Sie leben! Das Wunder von Zignau

«Jesus, hilf uns!», schreit David Balliet, bevor er, seine Frau Isabelle und die beiden Kinder Lea und Aaron mit dem Land Rover am Sonntag letzter Woche bei Zignau GR 150 Meter in die Tiefe stürzen.

Hoch oben am Hang über dem Dorf Zignau im Bündner Oberland steht David Balliet, 31, mit seiner Frau Isabelle, 28, und Baby Aaron im Arm. Fassungslos schauen sie ins Tal. «Gehts?», fragt David seine Frau. Sanft umfasst er ihre Schultern, drückt sie vorsichtig an sich. Sie nickt. Wischt sich wieder Tränen aus dem Gesicht. Beide reden leise. Warten. Danken Gott.

Zignau gehört zur Gemeinde Trun. Kanalreiniger David und die Primar­lehrerin Isabelle Balliet aus Buch am Irchel ZH besitzen hier in der Surselva ein kleines Maiensäss. Auf der Alp Sursi hats weder fliessend Wasser noch Strom, ringsherum stotziges Weideland. Nur mutige Autofahrer mit geländetauglichem Wagen trauen sich, bis vors Haus zu fahren.

Sonntag, 2. August. Ein verregneter Nachmittag. Perfekt für einen Ausflug in die Therme von Vals. Das Gras ist feucht. David Balliet macht eine kleine Testfahrt. Der Wagen hält. Die Kinder werden eingepackt. Das neun Monate alte Baby Aaron im Kindersitz fixiert. Auch Tochter Lea, 9, muss sich hinten anschnallen – wie immer.

Im Schritttempo lässt David den Geländewagen bergab rollen. Seine Frau dreht sich auf dem Beifahrersitz nach hinten. Kontrolliert nochmals die Kopfstützen am Kindersitz. Noch 20 Meter, dann muss ihr Mann scharf nach rechts abbiegen, um über die Weide bis zur Strasse zu gelangen, die ins Dorf führt. Plötzlich blockieren die Räder, das schwere Fahrzeug gerät auf dem nassen Hang ins Rutschen. David legt den Rückwärtsgang ein. Hofft, dass die Räder wieder greifen. Vergeblich. Vollgas geben? Zu spät.

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Die Kurve hat er verpasst. Vor sich das tiefe Tal. Der Land Rover durchbricht einen Zaun. Pfosten fliegen durch die Luft. «Haltet euch fest!», schreit der Vater. Dann gehts steil runter. «Ich wusste, was jetzt passiert, steht nicht mehr in meiner Macht.» Isabelle: «Ich sah uns schon alle im Spital liegen.» Der Wagen rutscht weiter. David lässt das Steuer los und greift nach der Hand seiner Frau. Zehn Meter schlittert das Auto weiter, dreht zur Seite, kippt.

«Jesus, hilf uns!», schreit David, schreit Isabelle, «Jesus, hilf uns!», schreit Lea. Der Wagen fällt auf die Räder, dreht sich erneut in die Fallrichtung. Noch 100 Meter bis ins Tal?... mitten in der Wiese prallt der Land Rover heftig auf eine kleine Bodenwelle, die Vorderräder graben sich in die Erde, das Heck wird in die Höhe katapultiert, der Wagen überschlägt sich vornüber, landet mit voller Wucht auf dem Dach. «Gott, beschütze uns!» Die Kinder weinen. Doch jetzt wird der Hang erst richtig steil.

Nachbarin Imelda Bundi, 73, die gerade den Mittagstisch abräumt, schaut just in diesem Moment aus dem Fenster: «Ich schrie, der Herrgott solle seine Schutzengel schicken. Mir stockt jetzt noch der Atem.» Sie sei dann sofort mit ihrem Sohn ins Auto gestiegen. Man habe mit dem Schlimmsten gerechnet.

«Ich wusste: Was jetzt passiert, steht nicht mehr in meiner Macht»

«Als wir bei der Unfallstelle ankamen, stand das kleine Mädchen mit dem Baby im Arm, kreideweiss, tropfnass und völlig verdreckt im Regen», erzählt Bundi. Der Mann sei gerade dabei gewesen, seiner Frau durchs Fenster aus dem Wagen zu helfen. «Alle vier zitterten am ganzen Körper.» Totalschaden. Die Familie aber erlitt keinen Kratzer.

Die Leute im Dorf sprechen von einem «Wunder», dem Wunder von Zignau. Balliets reisen vorzeitig aus den Ferien nach Hause. Erst dort, in Buch am Irchel bei Zürich, bemerken sie, dass sie ihre Katze in der Hektik vergessen haben. So kehren sie in ihrem Zweitwagen, einem Saab, bereits vier Tage nach dem Horror auf die Alp Sursi zurück. Ohne Lea, die bei der Grossmutter bleibt.

Der Schock, die Erinnerung sitzen immer noch tief. Jetzt scheint die Sonne. David und Isabelle warten vor ihrem Maiensäss. Sie warten auf ihren 2-jährigen Kater Saab. Saab heisst er darum, weil David einen Saab fährt. Kater Saab hatte einen Bruder. Der hiess Landi wegen Land Rover. Landi aber starb vor Kurzem, wurde von einem Auto überfahren. Landi hatte keinen Schutzengel.


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