Xavier Rosset Allein im Paradies

Jetzt hat auch die Schweiz ihren Robinson! Lange träumte er nur davon - dann erfüllt sich der Walliser Xavier Rosset seinen grossen Wunsch: 300 Tage auf einer einsamen Insel im Pazifik. Nach 170 Tagen findet er auch seinen Freitag.

Von jetzt an zählt nur noch eins: Überleben. 300 Tage will er hier ausharren. Xavier Rosset sitzt auf einem Felsen und blickt dem Motorboot nach, das ihn ausgesetzt hat.

Mittwoch, 15. Oktober 2008. 4 Uhr nachmittags. Das also ist Tofua. 64 Quadratkilometer Urwald mit einem Kratersee in der Mitte. Eine unbewohnte Vulkaninsel im Südpazifik, 2000 Kilometer nördlich von Neuseeland; fünf Stunden Bootsfahrt trennen ihn von der Zivili­sation. Im Gepäck: ein Schweizer Sackmesser, eine 70 Zentimeter lange Machete, ein Notfallkoffer mit Antibiotika und Desinfektionsmittel, ein Satellitentelefon mit Solarpanel. An Kleidern hat er das, was er trägt: Shirt und Baumwoll­hosen, Clocks und Cap.

«Ich fühlte Freude und Angst zugleich», erzählt der 33-jährige Profi-Freeride-Snowboarder aus Verbier. 14 Monate hat sich der Walliser auf das Abenteuer vorbereitet. «Seine» Insel im Internet gesucht, das Visum eingeholt. Wird er die Einsamkeit durchstehen? Ohne seine Freundin Nataly? Wird er Nahrung und Trinkwasser finden?

Der erste Sonnenuntergang. Xavier beobachtet das Spektakel, bis die letzten roten Streifen am Horizont verblassen. Gegen 20 Uhr ist es dunkel. Er legt sich auf den Boden, schläft ein.

Bereits nach zehn Tagen wirds eng: «Ich dachte an Raclette, Nataly und einen vollen Kühlschrank»

Der Schweizer Robinson erwacht vor Sonnenaufgang. Kratzt sich am ganzen Körper, von Mückenstichen geplagt. Trinken! Essen! Xavier macht sich auf die Suche nach Wurzeln, Muscheln, Fischen und Früchten. Trinkt Kokosmilch, bekommt Durchfall. Mit einem Plastiksack sammelt er von nun an Regenwasser. Doch das ist voller Mückenlarven. Um es zu säubern, lässt er das Wasser durch sein T-Shirt sickern. Schon bald hört er damit auf. Vorräte kann er keine anlegen, die feuchte Hitze verdirbt alles. Mit einem Silk­faden und einem Haken fängt er Barra­kudas. Ein einziges Mal fängt er einen Hummer. Ein Festessen. Zum Snack gibts täglich Kokosnüsse. Oft beisst er einfach in eine trockene Maniokwurzel: «Was würde ich jetzt für ein Glas Walliser Wein geben! Oder ein Fondue!» Zum Glück hat er sich in der Schweiz noch 14 Kilo angefuttert.

Jeden Tag ritzt Xavier mit dem Sackmesser eine Rille in einen Palmenstamm. Bei zehn angelangt, hat er ­genug. Will nach Hause! «Ich dachte an ­Raclette, Nataly und einen vollen Kühlschrank.» Doch statt dem Inselkoller nachzugeben und abzuhauen, baut er sich eine Hütte. Kokosnussblatt um Kokosnussblatt flicht er zu einem Dach. Vor allem in der Nacht ist er froh darum - und um die Lufthansa-Decke, die er bei der Hin­reise noch hat mitgehen lassen.

Wenn es stürmt, kann er nicht schlafen. Es ist stockdunkel, Xavier hört nur den tobenden Wind. Höllenlärm. Die Hütte wird fast auseinandergerissen. Wasser dringt durchs Dach. Alles ist nass. Er kauert am Boden. «Was mache ich hier? Warum bin ich nicht in meinem Chalet?» Er wartet. Das Warten wird zu seiner zweiten Natur.

Eben ritzt er den 60. Strich in die Palme, da meldet sich überraschender Besuch. Ein Segelboot! Xavier rennt ihm entgegen, gibt Zeichen. Die sechs Norweger bestaunen den weissen Wilden. Er zeigt ihnen seine Hütte, lädt sie zu ­einer Kokosnuss ein und führt sie stolz zum Vulkan. Bei ihrer Abreise schenken sie ihm ein Kilo Reis, eine Zwiebel, eine Dose Tomaten, zwei Büchsen Corned Beef. Am Abend gönnt sich Xavier ein Risotto. «Exquisit!»

Die Selbstgespräche der ersten Tage gibt er auf. «Ich musste mich anstrengen, nicht verrückt zu werden.»Ein einziges Mal benutzt Xavier das Satellitentelefon, um mit Nataly zu sprechen. Nach einem Erdbeben beruhigt er sie. Sagt, dass er sie vermisst. Seine neue Freundin Piggy tröstet ihn. Das Wildschweinchen wiegt ein Kilo, als Xavier es in seiner selbst gebauten Falle, einer Grube, findet. Er befreit es, füttert es jeden Tag mit Kokosmilch.

Piggy bleibt bei ihm, wird seine Gefährtin, sein Freitag. Überall Spinnen und Schlangen. Sie sind ungefährlich, der Romand findet sie sogar «relativement cool». Eine Infektion am rechten Daumen bringt ihn in Lebens­gefahr. Der Arzt sagt per Satelliten­telefon, was er tun soll: Mit der Rasierklinge schneidet Xavier die Wunde auf, der Eiter fliesst ab. 

270 Ritze im Stamm. Ferkel Piggy kann sich jetzt selber versorgen. Eines Morgens ist es im Dschungel verschwunden. Am 19. Juni 2009 schnitzt Rosset die letzte Rille in den Stamm - 300! Auch die Leute vom Motorboot haben mit­gezählt und vergessen nicht, ihn in die Zivilisation zurückzuholen.

In Verbier feiert Xavier Rosset ­seine Heimkehr mit einem Raclette. Maman wäscht ihm das zerlöcherte Shirt und die zerrissenen Hosen. Der Geruch von Erde und Sonne bleibt haften. Der Stoff ist immer noch steif von Schweiss und Salz. «Gewaschen habe ich mich selten. Süsswasser war kostbar.» Er erzählt, wie er sich die Zähne putzte: mit Kokosnuss-Blattfasern. «Die taugten auch gut als WC-Papier.» Nataly zieht die Brauen hoch, lächelt ungläubig. «Das wäre nichts für mich.» Wollte sie ihn denn nie begleiten? «Nein, das war von Anfang an klar. Das ist Xaviers Abenteuer.»

Langsam gewöhnt sich der ­Schweizer Robinson wieder daran, auf einem Stuhl zu sitzen, in einem Bett zu schlafen. Und an sein Leben im kleinen Chalet in Verbier, wo er im Winter als Snowboard- und Skilehrer arbeitet. «Auch hier ­mache ich, was ich will.» Wenn er nicht gerade an seinem Film über sein Abenteuer ­arbeitet, ist er mit seinen Freunden im verwilderten Garten. Sie sitzen ums ­Feuer und fachsimpeln darüber, dass überall das Geld regiert. Überall? Sicher nicht auf Tofua. Zwar ist der Bart in­zwischen rasiert, doch Xavier hat ihn im Blut - den Inselrhythmus.

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