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Interview mit Zoodirektor Severin Dressen

«Tiere leben nie über ihre Verhältnisse»

Der Zoo Zürich muss noch besser in der Vermittlung von Naturschutz werden, findet Direktor Severin Dressen. Die hohen Besucherzahlen bieten ein riesiges Potenzial dafür.

GRUEN 03/21 Severin Dressen im Zoo Zürich

Im Juli 2020 startete Severin Dressen, 33, als neuer Direktor des Zoo Zürich. Er ist in Aachen (D) aufgewachsen, hat einen Doktor in Biologie und war vorher am Zoo Wuppertal.

Roland Tännler

GRUEN: Severin Dressen, im Zoo lässt sich wunderbar die Widersprüchlichkeit des Menschen beobachten: Erst bewundert er die Tiere, liest vielleicht etwas über die Abholzung des Regenwalds – und bestellt kurz später im Restaurant ein Steak. Wie gehen Sie damit um?
Ein solches Verhalten ist halt zutiefst menschlich – ich fliege zum Beispiel auch in die Ferien, kompensiere zwar den Flug, aber trotzdem. Auf der individuellen Ebene müssen wir mit diesen Widersprüchen klarkommen. Umso wichtiger ist es, dass wir versuchen, als Zoo eine Vorbildfunktion einzunehmen. In unseren Restaurants sind darum fünfzig Prozent der Gerichte vegetarisch oder vegan, dazu haben wir nur Fleisch aus der Schweiz.

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Sie haben im letzten Jahr die Chicken-Nuggets abgeschafft und verkaufen nur noch eine vegetarische Alternative. Wie nehmen das die Kinder auf?
Gut! Reagiert haben vor allem die Medien. In der Geschäftsleitung haben wir im Vorfeld einen Blindtest gemacht mit sieben verschiedenen Nuggets: mit Poulet, Erbsenproteinen, Soja, Weizen, die ganze Bandbreite. Keiner von uns konnte alle richtig zuordnen. Die geschmacklichen Unterschiede sind so minim.

Sind Ihre Gäste sensibler geworden, was das Thema Essen betrifft?
Vereinzelt. Natürlich nehmen einige wahr, dass wir zum Beispiel nur noch palmölfreie Glaces anbieten. Schaut man auf die Verkaufszahlen, machen die fleischlosen Gerichte jedoch bloss zwölf bis fünfzehn Prozent aus. Wirtschaftlich gesehen lohnt sich das noch nicht.

GRUEN 03/21 Severin Dressen im Zoo Zürich

Praktisch mit Severin Dressens Einstand öffnete die Lewa Savanne. Sie bildet eine Landschaft in Kenia ab, mit Nashörnern, Giraffen, Zebras und kleineren Arten. 

Roland Tännler

Sie haben ja noch andere Fleischfresser im Zoo. Nach welchen Leitlinien füttern Sie die Tiere?
Grundsätzlich kaufen wir auch das Tierfutter in der Schweiz. Es gibt Ausnahmen. Die Robben und die Pinguine brauchen Salzwasserfisch physiologisch. Der Fisch aus dem Meer hat ein MSC-Siegel, und die Mengen sind überschaubar.

Gibt es auf unserem Planeten noch andere Arten ausser uns, die ihren Lebensraum radikal schädigen?
Die spannende und deprimierende Antwort ist: nein. Wir sind die einzige Spezies, die ganzheitlich dabei ist, unsere Lebensgrundlage zu zerstören. Natürlich gibt es gewisse Tierarten wie die Wanderheuschrecke, die so viel frisst, dass keine Nahrung mehr übrig bleibt. Aber das passiert nur lokal und nie auf einer globalen Skala.

Was können wir bezüglich Umweltschutz von Tieren lernen?
Ein Löwe würde zum Beispiel nie ein Gnu töten, einen Bissen nehmen und den Rest liegen lassen. Tiere leben nicht über ihre Verhältnisse. Natürlich sind das keine freiwilligen Verhaltensweisen, sondern passieren instinktiv. Aber der Effekt auf die Umwelt ist am Ende gleich.

Haben Sie gewisse Dinge von Tieren gelernt?
Man muss aufpassen, dass man tierisches Verhalten nicht vermenschlicht. Das ist eine grosse Gefahr, besonders bei Haustieren, aber auch bei uns im Zoo. Aus wissenschaftlicher Sicht müsste ich darum mit Nein antworten. Aber natürlich könnte ich mir einiges von den Tieren abschauen und manchmal mehr zur Ruhe kommen wie ein Löwe, der zwanzig Stunden am Tag schläft.

GRUEN 03/21 Severin Dressen im Zoo Zürich

«Die Entfremdung von der Natur führt zur Vermenschlichung der Tiere und zum Trugschluss, sie hätten die gleichen Werte wie wir», sagt Severin Dressen.  

Roland Tännler

Der Leitspruch des Zoos Zürichs, der von Ihrem Vorgänger stammt, lautet: «Wer Tiere kennt, wird Tiere schützen.» Ist das nicht eine zu simple Logik?
Nein, ich bin fest davon überzeugt – und das zeigen auch Studien –, dass beim Menschen alles, was wir kennen, mehr Sympathien hervorruft als das, was wir nicht kennen: Die Solidarität im eigenen Dorf ist grösser als die im eigenen Land. Doch wir können im Zoo noch besser in der Kommunikation werden. Die Besucher müssen nicht mehr unbedingt lernen, wie viele Tonnen ein Elefant wiegt. Wenn sie das mitnehmen, gut – aber wir wollen vor allem vermitteln, was jeder im Alltag dazu beitragen kann, um die Natur zu schützen.

Für viele Besucherinnen und Besucher ist ein Zoobesuch aber primär Unterhaltung – und kein Bildungsausflug.
Absolut! Und das ist unser riesengrosses Potenzial. Wenn wir nur ein reines Bildungszentrum wären, hätten wir ähnliche Besucherzahlen wie ein klassisches Museum. Erreichen wir neunzig Prozent der Zoogäste mit unserer Botschaft, dann reden wir bei uns pro Jahr von über einer Million Menschen.

Das Artensterben wird neben dem Klimawandel als die grösste Bedrohung der Welt bezeichnet. Wieso schadet es dem Menschen, wenn Arten aussterben?
Die grösste Bedrohung liegt darin, dass wir in den allermeisten Fällen die Zusammenhänge nicht verstehen. Wenn Schlüsselarten – Tiere, Pflanzen, Pilze – wegfallen, können komplette Ökosysteme kollabieren, und wir haben keine Ahnung, wo der Schlüssel liegt. Darum ist für mich Forschung so extrem wichtig, auch im Zoo.

Viele der bedrohten Tierarten sind nicht so präsentabel wie ein Nashorn. Wie weckt man da die Sympathien?
Natürlich bekommt ein Elefant grössere Aufmerksamkeit als ein kleiner brauner Frosch. Doch wenn ich das Habitat des Afrikanischen Elefanten schütze, schütze ich gleichzeitig jenes von Tausenden kleineren Arten. Bezüglich Präsentation haben wir im Zoo tolle Möglichkeiten: Im Masoala Regenwald hat es Enten, die hoch bedroht sind wie leider fast alles auf Madagaskar. Wenn Sie diese Enten draussen sehen, würden Sie denken, das ist eine weibliche Stockente. Im beeindruckenden Setting des Regenwalds sind die Leute aber absolut begeistert vom Tier. 

Von Barbara Halter am 17.08.2021
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