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Die Sprinterin erlebte Rassismus

Sarah Atcho: «Beim ersten Mal weinte ich»

Mit der Staffel läuft sie von Rekord zu Rekord, nun will sie auch im Einzel einschlagen. Die Waadtländer Sprinterin Sarah Atcho über die perfekte Distanz für ihre langen Beine, erlebten Rassismus im Sport und ein Jahr in den USA, das etwas anders ausfiel als geplant.

Sarah Atcho
Christoph Köstlin für SI SPORT

pünktlich auf die minute ist Sarah Atcho vor Ort. Die Waadtländerin kommt aus Cugy, oberhalb Lausanne, angereist, wo sie noch bei ihren Eltern wohnt. Mit rockigen Stiefeletten, engen Jeans und einem schwarzen Mantel wirkt sie noch grösser, als sie mit ihren 1 Meter 80 ohnehin ist. Mit raschen Schritten hastet sie ins Studio in Renens. Sie rennt die ganze Zeit, Sarah Atcho. Auf der Bahn eine Sprinterin, im Leben eine Marathonläuferin. Die 23-Jährige absolviert neben ihrer Karriere als Leichtathletin ein Studium in Kommunikation und Management. Eine Wahl hat sie nicht. «Ich werde in diesem Sport niemals reich. Also muss ich schon an mein Leben nach der Karriere denken», legt sie los. Also jongliert sie die Trainings, die Rennen, Reisen, Kurse und Prüfungen.

Ein Strahlen umgibt die Athletin mit dem grosszügigen Lachen. Eine Energie, die beinahe die Strenge ihres Alltags vergessen lässt, die Härte der Trainings, den Verzicht. «Ich habe das Glück, dass ich auf die Unterstützung des Verbandes und meines Freundes zählen kann. Er bewegt sich nicht in der Sportszene, hilft mir aber enorm.» Natürlich gehören die Olympischen Spiele in Tokio 2020 zu den grossen Zielen. Atcho fiel bisher vor allem als Mitglied der 4x100-Meter-Staffel auf, war Teil der Schweizer Rekorde und Siege in der Diamond League. Über 200 Meter war sie letztes Jahr die Nummer 10 der europäischen Bestenliste, hat bei der U23 auch schon Silber an der EM geholt. 

«Als ich zum ersten Mal in ein Stadion einlief, bekam ich Panik»

Sarah Atcho, was lieben Sie so am Sprint?
Das Gefühl, zu fliegen. Das ist einmalig. Im Sprint ist der Kontakt zum Boden sehr kurz. Das gibt einem gleichzeitig das Gefühl von Kraft und Leichtigkeit. Ich fühle mich sehr stark, wenn ich renne.

Wie sind Sie zur Leichtathletik gekommen?
In der Primarschule gab es jedes Jahr Wettkämpfe zwischen den Schulen. Mit 12 schlug ich alle Jungs. Meine Sportlehrerin ermutigte mich, einem Klub beizutreten. Zu dieser Zeit war ich allerdings sehr zart, ich fühlte mich nicht sehr wohl in meinem Körper. 

Und heute?
Am Strand oder im Schwimmbad spaziere ich nie im Bikini herum. Das mag ich nicht. Hingegen stört es mich nicht, mich im Sporttenue zu zeigen. Dort ist es nicht mein weiblicher Körper, den ich zur Schau stelle, sondern mein Athletinnenkörper. 

Wie lernten Sie, mit diesem Exponiertsein umzugehen?
Als ich zum ersten Mal in ein Stadion einlief, bekam ich Panik. Das war an der WM 2015, mit der Staffel. Ich bin viel zu früh gestartet, da ich so gestresst war. Heute sage ich mir, dass das Publikum nicht mich anschaut, sondern die Athleten allgemein. Ich mache mir viel weniger Druck.

Hat man auf einer so kurzen Distanz Zeit, an etwas zu denken?
Nein. Wenn ich 100 oder 200 Meter laufe, schaltet mein Hirn eine Pause ein. Es ist eine Art Sonderzustand, der schwierig zu beschreiben ist. Wenn ich etwas denke, dann, dass der Lauf nicht sehr gut ist. 

Wann wurde Ihnen bewusst, dass die 200 Meter Ihre Paradedisziplin sind?
Die Trainer bemerkten, dass mich meine Grösse beim Start bestraft. Erst nach 70 Metern erreiche ich meine maximale Geschwindigkeit. Deshalb fühle ich mich über 200 Meter wohler als über 100.

Bestimmt dies auch Ihre Position in der Staffel mit?
Ja. Mujinga ist normalerweise am Start oder in der Kurve, weil sie kleiner ist und einen gedrängten Schritt hat. Der erlaubt ihr, die Kurve besser anzugreifen. Ich habe längere Beine, ich konzentriere mich auf die Geraden, wo ich den Schritt öffnen und Zeit gutmachen kann.

«In meinem Jahr in den USA habe ich mich gehenlassen wie noch nie»

Sarah Atcho

Für Sarah Atcho beginnt im Frühling ein neuer Abschnitt: Statt in Lausanne trainiert sie neu in St. Gallen mit ihrer Staffelkollegin Salomé Kora.

Christoph Köstlin für SI SPORT

Sie arbeiten hart für bloss ein paar Rennsekunden. Beschäftigt Sie das manchmal?
Ja. Letztes Jahr habe ich so hart trainiert wie noch nie. An der EM in Berlin rannte ich 22 Sekunden über 200 Meter, und der Final entging mir um eine Hundertstelsekunde! Ich habe geweint, es war brutal. Es ist manchmal schwierig, sich zu motivieren, um 6 Uhr morgens im Schnee rennen zu gehen. Vor allem, wenn der finanzielle Lohn dafür nicht folgt und man überall Opfer bringt.  

Sind Sie in einer sportlichen Familie aufgewachsen?
Meine Eltern sind nicht sehr sportlich, aber der Sport war ihnen wichtig. Wir sind afrikanischer Herkunft, und sie haben immer Wert darauf gelegt, dass ihre Kinder mustergültig sind, damit uns niemand kritisieren kann. Sie wollten nicht, dass wir nach der Schule trödeln, also suchten wir uns Hobbys. Eine meiner Schwestern tanzt, mein Bruder spielte in der Basketball-Nationalequipe.

Wie haben sich Ihre Eltern kennengelernt?
Mein Papa ist Ivorer, meine Mama Marokkanerin. Beide haben ihr Land verlassen, weil sie keine Zukunft sahen. Mein Vater stammt aus einer sehr grossen Familie. Der Grossvater war jemand Wichtiges an der Elfenbeinküste. Er hatte viele Frauen und 52 Kinder! Ich kenne nicht einmal einen Zwanzigstel meiner Cousins. Die beiden haben sich in einem Restaurant in Lausanne kennengelernt. Vater war Direktor eines McDonald’s und organisierte einen Teamevent im Restaurant, in dem meine Mutter arbeitete. Als er sie kommen sah, verkündete er, dass das die Frau seines Lebens sei. Danach ging er jeden Abend in ihr Restaurant, um sie zu überzeugen. Und es klappte (lacht). 

Wie ist Ihre Beziehung zu Marokko und der Elfenbeinküste?
Meine Eltern haben uns ihre jeweilige Kultur vermittelt, aber immer darauf geachtet, dass wir vollständig integriert sind. Meine Mutter hat zum Beispiel nicht nur Arabisch mit uns gesprochen, damit wir im Französischen keinen Akzent haben. Als Immigranten mussten sie viel Kritik einstecken, und sie hatten Angst, dass auch ihre Kinder litten. Ich besitze übrigens nur den Schweizer Pass. 

Wurden Sie als Athletin auch schon Opfer rassistischer Äusserungen?
Oh ja, klar. Die ersten Male habe ich geweint. Heute habe ich gelernt, damit zu leben. Auf den Social Media habe ich Hassmitteilungen erhalten, wo man mir sagte, dass an unserem Staffel-Rekord nichts Schweizerisches sei, weil wir drei Schwarze im Team waren. Es ist verrückt, so etwas 2019 zu lesen. Ich kann nichts dafür, dass meine Eltern nicht hier geboren wurden und man meine Wurzeln an meinem Gesicht sieht. An der Elfenbeinküste bin ich zu hell, in Marokko zu dunkel. Dort beleidigt man mich. Wenn ich nicht aus der Schweiz bin, woher bin ich dann?

Sie haben ein Jahr in den USA gelebt. Welche Erinnerungen haben Sie daran?
Das war das Abenteuer meines Lebens. Ich ging kurzentschlossen nach der Matur dahin. Mein Bruder war in die USA gegangen, um Basketball zu spielen, und ich dachte: Weshalb nicht auch ich? Ich fand ein Stipendium und eine Uni, für die ich starten konnte, und wollte dort meinen Bachelor machen. Drei Monate nach meiner Ankunft wog ich zehn Kilogramm mehr und war eine Sekunde langsamer. Nach einem Jahr kam ich zurück.

Was war geschehen?
Es war eine Fiesta. Ich habe immer gern gegessen. In New York ist alles verfügbar, es hat überall Fast-Food-Stände. Ich habe mich gehen lassen wie noch nie. Und dann passten mir die Trainingsmethoden überhaupt nicht. Die USA haben ein immenses Reservoir an Athleten. Ihre Strategie ist es, sie so hart wie möglich zu trainieren. Die wenigen, die durchhalten, gehen daraus hervor, die anderen sind am Boden. Ich konnte nicht mithalten. Dennoch behalte ich dieses Jahr in positiver Erinnerung. Ich habe ein anderes Land entdeckt, ein anderes System, habe gelernt, allein zu leben, das war genial. 

Welches sind die Sportler, die Sie inspirieren?
Als Athlet zwangsläufig Roger Federer. Und Serena Williams für die feministische Seite und ihre Black Power.

Und wovon träumen Sie mit Ihren 23 Jahren?
Von einer Olympiamedaille. Das wäre magisch. Aber ich würde mich auch mit einem EM-Titel zufriedengeben (lacht).

Von Aurélie Jaquet/L'Illustré am 29.03.2019