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Sport historisch – Ayrton Senna

Vom Virtuosen zum Mythos

Vor 25 Jahren verliert die Königsklasse ihren Regenten. Durch den tragischen Unfalltod wird der brasilianische Formel-1-Weltmeister ­Ayrton Senna zum Helden für Fans und Stars zugleich.

Ayrton Senna of Brazil
Getty Images

DAS TRAURIGE ENDE
muss in dieser Geschichte am Anfang stehen. Denn es gibt wenig, was die oft so stolze, so kalte, so emotionale Formel 1 ähnlich in Mitleidenschaft gezogen hat wie die Ereignisse an jenem ersten Mai-Wochenende im italienischen Imola vor 25 Jahren. Eine Tragödie, die mit einem schweren Unfall von Rubens Barrichello am Freitag beginnt, sich mit dem Tod des Österreichers Roland Ratzenberger am Samstag fortsetzt und in dem tödlichen Crash von Ayrton Senna am Sonntag gipfelt. Der Motorsport, der von seinen strahlenden Helden lebt, zeigt seine hässliche Fratze. Das Limit ist überschritten. «Es war, als ob die Sonne auf die Erde gefallen ist», sagt Sennas Freund und Kollege Gerhard Berger. 

Die Königsklasse hat nicht nur ihren Regenten verloren, sondern vorübergehend gar ihren Sinn. Viele Fahrer fragen sich damals, ob sie weitermachen wollen. Alle tun es dann, als ob sie es Senna schuldig wären. Das Schicksal steigert die Popularität des nur 34 Jahre alt gewordenen Brasilianers, so makaber das klingt, überhöht ihn manchmal als Menschen. Bis heute. Aber sein Tod hilft auch, viele Rennfahrerleben zu retten, denn aus dem Schock entwickelt sich der Trotz. Mit Michael Schumacher erscheint ein neuer Fixstern, er pulverisiert alle Rekorde. Doch es geht nicht um die Frage, wer der grösste Fahrer der Geschichte ist, das wird immer Ansichtssache bleiben. Es geht um den Mythos, der an diesem schwarzen Wochenende geboren wird. «Als hätte man Jesus live im Fernsehen gekreuzigt», befindet Bernie Ecclestone. Für Motorsport-Fans war das wohl so. 

FORMEL 1: GP von San Marino, Imola, 01.05.1994 Unfall: Ayrton SENNA

1. Mai 1994: Der Unfall mit Todesfolge von Ayrton Senna am GP von San Marino in Imola schockiert Fahrer und Fans rund um den Globus. 

Sygma via Getty Images

«Als hätte man Jesus live im Fernsehen gekreuzigt»

Bernie Ecclestone

DER UNFALL 
Die Tamburello-Kurve im Autodromo Enzo e Dino Ferrari wirkt wie ein asphaltierter Bogen in einer Parklandschaft in der blühenden Emilia Romagna. Wenn da nicht diese hässliche Mauer wäre. Weder die Strecke noch der Williams-Rennwagen von Ayrton Senna sind bei diesem Grossen Preis von San Marino 1994 gegen einen Aufprall jenseits der 300 km/h entsprechend gesichert. Schon gar nicht, wenn ein Formel-1-Auto am Scheitelpunkt ausbricht, einfach geradeaus auf den Wall zurast und in einem spitzen Winkel mit Tempo 214 einschlägt. Die Lenksäule am Auto des dreimaligen Weltmeisters ist gebrochen, aber ob es Ursache oder Folge des Dramas gewesen ist? Schnell wird klar, dass die Kopfbewegungen, die die Fernsehreporter in ihrem Zweckoptimismus ausgemacht haben wollten, ein Trugschluss sind. Senna wird mit dem Rettungshelikopter ins nahe Bologna geflogen, aber zu retten ist er nicht mehr. Dass er offiziell nicht auf der Strecke ums Leben kommt, sondern am Leben erhalten wird, verhindert einen sofortigen Rennabbruch, den die Staatsanwaltschaft sonst hätte anordnen müssen. Nach dem Neustart siegt Michael Schumacher, mit Tränen in den Augen. 

Brazil Sennaas Impact

Bestürzung über den Crash von Ayrton Senna bei Michael Schumacher, Flavio Briatore und Gerhard Berger (v. r.).

ASSOCIATED PRESS

«Es war, als ob die Sonne auf die Erde gefallen ist»

Gerhard Berger

DER BESTE FREUND 
Formel-1-Chefarzt Sid Watkins, der so vielen Rennfahrern nach schweren Unfällen das Leben retten konnte, ist einer der Ersten an der Unfallstelle. Er kann nichts mehr tun. «Wir haben ihn aus dem Wagen gehoben, und als wir ihn auf den Asphalt legten, seufzte er. Ich bin absolut ungläubig, doch in diesem Moment hatte ich das Gefühl, als hätte ihn seine Seele verlassen.» Ein Aufhängungsteil hat sich durch den Helm gebohrt, überall ist Gehirnmasse. Am Abend zuvor hatte ihm ein Freund geraten, doch lieber angeln zu gehen. Denn Senna war schockiert über Ratzenbergers Tod. «Was willst du noch beweisen!?» Senna antwortet nach langem Überlegen: «Ich kann nicht aufhören, ich muss weitermachen.» Ein ewig Getriebener, dessen Besessenheit selbst über Angst und Vernunft siegt. 

Ayrton Senna im Gespräch mit Sid Watkins

30. April 1994: Ayrton Senna im Gespräch mit Sid Watkins

Getty Images

DIE VORWÜRFE 
«Was den Unfall verursachte, lässt mich bis zum heutigen Tag nicht los», gesteht Konstrukteur Adrian Newey, «die wenigen Haare, die ich noch hatte, fielen mir aus. Die Selbstzweifel wogen für mich viel schwerer als die offizielle Anklage. Es waren dunkle Wochen.» Der erfolgreichste Rennwagendesigner der Formel 1, der heute für Red Bull Racing arbeitet, spürt trotz der abgewiesenen Anklage der italienischen Staatsanwaltschaft die Ressentiments der Motorsportgemeinde: «Viele gaben uns die Schuld. Als hätten wir der Welt ein Gemälde von Michelangelo gestohlen.» Schnell gibt es Gerüchte über Manipulationen des Teams, um das Auto konkurrenzfähig zu halten. Vor allem nachdem man bei Williams überzeugt gewesen ist, dass in Michael Schumachers Benetton die verbotene Traktionskontrolle noch irgendwo versteckt und aktiviert wird. «Ich glaube nicht, dass jemals jemand erfahren wird, was genau bei dem Unfall passiert ist», meint Newey. 

Ayrton Senna of Brazil
Getty Images

DIE KONSEQUENZEN 
Nach der ersten Schockstarre bleibt vieles nicht mehr so sorglos, wie es war. Vermarkter Bernie Ecclestone fürchtet nach dem Schicksalsschlag um das Image der Formel 1, sein Freund Max Mosley als Präsident des Automobilweltverbandes FIA startet eine Sicherheitskampagne, die beispielhaft ist und dreistellige Millionensummen verschlingt. Mit dem Resultat, dass über zwei Jahrzehnte kein Pilot mehr auf einer Formel-1-Piste ums Leben kommt. Die Piloten erhalten ein Kopf-und-Nacken-Geschirr, Cockpits werden gepolstert, Crashtests verschärft. Safety first. Sid Watkins wird ein Vorkämpfer, auch Michael Schumacher. Alles, was in der Champions League für sinnvoll und sicher befunden wird, ist dann Pflicht, bis hinunter in die Nachwuchsklassen, wo es prinzipiell drei Helden gibt, denen die Wilden nacheifern: Schumi, Lewis Hamilton – und Senna. 

Ayrton Senna mit seinem Helikopter in São Paolo, nur Monate vor seinem Tod.

Ayrton Senna mit seinem Helikopter in São Paolo, nur Monate vor seinem Tod. 

Gamma-Rapho via Getty Images

«Ayrton war eine Inspiration, nicht nur für mich. Er hat dem Sport so viel gegeben»

Michael Schumacher

ER TYP 
Ayrton Senna da Silva ist ein Virtuose hinter dem Lenkrad, mit einem ebenso von Perfektion wie von Leidenschaft geprägten Fahrstil. Mit einer Aura, die ausserhalb des Cockpits die Menschen magisch anzieht, obwohl er sich eher schüchtern gibt. Die Schönen und die Reichen sind sein Umgang, aber er ist auch ein Messias des Volkes. Die extremen Gegensätze passen zu ihm. So verständnisvoll er Freunden gegenüber ist, so verbissen ist er auf der Strecke, eigentlich betrachtet er das ganze Leben als einzigen Wettbewerb. Für ihn geht es nicht ums Siegen-Wollen, es ist fast ein Muss. Jeder WM-Titel ist wie eine Befreiung. Aber dieses Gefühl ist nur von kurzer Dauer, dann hält ihn wieder der Ehrgeiz gefangen. In der Startaufstellung hält er die Augen lange geschlossen, mehr an Konzentration geht nicht. Hebt er ihn, spricht aus seinem Blick eine melancholische Gnadenlosigkeit. Manchmal, wie auf der schnellsten Runde in Monte Carlo, vergisst er im Cockpit schlichtweg zu atmen, so sehr fokussiert er sich auf sein Tun hinter dem Lenkrad. «Ich empfinde es als Privileg, dass ich gegen ihn fahren durfte. Wir hatten einige harte und einige sehr gute Duelle, so wie wir auch privat harte und gute Zeiten hatten. Ayrton war eine Inspiration, nicht nur für mich. Er war ein Symbol, er hat dem Sport so viel gegeben», bilanziert Michael Schumacher einmal, lange nach Imola. Derjenige, der ihm in der Formel 1 von heute am nächsten kommt, ist der Weltmeister Lewis Hamilton, der längst die Rekorde seines Vorbilds gebrochen hat. «Ayrton hat mich inspiriert, mit dem Rennsport überhaupt anzufangen. Dann war mein Held gegangen, und es war schwierig für mich, mit meinen Gefühlen umzugehen. Noch heute können wir alle etwas lernen davon, wie er die Dinge angegangen ist. Und für mich wäre es das Schönste, wenn die Leute sich eines Tages an mich erinnern sollten als einen, der so ähnlich gefahren ist wie er.»

FUNERAILLES AYRTON SENNA

Auf einem Feuerwehrauto wird Senna durch seine Heimatstadt gefahren.

Marta NASCIMENTO/REA

«Er war schon zu Lebzeiten eine mythische Figur»

Damon Hill

DER GLAUBE 
Zu Sennas Charisma gehört, dass er mit seiner Rücksichtslosigkeit die Machos in den Bann ziehen kann und mit seinem Charme die Models. Seine intensivste Beziehung ist wohl die zu Gott, selbst im Cockpit ist ihm der Schöpfer nah. «Ich spüre dort seine Gegenwart.» Sonst ist der Bereich zwischen Leben und Tod tabu für ihn. Denn seine Überzeugung ist, dass Gott ihn beschützen werde. «Warum fragt ihr immer nach dem Sterben?» Der Brite Damon Hill, Sennas Teamkollege in dem Schicksalsjahr, sagt über den Brasilianer: «Er war schon zeitlebens wirklich eine mythische Figur. Die Japaner und die Brasilianer sahen einen Gott in ihm.» In seinem Wohnmobil liegt immer eine Bibel, Senna sucht sich eigene Wege für seinen Glauben. Einer davon ist, dass er sich sicher wähnt, nie das eigene Limit, nicht die Grenzen des Materials zu überschreiten. Auch sein letzter Teamchef, Frank Williams, nimmt bis zum letzten Tag an: «Ayrton ist für mich unverwundbar.» 

Ayrton Senna's Funeral In Sao Paolo

Nachdem der Sarg per Flugzeug nach Brasilien überführt wurde, findet in São Paolo die Beerdigung statt.

Sygma via Getty Images

Sennas Karriere

3 Weltmeister-Titel
(1988, 1990, 1991)

 161 GP-STARTS, 41 SIEGE
Beim GP Brasilien 1984 gibt Senna sein Formel-1-Debüt, bis zum verheerenden Unfall gewinnt er 41 Grosse Preise mit Toleman, Lotus, McLaren und Williams. 

65 POLE-POSITIONS
Den Startplatz in der ersten Reihe holt er bei mehr als einem Drittel seiner Rennen. 

DAS LETZTE GELEIT 
Sein Physiotherapeut Jo Leberer, der später beim Sauber-Rennstall anheuert, hat Ayrton Senna als «intensiven Menschen» wahrgenommen. Leberer hat am Tag vor der Tragödie Geburtstag, es wird ein bedrückter Abend. Am Sonntag schafft es der Österreicher noch ins Krankenhaus, sieht seinen Freund an der Herz-Lungen-Maschine, die ihn für ein paar Stunden am Leben erhält. Er sieht die furchtbaren Kopfverletzungen und weiss, dass es aussichtslos ist. Die Familie Sennas bittet Leberer, den Sarg nach Brasilien zu überführen. In der Mitte der Business Class einer Varig-Maschine werden die Sitze entfernt. Dort ist Senna aufgebahrt. Als die Maschine den brasilianischen Luftraum erreicht, steigen Kampfjets auf und geben dem Nationalhelden das letzte Geleit. Auf einem Feuerwehrauto wird der tote Rennfahrer durch seine Heimatstadt São Paulo gefahren. Der traurige Korso führt kilometerlang durch Strassen, die von zwei Millionen Menschen gesäumt werden. Auf dem Cemitério do Morumbi, an der Stadtautobahn in Richtung der Rennstrecke von Interlagos, liegt seine letzte Ruhestätte. Immer noch finden sich dort fassungslose Menschen ein, die von der gleichen Frage bewegt werden: Einer wie Senna kann doch nicht einfach tot sein. 

In der Tamburello-Kurve haben Fans eine Widmung eingekratzt: «Addio, campeone.» Ayrton Senna da Silva wusste genau, was er tat. «Das Leben eines Rennfahrers spielt sich in Tausendstelsekunden ab.» Und in genau dieser Zeitspanne kann es auch vorbei sein. 

Von Elmar Brümmer am 19. Juli 2019