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Kimi Raikkönen vor Karriereende

Der Letzte seiner Art in der Formel 1

Er ist der Letzte seiner Art in der Formel 1. Etwas verrückt, ziemlich unangepasst und sauschnell. Kimi Räikkönen dürfte zum Karriereende bei Alfa Romeo Racing die Fans wieder so verzücken, wie er es schon zu Beginn tat, als der Rennstall noch Sauber hiess.

Kimi Raikkoenen

Der Formel-1-Star ist durch die Familie gereift. Im Boliden ist er zum Karriereende hungrig wie eh und je.

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Die dicke rote Skibrille hat er verkehrt herum aufgesetzt, der glänzende blaue Anzug aber passt tadellos. Kimi Räikkönen wagt den Absprung, liegt mit durchgestreckten Beinen und angewinkelten Armen perfekt in der Luft. Tatsächlich, er kann fliegen. Er landet weich. Allerdings nicht in einem Skisprungstadion, sondern auf dicken rot-blau karierten Sofakissen. Alles nur ein grosser Spass in einer finnischen Skihütte. Der Anzug immerhin ist echt, er gehörte Matti Nykänen, dem tragischen Sporthelden der nordischen Nation. Der Skispringer war lange vor seinem frühen Tod in diesem Februar am Boden. Räikkönen hat, bei allen kolportierten Eskapaden, nur selten die Bodenhaftung verloren, und das auch nicht für lange. In dieser Formel-1-Saison setzt er zu seinem dritten Frühling in der Königsklasse an, zurück in Hinwil, wo vor 18 Jahren alles begonnen hatte. 

Peter Sauber ist seine grosse Entdeckung schnell wieder los, doch Räikkönens Träume erfüllen sich bei McLaren-Mercedes nicht. Kimi ist gut genug, das Auto nicht. Im ersten Jahr mit Ferrari, 2007, wischt er seinem diktatorischen Ex-Teamchef Ron Dennis eins aus, in dem er im Finale als krasser Aussenseiter an Lewis Hamilton und Fernando Alonso vorbei zum WM-Sieg zieht. Als bisher letzter Ferrari-Fahrer, dem das gelingt. Das erklärt auch, warum sie ihm im letzten September in Maranello nicht den bei Personalwechseln üblichen Einzeiler widmen, sondern eine Eloge. Vorausgegangen ist die Verpflichtung von Charles Leclerc, der bei Sauber zur Ausbildung geparkt war. Der 21 Jahre alte Monegasse soll die Zukunft der Scuderia sein. Räikkönen, der vor dem Grossen Preis von Italien von seiner Ausmusterung erfahren hat, sitzt direkt nach dem Wochenende zu Verhandlungen mit dem Sauber-Rennstall am Tisch. Von wegen altes Eisen! Reaktionsschnell auch neben der Piste. Ein Telefonat mit Beat Zehnder, dem Teammanager, den er noch von 2001 kennt, reicht. Zwei Treffen mit dem Hinwiler Chef Frédéric Vasseur folgen, dann ist der spektakuläre Deal dingfest. Was für ein Tauschgeschäft! 

Kimi mit Soehnchen Robin

Familiäre Ruhe statt beruflicher Lärm: Kimi mit Söhnchen Robin 2017 an einem gefrorenen See auf der Halbinsel Porkkala.

Niko Mitrunen für ELLE Finnland

es braucht einen moment, bis Michael Schumacher seine Fassung wieder findet. Der Rekordweltmeister a. D. ist in diesen ersten Januartagen 2007 ins Ferrari-Skicamp nach Madonna di Campiglio eingeladen, um ein paar lustige Tage mit seinem Ex-Team zu verbringen und seinen Nachfolger Kimi Räikkönen kennenzulernen. Für die Formel-1-Stars ist eine kleine Empore in einem Dolomitenhotel abgesperrt. Sie können es kaum erwarten, bis das offizielle Essen vorbei ist und sie zum Privatprogramm übergehen können. Schumacher, der ganz gut Bacardi-Cola verträgt, guckt Räikkönen bei der flüssigen Saisonvorbereitung zu, seine Augen werden immer grösser: Er lernt an diesem Abend, dass man eine Flasche Wodka ganz allein in einer guten Stunde trinken und trotzdem kerzengerade auf der Ideallinie aus dem Saal marschieren kann.  

Eine Episode, die in seine Biografie «Der Unbekannte» passen würde, wo im harmlos klingenden Kapitel «All das passiert» auf 14 Seiten Eskapaden komprimiert sind. Die lustigste ist jene nach dem ersten Nacht-Grand-Prix in Singapur. Räikkönen kriecht am Flughafen seinem Gepäck in den Scanner hinterher. Begründung: er wolle mal ein Foto von seinen Knochen haben. An anderer Stelle erzählt sein Manager davon, dass ein spontaner Alkotest 2,1 Promille ergibt. Selten hat ein Top-Sportler so offen erzählt. Und ausgerechnet der grosse Schweiger, der Stumme hinter dem Lenkrad. Da sei doch nichts dabei, hat er nach der Veröffentlichung gesagt, «ich habe das alles ja durchlebt.» Dazu gehört eine Strip-einlage in London, ein bühnenreifer Sturz von einer Yacht, ein paar Gelage, die im Strassengraben (friedlich schlafend) enden. Nein, ausgelassen hat er nichts. 

Saisonstart Formel 1

Der Name des früheren Teamchefs Peter Sauber steht klein auch auf Kimis neuem Rennauto von Alfa Romeo Racing.

Keystone

«Kimi, wo im Rennen werden sie das Energierückgewinnungssystem ‹KERS› einsetzen?» «Auf der Piste»

Kimis Antwort auf eine Reporterfrage

jetzt, mit 39 Jahren, ist er mit dieser Phase nach eigenen Angaben durch: «Es hat meiner Karriere nicht geschadet, ich habe halt auch noch für die anderen getrunken. Heute bin ich nicht mehr hinter Alkohol her.» Daran dürften Gattin Minttu Virtanen, 32, und seine beiden Kinder Robin, 4, und Rianna, 2, ihren Anteil haben. In Baar ZG ist es der ehemaligen Stewardess, die er im Mittsommer vor sechs Jahren nach seiner Trennung von der ehemaligen Miss Scandinavia Jenni Dahlman kennen- und lieben gelernt hat, gelungen, Räikkönen zu öffnen. Im Gegensatz zu seinem Kumpel Sebastian Vettel treibt sich der Finne seit vergangenem Jahr in den sozialen Medien herum, mit trockenem Humor und lustigen Kommentaren und Filmchen aus dem Alltag eines Formel-1-Stars. Öffentlich angeschickert war er zuletzt bei der Gala des Automobilweltverbandes in St. Petersburg im Dezember, wo er für seinen dritten Platz in der WM geehrt wurde. Wenn «Feier» in der Einladung steht, wird man ja wohl ein bisschen Party machen dürfen, oder? 

Das Publikum liebt ihn (einige Funktionäre ausgenommen) auch hier dafür, wie an den Rennstrecken überhaupt alle ihn lieben. Nicht nur die Urgesteine bei Sauber, die schon beim Karrierebeginn mit ihm um die Häuser zogen. Auch die Fans, insbesondere die japanischen. Im Fantasy-Game der Formel 1 ist er beliebter als Hamilton oder Vettel, und beim Spieleklassiker «Angry Birds» wurde ihm ein eigener Charakter zugeordnet – der «Iceman» mutierte zum Eisvogel. Echt cooler Typ, einer der letzten. Anpassen, so etwas macht er nur an den Rennwagen. 

Kimi mit Ehefrau Minttu Sohn Robin und Tochter Rianna

Idylle zu Hause: Mit Ehefrau Minttu, Sohn Robin und Tochter Rianna kann der Iceman abschalten.

Niko Mitrunen für ELLE Finnland

«Kimi, was kann man in Finnland so tun?» «Im Sommer angeln und bumsen. im Winter ist es schwierig mit dem angeln»

Kimis Antwort auf eine Reporterfrage

und noch immer ist er kaltschnäuzig hinter dem Lenkrad, weshalb er bei Alfa Racing alles andere als sein Gnadenbrot bekommt. Sein jüngster Sieg im vergangenen Oktober in Austin, dem ersten seit 2013, beweist das. Die Instinkte sind intakt, und die Abschiebung aus Maranello will gerächt sein. Beste Voraussetzungen für den Schweizer Formel-1-Rennstall, um den Weg nach oben weiterzugehen – mit einem Pilot, der ob seiner Erfahrung aus 293 Rennen der Massstab ist, wie es um den C 38 steht. Die Ingenieure schätzen Räikkönens Feedback, eben weil er auch bei der Arbeit ein «No-Bullshit-Typ» ist. 

Blass. Kühl. Starr. Die Augen von Kimi Räikkönen sind so, wie sich der Reporter einen finnischen See vorstellt. Das tiefe Blaugrau schützt die Rennfahrerseele. Interviews mit ihm sind schwierig, aber nicht unwitzig, selbst wenn vieles an der Oberfläche bleibt. Der Dreisatz «Ich weiss nicht. Ich bin nicht sicher. Ist mir egal» funktioniert besser als der italienische Fussballriegel Catenaccio. Es kann aber vieles auch am Nuscheln liegen, mit dem Kimi seine Meinung zu verschleiern versucht. Vielleicht sind es auch nur die Stimmbänder, die malträtiert sind, seit er sich beim Spielen als Kind einen Besen in den Hals gesteckt hat. Ausweichen, darin wird er immer Champion bleiben. Frage: «Warum Sauber?» Antwort: «Warum nicht?» Aha. 

Kimi Raikkonen of Finland and Ferrari celebrates

Am Ziel: Kimi feiert 2007 in Interlagos (Bra) den Rennsieg und seinen einzigen WM-Titel.

Getty Images

«Kimi, Hamilton sagt, der erste Sieg sei besser als Sex. ihre Meinung?» «Er hatte vielleicht noch nie Sex»

Kimis Antwort auf eine Reporterfrage

Die Formel 1 ohne Presse, das wäre für ihn ein Paradies: «Ich bin nur fürs Fahren hier. Am liebsten wäre es mir, wenn man unerkannt Formel 1 fahren könnte.» Was nicht funktionieren wird, in seiner neuen Rolle schon gar nicht. Auf die Frage, ob er wie viele andere Fahrer ein besonderes Helm-Ritual pflege, antwortet er allen Ernstes: «Ich wische ihn ab, damit ich besser sehen kann.» Solchen Sätzen lässt er sein breites, schmallippiges Lächeln folgen. Man weiss selten, wie genau er was meint, ausser, wenn er Fragen nach dem Reifenverhalten so beantwortet: «Sie haben sich gedreht.» Das Problem, das machen solche Dialoge klar, sind dabei meist die Fragen. Und Räikkönen deckt das schonungslos auf. Das ist nicht mal besonders uncharmant. Zitat: «Wie ist es, vom fünften Platz zu starten?» – «Etwa wie vom fünften Platz.» Urkomisch, ausser man ist der, der das Fernsehmikrofon in der Hand hat. 

Selbst Bruder Rami, von dem er die Leidenschaft für alles Motorisierte abgeguckt hat, verzweifelt manchmal an dieser Art Autismus: «Man kann beobachten, wie er mitten in einem Gespräch plötzlich abschaltet. Man weiss nie, was er wirklich denkt.» Am Morgen nach Familienfeiern ist plötzlich das Gästebett leer, Kimi weg. Als Kind musste der Rennfahrer wegen seiner Hyperaktivität zum Psychologen. Der schickte ihn wieder weg, nachdem der Knirps für sich allein im Wartezimmer ein Puzzle gelöst hatte – eins für Erwachsene. Auch eine abgebrochene Mechanikerlehre sagt nichts über Intelligenz: «In meinem Kopf gibt es keine Fragezeichen.» Am besten und am liebsten drückt er sich eben mit den Füssen auf den Pedalen aus.

Kimi Raikkoenen

Kimi mit Ehefrau Minttu und Sohn Robin

Niko Mitrunen für ELLE Finnland

Es wirkt selten spektakulär, was er im Cockpit tut, aber es ist ungeheuer effizient. Er zählt immer noch zu den Männern mit der höchsten Grundschnelligkeit unter den 20 Grand-Prix-Piloten, sein Körper ist wie ein Seismograf, das Tempo zieht er aus seinem Gespür. Darauf konzentriert sich alles, mehr als Fahren will er gar nicht. Das Auto ist ein stummer Ort. Wenn Ingenieure ihn mit Tipps nerven, blafft er: «Lasst mich in Ruhe, ich weiss, was ich tue.» Heimlich, schnell und weise zum Geschwindigkeitsrausch. 

So schafft sich der stille Rebell weiterhin seine Ausnahmerolle in der disziplinierten Welt der Formel 1. Sein Freund Vettel, mit dem er zu gemeinsamen Nachwuchsfahrer-Tagen im steuergünstigen Zug aus Langweile Badminton spielt, spricht vom grösstmöglichen Respekt vor seinem Lieblingskollegen. 

Von wegen Null-Bock-Rennfahrer. Unter der Eisschicht brodelt ein enormer Ehrgeiz. Snowmobilrennen, neben Eishockey eine seiner wirklich grossen Leidenschaften, ist er unter dem Pseudonym James Hunt gefahren. Der Weltmeister von 1976 war der Lebemann der Formel 1, unter dem Rennanzug trug er gern ein T-Shirt mit der Aufschrift: «Sex ist das Frühstück der Champions.» Der Brite, der sich noch auf dem Siegerpodest eine Zigarette ansteckte, wurde nur 47. Räikkönen muss sich wie ein Wiedergeborener aus den Siebzigern vorkommen. Als einer, der sich nicht verbiegen lässt oder vom eigenen Talent korrumpieren. Aufschlussreich ist seine Selbstcharakterisierung aus einem Fragebogen: «Am ehesten entspricht mir der Wolf. Von aussen erscheint er still, vorsichtig und gelassen. Aber er hat auch die explosive, tödliche Seite.» 


übersetzt ins heute, bedeutet die Selbsteinschätzung: Kimi Räikkönen will noch einmal Beute machen, möglichst fette. Seinem Biografen Kari Hotakainen hat er verraten, dass ihn vor allem die Angst vor dem Misserfolg an- treibe. Das sind gute, sehr gute Nachrichten für die kommenden zwei Jahre in Hinwil. Denn schon früh hatte er beschlossen: «Ich höre nicht auf, wenn ich 40 bin, sondern wenn ich keine Lust mehr habe.» ∞

Von Elmar Brümmer am 29. März 2019