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So ticken die Königsanwärter

Die Favoriten am ESAF: Pirmin Reichmuth leidet unter Druck

Die jungen, durchtrainierten Athleten haben im Schwingsport das Zepter übernommen! Vor dem Eidgenössischen in Zug erklärt Sieganwärter Pirmin Reichmuth seine Gegner – und verrät sein Erfolgsgeheimnis.

Pirmin Reichmuth

Mit Köpfchen: Pirmin Reichmuth studiert auch wegen seiner Verletzungen Physiotherapie. Jetzt ist er fit.

Sven Germann

Endlich gesund: Vor sechs Jahren bestreitet der Chamer Pirmin Reichmuth als 17-Jähriger sein erstes Kranzfest. Ein Riesentalent, erkennt die Fachwelt. Bis heute (Stand Ende Juni) kommen lediglich 13 weitere dazu. Er holt zwar bei jedem Start den Kranz, doch gleich drei Kreuzbandrisse setzen ihn lange ausser Gefecht. Er denkt sogar ans Karrierenende. Nach zwei Jahren Pause greift er Ende 2018 bei kleineren Festen wieder ins Wettkampfgeschehen ein. Und wie! Die ersten drei Kranzfeste 2019 gewinnt er, auf dem Stoos wird er Zweiter. Endlich kann der 1,98-m-Modellathlet sein Potenzial ausspielen. «Ich habe die stetigen Fortschritte schon vergangenen Herbst gespürt», sagt der 23-Jährige.

Neben dem Sport studiert der gelernte Metzger an der Schule «Thim van der Lann» in Landquart Physiotherapie, hat eben das zweite von dreieinhalb Jahren mit den Prüfungen erfolgreich abgeschlossen. «Ich habe nur an drei oder vier Tagen wöchentlich Vorlesungen. Dieses Teilzeit-Studium lässt sich sehr gut mit dem Schwingen verbinden. Dass ich dabei den Kopf gebrauchen kann, hilft mir, ihn fürs Schwingen freizuhalten», sagt «Piri».

Grösse / Gewicht / Schuhgrösse 1,98 m / 118 kg / 49,5
Geboren am 17. 10. 1995
Verband ISV
Kränze 15 (3 Siege)
Im Netz pirminreichmuth.ch, Insta: @pirminreichmuth
Partner Stöckli, Imholz Autohaus Cham, Herzog Training, Winforce, Hummel, Nussbaumer, Rehazentrum Cham, Tinline, Axa, Abrogans

Nach Platz zwei auf dem Stoos war in den Medien schon vom «gefallenen Favoriten» zu lesen. Diese überhöhte Erwartungshaltung findet Reichmuth «fast schon beängstigend». Dass seine Gegner immer defensiver agieren gegen ihn, nimmt er hingegen als Zeichen der Anerkennung. Und mit Bruder Marco, 21, hat er einen perfekten Trainingspartner: «Er ist mir wie die meisten Gegner körperlich unterlegen, muss gegen mich entsprechend schwingen. Ich kann ihn kaum ‹ablegen›».

Ein Resultatziel hat Mitfavorit Reichmuth beim «Heimspiel» in Zug nicht. Aber eines weiss er: «Ein Königstitel würde mein Leben nicht auf den Kopf stellen. Der Abschluss des Studiums hätte weiterhin Priorität. Und mein gutes Umfeld mit Familie, Freundin Marion und Manager Michael Schiendorfer hilft mir, die Füsse am Boden zu behalten.»

Pirmin Reichmuth, rechts, und Toni Kurmann, links, 3. Gang beim Luzerner Kantonalen Schwingfest vom Sonntag, 2. Juni 2019 in Willisau. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Beim Luzerner Kantonalen Anfang Juni wirft er auf dem Weg zum dritten Saisonsieg in Willisau Toni Kurmann auf den Rücken.

Keystone

Das Interview mit Pirmin Reichmuth:

Ihre Erinnerungen ans ESAF 2016 in Estavayer auf einen Moment reduziert – was kommt Ihnen spontan in den Sinn?
Der Moment, als ich im achten Gang gegen Glaus Martin den Kranz gesichert habe und alle Kollegen zu mir liefen, um mich zu feiern. Das war das Grösste für mich.

Welches ist Ihr bevorzugter Schwung und weshalb?
Der Kurz. Ich habe ihn schon immer gut beherrscht, er kommt meiner Körpergrösse sehr entgegen.

Welchen Verband erwarten Sie am ESAF 2019 als Dominator?
Ich sehe uns Innerschweizer vorn. Wir haben diesmal ein sehr starkes Mittelfeld. Wobei alle Verbände in jüngster Vergangenheit sehr gut gearbeitet haben.

Für die Medien sind Sie mit Orlik, Giger und Wicki zusammen Favorit auf den Königstitel 2019. Was löst das bei Ihnen aus?
Es bestätigt meine Einschätzung, dass ich am richtigen Ort bin. Und etwas stolz bin ich drauf.

Was ist die jeweils grösste Stärke und Schwäche Ihrer Mitfavoriten?
Schwachstellen sucht man bei den Schwingern dieser Kategorie wohl vergeblich. Sonst wären sie nicht die Favoriten. Was die Stärken betrifft, ist Armon Orlik athletisch mit Abstand der Besttrainierte, vor allem im Rumpfbereich. Joel Wicki ist mental allen einen Schritt voraus. Er kann wie kein anderer mit den Emotionen des Publikums spielen, das pusht ihn extrem. Sämi Giger letztlich ist einfach der Stärkste, seine natürliche Kraft ist sagenhaft. Vergleiche ich mich mit ihm in seinem Alter, war ich geradezu ein «Hurlibueb».

«Bist du mal im Schlussgang, kommt es nicht mehr gross drauf an, auf wen du da triffst. Heikler ist der Weg dorthin»

Auf welchen Geheimtipp aus der «zweiten Garde» sollte man in Zug ein Auge werfen?
Ich würde gut auf Bösch Dani und Wenger Kilian achten. Niemand hat sie wirklich auf der Rechnung. Aber beide haben das Zeug, ganz zuvorderst mitzuschwingen.

Auf welchen Gegner würden Sie in einem allfälligen Schlussgang lieber verzichten?
Wenn du mal im Schlussgang bist, kommt es nicht mehr gross drauf an, auf wen du triffst. Da bist du in jedem Fall gut vorbereitet. Heikler sind die Gegner auf dem Weg dorthin.

Welchen Glücksbringer nehmen Sie nach Zug mit, und welches besondere Ritual wenden Sie im Umfeld Ihrer Kämpfe an?
Ich bin überhaupt nicht abergläubisch, habe nichts Spezielles oder gar ein Maskottchen dabei. Aber ich pflege fast schon rituelle Gewohnheiten. Ich habe immer Bündnerfleisch und Mutschli dabei, und nach jedem Gang esse ich eins davon. Und am Vorabend vor jedem Schwingfest gibts Spaghetti Carbonara, die mir meine Freundin Marion kocht. Das ist extrem wichtig für mich.

Wenn Sie als Zuschauer statt als Aktiver nach Zug fahren würden: Was würden Sie sich dort auf keinen Fall entgehen lassen?
Eine Schifffahrt auf dem See würde ich bei dieser Gelegenheit nicht verpassen wollen.

Piemin Reichmuth

Piemin Reichmuth gehört zu den Top-Favoriten am ESAF 2019.

Sven Germann

Was ist der geilste Preis, den Sie jemals von einem Schwingfest nach Hause mitgenommen haben? Was würden Sie als Festsieger mit dem Muni anfangen?
Eine riesengrosse Treichel, die ich beim Eidgenössischen in Estavayer gewonnen habe. Sie steht auf dem Boden, weil sie viel zu schwer ist zum Aufhängen. An den Muni verschwende ich noch keine Gedanken.

Wer ist der Schwingheld Ihrer Jugendtage?


Zuerst war es Pippo Laimbacher, mittlerweile ist Martin Grab ein Vorbild für mich geworden. Sein Schwingstil ist meinem sehr ähnlich, wir pflegen auch regen persönlichen Kontakt. Sein unschönes Karriere-Ende hat mich sehr getroffen und traurig gestimmt.

Welchem Athleten aus einem anderen Teilverband stehen Sie besonders

nahe, und was ist das Speziellste, was

Sie zusammen neben dem Sägemehlring schon erlebt haben?


Eigentliche Freundschaften über die Verbandsgrenzen hinaus pflege ich nicht wirklich. Aber wir haben einen sehr guten Austausch mit den Freiämter Schwingern aus dem Nordwestschweizer Verband, wie Joel Strebel, Yanick Klausner oder Lukas Döbeli. Sie trainieren beim gleichen Athletiktrainer wie wir.

Wer wird Schwingerkönig 2019 in Zug?


Ganz einfach: Sechs, sieben Schwinger haben technisch und athletisch den Sieg drauf. Aber gewinnen wird jener Athlet, bei dem es am Tag X im Kopf am besten stimmt.

Von Iso Niedermann am 19. Juli 2019