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Yannick Josi, Bruder von Roman Josi

«Ich spürte niemals Neid»

Im guten Fall etwas Ruhm und persönlicher Profit, im schlechten lebenslange Zurücksetzung: Berühmte Geschwister zu haben, kann Fluch oder Segen sein. Wenger, Kaeslin, Barnetta, Schurter, Josi, Frieden: Sechs Beispiele, wie es sich als Bruder oder Schwester von Sportprominenz lebt.

Roman Josi (rechts) mit Bruder Yannick (links)

Ein Herz und eine Seele: Der fünfjährige Yannick Josi (l.) mit dem vierjährigen Bruder Roman auf der Insel Elba. 

Handout

Wildlederschuhe, Jeanshemd, ein üppiger Bart. Yannick Josi tritt in die Sonne. Mitten im lebendigen Schiffbau-Areal unter der Zürcher Hardbrücke. Gleich nebenan arbeitet er. Der 32-Jährige ist im Marketing und Business Development für eine grosse Wirtschaftsprüfungs- und Treuhandfirma tätig und hat gerade Mittagspause. Für viele, die ihn nicht gut kennen, ist er einfach der Bruder von Roman, des NHL-Stars, der derzeit als einer der besten drei Verteidiger der Welt gilt. Er setzt sich auf eine Bank. Und erzählt. «Wir hatten es immer gut, hatten nie ein Gschtürm», sagt er und lächelt. Er hat ein Familienalbum mitgebracht. Kindergeburtstage, Sommerferien. Mal eingebuddelt im Sandstrand, mal posierend mit der Ferienromanze auf dem Campingplatz, mal in voller Eishockey-Montur. Fast immer Yannick neben Roman. Unzertrennliche Brüder, festgehalten zwischen Seidenpapier. «Wir sind immer raus und spielten. Wir wuchsen in einer Siedlung in Ostermundigen auf, in der es sehr viele Kinder in unserem Alter hatte. Dauernd waren wir in Bewegung.» 

Geschwister der Sportstars

Yannick Josi in der Nähe des Escher-Wyss-Platzes in Zürich. Gleich um die Ecke arbeitet der Berner.

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«Ich merke den Personen schnell an, wenn sie sich nur für Roman interessieren. Wenn es nur um ihn geht, dann denkt man sich: Lass mich in Ruhe!»

Yannick Josi

Der Sport ist früh zentral. Beide spielen gleichzeitig Fussball und Hockey im Klub. Der Aufwand ist gross. «Irgendwann mussten wir uns entscheiden. Für mich war es immer Hockey. Roman hat lange mit Fussball geliebäugelt. Plötzlich drehte der Wind.» Dann zählt für beide nur noch der SC Bern. Roman ist früh so gut, dass er oft im Team seines eineinhalb Jahre älteren Bruders aushelfen kann. Beide spielen auf der Verteidiger-Position. «Ich weiss noch, wie ich ihn einmal heftig an die Bande checkte», sagt Yannick.  

Kurz nach seinem 13. Altersjahr hat der ältere Bruder genug vom Hockey. «Als Kind hatte ich den Traum, Profi zu werden. Dann hörte ich von einem Wochenende aufs andere auf. Ich wollte nicht mehr. Ich weiss nicht einmal, warum. Es machte mir einfach keinen Spass mehr. Viermal pro Woche Training und ein bis zwei Spiele ist nicht für alle.» 

In der Zeit trennen sich die Eltern. «Sie haben es unglaublich gut gelöst. Wir bekamen nie Streit zu sehen. Auch später war der Umgang respektvoll. Wir litten nicht darunter.» 

Sportlich schadet es Roman auch nicht. Früh wird er für Auswahlen aufgeboten, für die er gemäss Papier viel zu jung ist. Yannick aber geniesst seine Freiheit, geht ab 15, 16 aus, geniesst die Zeit mit Freunden und auf Partys. Roman investiert seine Zeit voll in den Sport, ist immer unterwegs. Als er 15 oder 16 Jahre alt ist, geht er mit an die U20-WM. Er ist gleichzeitig in jeder U-Nati. 

Roman Josi #59 of the Nashville Predators

Roman Josi ist der beste NHL-Söldner, den die Schweiz je hatte. 

NHLI via Getty Images

«Ich verspürte nie Neid oder etwas Ähn-liches», sagt Yannick. «Ich hatte immer Freude bei allem, was er erreichte.» Aber es gibt Klippen, die schwierigen, störenden Momente. Er ist für viele nicht Yannick Josi, er ist Romans Bruder. «Ich merke den Personen schnell an, wenn sie sich nur für Roman interessieren. Wenn es nur um ihn geht, dann denkt man sich: Lass mich in Ruhe!» Natürlich versteht er das Interesse an seinem Bruder. Manchmal spricht er über ihn, wenn ihm eine Person sympathisch ist. «Ich bin auch stolz auf das, was er erreicht hat.» Bei seinen engen Freunden passiert ihm das sowieso nicht. Die interessieren sich für ihn. 

Wenn sich die Brüder sehen, reden sie wenig über Hockey. «Das Wichtigste ist, dass wir es gut haben, uns verstehen. Dann kommt auch kein Neid auf.» Auch nicht, wenn Yannick daran denkt, wie viel Roman verdient. Er hat im vergangenen Winter bei den Nashville Predators einen neuen Vertrag über acht Jahre unterzeichnet, der ihm 72 Millionen Dollar einbringt. «Ja, klar hätte ich das auch gern.» Yannick lacht. Er weiss, dass es eine verrückte Summe ist. «Aber ich kann gut damit leben.» 

Roman Josi (rechts) mit Bruder Yannick (links)

Yannick Josi (vorn) und sein Bruder Roman im Alter von sechs und fünf Jahren bei einem polysportiven SCB-Anlass in Dübendorf.

Handout

Manchmal fehlt ihm der Bruder, der als Kind immer an seiner Seite war. «An Familienanlässen spüren wir die Lücke. Als er 30 wurde, traf sich die ganze Familie zum Essen. Wir machten einen schönen Kuchen für ihn. Und Roman sah uns, aber nur auf dem Bildschirm. Wir sangen Happy Birthday. Es war schön und etwas traurig zugleich.» 

Im Oktober wird Yannick zu seiner Freundin ins Zürcher Oberland ziehen. Er ist glücklich, wie es ist. «Es hätte kaum besser laufen können zwischen Roman und mir. Ich wurde auch von den Eltern nie benachteiligt. Nie.» Jetzt seien sie beide erwachsen, hätten beide ihre Jobs. «Er lebt sein Leben, ich meines. Es ist cool, auch einmal nach Amerika fliegen zu können, das mitzuerleben. Unser Verhältnis ist toll. Ich bin der Yannick. Und ich bin auch der Bruder von Roman.»

Von Christian Bürge am 24.07.2020
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