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Black Lives Matter

Touchdown für die Gleichheit

Sein Hymnenprotest sollte auf die Brutalität amerikanischer Polizisten gegen seine schwarzen Landsleute aufmerksam machen. Stattdessen wurde der Footballstar selbst zum Thema. Colin Kaepernick — Zielscheibe, Märtyrer, Vorbild.

Colin Kaepernick

 Colin Kaepernick & Co.im Kampf für Gerechtigkeit 

Martin Schoeller/AUGUST

Die Tapete aus Mustern, Mischmasch und Meinung beginnt ein paar Zentimeter unter der Halsschlagader. Sie bedeckt die Brust und setzt sich über den gesamten Oberkörper sowie einen Teil der Arme fort. Es ist eine verwirrende Bilderwelt, injiziert im Verlauf von Jahren, die bei Betrachtern einen klassischen ersten Verdacht weckt: Wenn dieses Kuddelmuddel die Signale sind, die ein Mensch an die Aussenwelt sendet, wie muss es dann erst in seinem Kopf aussehen?

Tatsächlich könnte dieser Kopf, der vor einer Weile die grossen Plakatwände in den Strassen der US-Metropolen tapezierte, nicht klarer und kontrastreicher herüberkommen: Eingerahmt von einer langen Afromähne, ausgestattet mit zwei dunklen, scharf blickenden, melancholischen Augen und einem markant gestutzten Bart, wirkt sein Antlitz klar und deutlich. Colin Kaepernick mag der verlorene Sohn einer Sportart sein, die ihre Gladiatoren erbarmungslos durch den Fleischwolf dreht. Ab er ist ein Kämpfer. Einer mit einer gesellschaftlichen Rolle. Mit vielen Sympathisanten und einem Anliegen, das wirklich nicht klarer sein könnte: «Black Lives Matter.»

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Colin Kaepernick mit Eli Harold (l.) und Eric Reid

Colin Kaepernick wird von Eli Harold (l.) und Eric Reid von den San Francisco 49ers flankiert, als er 2016 während der Hymne vor dem Spiel gegen die Buffalo Bills niederkniet.

Getty Images

Es ist anzunehmen, dass Kaepernick, inzwischen 32 Jahre alt, von Beruf Football-Profi, aber seit mehr als drei Jahren arbeitslos, nicht geahnt hat, dass er einmal mit seinem Kopf das Aushängeschild einer riesigen Marketingkampagne der Firma Nike sein würde. Mit dem Slogan «Believe in something. Even if it means sacrificing everything» («Glaube an etwas. Selbst wenn es bedeutet, dass du alles opferst»). Dass er Vorzeigefigur eines Weltkonzerns sein würde, der den Habitus von Rebellen vermarktet, aber hauptsächlich mit den Emotionen des Sports hantiert, um einem Zweck nachzugehen: Dem Verkauf von Trikots und Sportschuhen.

Allerdings: Etwas Messianisches steckt in der allerersten Tätowierung, die er sich als junger Student 2007 an der University of Nevada in Reno auf der rechten Schulter unter die Haut träufeln lässt. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Alten Testament, wo im 18. Psalm Selbstbewusstsein gepredigt wird: «Du rüstest mich mit Stärke zum Streit; du wirfst unter mich, die sich gegen mich erheben.» O-Ton Kaepernick: «Das besagt im Grunde, dass Gott, der Herr, mir alle Werkzeuge gibt, um erfolgreich zu sein. Ich muss nur meinen Teil tun, um dafür zu sorgen, dass es passiert.»

In Reno fällt er schon vorher auf. Ein muskelbepackter Typ, der auf dem Platz statistische Bestmarken im College-Football aufstellt. Nicht nur, weil er lange, präzise Pässe auf seine Vorderleute spielt, sondern oft genug den Ball selbst durch die Wand aus Verteidigern trägt und mit den Attacken den Offensivgeist seiner Mannschaft inspiriert. Es dauert nicht lang, bis er sein eigentliches Ziel erreicht. Als Sohn einer weissen Mutter und eines schwarzen Vaters, die ihn als Baby zur Adoption freigegeben hatten, ist er in einer weissen Mittelklassefamilie in Kalifornien aufgewachsen und hat seine Ambition schon an der Highschool in einer Klassenarbeit formuliert. Der elfjährige Colin schrieb damals, in der Dutcher Elementary School von Turlock, im Exerzitium «Schreibe einen Brief an dein zukünftiges Ich», dass er auf eine Körpergrösse von «1,80 bis 1,90 Meter hoffe». Er wolle «ein gutes College für Football besuchen» und Profi werden. Auf der Wunschliste? «Entweder die Niners oder die Packers.»

San Francisco 49ers Colin Kaepernick

Quarterback der anderen Art: Colin Kaepernick — hier bei einem Passwurf 2016 gegen die Baltimore Ravens — spielt intuitiver, als man es von seinen Berufskollegen gewohnt ist.

Sports Illustrated via Getty Ima

Und welches NFL-Team verpflichtet ihn 2011? Die San Francisco 49ers! Bei der Draft 2011 wählen sie ihn mit hohen Erwartungen aus dem Pool hunderter von Nachwuchsspielern aus. Viel fehlt nicht, und der Quarterback würde ein Jahr später schon den obersten Platz auf der Erfolgsleiter des amerikanischen Sports erklimmen, mit seiner Mannschaft gegen die Baltimore Ravens die Super Bowl gewinnen. An deren Vorabend wollen neugierige Journalisten vor allem über ein Thema mit ihm sprechen: Was bedeuten diese Tätowierungen?

«Ich habe sie machen lassen», erklärt er damals, «um Menschen zu zeigen: Das ist das, woran ich glaube.» Drei Tage nach der 31:34-Niederlage lässt er sich ein paar mehr verpassen. Sie sollen für «Familie, innere Stärke, Bescheidenheit und spirituelle Entwicklung» stehen, verrät er, als er seine alte Schule in Turlock besucht. Begleitet übrigens von ein paar Polizisten, die für seine Sicherheit verantwortlich sind und sich kurioserweise hauptsächlich für nichts anderes interessieren als die Tinte unter seiner Haut: «Ich liebe deine Tätowierungen», meint der eine.

Das muss eines der letzten Male sein, dass durchschnittliche amerikanische Polizisten Colin Kaepernick bewundern. Denn als er 2016 damit beginnt, vor Spielen der NFL während der Hymnenzeremonie mit dem Niederknien stumm gegen Polizeigewalt zu protestieren, wird er zur Identifikationsfigur einer Kontroverse an der Schnittlinie zwischen Vaterlandsliebe und dem Recht auf Meinungsfreiheit. Sehr zum Unwillen zahlloser Ordnungshüter, die ein paar Jahre danach aufgrund der Werbekampagne von Nike mit Kaepernick erneut in Rage geraten. Man sieht in ihm einen Ausgestossenen, dem die National Fraternal Order of Police, eine Berufsorganisation, unterstellt, es sei eine Beleidigung ihrer Berufsgruppe. Der Dachverband aller Polizeiverbände fordert sogar den Boykott der Produkte des Weltkonzerns. Er habe sich mit einem «geistlosen Dilettanten» gemein gemacht, der dadurch berühmt werden wolle, dass er der amerikanischen Flagge den Respekt verweigere.

colin kaepernick
Martin Schoeller/AUGUST

”Make America great again? Amerika war noch nie grossartig für Menschen mit dunkler Haut“

Colin Kaepernick

Colin Kaepernick

3. November 1987
kaepernick7.com
Insta: @kaepernick7
Twitter: @Kaepernick7
FB: @kaepernick7

Die öffentliche Plattform, über die Sportstars aufgrund ihres Massenpublikums verfügen, ist theoretisch wie geschaffen dafür, auf Probleme hinzuweisen, die andernfalls nicht den Stellenwert erhalten, den sie verdienen. Was Athleten mit Protestaktionen allerdings meistens erreichen, ist seltsam paradox. Wie in diesem Fall. Statt um das eigentliche Thema – den alltäglichen Rassismus und die Brutalität der Polizei – zu debattieren, wird Kaepernick in die Ecke des vaterlandslosen Gesellen gedrängt. Was die National Black Police Association in ihrer sehr viel differenzierteren Stellungnahme erklärt, geht unter: Kaepernicks Position entspräche exakt dem, wofür die Polizeiarbeit stehe, «den Schutz der Menschen, ihrer Menschenrechte, ihrer Würde, ihrer Sicherheit und ihrer Rechte als amerikanische Staatsbürger».

Auch der oberste Brandbeschleuniger Donald Trump mischt sich nun ein und erklärt: «Du musst für die Nationalhymne stolz stehen oder gar nicht erst spielen. Du solltest vielleicht gar nicht im Land sein.» Seine Grüsse an Kaepernick sind noch spezifischer: «Vielleicht sollte er ein anderes Land finden, das besser für ihn funktioniert.» Damit versucht der Präsident, bei den rechtsgerichteten Fans der Sportart zu punkten. Der Quarterback, damals noch bei den San Francisco 49ers unter Vertrag, reagiert brüsk – «das ist eine sehr ignorante Aussage» – und kritisiert Trumps Wahlkampfslogan «Make America Great Again»: Amerika sei für Menschen mit dunkler Hautfarbe «noch nie grossartig» gewesen.

Das «bizarre Engagement des Präsidenten», wie es die «Washington Post» in diesem Zusammenhang verspürt, produziert zumindest ein nachhaltiges Resultat. Kaepernick, 2017 freiwillig aus einem längeren Vertrag in San Francisco ausgestiegen, weil er befürchtete, ohnehin gekündigt zu werden, wird seitdem von keinem einzigen der 32 Klubs auch nur zum Gespräch gebeten, geschweige denn zu einem Probetraining. Die anderen Spieler, die zunächst ebenfalls protestiert haben, lassen sich den Schneid abkaufen und stellen ihre Aktion ein. Kaepernicks Worte, die 2018 bei einer Ehrung von Amnesty International die alltägliche Brutalität als «gesetzlich erlaubtes Lynchen» bezeichnet hatten, gehen unter.

Kaepernick 2018 als Werbeikone

Im Dienst der guten Sache — und des Mammons: Kaepernick 2018 als Werbeikone über den Strassen von New York.

AFP via Getty Images

Es nützt nichts, dass amerikanische Intellektuelle den Protest aus der Athletenecke für vielversprechend halten. Wie etwa der Kulturwissenschaftler John Hoberman von der University of Texas, Autor des Buchs «Darwin’s Athletes», eine Abhandlung über Rassismus im amerikanischen Sport. Es sei «eine wirklich wichtige Aktion» gewesen, sagt Hoberman. Dass allerdings wohlhabende schwarze Sportler in den USA eine komplette politische Bewegung anschieben können, darüber ist er sich nicht sicher: «Möglich ist es, aber — was oft übersehen wird — Hochleistungssportler sind einfach nicht gut vorbereitet auf ein aktives politisches oder gesellschaftliches Engagement. Sie verfügen über keine besondere Bildung. Ich glaube, es sind nur sehr wenige Athleten geistig darauf vorbereitet, in Colin Kaepernicks Fussstapfen zu treten. Man kann nur hoffen, dass die politische Sensibilität in der Liga wächst.»

Tatsächlich funktioniert das gesellschaftliche Gedächtnis in den USA in rassistisch aufgeladenen Fragen vorhersehbar und nur partiell. Die 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos, die 1968 nach ihrem Protest während der Olympischen Spiele von Mexico City zu Parias erklärt wurden und berufliche Nachteile erlitten (siehe Seiten 20—23), oder der Boxer Muhammad Ali, der zur gleichen Zeit nur aufgrund eines Formfehlers einer Gefängnisstrafe als Kriegsdienstverweigerer entging, werden heute als Vorzeigefiguren für den mündigen Athleten gewürdigt.

Etwas Ähnliches passiert mit Colin Kaepernick, nachdem er gezeigt hat, dass er sich nicht einfach kaltstellen lässt. So verklagt er 2018 die Liga und ihre 32 Klubs, weil sie ihn unter Verstoss gegen amerikanisches Arbeitsrecht ausgesperrt hätten. Ein Verhalten, für das man inzwischen in Amerika den Begriff «blackballing» benutzt. Heutzutage beschreibt der Ausdruck den Versuch, jemandes Ruf so lange zu ramponieren, bis er keinen Job mehr bekommt oder sich Menschen weigern, mit ihm auch nur Umgang zu pflegen. Die Auseinandersetzung zwischen Kaepernick und der Liga endet Anfang 2019 in einer aussergerichtlichen Einigung, die ihm dem Vernehmen nach eine erhebliche Schadenersatzsumme einbringt.

”Ich stelle mich nicht hin, um meinen Stolz auf die Flagge eines Landes zu zeigen, das Schwarze unterdrückt“

Colin Kaepernick

Einen Job bekommt er nicht. Und das interessierte Publikum kann weiterhin nur spekulieren, worauf «die Erweckung des Colin Kaepernick» («New York Times») zurückgegangen ist. Amerikas einflussreichste Tageszeitung sieht in seiner Zeit an der Uni in Reno die prägende Phase. Das Blatt spricht mit Kommilitonen, die miterlebt haben, wie sich der junge Athlet auf der Suche nach einer Identität verändert und entwickelt hat. Rassistisch motivierte Anfeindungen sind damals an der Tagesordnung. Auch im Football, in dem inzwischen mehr als zwei Drittel der Profis dunkler Hautfarbe sind. Kaepernicks Spielverständnis von der Rolle des Quarterbacks geht vielen gegen den Strich. Im Unterschied zur traditionellen Arbeitsweise der weissen Spieler auf dieser Position entzieht er sich mit seinem Improvisationsvermögen und seiner Beweglichkeit der Uridee einer von autoritären Trainern nach Feldherrenart inszenierten Mannschaftssportart, bei der die Spieler nur Schachfiguren sind.

Damals geht Kaepernick über die Animositäten scheinbar selbstbewusst hinweg. Er küsst nach Touchdown-Pässen seinen tätowierten Bizeps. Eine narzisstische Geste, die mit dem Fantasie-Verb «kaepernicking» belegt wird. «Auf diese Weise sage ich: Mich interessiert es nicht, was Leute über meine Tätowierungen denken.» Seine Antworten gegenüber Journalisten werden immer einsilbiger und wirken nachgerade feindselig. Auf Twitter und Instagram allerdings könnte man erkennen, was ihn beschäftigt: die Texte von ermordeten Geistesgrössen des schwarzen Kulturlebens wie Malcolm X und Tupac Shakur zum Beispiel.

A protestor wearing a jersey of Ex-NFL Quarterback Colin Kaepernick

Leitfigur: Ein Mann trägt beim Protest das Shirt mit der Nummer 7.

José A. Alvarado Jr./Redux/laif
Protest in New York

Demonstrierende aller Hautfarben gegen Polizeigewalt in den USA tragen das Bild Kaepernicks diesen Juni über die Brooklyn Bridge. 

Corbis via Getty Images

So werden seine Aussagen auf diesen Plattformen immer pointierter. Erst recht, als er das Video von zwei Polizisten in Baton Rouge/Louisiana bei einer Festnahmeaktion sieht, das zeigt, wie sie einen schwarzen Amerikaner aus nächster Nähe erschiessen: Die Tötung eines unbewaffneten Mannes. Obendrein zieht die Staatsanwaltschaft die beiden Uniformierten trotz der Beweismittel und der Aussagen von Zeugen nicht vor Gericht.

Als im Herbst 2016 die neue Saison beginnt, sieht er sich genötigt, seinen Protest deutlicher zu formulieren. «Ich stelle mich nicht hin, um Stolz auf die Flagge eines Landes zu zeigen, das Schwarze und Menschen mit dunkler Hautfarbe unterdrückt», sagt er. «Das ist wichtiger als Football.»

Aber Football ist nicht unwichtig. Und so ist Colin Kaepernick fit und bereit, als Ende 2019 Bewegung in die Sache zu kommen scheint. Er erhält eine Einladung zu einem von der Liga organisierten Vorstellungstermin, zu dem alle interessierten Teams in Atlanta erwartet werden. Die NFL diktiert die Ansetzung allerdings nur wenige Tage im Voraus und besteht auf einer Entscheidungsfrist von nur zwei Stunden. «Irgendetwas stinkt hier», vermutet Jeff Nalley, der Agent des Quarterbacks. Kaepernick sagt trotzdem zu. Er verlegt aber das Probetraining kurzfristig vom Gelände hinter verschlossenen Türen der Atlanta Falcons auf eine Highschool-Anlage eine Autostunde entfernt, wo die Öffentlichkeit Zutritt hat.

Die Leistungsshow wird live auf YouTube übertragen, wo Tausende sehen, wie zielsicher Kaepernick noch immer das Leder-Ei an seine Mitspieler verteilt. Hinterher erklärt er: «Jetzt warten wir darauf, ob sich die NFL meldet oder eines der 32 Teams.» Die Liga reagiert mit einer Presseerklärung und tut darin so, als träfe sie an dem Hickhack keine Schuld. Bis heute hat kein Team auch nur ein Testtraining offeriert. Nach dem auf Video dokumentierten gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis und den landesweiten Protestaktion, an denen amerikanische Profisportler beteiligt sind, wirkt NFL-Commissioner Roger Goodell scheinheilig wie immer, als er erklärt: «Wir, die National Football League, geben zu, dass es falsch war, nicht den Spielern zugehört zu haben und sie zu ermutigen, den Mund aufzumachen. Wir glauben, dass schwarze Leben zählen.» Den Namen Colin Kaepernick erwähnt er nicht.

Kaepernicks Gesicht wird auch so weiter präsent sein. Zurzeit entsteht etwa eine sechsteilige Dokumentarfilm-Serie für Netflix über ihn. Dass er sich heute zurückhält, ist kein Zeichen für Resignation. Man muss zwar etwas genauer hinschauen, um seine Haltung in dem Konvolut seiner Tätowierungen zu erkennen. Aber die grösste von allen auf seiner Brust signalisiert deutlich, wie er tickt. «Against all odds» steht da. Allen Widrigkeiten zum Trotz.

Von Jürgen Kalwa am 24.07.2020
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