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Alessandro Barnetta, Bruder von Tranquillo

«Die Eltern behandelten uns gleich»

Im guten Fall etwas Ruhm und persönlicher Profit, im schlechten lebenslange Zurücksetzung: Berühmte Geschwister zu haben, kann Fluch oder Segen sein. Wenger, Kaeslin, Barnetta, Schurter, Josi, Frieden: Sechs Beispiele, wie es sich als Bruder oder Schwester von Sportprominenz lebt.

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Brüder und Freunde: Alessandro (l.) und sein jüngerer Bruder Tranquillo Barnetta 1991.

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Alessandro Barnetta holt an der Cafébar die Bestellung gleich selber ab. Latte Macchiato und Buttergipfeli. «Wer schon um 5.20 Uhr im Büro ist, darf sich ein zweites Frühstück gönnen.» Barnetta schiebt sich seine Sonnenbrille zurecht und lehnt sich auf dem Metallstuhl zurück. Das Wetter ist gut, die Geschäfte seiner Sportglobe GmbH laufen. Die Coronakrise und die damit verbundene Absage der Fussball-Euro hat zwar den Handel mit Fussballtrikots beeinträchtigt, stattdessen boomt der Verkauf von Outdoor-Sportartikeln. Der Bereich umfasst, was das Herz begehrt — und noch viel mehr: Trampoline, Fitnessmatten, Einräder, Medizinbälle, Plastikschwimmbecken, Badmintonschläger, Hanteln. «Und wir sind der grösste Vertreiber von Helmen und Brillen.» 

Barnetta verströmt Energie und Empathie. Kollegen bezeichnen ihn als «impulsiven Macher». Und er ist Träger eines berühmten Namens im europäischen Fussball. Sein Bruder ist der viereinhalb Jahre jüngere Tranquillo Barnetta — Ikone des St. Galler Fussballs und wohl einer der beliebtesten Schweizer Nationalspieler der letzten zwanzig Jahre: 75 Länderspiele, zehn Saisons in der Bundesliga und der Karriereausklang in den USA sowie im Stammverein St. Gallen zeugen von einer Laufbahn, in der vieles perfekt gelaufen ist.

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«Als sich abzeichnete, dass Tranquillo den Durchbruch schafft, hatte ich bereits mein eigenes Leben und mich in meinem Job etabliert.»

Alessandro Barnetta

Begonnen hatte es Anfang der 1990er Jahre im St. Galler Vorortsverein Rotmonten — im Schatten von Bruder Alessandro. Alessandro erinnert sich: «Quillo fiel von Anfang an durch sein Talent auf. Dass er es einmal so weit bringen würde, ahnte man aber nicht.» Alessandro stuft sich rück-blickend technisch auf ähnlich hohem Niveau ein, doch habe ihm die Grundschnelligkeit und die physische Stärke gefehlt. 

Immerhin: Alessandro Barnetta schaffte es mit dem SC Brühl in die Zweitliga interregional. Von den Eltern seien beide Buben gleich behandelt worden: «Sie schauten sich meine Matches genauso an wie jene von Quillo.» Aufgrund des Altersunterschieds habe nie eine echte innerfamiliäre Konkurrenzsituation bestanden. 

Alessandro Barnetta sagt dazu: «Als sich abzeichnete, dass Tranquillo den Durchbruch schafft, hatte ich bereits mein eigenes Leben und mich in meinem Job etabliert.» Nur einmal hätte er mit seinem Bruder gern getauscht: «Als er an der WM 2006 in Dortmund gegen Togo vor 65 000 spielen konnte. Wenn du in einer derart elektrisierenden Atmosphäre aufläufst und noch den entscheidenden Treffer zum 2:0 erzielst, muss das ein grandioses Gefühl sein.» Quillo habe durch den Fussball bestimmt Erfahrungen gemacht, die er nie machen werde. 

Aber der Preis dafür sei nicht zu unterschätzen: «Als Profifussballer bist du oft fremdbestimmt — und hast weniger Freiheiten als andere Menschen.» Alessandro Barnetta studierte an der ETH in Zürich Maschineningenieur, war danach für ABB im Business Development im Servicebereich des Energiesektors tätig und kam in der Welt herum: Vietnam, Saudi-Arabien, USA, Mexiko City.

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Tranquillo Barnetta 2011 - zweifacher Schweizer Torschütze im Wembley gegen England.

Getty Images

Dass Alessandro schliesslich im Sportartikelhandel aktiv wurde, hatte direkt mit seinem Bruder zu tun: «Die Fans hatten das Gefühl, dass bei uns daheim stapelweise Nati-Trikots rumliegen, und fragten uns immer wieder, ob sie ein signiertes Exemplar haben könnten.» Doch ebenso wenig wie jeder Postbote zu Hause einen gelben Briefkasten ins Wohnzimmer stellt, besitzen Fussballer eine Trikotsammlung. Dies führte die Barnettas in eine unangenehme Situation: «Wir mussten die Shirts selber im Laden kaufen und den Fans zuschicken. Das ist kein Problem, aber wenn wir jeweils Rechnung stellten, fühlte sich das merkwürdig an.»

Aus diesem Dilemma entwickelte Alessandro ziemlich bald ein Geschäftsmodell und auf der Internetseite (www.natitrikot.ch) die grösste Plattform für den Handel mit Fussballtrikots. Heute beschäftigt er acht Vollzeitmitarbeiter und verkauft pro Jahr etwa 10 000 Shirts. 

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Seit sein Bruder vor einem Jahr zurückgetreten ist, habe sich eigentlich nichts an ihrer Beziehung geändert: «Wir telefonieren wöchentlich. Aber unsere Basis ist nicht der Fussball. Quillo hat genug Leute, die mit ihm über Fussball sprechen wollen.»

Geschäftlich besteht eine Verbindung. «Wir setzen in unserem Betrieb auf Familienstrukturen. So sind auch unsere Eltern und Tranquillo am Unternehmen beteiligt.» Wie sich die Verbindung künftig entwickelt, ist offen. «Mal schauen, was die Zukunft bringt», sagt Alessandro lachend und lässt für seinen Bruder alle Türen offen.

Von Thomas Renggli am 24.07.2020
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