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Mario Schurter, Bruder von Nino Schurter

«Klar, nützt mir Ninos Name»

Im guten Fall etwas Ruhm und persönlicher Profit, im schlechten lebenslange Zurücksetzung: Berühmte Geschwister zu haben, kann Fluch oder Segen sein. Wenger, Kaeslin, Barnetta, Schurter, Josi, Frieden: Sechs Beispiele, wie es sich als Bruder oder Schwester von Sportprominenz lebt.

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Taffe Brüder: Mario (l.) und Nino 1994 zu Hause in Tersnaus mit Familienhund «Matscha».

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Hätte, könnte, wäre. Einen Bruder zu haben, der in jener Sportart der Weltbeste ist, in der man bei früheren Vergleichen auf Augenhöhe war, könnte zu wehmütigem Blick zurück verleiten. Mario Schurter, 36, lacht darüber nur, so wie er generell keiner zu sein scheint, der alte Wunden leckt und Probleme wälzt. «Ab und zu habe ich mich zwar gefragt: Shit! Warum bin ich eigentlich nicht weitergefahren? Aber dann denke ich: Er hat sein Ding gemacht, ich meins. Ich bin glücklich mit meinem Leben in Italien, mit meiner Familie. Auf all die vielen Verpflichtungen, die Nino hat, kann ich gut verzichten.»

Kann er durchaus, mit seinen Kindern Timothy, 3, und Aria, 10 Monate, und seiner italienischen Frau Cecilia. Und vor allem mit seiner Schurter-Bike-School im toskanischen Massa Marittima. Vor vier Jahren hat er sie eröffnet, inzwischen läuft sie gut. Viele Schweizer Gäste sind es, die sich in die Geheimnisse des Bikens, in Fahrtechnik, Materialpflege oder Trailbau einführen lassen. Und gerade entsteht ein Agriturismo, wo bald bis zu 16 Gäste untergebracht werden können.

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Dass ein Grossteil dieser MTB-Freaks wohl vom Namen Schurter angezogen werden, bestreitet Mario nicht. Im Gegenteil: «Natürlich sind Ninos Erfolge und damit unser Name ein starkes Marketinginstrument. Wär ja doof, wenn ich davon nicht profitieren wollte.»

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Angekommen: Mario Schurter vor der Schurter-Bike-School in Massa Marittima in der Toskana.

Prisma35.it

«Nino hatte mehr Biss, mehr Trainingsfleiss. Ich war eher der Kreative, Bequemere. Und als mit den Aufgeboten fürs Nationalteam der Druck richtig gross wurde, hats mir abgelöscht.»

Mario Schurter

Nino Schurter ist zwei Jahre jünger als Mario. Zusammen entdecken die Brüder, animiert von den Eltern Ernst und Franzisca, in Tersnaus im Valsertal ihr Talent fürs Biken. Bald bestreiten sie Rennen für den VC Surselva. Die Eltern fahren mit ihnen zu Events, immer öfter, immer weiter. «Wenn, dann kam eher unsere Schwester Zoe betreuungsmässig etwas zu kurz.» Irgendwann trennen sich Ninos und Marios sport-liche Wege. Nino setzt auf Cross Country, wird Dauer-Weltmeister, Weltcupdominator, Olympiasieger. Mario hingegen mag mehr Action als Anstrengung und steigt auf Downhill um. Er bringt es ebenfalls in den Weltcup, holt zwei achte Plätze an der WM. Mehr investieren mag er nicht. «Nino hatte mehr Biss, mehr Trainingsfleiss. Ich war eher der Kreative, Bequemere. Und als mit den Aufgeboten fürs Nationalteam der Druck richtig gross wurde, hats mir abgelöscht.»

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Olympiagold: Nino Schurter bei der Zieleinfahrt in Rio 2016

Getty Images

Mario, der Künstlertyp, bricht die Automechanikerlehre in Vals ab und zieht nach Zürich zur Schwester in die Wohnung. Er lässt sich in der Kunstschule zum Multimedia-Designer ausbilden. Nino wird Berufs-Biker, verdient bald gutes Geld. «Ich dagegen genoss das Zürcher Partyleben, doch irgendwann merkte ich, dass das Bike halt schon meine Welt ist.» Mario Schurter geht aber nicht zurück in den Weltcup, sondern nach Italien, wo die Eltern in der Toskana ein Ferienhaus besitzen. Er lässt sich nieder, baut mit seinem Vater Trails, arbeitet für ein Bike-Unternehmen und gründet schliesslich seine Schule.

Damit hat er, der gerne Motocross gefahren wäre, einen latent vorhandenen Traum erfüllt. Nino, der mit seiner Familie in Chur lebt, sieht er, der örtlichen Distanz wegen, nicht sehr oft, «aber bei seinen grossen Siegen bekomme ich noch immer Gänsehaut. Und wenn wir uns sehen, ist es toll, mit ihm zu fachsimpeln.» Auf eine finanzielle Beteiligung des berühmten Bruders an seinem Unternehmen verzichtet Mario. «So was bringt meist Probleme. Aber ich profitiere von seinen Sponsoren, wie etwa Ausrüster Scott Bikes. Und wenn die Leute wegen Nino zu mir kommen, um einmal mit einem Schurter mountainbiken zu können, ist das voll okay für mich.» Namen sind doch nicht nur Schall und Rauch.

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Für Pokale — hier mit 9 Jahren in Gommiswald SG — ist Nino bereit, mehr zu investieren als der Ältere.

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Von Iso Niedermann am 24.07.2020
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