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Giulia Steingruber

Salto glückwärts

Rücktritt mit 24 Jahren, oder langwieriger Kampf zurück? Vor knapp einem Jahr steht Kunstturnerin giulia steingruber nach einem Kreuzbandriss vor der schweren Entscheidung. Nun schuftet sie fürs Comeback. Und gewährt einen emotionalen Einblick in die Zeit zwischen Frust und Lichtblicken.

Giulia Steingruber

Egal, was noch kommt, Giulia Steingruber kann auf eine erfolgreiche Karriere zurück­blicken: Olympia­bronze am Sprung und 5x EM-Gold hat sie schon gewonnen.

Christoph Köstlin für SI SPORT

Ihre Augenfarbe verändert sich je nach Gemütslage. Sie ist grünlich, wenn die Kunstturnerin krank ist. Ansonsten gilt: Je dunkler ihre Augen, desto schlechter die Laune. «Und wenn ich gut und positiv gestimmt bin, ist es eine Mischung aus grünlich und bräunlich», sagt Steingruber. Im vergangenen Jahr dürften ihre Augen alle Nuancen von Grün und Braun gehabt haben. Genau vor einem Jahr fühlt sich die 25-Jährige nach einer Auszeit, nach Fussoperation und Reha endlich wieder in Form. Sie trainiert gar den Melissanidis, einen Jurtschenko mit Doppelsalto rückwärts. Den Sprung hat vor ihr noch keine Frau gewagt. Dann der Schock: Beim Dreiländerkampf in Saint-Etienne Anfang Juli reisst sich Steingruber das Kreuzband. Eine solch schwerwiegende Verletzung kann für eine Kunstturnerin in ihrem Alter das Kar-riere-ende bedeuten. Doch sie entscheidet sich erneut für den mühsamen Weg zurück an die Spitze – mit Operation, Reha und Auszeit. «Ich war beeindruckt und auch überrascht, wie Giulia die Zeit meisterte. Sie hat geduldig und konsequent trainiert und sich nie beschwert», erzählt Turnkollege Pablo Brägger, der Giulia täglich im Training in Magglingen erlebt. Nationaltrainer Fabien Martin machte sich mehr Sorgen. «Ich war mir sicher, dass sie zu alten Stärke zurückfindet. Doch ich hatte Angst, dass sie zu viel will. Wir mussten sie oft bremsen.» Wie hat die Turnerin selber ihr letztes Jahr erlebt? Ein persönlicher Rückblick.

Giulia Steingruber

Giulia Steingruber ist glücklich, dass sie sich endlich wieder richtig auspowern kann. In ihrer neuen Bodenübung tanzt sie zur Musik von Alan Walker. Beim Song fühlt sie sich frei.

Christoph Köstlin für SI SPORT

”Früher war ich eher die athletische Turnierin. Heute ge­nies­se ich es, mich zur Musik auszudrücken“

Samstag, 7. Juli 2018

Als wir die Turnhalle in Saint-Etienne zum morgendlichen Training betreten, erschlägt uns die Hitze beinahe – es ist etwa 40 Grad. Dazu bin ich auch noch extrem müde. Andererseits bin ich sehr gut in Form, beruhige ich mich. Das erste Mal seit meiner Fussverletzung kann ich wieder alle Elemente turnen. Doch die vergangenen Wochen mit Schule und Training waren kräftezehrend. Ich fing in Magglingen jeweils früh morgens an zu trainieren, damit ich es rechtzeitig nach Zürich schaffe, wo ich an der Akad für die Matura büffle. Abends muss ich wieder zurück. Das Resultat der anstrengenden Zeit: ein Hexenschuss. Heute ist der erste Tag, an dem es wieder einigermassen geht. Ich beginne in der Hitze mein Warm-up wie gewohnt, es läuft erstaunlich gut. Bis zur Barren-Übung. Da reisst plötzlich die ganze Verankerung aus dem Boden! Ich denke: Das auch noch? Super, jetzt auch noch eine happige Prellung am Schienbein vom herabfallenden Barrenholmen, jetzt spinnts! Jetzt ist es wirklich nicht mehr gut! Ich habe ein ungutes Gefühl. Meinen Trainern sage ich nichts. Ich will schliesslich nicht, dass sie mich nicht antreten lassen. Ich will turnen und endlich wieder zeigen, was ich kann. 

Der Wettkampf beginnt. Erste Bahn, Doppelsalto rückwärts. Die Landung ist gut, es spickt mich aber augenblicklich weg. Es klöpft richtig, mein Knie gibt nach. Ich weiss sofort, dass etwas kaputt ist. Tränen vergiesse ich keine, fluche aber vor mich hin. Ich bin wohl wie in Trance, voller Adrenalin. Ich spreche noch mit dem Publikum, sehe aber, wie meine Teamkolleginnen weinen. Sah es so schlimm aus?

Giulia Steingruber

Innere Zuversicht, Leidensfähigkeit und Pragmatismus zeichnen Giulia Steingruber aus.

Christoph Köstlin für SI SPORT

”ich kann nicht mehr ausleben, was ich liebe. Ich bin richtig lustlos und lethargisch“

Montag, 9. Juli , 2018

Ich bin froh, zurück zu Hause zu sein, und kann in Biel zu meinem Arzt. In Frankreich war ich zwar im Krankenhaus, doch ich bekam keine genaue Diagnose, nur Spekulationen zu hören. Sie meinten: Naja, ist ja kein Fussballer, die tatsächliche Diagnose nicht so wichtig. Dass ich auf Französisch dieses medizinische Kauderwelsch nicht wirklich verstand, half auch nicht gerade. Nach dem MRI in der Schweiz überbringt mir der Arzt dann den Befund: Kreuzbandriss. «Okay», sage ich. Der Arzt fragt: «Giulia, geht es?» Doch ich bin in diesem Moment nicht emotional, sondern total gefasst. Vielleicht habe ich auch das Ausmass noch nicht recht realisiert. «Jetzt ist es halt so, ich kann ja nichts daran ändern.» 

Mittwoch, 17. Juli, 2018

Ich liege im Bett im Berner Salemspital. Gerade habe ich meine Knie-Operation hinter mir. Ich hatte viel Besuch, von den Eltern und Turnkolleginnen und -kollegen. Das war schön. Nun bin ich nudelfertig. Bis jetzt dachte ich, ich hätte die ganze Verletzung mental gut verdaut. Doch nun, wo ich allein und erschöpft bin, erwischt es mich doch. Ich werde emotional, es schüttelt mich richtig durch. Ich weine. Alles, was sich angestaut hat, kommt raus. Danach gehts mir besser. Ich merke: Ich will alles daran setzen, zurückzukommen als Turnerin. Sonst würde ich es bereuen. 

Anfang August 2018

Die Krücken sind unglaublich mühsam. Ich fühle mich total unselbständig. Und gerade findet auch noch die EM statt – natürlich ohne mich. Ich verreise mit meinen Eltern ins Südtirol, um mich ein bisschen abzulenken. Ich versuche, die Sonne und den Pool zu ge-nies-sen. So braun wie diesen Sommer war ich wohl zuletzt als kleines Mädchen. Ganz ablenken kann ich mich nicht. Ich schaue die EM im Fernsehen. Ich kann es nicht lassen, auch wenns hart ist. 

Giulia Steingruber

Giulia Steingruber hat ein schwieriges Jahr hinter sich. Dennoch hat sie nie an ihrem Weg gezweifelt.

Christoph Köstlin für SI SPORT

Ende August 2018 

Juhui! Die Krücken sind endlich weg. Dafür bereiten mir andere Dinge Sorgen: Ich bringe den Unfall nicht aus meinem Kopf. Ich höre den Ton, dieses Chlöpfen des Knies, immer wieder in meinem inneren Ohr. Und wenn ich mir vorstelle, wie ich turne, gibt mein Knie jedesmal wieder nach. Ich spüre auch kör-per-liche Veränderungen: Wenn ich mich im Spiegel ansehe. Auch an meinen Kleidern. Ich merke, dass ich extrem viel Muskelmasse verloren habe. Und allgemein an Gewicht. Mein Körper war vor der Verletzung im Wettkampfmodus und in Hochform, dann: von 100 auf 0. Der Stoffwechsel lief wohl weiter auf Hochtouren, obwohl ich nicht mehr trainiert habe. Ich weiss zum Glück, dass ich jemand bin, der schnell wieder Muskeln aufbaut, darauf verlasse ich mich. Ich versuche, mich an den kleinen Fortschritten festzuhalten. Wenn ich zum Beispiel eine Weile gesessen habe und dann aufgestanden bin, hat mein Knie immer extrem geschmerzt. Nun kann ich die ersten zwei Schritte ohne Schmerzen gehen, das ist wirklich ein Wow-Moment. 

Dezember 2018 

Sechs Monate Reha habe ich nun hinter mir. Ich darf wieder ein Mal am Tag trainieren, doch das reicht mir nicht. Ich bin ungeduldig. Ich versuche verschiedene Übungen und Elemente, aber oft scheitere ich. Und ich habe Schmerzen. Ich gehe in die Physio, andauernd. Ich fühle mich nicht mehr wie eine Spitzensportlerin. Ich bin richtig unzufrieden, weil ich nicht ausgepowert bin. Ich kann nicht mehr ausleben, was ich liebe. Ich habe den Rhythmus verloren, den ich das ganze Leben gewohnt war. Das zieht mich runter. Ich habe plötzlich viel zu viel Zeit, weiss nicht, was ich damit anfangen soll. Klar, ich kann für die Schule lernen. Aber das ist nicht wirklich, was mich erfüllt. Und meine Kollegen haben keine Zeit, sie sind ja entweder im Training oder bei der Arbeit. Ich bin lustlos und lethargisch. Ich weiss, dass ich ein Hobby finden muss. Ich überlege, mit Crossfit zu beginnen, mehr Tennis zu spielen oder ins Boxen zu gehen. Aber der Arzt meint, dass es noch zu früh ist fürs Knie. Ins Boxen gehe ich dann trotzdem, meine Aggressionen muss ich einfach irgendwo abladen. Denn ich sitze sonst stundenlang einfach zu Hause herum, liege auf dem Sofa, schlafe oder lese. Auch für meine Eltern ist es schwierig, mich so zu sehen. Doch sie reden nicht viel rein, lassen mich meinen Weg finden. 

Giulia Steingruber

Die Turnhallen in Magglingen – wo das Shooting stattfand – sind das dritte Zuhause der St.Gallerin, die mittlerweile in Biel in einer WG wohnt.

Christoph Köstlin für SI SPORT

”ich wollte den alten Ballast abwerfen, das schlechte abschneiden. nun bin ich wieder voller Tatendrang“

Januar 2019 

Neues Jahr, neues Glück? Es sieht gut aus. Endlich kann ich zwei Mal pro Tag trainieren, fühle mich wieder ausgepowert. Ich arbeite nicht nur körperlich intensiv, sondern auch mit dem Kopf – zusammen mit einem Mentaltrainer. Die Bewegung und der Ton der Verletzung hatten sich festgesetzt. Wie eine Schublade, die immer wieder aufging. Ich visualisiere in zehn Stufen. Die erste Stufe sind ganz einfache Übungen, wie die Anfänger, die mit Turnen beginnen. Ich muss im Kopf ganz unten anfangen. Dann Schritt für Schritt weiter, die 10. Stufe ist die Wettkampfübung. Das ganze stelle ich mir immer in zwei Ansichten vor: Die äussere, so wie ich mich selber im Fernsehen sehen würde. Dann die innere, was ich sehe und spüre während der Übung, etwa wie meine Hände positioniert sind beim Sprung. Ich mache das drei bis vier Mal pro Woche. Es ist intensive Arbeit. Ich mache das zu Hause, meist abends. Danach bin ich richtig k. o. 

29. Januar 2019 

Heute war ich spontan beim Coiffeur. Ich musste meine kaputten Spitzen schneiden. Es wurde dann etwas mehr. Man sagt ja, eine neue Frisur bedeutet oft eine einschneidende Veränderung. Ein bisschen war das bei mir so. Ich wollte den alten Ballast abwerfen, das Schlechte abschneiden. Ich bin froh, die lustlose und träge Phase hinter mir gelassen zu haben. Und wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich, wie die Muskeln wieder kommen – das motiviert mich. 

Giulia Steingruber
Christoph Köstlin für SI SPORT

Giulia Steingruber

24. März 1994
giulia-steingruber.ch
Insta: @giulia_steingruber,
Twitter: @ GSteingruber,
Facebook: @steingruber.giulia

Partner

Cornèrcard, Longines, Aldi,
Opel, Panolin, Dynoptic, Samina,
A.Vogel, Asics, Jenny&Weber.

Mitte April 2019 

Wieder schaue ich an der EM nur zu. Einfacher wird es nicht, auch wenn ich damit gerechnet habe. Ich halte mich an den kleinen Fortschritten fest. Ich würde sagen, ich bin nun bei 50 Prozent. Das medizinische Team gibt mir mein Programm vor, das ich machen muss und darf. Mein Trainer ist eher zu vorsichtig nach meinem Geschmack. Aber ich verstehe das auch, irgendwie. Nach meiner Verletzung hat er sich Vorwürfe gemacht. So wie ich mir selber auch. Wenn ich heute wieder in die gleiche Situation der Überbelastung kommen sollte, würde ich wohl das Gespräch suchen mit dem Trainer. 

Am Barren turne ich wieder alle Elemente ausser dem Absprung, am Balken kann ich jede Woche neue Elemente machen. Am Boden übe ich Flick-Flacks auf weichen Matten und Sprünge in die Schnitzelgrube. Neu kann ich aufs Trampolin. Und ich kann meine neue Bodenchoreografie üben – zur Musik von Alan Walker. Ein Kumpel schlug mir das Lied vor, und ich spielte es meiner Choreografin vor, einer ehemaligen rhytmischen Gymnastin. Die Musik öffnet mich, lässt mich frei fühlen. Das spüre ich extrem bei diesem Song. Es sind viele weiche Bewegungen in der Choreografie, das mag ich. So kann ich das Kunstturnen von der besten Seite zeigen. Früher war ich eher die athletische Turnerin, heute geniesse ich es, mich auszudrücken. 

6. Juni 2019 

Heute ist ein super Tag. Ich bin den doppelten Salto rückwärts, bei dem ich mich verletzt hatte, wieder gesprungen. Cooles Gefühl! Das gibt mir viel Vertrauen. Im Knie habe ich auch keine Schmerzen mehr, dafür muskuläre Probleme. Ich habe im Mai mit einem neuen exzentrischen Kraftprogramm begonnen an einer speziellen Maschine, die mich mit der dreifachen Kraft, mit der ich aufspringe, hinunterzieht. Anfänglich war es frustrierend, weil ich danach wie gerädert war und in der Turnhalle eher Rückschritte gemacht habe. Doch nun spüre ich, dass ich stabiler und explosiver werde. Mein erster Wettkampf wird die Schweizer Meisterschaft im September sein. Und die grossen Ziele – an der WM im Oktober dabei zu sein, es in den Mehrkampf-Final zu schaffen und an Olympia nächsten Sommer um die Medaille zu kämpfen – sind wieder sehr präsent in meinem Kopf. Die brauche ich auch. Damit ich wieder weiss, warum ich das alles mache, warum sich die ganze Mühe lohnt. 

Von Sarah van Berkel am 21.06.2019