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Borussia-Stürmer Erling Braut Haaland

«Ich habe keine Zeit für die Liebe»

Das Klischee vom hochbegabten Strassenfussballer trifft auf viele Stürmer-Weltstars zu. Nicht aber auf Erling Braut Haaland. Beim Norweger gilt: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Hinter dem märchenhaften Aufstieg des Dortmunders steckt auch ein spannendes Erziehungsprinzip.

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Nur das Toreschiessen im Blick: Haaland im Januar beim Einlauf zum Heimdebüt gegen Köln. Im zweiten Spiel für Dortmund trifft er zum vierten und fünften Mal.

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Sind gute Gene im Sport ein entscheidender Wettbewerbsvorteil? Wenn ja, ist das eine der Erklärungen für Erling Braut Haalands-Ritt auf der Erfolgswelle. Sein Vater Alf Inge hat ihm viel mitgegeben. 34 Länderspiele hat Haaland senior für Norwegen bestritten und fast 300 Einsätze in der englischen Premier League für Nottingham, Leeds und Manchester City. Eigentlich der perfekte Mentor für Erling, der im Juli 2000 in Leeds zur Welt kommt. Nur hat er stets einen Einwand dagegen: Nie würde er Abwehrspieler werden wie sein Vater. Von klein auf sah er seine Berufung am anderen Ende der Aufstellung. Und so ist Erling Braut Haaland heute das, was seinem Vater Zeit seiner Aktivkarriere das Leben schwergemacht hat: Ein Fussballstürmer von einzigartiger Begabung. 

Doch da ist noch mehr genetische Mitgift für die Karriere: Mama Gry Marita Braut war norwegische Jugendmeisterin im Fünfkampf, die Grossmutter eines der grössten Talente des Landes in derselben Sportart und Grossonkel Gabriel Høyland ebenfalls Fussballer, mit 24 Länderspielen für Norwegen. Und die Verwandtschaft hat noch mehr Sport im Blut. Auch Erlings älterer Bruder Astor gilt als grosses Fussballtalent, wächst aber zu schnell und leidet so immer wieder unter Verletzungen. Die ältere Schwester Gabrielle spielt wettkampfmässig Handball. 

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So viel sportliche Kompetenz in einer Familie versammelt fällt auch im sportverrückten Norwegen auf. Besonders in einem kleinen Ort wie Bryne. In Haalands Heimatstädtchen nahe Stavanger sind die Menschen bodenständig und ungekünstelt. Als die Familie 2004 nach Papas Profikarriere aus England heimkehrt, fügt sie sich nahtlos wieder ein. Sie lässt sich in einem «normalen» Wohnquartier der 12000-Seelen-Stadt nieder, ohne für Aufsehen zu sorgen. 

So unspektakulär wie der Ort ist der «Bryne Fotballklubb». Dennoch gilt er als Vorzeigeverein der Provinz Jæren, zu dem der norwegische Fussball bewundernd aufsieht. Als der Kleinklub 2016 in die dritte Liga absteigt, blickt er auf 45 Spielzeiten ohne Unterbruch in den beiden obersten Ligen zurück. In den Jahren 1980 und 1982 wird der Verein Meisterschafts-Zweiter Norwegens und erlebt seinen Höhepunkt 1987 mit dem Sieg im Cupfinal gegen das grosse Brann Bergen. 

Dieses Umfeld ist die andere Erklärung für die märchenhafte Karriere Erling Braut Haalands. Brynes Klubikone im Nachwuchsbereich, Alf Ingve Berntsen, nimmt den erst Fünfeinhalbjährigen unter seine Fittiche, gleich als Erling erstmals die Halle betritt, die der Verein neben dem Stadion besitzt. Die schicksalhafte Begegnung hinterlässt Spuren bis in die Aktivzeit. Zehn Jahre lang arbeitet Berntsen mit dem Jungen. In einer Zeit, in der auch der norwegische Fussball unter einem weltumspannenden Phänomen leidet: Viele Jugendliche entdecken im Teenageralter plötzlich andere Interessengebiete und kehren dem Sport den Rücken. Bei Erlings Jahrgang ist das anders. Die etwa 40 Junioren in Haalands Alterskategorie bleiben Jahr für Jahr, Sieg für Sieg zusammen. Weshalb das so ist, beschreibt Berntsen heute so: «Wir haben vom ersten Tag an klargestellt, dass alle gleich wichtig sind, unabhängig davon, wie gut sie mit dem Ball umgehen können. Fast der ganze Trainingsablauf bestand aus Wettkämpfen, bei denen alle siegen und verlieren lernten. So erhielten die etwas besseren Spieler eine zusätzliche Verantwortung, die etwas weniger guten mitzuziehen. Wir Trainer mischten uns nie in diese Abläufe ein.»

Sozialkompetenz als Trainingsziel. Diese Direktive hat Erfolg. Gleich fünf Spieler aus der Juniorenabteilung des kleinen Bryne FK werden zu norwegischen Nationalspielern. Mit Andrea Norheim ist auch ein Mädchen darunter. Sie spielte mit Erling stets im Team der Jungs und ist heute Internationale und Profi in Schweden. Und eben Erling Braut Haaland selbst. An einem Herbsttag 2009 trifft der Schlaks in der so genannten Fussballfreizeit, für die sich Kinder anstelle der normalen Schulfreizeit entscheiden können, erstmals auf Even Sel, der mittlerweile für die Juniorenförderung in Bryne zuständig ist. Sel erkennt schnell, dass Erling über das besondere Etwas verfügt. Von Sel nach der Motivation für den Fussball befragt, sagt der Neunjährige simpel: «Weil ich ihn liebe!»

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Bei seinem ersten Spiel überhaupt in der Champions League lässt sich Salzburg-Stürmer Haaland im September 2019 gleich für drei Tore gegen Genk bejubeln.

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«Ich brauche meine Energie, um besser zu werden»

Zu Tode betrübt ist Haaland schon damals, wenn sein Team verliert – und sei es nur beim Spiel mit den Kumpels auf dem Schulhof. Er sieht es als seinen Auftrag, die Tore zu schiessen. Und früh erkennt er auch, dass sein gefürchteter linker Fuss allein für die Verwirklichung des Profitraumes nicht ausreicht. Zahllose Stunden verbringt er ganz allein damit, beidfüssig aus allen Winkeln aufs Tor zu schiessen. Immer ist da auch ein Kamerad, der bereit ist, Flanke um Flanke zu schlagen, damit Erling sein Kopfspiel verbessern kann. Förderer Even Sel erzählt von einem Buben, der früh schon verbissen an seiner eigenen Entwicklung arbeitet und immer neue Dinge lernen will. «Ständig fragte er uns Trainer, was gut war, was er verbessern sollte.» 

Es ist also nicht die Story vom Strassenfussballer aus ärmlichen Verhältnissen, den sein überschäumendes Talent an die Spitze spült. Es ist eine Geschichte von Fleiss und Wille. Und von Anpassungsfähigkeit. Stellt sich bei einem Klubwechsel der Erfolg nicht unmittelbar ein, arbeitet er einfach noch härter an sich. So ist es bei seinem ersten Wechsel zu Molde, so ist es beim Schritt ins Ausland zu Salzburg. Bevor es jedoch so weit kommt, muss die schier grenzenlose Energie des jungen Erling Auslauf erhalten. Er freundet sich nebst dem Fussball mit der Leichtathletik an. Und Fachleute, die ihn beim Handball beobachten, meinen noch heute, dass er im Land des Vize-Weltmeisters auch in dieser Disziplin ein Star hätte werden können. 

Letztlich gibt es für ihn aber nur den Fussball. Entsprechend ist er schon als Zwölfjähriger extrem reif bei der Umsetzung taktischer Vorgaben und verfügt über eine bessere Technik als die meisten Alterskollegen. Zudem deutet sich an, dass er sehr gross und kräftig werden würde. Auch Bruder Astor ist als Teenager bereits 194 cm gross. Dennoch: So glatt und gradlinig, wie es scheint, verläuft Erlings Jugend nicht. Aufgrund extremer Wachstumsschübe hat er wiederholt starke Schmerzen. Bis heute wirken seine Bewegungen nicht sehr geschmeidig. Noch als Haaland seine ersten Länderspiele bestreitet, zweifeln viele Beobachter aus dem Business daran, dass der schlaksige junge Mann einer der begehrtesten Spieler im internationalen Fussball werden könnte. Doch die Zahlen zu seiner fussballerischen Entwicklung deuten genau das an. In der U16-Nationalauswahl erzielt er ein Tor in 17 Spielen, in den U18- und U19-Teams trifft er schon zwölf Mal in zwölf Matches, und für das U20-Nationalteam Norwegens schiesst der Doppelbürger, der auch den britischen Pass besitzt, elf Tore in fünf Partien. Die letzten Zweifler verstummen, als er Torschützenkönig bei der U20-WM 2019 in Polen wird und beim 12:0-Sieg gegen Honduras neun Tore für Norwegen erzielt. 

Das nötige Selbstvertrauen holt er sich auch im bleibenden, extremen Zusammenhalt seiner Jahrgangsgruppe. Die Jungs sind von früh auf mehr als Fussballkollegen. Sie sind eine verschworene Bande mit einigen schrägen Ideen neben dem Platz. Viel Aufmerksamkeit erregt etwa ein Musikvideo, das Erling 2016 zusammen mit Erik Botheim von Trondheim und Erik Tobias Sandberg von Lillestrøm ins Netz stellt. Der Auftritt der Fussballer als Rappercombo «Flow Kingz» hat mittlerweile mehrere Millionen Klicks im Internet (youtube.com/watch?v=oYJWkDFzEXA). «Das war nur Spass», erklärt Erling die Motivation dafür. «Wir wollten einfach etwas Lustiges tun. Ich beschäftige mich nicht mehr mit Musik als die meisten anderen Menschen.» 

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Erling Haaland wird von Dortmund für 20 Mio. Euro mit einem Vertrag bis 2024 geholt. 

Borussia Dortmund via Getty Imag

Das Wunderkind Haaland gibt im Mai 2016 beim Auswärtsspiel gegen Ranheim als 15-Jähriger sein Profidebüt für Bryne. Und im Winter 2017 wechselt Erling nach dem Abstieg von Bryne nach Molde. Wo er einen prominenten Trainer erhält, der von Anfang an an ihn glaubt: Norwegens einstiger Starstürmer von Manchester United, Ole Gunnar Solskjær. Er hat bereits viel Erfahrung in Bezug auf die Entwicklung junger Spieler und weiss genau, wie ein Stürmer denken sollte. Unter ihm reift der junge Erling endgültig zu einem Spieler für die grossen Klubs Europas.

Doch gehts zuerst zu RB Salzburg, wofür es kritische Kommentare gibt. Viele sind der Ansicht, die österreichische Liga wäre zu wenig herausfordernd für so ein Versprechen. Doch Haalands Berater, darunter als wichtigster Vater Alf-Inge, glauben an die Strategie, eine Stufe der Leiter nach der anderen zu erklettern. Rückblickend erscheint der Entscheid für die Mozartstadt als geniale Wahl. Die dortige Entwicklung ist bekannt. Wie einst auf dem Schulhof schiesst er Tore am Laufmeter. Selbst gegen die besten Gegner wie Virgil van Dijk an der Liverpooler Anfield Road. In seinem ersten Champions-League-Einsatz trifft er gleich dreimal gegen Genk (Be).

So ist der nächste Schritt in die deutsche Bundesliga logisch. Und seine bisherige Bilanz bei Borussia Dortmund ist schlicht sensationell: Beim Debüt gegen Augsburg schiesst er als Einwechselspieler in 20 Minuten drei Tore, insgesamt neun sind es in den ersten sechs Bundesliga-Einsätzen.

Haaland passt in die Stadt im Ruhrgebiet. Er wohnt in einer gewöhnlichen Mietwohnung — allein. «Derzeit habe ich keine Zeit für die Liebe. Ich brauche meine Energie, um mich weiter zu verbessern.» Extravaganter Luxus? Fehlanzeige. Noch immer ist er wie der unauffällige Nachbarsjunge. Die weiterführende Schule, die er in Bryne begonnen hatte, hat er längst abgebrochen. Doch er ist überzeugt, die Schul-Ausbildung zu beenden, wenn die Zeit dafür reif ist. 

Was die Bryne-Fussballschule bei Erling Braut Haaland bewirkt hat, zeigt eine Szene nach dem grossen Spiel mit Salzburg in Liverpool. Kaum ist der Match abgepfiffen, eilt der umjubelte Torschütze aus Norwegen auf die Tribüne. Die Journalisten haben das Nachsehen. Hoch oben auf den Rängen schliesst eine Gruppe junger Männer Erling in die Arme. Es sind seine Freunde aus den allerersten Tagen in Bryne. Der Kreis hat sich geschlossen. 

Von Lars Tjærnås am 22.05.2020
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