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Lisa Mazzone

«Ich bin eine Exotin»

Sie ist jung, grün und aus der Romandie – Lisa Mazzone fällt im Ständerat auf. «Umweltthemen werden in der Politik an den Rand gedrängt. Das will ich ändern!»

Lisa Mazzoni

Der Botanische Garten Bern ist nur zehn Minuten vom Bundeshaus entfernt. Findet Lisa Mazzone Zeit, tankt die 32-Jährige hier Energie. 

Fabian Hugo

Wäre es nicht genau so passiert, hätte man die Szene inszenieren müssen: Lisa Mazzone sitzt im Botanischen Garten Bern an einem Tischchen und ist bereit für die erste Frage. Da läuft eine junge Mutter mit Kinderwagen vorbei. Über das Dach eine blaue Fahne gespannt. «Vaterschaftsurlaub jetzt!» prangt da in grossen Buchstaben. Lisa Mazzone lacht die Frau an und sagt mit welschem Akzent: «Ja, es ist Zeit!» Seit einem Jahr setzt sie sich im Ständerat für eine bessere Umweltpolitik und mehr Gleichberechtigung ein. Die 32-Jährige repräsentiert in der kleinen Kammer eine Minderheit.

GRUEN: Lisa Mazzone, das Jahr 2019 war für Sie ein Wendepunkt. Sie wurden in den Ständerat gewählt und sind Mutter geworden. Wie sieht Ihre Bilanz nach knapp einem Jahr aus?
Politisch enttäuscht, aber persönlich gut. Vor allem wenn ich auf meinen Start im Stände­rat zurückblicke: Dieser war ziemlich herausfordernd.

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Warum?
Es wurde zum Beispiel er­wartet, dass sich die Neuen während der ersten Session aus Anstand zurückhalten. Das war für mich unvorstellbar. Es hätte bedeutet, dass die Grünen in dieser Session gar nicht zum Sprechen gekommen wären.

Was haben Sie gemacht?
Ich habe mich entschieden, trotzdem meine Meinung zu sagen. Aber es mit den Gruppenchefs im Voraus abzusprechen. 

Wie haben die Kollegen im Ständerat reagiert?
Sie haben es akzeptiert. Wir sind 12 Frauen und 34 Männer. Wenn da eine Frau spricht, dann fällt das sowieso gleich auf.

Das ist doch gut! 
Nicht nur. Man wird genau beobachtet, und das manchmal kritischer. 

Politisieren Frauen anders als Männer?
Ich habe schon den Eindruck, dass es tendenziell bei den Frauen weniger um Macht geht. Im Ständerat sind wir in einem Raum, wo es oft darum geht, wer am imposantesten auftritt. 

Haben Sie sich angepasst?
Ich bin da etwas gespalten: Natürlich möchte ich auch wahrgenommen werden, aber lieber auf eine andere Weise.

Gelingt Ihnen das? 
Wir sind im Ständerat am ­richtigen Ort, um vermehrt Gespräche zu führen, anstatt Standpunkte zu äussern.
Und ich konnte schon Mehrheiten finden. Nach einem Jahr im Amt bin ich ange­kommen. Auch wenn ich in dieser konservativen Gruppe weiterhin eine Exotin bin.

Wie meinen Sie das? 
Ich bin eine Frau, jung, grün und dann noch eine Romande (lacht). Also ziemlich in der Minderheit im Ständerat. Aber es kann nicht sein, dass Themen wie Umweltschutz und Gleichberechtigung an den Rand geschoben werden, das ist nicht mehr ­zeitgemäss. Der Ständerat muss sich öffnen.

Waren Sie enttäuscht, als der Ständerat die Trink­wasser­initiative und das Pestizid­verbot im Sommer ablehnte?
Ja. Obwohl ich wusste, dass sie im Ständerat keine Chancen haben werden. Trotzdem ist es wichtig, dass ich meinen Standpunkt dazu vertreten kann. Denn in der Politik geht es auch um die Frage: Wer entscheidet, was wichtig ist? Es gibt die Tendenz, dass ein paar wenige die Agenda bestimmen.

Wo wir wieder bei den ­Minderheiten wären. 
Genau. Ich repräsentiere auch den Kanton Genf, ­welcher in der letzten Legis­latur als einziger Kanton alle drei Volks­initiativen der Grünen angenommen hat. 

Zurück zur Agrarpolitik: Was muss in der Schweizer Landwirtschaft passieren, damit die Umwelt besser geschützt werden kann?
Es braucht klar ein Umdenken. Die Pestizide sind ein ­riesiges Problem. Die Quantität ist zwar gesunken, die Toxizität hingegen nicht. In den Gewässern
findet man Dutzende giftiger Sub­stanzen. Das möchten wir nicht. Nicht für unsere Gesundheit und nicht für unsere Umwelt.

Wollen Sie die Bauern be­strafen? 
Nein, im Gegenteil! Ich war immer dafür, dass die Landwirtschaft finanziell unter-stützt wird. Aber das Geld muss dafür eingesetzt werden, um die Natur zu schützen und die Biodiversität zu f­ördern.

«In der Politik geht es auch um die Frage: Wer entscheidet, was wichtig ist? Es gibt die Tendenz, dass ein paar wenige die Agenda bestimmen.»

Ihre Partei will mit dem ­Klimaplan ab 2040 klima­positiv sein. Etwas unrea­listisch, oder?
Wenn uns vor zwanzig ­Jahren jemand gesagt hätte, dass wir die Kernkraftwerke abstellen oder es eine Ehe für alle geben wird, hätte uns niemand geglaubt. Ja, auch deshalb glauben wir daran! Zwei Fakto­ren spielen eine entscheidende Rolle: einerseits die Techno­logiefrage – dort braucht es Investitionen und Beschlüsse. Andererseits ist da die Habitus­frage: Wie kann man durch die Organisation der Gesellschaft die Umwelt stärken und damit mehr Gerechtigkeit schaffen?

Und?
Das CO2-Gesetz ist zum Beispiel ein wichtiger erster Schritt in diese Richtung.

Kritik kommt diesbezüglich ausgerechnet von der Klima­streikbewegung. Sie sagt, es sei zu wenig, nur das Fliegen, Tanken und Heizen teurer zu machen.
Es stimmt, dass es zu wenig ist, und es ist die Rolle der Jugend, das zu sagen. Aber für mich als Politikerin und Teil einer Institution sehe ich, dass es mit der Annahme des CO2-Gesetzes nur Fortschritte geben würde. Darauf können wir dann aufbauen.

Das Jahr 2020 ist vom neuen Coronavirus geprägt. Haben Sie Angst, dass der Kampf gegen den Klima­wandel in den Hintergrund gedrängt wird?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil. Der Lockdown hat uns Fragen gestellt: Was ist wichtig? Er hat uns gezeigt, dass wir Menschen und unser Planet verletzlich sind. Der Wert der Nähe wurde dadurch gesteigert, und viele haben sich die Frage gestellt, ob das nicht auch für die Wirtschaft gilt.

Ihr Vater war für die Grünen in Versoix im Gemeinderat. Wollten Sie schon immer in die Politik?
Meine Familie hat mich sicher geprägt. Als ich als junge Frau merkte, dass die Welt in eine falsche Richtung geht, musste ich mich engagieren, damit es besser wird.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Wir waren keine durchschnittliche bürgerliche ­Familie. Meine Mutter startete mit ihrem Medizin­studium, als ich sechs Jahre alt war. Mein Vater hat Teilzeit gearbeitet. Wir hatten ­keinen Fernseher, dafür Solarzellen auf dem Dach und ­fuhren mit dem Velo. Ins ­Flugzeug stiegen wir nie. Ich bin in ­meinem ganzen Leben erst fünfmal geflogen und verspüre auch nicht das Bedürfnis, in die Ferne zu reisen. 

Wo haben Sie Ihre letzten Ferien verbracht?
In Schaffhausen (lacht). Mein Partner ist dort auf­gewachsen, und ich mag den Rhein. Sonst fahren wir gerne nach Italien.

Mit dem Auto?
Nein, wir haben keines. Wir sind immer mit dem Velo unterwegs. Unser Sohn liebt es. Leider hat es noch immer zu wenig Velowege und zu viele Autos, besonders in Genf.

Sie engagieren sich neben Ihrem Amt im Ständerat bei Helvetas. Warum?
Jeder sollte sich fragen: Welche Konsequenz hat unser Leben für andere Völker? Für die Schweiz war die Globa­li­sierung sehr rentabel. Das war aber nur auf Kosten anderer Menschen und der Umwelt möglich. Das finde ich einfach ungerecht. Wir wären doch alle glücklicher, wenn wir in Harmonie leben könnten.

Lisa Mazzoni

Seit etwas mehr als einem Jahr ist Lisa Mazzone Mutter. Die Kinderbetreuung teilt sie mit ihrem Partner. 

Fabian Hugo

«Mein Vater war meistens zu Hause. Wir hatten keinen Fernseher, dafür Solarzellen auf dem Dach.»

Von Lisa Merz am 16.10.2020
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