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«Pole, pole!»

So schafft ihr es, den Kilimandscharo zu besteigen

Wer einigermassen fit ist und einen erfahrenen Bergführer engagiert, schafft das. Grösste Gefahr auf dem Weg zum Dach von Afrika: heftige Kopfschmerzen, die zum Umkehren zwingen.

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Majestätisch Der Uhuru Peak ist das Ziel. Fünf Nächte im Zelt, erwachen mit Blick auf den Gipfel.

Shutterstock

Franz Schuler ist der Chef der Gruppe. Ein Mann der Berge, in der Schweiz und auf der ganzen Welt daheim. Seine berühmteste Kundin ist auch dabei: Maria Anesini-Walliser, Ski-Weltmeisterin und Weltcup-Queen, heute Gipfelstürmerin (Elbrus, Montblanc), noch immer in hervorragender physischer Verfassung. Bergführer oder Sportstar muss man nicht sein, um den Kilimandscharo (5895 m) zu besteigen. Normale Fitness und eine Prise Abenteuerlust genügen. Eilig hat man es ohnehin nie auf dem langen Weg zum Gipfel. «Pole, pole» ist das Wort der Woche – «langsam, langsam». Das ist keine Empfehlung. Das ist ein Befehl.

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Die Kilimandscharo-Expedition beginnt im Flachland, daheim. Im Bächli Bergsport etwa, einem Spezialgeschäft für Alpinisten. Der Laie staunt, was es denn so alles braucht für diesen Trip. Bergführer Franz hat eine lange Einkaufsliste verschickt, ein ganzes A4-Blatt voll. Wir packen ein und haken ab: Trekkingschuhe für die ersten Etappen, Bergschuhe für die letzten Stunden hoch zum Gipfel, Wanderstöcke, wie sie die Walker im Tal dabeihaben, Thermosflaschen, Gore-Tex-Klamotten, Thermowäsche, Handschuhe wie ein Eskimo, Stirnlampe für den Aufstieg bei Nacht. Und einen superwarmen Daunenschlafsack. Den kann man gebrauchen: Es ist nachts saukalt am Kili. Null Grad im Zelt, Minusgrade draussen. Etwas fürs Gemüt muss auch noch mit auf die Reise: Trockenfleisch, Walliser Brot, Schokolade – und im Flachmann ein ordentlicher Single Malt. Für die Moral. Gegen Durchfall. Die Spielregeln sind allen Teilnehmern bekannt: Zwanzig Kilo schleppen die «Porters» (auf dem Kopf!) Richtung Kilimandscharo, der Rest muss in den eigenen Rucksack. Die Zwanzig-Kilo-Limite ist heilig: Das Gepäck kommt an den Haken einer mobilen Waage, Übergepäck bleibt unten im Basislager.

Reisetag. Mit Qatar Airways geht es erst nach Doha, dann nach Kilimanjaro Airport und mit einem rostigen Kleinbus zwei Stunden lang nach Marangu. Eine letzte Nacht – in der gemütlichen Fortune Lodge – ohne Einschlafsorgen, in einem bequemen Bett. Und eine letzte Dusche. Dann gehts los. Der Laie staunt, wie gross der Tross ist: Franz Schuler hat zehn Kunden dabei. Dafür braucht es fünf lokale Guides. Und dazu noch 39 Träger. Es muss viel hoch zum Berg: unser Gepäck. Ein Küchenzelt. Ein Essenszelt. Die Schlafzelte. Auf einigen Routen auch ein mobiles WC. Die erste Etappe auf der Rongai-Route ist beschaulich: angenehme Temperaturen, T-Shirt-Wetter. Und am Wegrand freundliche Beobachter: fröhliche kleine Affen, die sich von Ast zu Ast schwingen. Erstes Ziel ist das Simba Camp (2771 m), ein dreistündiger Marsch durch den Regenwald. Warm-up gewissermassen.

Die erste Nacht am Berg? Im Simba Camp ist alles vorbereitet. Die flinken, schmächtigen Porter huschen beim Aufstieg stumm an uns vorbei; «Pole, pole» gilt für sie nicht. Die kleine Zeltstadt steht bereit: Zweierzelte für die Nacht, ein uraltes, aber gemütliches Zelt fürs Diner, schon fast romantisch bei Kerzenlicht. Pfadilager-Stimmung. Gute Gespräche. Der Koch kann was. Jeden Abend eine warme Suppe. Reis oder Teigwaren zwecks Kohlenhydrate-Zufuhr. Ein Topf mit geschmortem Fleisch. Weich gekochtes Gemüse. Tee. Früchte. Die charmanteste Frage des Abends: «Wer will eine Bettflasche?» Die Frauen im Zelt sagen begeistert Ja. Die Männer machen einen auf harte Jungs. Sind die Zeltschnüre richtig gespannt, ist man besser dran. Nachts gibt es kurze, aber heftige Gewitter.

Auch die nächsten Etappen hoch zum Kikelewa Canves Camp (3600 m), zum Mawenzi Tarn Camp (4315 m) und zur Kibo-Hütte (4750 m) sind zu schaffen. Vier bis fünf Stunden gemächlich bergauf, erst durch Büsche, dann durch eine Wüste mit Lavasteinen; «Mondlandschaften» wie in einem Winnetou-Film. Faszinierend schön. Wer einigermassen fit ist, hat mit dem Aufstieg keine grossen Probleme. Der «Feind» lauert anderswo: Durchfall, Kopfschmerzen. Dem Durchfall kann man vorbeugen – mit der nötigen Vorsicht beim Essen, zur Not mit ein paar Pillen. Kopfweh ist viel heimtückischer. Es hämmert und pocht, konventionelle Medizin stösst in dieser Höhenlage an ihre Grenzen. Expeditionsleiter Godlisten, schon über hundertmal auf dem Kili, zaubert eine kleine weisse Tablette aus seinem Rucksack: Diamox. Heftig in Wirkung und Nebenwirkung. Wird man seine Kopfschmerzen nicht los, geht es mit einem Guide sofort zurück ins Tal. Safety first.

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Komfort am Kili Die Guides kümmern sich rührend um die Gruppe. Stellen Zelt und Tische auf.

Tanveer Badal / Institute
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Wie auf dem Mond Durch die Steinwüste zum vierten Camp.

Manuel Correia

Diamox rettet die Situation. Der letzte Tag kann kommen – und der beginnt bereits um Mitternacht. Nach einem frühen Nachtessen (Chicken & Rice) werden die Berggänger um 23 Uhr geweckt. Ein letzter Tee (und für mich ein letzter handgepumpter Nespresso aus einer mobilen Wacaco-Maschine), ein letztes trockenes Darvida. Chef Godlisten will punkt 0.00 Uhr los. Schaffen wir. Nur: Wie knipst man mit Eskimohandschuhen die Stirnlampe an? Geht auch ohne. Vollmondnacht! «In the line, please!», befiehlt der Boss, setzt bedächtig einen Schritt vor den andern. Auf der Königsetappe vom Kibo Hut zum Uhuru Peak macht uns vor allem die Dunkelheit zu schaffen. Unser Bergführer macht uns Mut: «Schon vier Stunden, schon 5200 Meter.» Die Pausen sind kurz: trinken, Pipi, weiter. Anstrengende, meditative, unvergessliche Stunden. Nach sieben Stunden liegen wir uns in den Armen: geschafft. Wir stehen auf dem Kili, auf unglaublichen 5895 Metern. Top of Africa.

Gipfelfoto? Geht so. Dichter Nebel, Eiskristalle. Ein kleiner Dämpfer. Stolz sind wir trotz-dem. Mächtig stolz. Und sehr dankbar: Guides und Porters haben alles getan, dass alle aus unserer Gruppe das Ziel erreichen. Bergführer Franz gratuliert: «Ich bin begeistert von euch. Ihr seid zäh, kämpferisch und anpassungsfähig!»

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Auf 5895 Metern! Das Gipfelfoto lässt sich keiner entgehen, auch nicht im dichten Nebel am Uhuru Peak.

Patricia Heller

Nach dem Peak die Party. Einen Tag später sind wir wieder in Marangu im Basiscamp. Die Porters freuen sich: einige Runden Bier und Red Bull. Dann eine Art Lotterie: Wir lassen in Afrika zu-rück, was nicht wirklich heimmuss in die Schweiz. Das Los bestimmt, wer was kriegt. Eine riesige Skibrille (!) ist der begehrteste Artikel, Gewinner Philipp rappt vor Begeisterung. Die Jungs können nicht nur schleppen, sie können auch singen: «Hakuna Matata» – alles in bester Ordnung. Dann trennen sich die Wege: Guides und Porters kämpfen um den nächsten Job. Unsere Gruppe fliegt weiter nach Sansibar: Erholung für müde Muskeln. Ein paar Tage Beachferien. Und Safari: Elefanten-Herden sind garantiert, Löwe, Gepard und Leopard gibts mit etwas Glück.

5 for the road

Anreise Mit Qatar über Doha nach Kilimanjaro Airport. www.qatarairways.ch
Package CHF 3780.– für zehn Tage inkl. Vollpension, Guides, Porters, Flug. www.aktivferien.com
Route Empfehlung: Rongai-Trek; weniger begangen als Marangu oder Machame. Schlafzelt.
Danach Option 1: Stopover Doha. tui.ch/katar Option 2: Strand/Safari in Sansibar. tui.ch/sansibar
Kili-Besteiger Franz Julen, Martin Dalsass, Maria Furtwängler, Nicolas Senn, Justin Timberlake.

Von Patricia Heller am 26. März 2021 - 14:49 Uhr
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