1. Home
  2. Specials
  3. Tonangeber: Im Gespräch mit Marius Bär: Super Marius

Tonangeber: Im Gespräch mit Marius Bär

Super Marius

Vom lauten Wachtmeister zum Strassen­musiker zum “SRF 3 Best Talent” an den Swiss Music Awards – der Appenzeller Marius Bear fährt auf der Überholspur.

Marius Bär

Kein Grund zur Skepsis: dem Appenzeller Musiker Marius Bear läufts wie geschmiert.

© ROB LEWIS PHOTOGRAPHY

Unser Interview ist für zehn Uhr morgens angesetzt, im «Kosmos» an der Europaallee, dem angesagten Kulturzentrum in Zürich. Der Manager meinte vorab, vielleicht würds ein paar Minuten später, Marius käme aus dem Appenzell angereist. Ich stelle mich auf eine längere Wartezeit ein, schliesslich erwarte ich einen jungen Popstar. Einen Musiker. Und die gehören ja eher der nachtaktiven Spezies an. Punkt zehn wirds ein bisschen dunkler im «Kosmos», ein Schatten fällt auf meinen Kaffee – Auftritt Marius Bear. Super pünktlich, ausgesucht höflich, hellwach.

Und nicht zu übersehen: Der Kerl ist breit wie ein Wandschrank und ebenso hoch. Sein Händedruck ist kräftig und warm, wie man das von einem Mann vom Land erwartet, wo ein Handschlag noch gilt. Passender könnte der Künstlername von Marius Bear – bürgerlich Marius Hügli – aus dem Appenzell nicht gewählt sein. Es geht was Bäriges von dem bald 26-Jährigen aus, nichts Gefährlich-Grizzlyhaftes, eher was Gemütlich-Teddybäriges. 

Die Karriere begann auf dem Kasernenhof

Unerwartet ist allerdings seine Stimme. Und um die gehts bei Marius Bear. Was da an Volumen und Intonation aus dem 125-Kilo-Klangkörper des Künstlers kommt, geht beim Zuhören direkt ins Herz und sorgt für Hühnerhaut. Seine tiefe, raue Singstimme trug dem Gewinner eines Swiss Music Award den schmeichelhaften Vergleich mit Joe Cocker ein, dem Blues-Barden aus Sheffield mit dem whisky- und nikotinmarinierten Organ. Selbst sein Manager sei schon reinge­fallen, als am Radio ein Cocker-Klassiker gespielt wurde und er diesen für einen Bear-Song hielt.

Wenn Marius nicht singt, sondern spricht, tönt es weniger dramatisch, auch wenn er im «Kosmos» nicht zu überhören ist und die Blicke der Besucher und vor allem der Besucherinnen auf sich zieht. Mit Verve erzählt er vom Karrierestart auf dem Kasernenhof, wo sein stimmliches Potenzial erstmals auffiel, über seine Zeit als Strassenmusiker bis zum grossen Moment, wo er den Titel «SRF 3 Best Talent» und den dazugehörigen Betonklotz entgegennehmen durfte.

Style: Gratulation zum Swiss Music Award!
Marius Bär: (Breites Bärchen-Smile) Danke!

«Als Star mag ich mich nicht bezeichnen.»

Wie fühlt man sich als Star?
(Das Bären-Smile wird noch breiter.) Also als Star mag ich mich nicht bezeichnen. Ed Sheeran ist ein Star, ich doch nicht. Aber die Wertschätzung, die mit so einem Preis wie dem «SRF 3 Best Talent» der Swiss Music Awards verbunden ist, tut schon gut. Wir haben schliesslich sehr lange daran gearbeitet. 

Wo steht der Betonklotz denn jetzt?
Im Bandraum, bei mir daheim im Atelier. Hier proben wir in einer umgebauten Scheune. Än Gadä im hintersten Krachen, direkt an der Sitter.

Sie reden stets von «wir», wenn Sie über Marius Bear reden. So bescheiden …
Nur realistisch. Auch hinter einem Solokünstler stehen viele Leute. Bei uns sind das acht bis zehn. Jeder hat seinen Part, vom Fotografen über den Grafiker, den Musiker, den Sound-Engineer und, und, und. Eine richtige kleine Firma!

Sie setzen seit fünf Jahren voll auf die Karte Musik. Gab es den einen Moment, wo Sie merkten, jetzt klappts?
Es ging alles Schritt um Schritt vorwärts. Man muss einfach hartnäckig dranbleiben. Aber es gab da letzten September dieses Reeperbahn-Festival in Hamburg. Wir hatten so positive Reaktionen auf unseren Auftritt, grossartig, es fühlte sich alles richtig an. 

Sie sind vielleicht der einzige Popmusiker, der seine Karriere dem Militär verdankt. Passt irgendwie nicht zusammen: Militär und Showbusiness.
Viele mögen jetzt die Nase rümpfen, aber mir hats in der Rekrutenschule eigentlich ganz gut gefallen. Da habe ich gemerkt, dass das Militär die vielleicht grösste Sozialvereinigung in unserem Land ist. Im Dienst kommen so viele verschiedene Leute zusammen. Vom Banker über den Buchhalter bis zum Hipster bis zu mir, dem Appenzeller Puur. Alle sind gleich angezogen, alle müssen durch dasselbe dürä. Das fördert das Verständnis füreinander. Grad heute, wo jeder sich in seiner persönlichen Bubble bewegt, es sich in seinem eigenen kleinen Universum gemütlich macht, finde ich es hilfreich, mit anderen auskommen und zusammenarbeiten zu müssen. Nach der RS habe ich dann weitergemacht und die Offiziersschule angefangen. Als Wachtmeister musste ich ständig schreien und laut herumkommandieren. Da meinte ein Kollege, mit dieser Stimme müsse ich singen. Am besten Grunge!

«Ich ging als Strassen­musiker nach Freiburg, weil mich da niemand kannte. Singen war mir peinlich.»

Schön für uns, ist es nun nicht Grunge, sondern … wie bezeichnen Sie denn Ihre Musik?
Raw Pop.

Roher Pop. Trifft Ihren kernigen, ungeschliffenen Sound auf den Punkt. 
Haben Sie diesen Begriff erfunden?

(Wieder das Bear-Smile.) Ja. Gut, gell?!

Wie gings dann weiter?
Wir haben abends im Zimmer ein bisschen gejamt. Ich spielte ja bereits Gitarre, hatte auch viele Jahre Unterricht, habe mich aber nie getraut, zu singen. Das war mir peinlich. Dann habe ich mich entschlossen, es als Strassenmusiker zu probieren. In Freiburg habe ich damit angefangen.

Warum Freiburg? Gelten die Freiburger als besonders musikbegeistert? Oder als sehr spendierfreudig?
Nein, ich wollte einfach so weit von Appenzell weg wie möglich …

Also da gäbs schon noch weiter entfernte Orte …
Ja klar, aber mir reichte, dass mich da niemand kennt. Und Freiburg ist eine läbigi Studentenstadt, man spricht eine andere Sprache, hier ist immer was los. Und das Leben ist günstiger als in der Deutschschweiz. Ich fand eine Bleibe für sechshundert Franken und war dann acht Monate mit Zug und Bus in der ganzen Schweiz unterwegs. Es war spannend, mal eine Weile von der Hand in den Mund zu leben. Keinen Plan zu haben. Und keinen Wachdienst. Zu sehen, was passiert. 

Und – was ist passiert?
Es war grossartig. Ich habs total genossen: die Begegnungen, das Musikmachen, das Unterwegssein. Ich bin manchmal zwei Wochen nicht nach Hause gekommen, sondern von Sofa zu Sofa gesurft. In Luzern wurde ich von der Strasse weg für eine Hochzeit engagiert und bekam dreihundert Franken. In Lausanne wohnte ich bei einem Kollegen aus dem Militär und trat an Studentenpartys auf. In Winterthur spielte ich vor einem Käseladen, und bei Ladenschluss überreichte mir die Käsehändlerin einen Fünfziger – für die tolle Unterhaltung und den Mehrumsatz. In Luzern hörte mich der Chef von Radio Zürisee spielen, pickte mich von der Strasse auf und vermittelte mich an einen Produzenten. Und der hat mich unter Vertrag genommen. Das bestärkte mich enorm im Entschluss, voll auf die Musik zu setzen.

 Marius Baer

Den Künstlernamen Marius Bear gaben ihm andere, aber «er passt zu mir, ich bin mal ruhig, mal laut. Ausserdem bin ich so breit gebaut wie ein Bär.»

© ROB LEWIS PHOTOGRAPHY

Sie haben Baumaschinenmechaniker gelernt, Ihre Eltern besitzen eine Baumaschinenfirma. Waren Sie da nicht als Nachfolger gesetzt?
Ja schon. Ich bin ja in der Firma auf­gewachsen, habe als Kind hier gespielt und als Teenie hier gejobbt. Aber meine Eltern haben keinerlei Druck ausgeübt, sondern mich sehr unterstützt. Mein Vater platzt fast vor Stolz, und er kommt heute an fast alle unsere Konzerte. Undda ist ja noch mein jüngerer Bruder, der heute bei Sulzer in Winti arbeitet … Wenn Druck da war, dann habe ich mir den selber gemacht. Mit Fragen wie: Nehme ich das Risiko auf mich, voll auf die Musik zu setzen? Oder doch besser ein normaler Job, die Sicherheit? Ich habe mich für die Musik entschieden. Zu Recht, wie wir sehen und hören. 

Neben einer grossen Konzerttournee studierten Sie in London an einer renommierten Schule, die schon Tom Odell, George Ezra und James Bay hervorgebracht hat. Was genau?
Ich studierte ein Jahr am British and Irish Modern Music Institute (BIMM) das Fach Music Production. Die Schule war gut für das technische Know-how und um Kontakte zu knüpfen. In London gibts so einige Sofas, wo ich heute Gastrecht geniesse. Ich bin jetzt oft in London zum Arbeiten, am Songschreiben.

Ihr Englisch ist astrein. Haben Sie das in so kurzer Zeit gelernt?
Mein Englisch stammt aus der Schule und von diversen Sprachaufent­halten. Ist wohl ganz passabel. Im Gegensatz zu meinem Französisch.

Sie gaben letztes Jahr rund 30 Konzerte. Spielen Sie lieber in einem Klub vor dreissig Leuten oder auf einer grossen Bühne vor Tausenden Fans?
Erst waren mir Klubkonzerte vor einem kleinen Publikum lieber. Mittlerweile finde ich aber auch grosse Bühnen und viel Publikum richtig geil. Am besten gefällt mir, wie durchmischt altersmässig unser Publikum ist. Da kommen Leute von zwanzig bis sechzig. Und wenn die Leute mit einem Riesensmile im Gesicht gehen, dann bin ich glücklich. Und wenn sie noch die CD kaufen, erst recht. Mir ist der Kontakt zu den Fans wichtig, ich will wissen, was ihnen gefallen hat, was weniger.

Sie wurden von den Medien schon als der junge Joe Cocker der Schweiz gehypt. Freut Sie dieses Kompliment?
Ja klar. Wen würde das nicht freuen? Wir reden ja immerhin von Joe Cocker! Aber musikalisch sind wir in einer anderen Richtung unterwegs, mit viel mehr Drums, zeitgemässer.

Wie pflegen Sie Ihre tiefe Stimme – mit Whisky und Zigaretten?
Eher mit einem Appenzeller.


Sie tragen heute Jeans, T-Shirt, eine feldgraue Jacke. Ist das Ihr Bühnenoutfit?
Also das mit dem Styling ist nicht so mein Ding, mit meinen 125 Kilo und der Bärenpostur. Über Klamotten habe ich mir bisher kaum Gedanken gemacht. Aber es gehört halt dazu. Ich finde, es braucht auf der Bühne so eine Art Arbeitskluft, ich bin ja schliesslich am Arbeiten da oben. Ich lasse mich nun von Paulo Viana beraten, dem ehemaligen Schneider von Hannes B. Er hat im Appenzell einen Stoff gefunden, der perfekt zu mir passt. So was Robustes, Grobes, Langlebiges, im Stil meiner Armeejacke aus den Fünfzigern, aber eben stylisher. Im Anzug wird man mich aber selten sehen. Auch nicht in Turn­schuhen. Aber in Lederschuhen, da bin ich auf den Geschmack gekommen.


Reden wir von der Musik. Sie schreiben Ihre eigenen Lieder. Wie geht das? Ist da erst die Melodie oder der Text?
Unterschiedlich, mal ists zuerst ein Stückchen Melodie, mal ein Stückchen Lyrics. Mir gehen ständig Melodien und Sätze im Kopf rum. Mit diesen Notizen gehe ich dann nach London, da entstehen im Teamwork Songs daraus. Ich war jetzt grad drei Wochen daheim, hatte Zeit für Spaziergänge in der Umgebung – und das alles ist dabei zusammengekommen. Die hat übrigens noch niemand gehört. (Er zeigt auf dem Handy Audio-Files und Textnotizen in beeindruckender Menge plus fertige Songs, die für mehr als eine LP reichen!)

«Meine Traumbühne? Der Madison Square Garden? Das O2 in London? Nein, das Hallenstadion!»

Wir freuen uns! Wie werden Sie in Ihrer Heimat, wenn Sie in die Dorfbeiz gehen, behandelt – jetzt, da Sie ein Star sind?
(Neues Bären-Grinsen.) Äbä, das mit dem Star … Nicht anders als vorher! Ich bin ja auch kein anderer als vorher. Ich will ja als Musiker authentisch sein und eben nicht «nur» der junge Joe Cocker. Sondern Marius Bear. Und ja klar freue ich mich, wenn man mir gratuliert.

Und Ihre Eltern sind stolz auf den berühmten Sohn?
Wenn wieder etwas über mich in der Zeitung steht, sagt meine Mutter immer, jetzt könne sie nicht in die Migros, weil alle im Dorf sie darauf ansprächen. Aber natürlich freuen sie sich mit mir.

Ihnen läufts prima. Wenn Sie trotzdem bei der guten Fee einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das? Zum Beispiel für einen Auftrittsort?
Hmm, der Madison Square Garden? Oder das O2 in London? Nein, ich habs: das Zürcher Hallenstadion!

Und für ein Duett? Es darf ruhig in der Grössenordnung Lady Gaga sein. Die Fee erfüllt jeden Wunsch.
(Lautes Bären-Lachen, kurzes Stirnrunzeln.) Mit Popmusikerin Billie Eilish.

Okay, das Duett von Lady Gaga mit Bradley Cooper ist auch kaum zu toppen. Haben Sie den Film gesehen?
Ja, zweimal sogar. Meine Freundin ist ein Kinofan, sie hat mich mitgenommen. Mir gefiel, dass der Film so old school war. Den Queen-Film haben wir auch gekuckt, klasse! Philip Andrew, ein Schauspieler aus der Ostschweiz, der in London arbeitet, spielt da mit. So kamen wir zu einer Einladung an die Schweizer Premiere.

Sie haben eine Freundin! In London?
Nein, ich habe sie zwar in England kennengelernt, in Brighton. Sie stammt aber aus Herisau und wohnt in Weinfelden. Sie geht super damit um, dass wir keine normale Beziehung führen, dass ich dauernd unterwegs bin. Und damit, dass ich sehr auf die Musik fokussiert bin. Ist sie Ihrem Gesang erlegen? Nein, sie wusste nicht einmal, dass ich Musiker bin, als wir uns kennenlernten. Und sie mag eigentlich andere Musik, als ich sie mache. Mich hat sie als Mensch gern.

Ausser Ihrer Liebsten, was vermissen Sie von der Heimat, wenn Sie in der Ferne sind?
Alles! Nein, im Ernst, ich vermisse nichts in meinem Leben. Ich arbeite mit Musik, mit tollen Leuten, jeden Tag, und das fühlt sich überhaupt nicht wie Arbeit an. Es ist das, was ich am liebsten mache.  

Tourneedaten: mariusbear.com

Von Anita Lehmeier am 12. April 2019