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ein Wochenende im Lauterbrunnental

Im Bann der Berge

Im Berner Oberland ruht, zwischen steilen Felswänden eingebettet, das Hintere Lauterbrunnental. Auf der Alp Obersteinberg wartet ein richtiges Bijou. Entdecken kann man es nur zu Fuss. Ständiger Begleiter auf der Wanderung im Naturschutzgebiet: das Tosen der Wasserfälle.

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Im Berghotel Obersteinberg gibt es Kerzen statt Strom. Der Familienbetrieb wird in der vierten Generation geführt.

Flurina Rothenberger

Wir wurden ja vorgewarnt. «Was? Ihr wollt auf die Alp Obersteinberg? Das ist aber schön anstrengend!» So richtig ­glauben tun wir das erst, als uns Schritt 
für Schritt der Schweiss von der Stirn tropft. Der Gedanke an die Belohnung, die rund 780 Meter ­höher auf uns wartet, lässt die Füsse allerdings etwas leichter werden: eine Nacht im Berg­hotel Obersteinberg, wo nur Kerzen die Zimmer ­erleuchten und die Bergspitzen zum Greifen nah scheinen. 

«Ich plange jeden Frühling darauf, dass ich wieder auf die Alp kann.» Käser Hans-Christian von Allmen, auch Hänsel genannt

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Hans-Christian von Allmen produziert täglich zwei Käse auf der Alp Obersteinberg.

Flurina Rothenberger

Dass unsere Wanderung steil wird, war klar. Das Lauterbrunnental bettet sich ­zwischen imposante Felswände: Rechts thronen Eiger, Mönch und Jungfrau, links das Schilthorn. Unsere zweitägige Tour beginnt am Bahnhof Lauterbrunnen, im Berner Oberland. Wo normalerweise Touristen und Adventurer aus aller Welt durch die Strassen strömen, nimmt es das Dörfchen in Zeiten des Coronavirus gemächlich. Die ersten Cafés stuhlen raus, ein­zelne Wandergrüppchen stapfen tiffig an einem vorbei. 

Per Postauto gehts in sieben Minuten zum ersten Highlight, den Trümmelbachfällen. Durch einen Lift im Felsen gelangen die Besucher auf einem Rundweg zu verschiedenen Plattformen. Es schäumt, zischt, don­nert – so laut, dass wir unsere Begeisterung nur per Handzeichen teilen können. 

Kaum verlässt man die Fälle, kehrt wieder Ruhe ein. An der Haltestelle des Postautos stehen lediglich ein paar verschlafene Cam­per. Ab der Endstation Stechelberg beginnt das Hintere Lauterbrunnental, und ab hier heisst es auch: laufen, laufen, laufen. Zwei­einhalb Stunden dauert der Aufstieg bis ins Berghotel Obersteinberg.

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Das Lauterbrunnental zählt 72 Wasser­fälle. Der Schmadribachfall ist einer der ­imposantesten. 

Flurina Rothenberger
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In den Trümmelbachfällen schiessen bis zu 20 000 Liter Wasser pro Sekunde durch die Felsen.

Flurina Rothenberger
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Manuela von Allmen führt das Berghotel Obersteinberg. Ihr Sohn Julian hilft schon seit seiner Kindheit im Betrieb mit.

Flurina Rothenberger
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Katzenwäsche de luxe – auf der Alp Obersteinberg tun es auch eine Schüssel und ein Krug.

Flurina Rothenberger

Kurz nach Trachsellauenen führt der Weg durch einen dichten Bergwald bis zur Alp Schürboden. Dort kommt uns Daniel Grossmann entgegen. Um seinen Hals ­baumelt ein Feldstecher, und die Aufnäher am grünen Hemd verraten, dass er als Pro-Natura-Ranger unterwegs ist. Während des Sommers schaut er zwei Tage pro Woche, dass Besucher die Regeln einhalten. «Wer diesen Weg auf sich nimmt, der weiss auch meistens, dass das Hintere Lauterbrunnental ein Naturschutzgebiet im Besitz von Pro Natura ist. Blumenpflücken, Campieren und Feuermachen sind verboten, Hunde gehören an die Leine», sagt er. Vor seinem Holzhüttchen liegt Infomaterial ­bereit. Wer es genauer wissen möchte, nimmt an einer der vielen Exkursionen teil, die Pro Natura Bern im Tal durchführt. 

Daniel Grossmann ist Forstingenieur und verbringt den zweiten Sommer hier oben. Seine Nachbarn sind Bauern und stellen eigenen Alpkäse her. «Die Bewirtschaftung in einem Schutzgebiet ist eine Heraus­for­de­rung. Es braucht ein Verständnis zwischen Nutzen und Schützen», sagt er. «Wenn die Bewirtschaftung nach den Zielen des Arten- und Lebensraumschutzes erfolgt, profitieren beide Seiten.»

Auf dem weiteren Weg nach oben zückt der Ranger immer wieder den Feldstecher. «Hier, ein Apollo.» Dank seinem Hinweis sehen auch wir den Schmetterling. Kommen uns Wanderer entgegen, hält der Ranger auf einen Schwatz und fragt, welche Blumen schon gesichtet wurden. Im Schutzgebiet wachsen Trouvaillen wie Kreuzenzian und Türkenbundlilie. 

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Pro-Natura-Ranger Daniel Grossmann schaut im Naturschutzgebiet zum Rechten.

Flurina Rothenberger
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Ein Apollo macht es sich auf einer Skabiosen-Flocken­blume gemütlich.

Flurina Rothenberger

Auf einer Bank mit Ausblick auf den Schmadribach machen wir Rast. «Das Berghotel ist gleich da oben», sagt Daniel Grossmann und zeigt auf die steilste Abzweigung. Wir ahnen Anstrengendes. Und tatsächlich geht es nochmals richtig in die Beine. Bis man plötzlich am Ziel steht, glücklich und verschwitzt. Von un­se­rem Doppelzimmer aus bestaunen wir die Jungfrau und das Breithorn. Das Bad ist auf der Etage, dafür stehen antike Waschbecken und Krüge bereit. Punkt ­sieben Uhr klingelt eine Glocke – das Abendessen ist serviert. Es gibt Griesssuppe, Rindsvoressen mit Randensalat und Kartoffelstock – alles selbst gekocht von Gast­geberin Manuela von Allmen. «Die Küche ist mein Reich hier auf der Alp. Sieben Tage die Woche», sagt sie und rührt weiter in den grossen Töpfen. «Entweder will man das oder nicht.» So einfach ist das! 

Bei Kerzenschein – Strom gibts im «Obersteinberg» keinen – beobachten wir wie die letzten Wolkenschwaden des Tages vor ­unserem Fenster dahinziehen und wähnen uns in einem Himmelsschiff.

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eden Sonntagabend beginnt in Gimmelwald das grosse Backen. Tags darauf verkaufen die Marktfrauen ihre selbst gemachten Produkte in Mürren. 

Flurina Rothenberger
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Bei Herbal Things in Mürren gibt es Stoffdrucke mit einheimischen Pflanzenmotiven. 

Flurina Rothenberger

Am nächsten Morgen geht es nach einem Frühstück mit hausgemachtem Alpkäse zurück nach Stechelberg. Wer weiter nach Gimmelwald will, nimmt die Schilthornbahn. Oben angekommen, staunen wir ob all der Schilder. «Laundry Service», «Mountain Hostel» und «Adventure Ge­nerator» steht da. «Ja, wir Gimmelwalder sind in Amerika berühmt», sagt Doris von Allmen. Seit der bekannte US-Reisejournalist Rick Steves vom «himmlischsten Platz auf Erden» schwärmte, scheint es, als wollen die ganzen USA das kleine Dorf besuchen. Doris von Allmen lebt seit fünfzehn Jahren hier. Am Anfang sei sie als Zürcherin schon etwas angeeckt, sagt sie. Heute gehört sie zu den Marktfrauen Gimmelwald. Zu­sam­men mit zwei Freun­dinnen verkauft sie Würste, Alpkäse, Konfi und Brot, alles selbst gemacht. Zum Glück finden wir dafür noch ein Plätzchen im Rucksack und reisen vollbepackt weiter. 

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Das 100-jährige Hotel Regina wird Schritt für Schritt originalgetreu renoviert.

Flurina Rothenberger
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 Die Tächi-Tarte ist eine Eigenkreation der «Regina»-Eigentümer.

Flurina Rothenberger
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Im Hotel Regina in Mürren wird sogar das Trinkwasser zum Augenschmaus. 

Flurina Rothenberger

Mürren ist autofrei und Durchgangsort für Touristen, die aufs Schilthorn (wo 1968 der James-Bond-Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» gedreht wurde) möchten. Mitten in der ehemaligen Walsersiedlung steht das 100-jährige Hotel Regina. 2014 wurde es von Stammgästen gekauft und so renoviert, dass es seinen ursprünglichen Charme bewahrt. Zweimal im Jahr treffen sich die Besitzer für ein Bauwochenende. Dann streichen sie Zimmer, nähen Vor­hänge und schleifen Böden. Nach einem feinen Zmittag im Hotelrestaurant gehts mit der Bahn auf die Grütschalp. 

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Annette Weber und Fred Bodmer ­eröffneten kürzlich die Galerie Lauterbrunnen. 

Flurina Rothenberger

«Unsere erste ­Ausstellung in Lauterbrunnen widmeten wir der Frage, wie Wasser schmeckt, und luden zur Gletscher-­Degustation.» Annette und Fred

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In ihrem Airtime Café servieren sie (vegane) Sandwiches, Brownies sowie einen Erbsli-Salat-­Bananen-Smoothie. 

Flurina Rothenberger
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Eines schöner als das andere: In Lauterbrunnen werden die Häuser rausgeputzt. 

Flurina Rothenberger

Wandern und Ski fahren

«Ich bin in Wengen aufgewachsen und komme fast wöchentlich von meinem jetzigen Wohnort Unterseen hierher und geniesse die Ruhe. So inmitten von Bergen fühle ich mich einfach wohl. Am liebsten wandere ich von Wengen aus auf den Männlichen, das ist zwar etwas stotzig, aber machbar. Danach gehts weiter auf die Scheidegg und wieder zurück nach Wengen. Im Winter fahre ich Ski und nehme jeweils die erste Gondel auf den Männlichen. Ein Highlight ist natürlich die Lauberhorn-Abfahrt. Das Restaurant Allmend ist mein liebster Ort für eine kleine Pause. Hier trank ich schon als Bub meine Schoggi mélange.» Ryan Regez, 27, Skicross-Profi

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Thomas Buchwalder
Von Lisa Merz am 14.08.2020
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