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Sport 1/2020

«Federer konnte fast alles besser»

Er hat aus seinem kleinen Neffen die Weltnummer 1 im Tennis gemacht. Dabei ist es Toni Nadal als Trainer auch um die Formung von Rafael Nadals Charakter gegangen. Für seinen Schützling hat er in vielerlei Hinsicht Mass genommen an Roger Federer.

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Getty Images

Toni Nadal, Ihr Neffe und Schützling Rafa Nadal war ganze 19 Jahre alt, als er 2005 sein erstes Grand-Slam-Turnier gewann. Sie müssen vor Stolz fast geplatzt sein.  
Nach dem gewonnenen Final gegen Mariano Puerta hinterliess ich ihm im Hotel einen Brief. Darin stand, was er während des Turniers alles falsch gemacht hatte. 

Das ist brutal. 
An der Gegenwart mussten wir nicht mehr arbeiten, die war bereits angerichtet. Man muss immer an die Zukunft denken. Ich habe Rafael damals auch die Namen aller spanischer Spieler aufgezählt, die in ihrer Karriere nur -einen Grand Slam gewonnen hatten, und ihn gefragt, ob er einer von jenen sein oder mehr erreichen möchte. 

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Sie haben Ihren Neffen als Trainer von klein auf bis 2017 begleitet. Kann man ein Kind zum Star formen? 
Viele Trainer glauben es, aber es stimmt nicht. Das Kind muss ein Champion sein wollen, das steht an erster Stelle. Und es muss lernen wollen. Im Leben zählt nur, was man lernt. Man kann fast alles lernen. Aber noch wichtiger ist, dass man alles verbessern kann. Dafür braucht es manchmal schmerzhafte Erkenntnisse. Vor einem der ersten Spiele Rafaels gegen Roger Federer, dem Endspiel in Monte Carlo 2006, zählte ich meinem Neffen auf, was Federer alles besser kann. Und das war so ziemlich alles. Rafa reagierte etwas sauer.  

Wenig erstaunlich, wenn Sie Ihren eigenen Spieler demotivieren. 
Aber es hätte nichts gebracht, ihm etwas vorzumachen. Denn spätestens auf dem Platz begegnet er der Realität. Besser, wenn er sie vorher kennt. Dann denkt man darüber nach, wie man eben doch gewinnen kann. 

Hat er das geschafft? 
Ja, weil sein Wille und Einsatz überragend waren und er jeden Punkt so gespielt hat, als wäre es der letzte. Er gewann in vier Sätzen.  

Arbeiten Sie mit dieser Philosophie auch in der Rafael Nadal Acadamy auf Mallorca, wo Talente trainieren und lernen?
Wir wissen, dass es nur ganz Wenige an die Spitze schaffen werden. Wir stellen in der Academy deshalb hohe schulische Anforderungen. Wer sie nicht erfüllt, darf nicht an Turnieren teilnehmen. Zentral ist, dass wir den Charakter formen. Man muss im Leben und im Sport grosse Widrigkeiten akzeptieren, aushalten und überwinden können. Denn Glück und Zufall helfen nur sehr selten.  

Wie haben Sie Rafas Charakter geformt?
Mir war klar, dass das, was Rafael sich vorgenommen hatte, sehr schwer werden würde. Also mussten wir uns auf die Schwierigkeiten vorbereiten. Das geht nur, indem man den Spieler abhärtet.  

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Zielorientiert: Antonio «Toni» Nadal, 59, vergangenen August am Rand einer Trainingseinheit in der Tennis Academy von Neffe Rafael in Manacor auf Mallorca.

Dirk Schmidt

«Ich liess Rafa mit schlechten Bällen auf schlechten Plätzen trainieren. So lernte er, durchzuhalten»

Sie haben ihm das Leben schwer gemacht? 
Ja. Ich habe ihn oft mit schlechten Bällen auf schlechten Plätzen trainieren lassen. Ich verlängerte die 90-minütigen Trainings immer und immer wieder – kommentarlos. Damit er lernt, durchzuhalten. Wir haben oft ein Spiel auf 20 Punkte gemacht. Meist liess ich Rafael bis zum Matchball führen, um dann doch noch zu gewinnen.  

Sie sollen aus Rafa, der ja Rechtshänder ist, sogar einen Linkshänder gemacht haben! 
Das Ganze ist eine Legende, die sich hartnäckig hält. Es wäre ja schön, wenn ich so viel Weitsicht besessen hätte! In Tat und Wahrheit hat Rafael, bis er etwa zehn Jahre alt war, Vor- und Rückhand beidhändig gespielt. Als wir begannen, die Vorhand einhändig zu spielen, tat er das mit links. So hat sich das ergeben. Erstaunlich ist es dennoch. Denn ansonsten ist er ein ausgesprochener Rechtshänder.  

Ihr Neffe wird allgemein als sehr anständig und bescheiden beschrieben. 
Der Charakter nützt dir nichts, wenn du die Bälle nicht triffst. Rafa hat einen tollen Drive, eine sehr gute Rückhand und kann wie kein anderer aus schwierigen Positionen den Ball platzieren. Doch wir haben auch stets an seinem Auftreten gearbeitet. Mit einem schlechten Benehmen kriegt man Probleme. Auf dem Tennisplatz und im Leben. Deshalb hätte ich nie toleriert, dass Rafael einen Schläger schmeisst. Es geht nicht um Bescheidenheit, sondern um Normalität. Rafa weiss, dass er ein hervorragender Tennisspieler ist. Aber nur das. Und er weiss, dass er sich deswegen nicht besonders fühlen muss. Bei Federer ist das nicht anders. Rafael war immer klug genug, um sich von den Erwachsenen mit Lebenserfahrung im richtigen Moment führen zu lassen. Deshalb sind ihm Ruhm oder Geld nie zu Kopf gestiegen.  

Stimmt es, dass Rafa als kleiner Junge Sie für einen Zauberer hielt? 
Ja, das war lustig. Ich erzählte ihm, dass ich sechs Mal die Tour de France gewonnen hätte, mit dem Motorrad! Wenn wir Aufzeichnungen von Fussballspielen schauten, tat ich so, als wäre es live, und sagte jeweils das Geschehen voraus. Oder ich erzählte ihm, ich sei unsichtbar. Zuvor hatte ich allen gesagt, sie sollten so tun, als wäre ich nicht da. Er hat lange geglaubt, ich sei ein Phänomen.  

Sogar regnen konnten Sie es lassen. 
Auch eine herrliche Episode (lacht). Wir fuhren an ein Turnier, an dem alles ältere Jungs spielten. Also sagte ich ihm, ich würde es regnen lassen, wenn er arg am Verlieren wäre. Und tatsächlich fing es während seines Spiels an zu regnen. Aber er führte und versicherte mir, er habe alles im Griff und ich könne jetzt den Regen wieder stoppen. 

In der Regel ist ja der Spieler der Chef, nicht der Trainer. Bei Ihnen war es umgekehrt. 
Ich war der Chef, bis er 16 oder 17 Jahre alt war. Ich kann als Erwachsener ja nicht abhängig von einem kleinen Jungen sein. Danach war er es, der die Richtung vorgab. Was ich nie gemacht habe, ist, ihm recht zu geben, nur weil er der Chef ist. 

Wer zahlt, befiehlt. 
Er hat mich nie bezahlt, keinen Cent.  

Wie bitte?  
Wenn ich abhängig von seinem Lohn gewesen wäre, dann hätte ich Dinge akzeptieren müssen, die ich nicht gewollt hätte. Ich habe mir Eigenständigkeit und Redefreiheit quasi erkauft, indem ich kein Geld genommen habe.  

Wie haben Sie sich und Ihre Familie denn finanziert?  
Rafaels Vater und ich haben von unserem Vater ein Unternehmen geerbt. Er hat sich um dieses Unternehmen und um die weiteren Familien-Geschäfte gekümmert, ich mich ums Tennis. Etwa so war die Aufteilung.  

Sie führen in diesem Gespräch oft Federer als gutes Beispiel an. Sie schauen ihm gern zu, oder? 
Sehr sogar. Weil seine Ästhetik toll und seine Technik fast perfekt ist. Er hat ja das Glück, dass er von Grund auf alles sehr gut kann und macht. Früher habe ich ihm sogar noch lieber zugeschaut als heute. Wie Rafael hat auch er sein Spiel umgestellt, um mehr schlagen zu können und weniger rennen zu müssen.  

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Rafa Nadal Anfang des Jahrtausends als Teenager mit Onkel Toni 

Handout

Federer hat 20 Grand-Slam-Titel gewonnen, Nadal 19 und Djokovic 17. Früher haben diese grossen drei das Thema Grand-Slam-Rekord immer gemieden. Jetzt scheint die Schlacht voll entbrannt.  
Federer hatte so viel Vorsprung, da war eine Diskussion überflüssig. Doch jetzt sind die drei so nahe beieinander, dass alle extra motiviert sind. Denn einer von ihnen wird derjenige sein, der mit den meisten Titeln in die Geschichte eingeht. 

Ist es das, was die drei deutlich jenseits der 30 antreibt, weiterzuspielen?  
Das glaube ich nicht. Die Motivation ist vor allem, an der Spitze spielen und grosse Turniere gewinnen zu können. Federer gewann fast fünf Jahre lang keinen Grand Slam. Doch er machte weiter. Weil er, denke ich, daran glaubte, dass er immer noch grosse Turniere gewinnen kann. Was aber stimmt: Grosse Sportler möchten in die Geschichte eingehen. Michael Jordan, Usain Bolt, Michael Phelps, alle wollten etwas hinterlassen, das ihre Karriere überdauert. 

Und wer wird am Ende das Rennen machen, Federer, Nadal oder Djokovic?  
Mit einem Sieg vergangene Saison in Wimbledon hätte Federer sechs Titel Vorsprung auf Djokovic gehabt. Das wäre schon sehr viel gewesen. Aber Stand jetzt ist alles möglich.  

Rafa hat die letzten Duelle gegen Federer, ausser auf Sand, teilweise klar verloren.
Hat er als Angstgegner von Federer ausgedient? 

Federer hat ein sehr effektives System gegen Rafael gefunden, das im Moment gut funktioniert. Ich sagte Rafael schon früher immer, dass sich Federer meiner Meinung nach mit seiner Spielweise irrt. Ich war immer der Meinung, dass Federer viel aggressiver beim Return sein und mit viel mehr Tempo spielen müsste. Aber er liess Rafael spielen, und das sollte man vermeiden.  

Und was tut er jetzt?  
Ab 2017 hat er Return und Rückhand umgestellt. Früher blockte er den Aufschlag oft, jetzt schlägt er mit Tempo zurück. Er schlägt auch die Rückhand viel schneller, spielt mit viel Antizipation. Das wirkt. 

Auch Rafa Nadal hat sein Spiel im Lauf der Jahre angepasst. 
Aus Notwendigkeit. Ab 2016 fingen wir an umzustellen, weil Rafael ganz einfach nicht mehr so rennt wie früher. Also muss er besser aufschlagen, entschiedener die Schläge ausführen und so die Punkte verkürzen. Er schliesst die Ballwechsel auch viel öfter am Netz ab. Sein Volley war schon immer gut, weil er von klein auf viel Doppel gespielt hat.  

Zudem hat Rafa seinen Aufschlag markant verbessert, oder? 
Sein Aufschlag ist nicht grossartig, aber ziemlich gut. Ich wollte immer, dass er seinen Aufschlag verbessert. Aber Rafael sträubte sich stets dagegen. Und weil es nicht mein Stil ist, etwas aufzuzwingen, habe ich ihn machen lassen. Da hätte ich härter sein sollen. Nun hat er es in den letzten Jahren selber machen müssen.  

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Legenden: Djokovic, Nadal und Federer (v. l.) werden 2013 in New York für ihre Verdienste um das Welterbe des Tennissports geehrt.

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«Roger, Rafa und Nole sind nicht einfach begabter. Sie wissen, wie man sich durchbeisst»

Was hat Djokovic verändert?  
Bei ihm gibt es keine Notwendigkeit, das Spiel massiv anzupassen. Denn er rennt immer noch gleich wie früher, ist immer noch extrem schnell und sehr flexibel.  

An den Grand-Slam-Turnieren und in der Weltrangliste dominieren immer die gleichen drei. Was fehlt den Jungen? 
Den meisten Jungen passiert das, was der Gesellschaft passiert. Es fehlt das totale Engagement. Es fehlt die Bereitschaft, Opfer zu bringen. Thiem oder Medwedew würde ich von dieser Kritik mal ausnehmen.  

Also sind Federer, Nadal und Djokovic nicht einfach begabter. 
Nein, die Jungen haben ein anderes Problem. Nole Djokovic, Rafa und Roger gewinnen auch an einem schlechten Tag. Sie wissen, dass sie sich durchbeissen müssen, und tun es. Die Jungen spielen an ihren guten Tagen sehr gut. Doch an ihren schlechten Tagen verlieren sie. Sie haben die Fähigkeit nicht, die Dinge zu drehen und zu erzwingen.  

Was halten Sie von Bad Boy Nik Kyrgios? Es gab zwischen Ihnen ja etwas Reibung.  
Er ist ein grossartiger Spieler, der ein paar neue Elemente ins Spiel gebracht hat. Sein Aufschlag von unten ist gewagt, aber er macht es sehr gut. Ich anerkenne, dass er gut fürs Spektakel ist. Sogar, dass er ein Wahnsinnsspieler werden könnte. Aber mir persönlich gefallen andere Spieler besser.  

Wenn wir 30, 20 und 10 Jahre zurückschauen, hat sich das Tennis stark verändert. Hat es sich auch verbessert?  
Es könnte besser sein. Fast alle Sportarten haben irgendwann Änderungen beschlossen, um ihren Sport attraktiver zu machen. So wie die Rückpass-Regel im Fussball oder der Drei-Punkte-Wurf im Basketball. Im Tennis ist immer noch alles genau gleich wie eh und je.  

Was würden Sie verändern?  
Ich würde beispielsweise die Bälle weicher machen, damit das Spiel wieder mehr im Zentrum steht. Ich schaue Federer sehr gern zu. Aber nicht, wenn er draufhaut und der Punkt gleich fertig ist. Man könnte auch die Schläger kürzer machen, damit man nicht mehr so hart schlagen kann. Es gibt viele Möglichkeiten. An erster Stelle steht der Wille zur Veränderung, und der fehlt. Auch, weil die jetzigen Spitzenspieler natürlich kein Interesse an solchen Änderungen haben. 

Von Alejandro Velert am 21.02.2020
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