zu wohnen?

Ja, ich bin immer wieder damit am Liebäugeln. Ich hätte gerne einen Garten und viel Platz. Aber im Moment bin ich noch zu sehr auf die öffentlichen Ver­kehrs­mittel und die guten Verbindungen angewiesen, dass das rein logistisch nicht funktionieren würde.

Sie haben kein Auto?

Nein, und ich habe auch erst kürzlich den Führerschein gemacht. Nicht, weil ich ein Auto kaufen möchte, sondern weil es für mich ein wenig zum Erwachsensein gehört. Am liebsten bin ich immer noch mit dem Velo oder dem Zug unterwegs.

Manillio

Beim Kulturzentrum ­Progr: Hier isst ­Manillio gerne zu Mittag. Auf­gewachsen ist er in Solo­thurn, seit drei Jahren lebt er nun in Bern.

Mirjam Kluka

«Ich liebäugle damit, aufs Land zu ziehen. Ich hätte gerne einen Garten und viel Platz.»

Von Lisa Merz am 12. August 2019