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Ornella Weideli

Bernerin auf Hai-Mission

Die Meeresbiologin Ornella Weideli hat sich dem Schutz von Haien verschrieben: «Den Leuten ökologische Zusammenhänge zu erklären, ist viel schwieriger, als Plastikröhrli zu verbannen.»

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Die letzten paar Jahre forschte Ornella Weideli ­immer wieder auf dem Saint-Joseph-Atoll in den Sey­chellen. Dort untersuchte sie zwei Hai­-Arten, die mitein­ander aufwachsen. Mo­mentan wohnt sie in ­Zürich und plant neue Projekte.

Flurina Rothenberger

Manchmal werden Träume wahr. Dann springen Wale aus dem türkisblauen Wasser, Schildkröten spielen im weissen Sand, und die Sonne verschwindet tiefrot am Horizont. Diese Szenerie malte Ornella Weideli als Mädchen immer und immer wieder. 

Heute arbeitet die Bernerin genau an solchen Orten. Plus ein bisschen Realität, zugegeben. Was auf den Kinderzeichnungen nicht zu sehen war: die ­Tausenden von Mücken und die rudimentäre Hütte ohne Strom, wo die Meeresbiologin für ihre Doktorarbeit auf der 1,7 Quadratkilometer grossen Insel D’Arros in den Seychellen lebte. «Meer und weisse Strände – ich kann mir noch heute keinen schöneren Ort auf der Welt vorstellen», sagt die 34-Jährige, die momentan in Zürich wohnt. Sie weiss, dass ihr Paradies bedroht ist und das marine Ökosystem ­leidet. «Mit meiner Arbeit will ich für dessen Schutz kämpfen. Daten alleine sind zwar inte­ressant, nützen der Natur aber nicht viel. Wir Wissenschafter haben eine Verpflichtung.» 

«Haie lösen Emotionen aus. Oft fragen die Leute, ob ich Angst habe»

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Ornella Weideli an ­ihrem Arbeitsort auf den Seychellen: Manchmal wartet sie stundenlang, bis sich ein junger Zitronenhai nähert.

Ryan Daly / SOSF

Ornella Weideli erforscht Junghaie. «Erzähle ich das, folgt prompt eine Reaktion. Haie lösen Emotionen aus. Das ist etwas anderes, als wenn ich sagen würde, dass ich Schnecken untersuche», sagt sie und lacht. Es gibt mehr als 450 Hai-Arten, über die meisten ist bisher wenig bekannt. Für ihre Doktor­arbeit wollte Ornella Weideli auf den Seychellen heraus­finden, wie Schwarz­spitzen-Riff­haie und Zitronenhaie im klei­nen Saint-Joseph-Atoll miteinander aufwachsen können. Sie untersuchte unter anderem, wann die Tiere geboren werden, wie schnell sie wachsen, was sie fressen und in welchem Umkreis sie sich bewegen. ­Alles Fakten, die noch wenig erforscht sind. Dafür watet Ornella Weideli mit ihrem Team Tag für Tag im kniehohen Wasser, Körper und Gesicht mit UV-abweisenden Materialien bedeckt, und wartet, bis sie ein Jungtier fangen und untersuchen können. 

«Im Atlantik stimmen die Routen der Fischerei-­flotten und die der Haie zu 80 Prozent überein – das ist gravierend.»

«Oft fragen mich die Leute, ob ich keine Angst habe. Dabei ­interessieren sich Haie eigentlich gar nicht für Menschen», erzählt sie. Was die meisten nicht wissen: Jährlich sterben mehr Personen durch einen Bienenstich als durch einen Hai-Angriff. Menschen hingegen fangen Haie gezielt. Das führt dazu, dass über 30 Prozent der Haie und Rochen vom Aussterben bedroht sind. 

Das grösste Problem ist die ­Fischerei. Jährlich sterben dadurch zwischen 63 bis 273 Millionen Haie. «Und das ist nur die offizielle Zahl. Denn die ­illegale Fischerei ist ein Riesen-­Business», sagt Ornella Weideli. Die High Seas, Gewässerzonen, welche keiner staatlichen Überwachung unterliegen, werden auch als Wilder Westen der Ozeane bezeichnet. Sie bedecken die Hälfte der Erdoberfläche und waren lange der letzte Rückzugsort für viele Meeresbewohner. 

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Dem Schwarzspitzen-Riffhai entnimmt sie im Wasser eine Blutprobe.

Clare Daly / SOSF
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Die Tiere werden vermessen, gewogen und gechippt, die Daten akribisch aufgezeichnet.

Clare Daly / SOSF
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Clare Daly / SOSF

Heute werden Haie auch wegen ihrer lukrativen Flossen gejagt. Vor allem in Asien gelten diese als Delikatesse oder werden für Heilmittel und Kosmetika verwendet. «Beim Shark-Finning schneiden sie dem Hai die Flossen bei lebendigem Leib ab», erklärt Ornella Weideli. «Klar, ob es den Weissen Hai noch gibt oder nicht, stört uns hier in der Schweiz nicht direkt. Aber wir haben jetzt beim Corona-Ausbruch gesehen, was es heissen kann, wenn wir Wildtiere verdrängen, sie ihres natürlichen Lebensraums berauben und ihnen zu nahe kommen. Das Gleichgewicht gerät längerfristig ins Wanken.» 

Neu sind 30 Prozent der Gewässer der Seychellen geschützte Zonen

Neben der Fischerei bekommen Haie auch die globale Erwärmung zu spüren. Ist das Wasser nur ein paar Grad wärmer, sind sie weniger stress­tolerant. Weichen sie in kühlere Gewässer aus, hat das Aus­wir­kungen auf andere Meeresbewohner oder ganze Öko­sys­te­me. «Den Leuten diesen Zusammenhang zu erklären, ist viel schwieriger, als ein paar Plastikröhrli zu ­verbannen», sagt Ornella Weideli. Die Verschmutzung durch Mikroplastik sei im Vergleich zur Fischerei und der Erder­wärmung ein viel kleineres Problem. 

Einen Sieg hat Ornella Weideli bereits errungen: Seit diesem Frühling sind 30 Prozent der Gewässer der Seychellen geschützte Zonen. «Jetzt müssen wir sicherstellen, dass diese Zonen auch kontrolliert und ­patrouilliert werden, damit diese neue Regelung ihren Zweck erfüllt. Zudem sollten wir ge­ne­rell mehr über die lokalen Hai-Populationen erfahren.» Denn solche Schutzzonen bringen nicht viel, wenn man nicht weiss, wie oft sich die Tiere überhaupt darin aufhalten. «Am besten wäre es, wenn Haie in allen Gewässern geschützt wären und nicht nur in einzelnen Zonen. Im Atlan-tik zum Beispiel stimmen die Routen der Fischereiflotten und die der Haie zu 80 Prozent überein. Diese Überlappung ist gravierend und bedroht die Hai-Bestände drastisch.»

Ornella Weideli ist Vegetarie-rin aus Überzeugung. Missionieren liegt ihr trotzdem nicht. Viel lieber klärt sie die Leute über Haie auf. Dass diese schon seit über 400 Millionen Jahren auf der Welt existieren, ­sieben Sinne haben und ihr Skelett nur aus Knorpeln
besteht. Dann vergisst sie für ­einen Moment den schier aussichtslosen Kampf für die Haie und gerät ins Schwärmen – wie damals, als sie Bild um Bild mit Walen, tropischen Sandstränden und Son­nen­un­ter­gängen malte.

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Der Türlersee in Zürich ist ­Ornella Weideli zu kalt für ein Bad. «Ich bin ein extremer Gfrörli.»

Flurina Rothenberger
Von Lisa Merz am 14.08.2020
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