Prominente beten Dafür beten wir

«Betet, freie Schweizer, betet!» Was die Nationalhymne fordert, befolgt jeder Zweite im Land. Nicht nur an Ostern. Prominente offenbaren, wofür sie danken und worum sie bitten. Sie zeigen: Beten ist angesagt! Ob im Bundeshaus oder im stillen Kämmerlein.

Bruder Benno-Maria Kehl, 43, ist so etwas wie ein Gebetsprofi. Der Franziskaner von der Insel Werd bei Stein am Rhein SH betete schon mit nordamerikanischen Lakota-Indianern in der Schwitzhütte, versetzte sich mit Hare-Krishna-Anhängern in Gebetstrance und stapfte betend über glühende Kohlen - barfuss.

«Ich habe einiges ausprobiert», sagt der Ordensmann. Heute joggt er, Gebete murmelnd, dem Rhein entlang, ruft beim Boxtraining still zum Herrn oder kniet andächtig in der Klosterkapelle. «Die äussere Form hilft mir, um mich innerlich aufs Gebet zu konzentrieren.» Für Bruder Benno gibts keinen Zweifel: «Es ist ein menschliches Bedürfnis, sich mit der unsichtbaren Welt in Verbindung zu setzen.»

Betet, freie Schweizer, betet! So heissts in der ersten Strophe unserer Landeshymne. In der Tat: Jeder zweite Eidgenosse ruft höhere Mächte an. «Für 60 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer ist das persönliche Gebet wichtig.» Zu diesem Schluss kommt eine Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung. Die Umfrage, die 2007 in 21 Ländern durchgeführt wurde, förderte laut Matthias Jäger, Projektmanager der Studie «Religionsmonitor 2008», zudem zutage, dass 80 Prozent der Schweizer als religiös eingestuft werden dürfen.

Beten ist angesagt, egal, ob bei Liebeskummer oder Wirtschaftskrise. Und Beten beschäftigt Jung und Alt. «Ich erwische mich dabei, dass ich besonders viel bete, wenn es mir schlecht geht, und in guten Zeiten nehme ich mein Glück als selbstverständlich hin», gibt etwa Sique im Internet-Forum ­Liebeskummer.ch offen zu.

Für Zeitungsschlagzeilen sorgte jüngst die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, 42, die offenbarte, dass sie in der Krise mit Mitgliedern von Bibelgruppen «für die Zukunft unseres Landes» bete. Selbst im Bundeshaus, irdische Schaltzentrale der Macht, setzt man auf einen Draht nach oben. Während des Berner Sessionsalltags stehen den Parlamentariern offiziell drei Bundeshausbeter zur Verfügung.

Gebetet wird seit je. Bei den alten Ägyptern wie bei den Ur-Christen. Laut Meyers Lexikon «wurde selbst in Blütezeiten der griechischen und römischen Staatenbildung bei allen wichtigen Veranlassungen das Gebet für eine unerlässliche Pflicht gehalten». Das Falten der Hände, wie auf Albrecht Dürers weltberühmten Bild verewigt, kam aber erst zu Zeiten von Papst Nikolaus I. im 9. Jahrhundert auf.

Prominente wie das Topmodel Sarina Arnold, 28, oder der Radio- und TV-Moderator Sven Epiney, 37, erinnern sich noch heute gern an ihre Kindheit und das Gute-Nacht-Gebet mit den Eltern. «Als kleines Mädchen betete mein Vater mit mir und meinen Schwestern vor dem Zubettgehen, wobei er uns mit Weihwasser auf der Stirn bekreuzigte. Das war unser Abendritual», erzählt ­Sarina, mittlerweile selbst Mutter einer einjährigen Tochter. Und Sven hat noch genau das Bild vor Augen, wie seine Mutter abends auf der Bettkante sitzt und mit ihm ein Gebet spricht.

Sandra Studer, 40, Fernsehfrau und vierfache Mutter, betet ebenfalls mit ihren Kindern, wenn auch nicht jeden Abend. «Ich möchte gerne, dass meine Kinder den Zugang zum Glauben finden», sagt sie. «Mir ist wichtig, ihnen mit auf den Weg zu geben, dass es dazugehört, innezuhalten und sich bewusst zu werden, was wir alles haben, und dafür Danke zu sagen.»

Bei Jacqueline Schneider-Walcher, 36, 14-fache Schweizer Meisterin im Wasserspringen, kräht schon die zweijährige Jessie im Duett mit Schwesterchen Joy, 4, am Frühstückstisch «Thank you Lord, for giving us food». Sollten Jacqueline und ihr Mann Jörg es tatsächlich einmal vergessen haben, zu beten, reklamieren die Dreikäsehochs sofort.

Ob Beten hilft, schneller gesund zu werden, wird zunehmend wissenschaftlich untersucht, weiss Inselspital-Herzchirurg Prof. Thierry Carrel, 48. Entsprechende Studien fänden selbst in renommierten Zeitschriften wie dem «New England Journal of Medicine», «Lancet» oder dem «British Medical Journal» Eingang.

«Auch wenn nicht alle Studien harten wissenschaftlichen Kriterien standhalten: Die heilsame Wirkung von Spiritualität und Gebet ist nicht zu bezweifeln», ist der Starchirurg überzeugt. Er erlebe immer wieder, dass Patienten in der heutigen modernen Ära die Bereiche Religion und Gesundheit nicht so scharf trennen.

«Eine junge Mutter von drei Kindern fragte mich vor ihrer OP, ob ich noch für sie und ihre Familie beten würde.» Carrel hat in seiner Laufbahn bereits über zehntausend Eingriffe am offenen Herzen vorgenommen. Er war es auch, der Bundesrat Hans-Rudolf Merz nach dessen Zusammenbruch letzten Herbst operierte.

Apropos Merz! Bruder Benno-Maria schliesst den Finanzminister täglich in seine Gebete mit ein. «Gerade in diesen Tagen, wo so viele rücksichtslos über ihn herfallen», wettert der Franziskaner-Mönch.

 

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