Rolf Knie Gibt es eine dunkle Seite an Ihnen?

Als Fünfjähriger stand er als Clown in der Manege, mit 35 sagte er dem Circus Knie Adieu. Wurde Schauspieler. Dann Kunstmaler. Zu seinem 60. Geburtstag öffnet Rolf Knie das Tor zu seiner Finca und zu seinem Herzen. Und gewährt Einblicke in sein Innerstes.

Es muss am Ende der Sackgasse sein! Ich drehe die dritte Runde im Kreisel – unschlüssig. Die Klimaanlage im Auto dröhnt höllisch laut. Das Navi schweigt. Weit und breit keine Finca. Nur ein staubiges, be­waldetes Grundstück hinter einem eingedrückten, rostigen Maschendrahtzaun. Ein Schild «SE VENDE» ragt in den Abendhimmel. Links gehts zum Golfhotel.

«Es ist das zweitletzte Haus», hatte mir Rolf Knie am Telefon gesagt. Ich bat ihn vor dem Abflug in Zürich, mir seine Adresse auf Mallorca via SMS zu schicken. «SMS? Damit kenne ich mich nicht aus», kam die Antwort. «Rufen Sie an!»

Das könnte ich jetzt tun. Nur: Ich höre schon seinen bissigen Kommentar. Als ich Rolf Knie vor vier Jahren persönlich kennenlernte, war er mir ehrlich gesagt, nicht sehr sympathisch. Er wirkte unheimlich, arrogant – etwas Furcht einflössend. Wenn er einen mit seinem stechenden Blick fixiert, meint man in das Gesicht von Dr. Hannibal Lecter aus dem Psycho-Thriller «Das Schweigen der Lämmer» zu blicken.

Nach der vierten Runde im Kreisel also geradeaus in die Sackgasse. Einen halben Kilometer weiter tauchen links und rechts Villen auf. Schicke Gegend. Und sicher. Als ich vorhin die einzige Einfallstrasse nach Santa Ponça reinfuhr, stand ich im Stau. Strassensperre! Polizisten leuchteten jedem mit Halogen-Taschenlampen ins Gesicht. Erst als ich die Uniformierten passierte, sah ich die drei Schwarzafrikaner, die mit hinter dem Kopf verschränkten Händen am Randstein hockten.

Seit fast 20 Jahren lebt Rolf Knie auf der Balearen-Insel. «Ich fühle mich hier so sicher wie in der Schweiz.» Er hat noch ein Haus in St. Gallenkappel. Hinter uns schliesst sich das grosse schmiedeeiserne Tor mit den Elefantendarstellungen. Rolf Knie in blau-weissen Badeshorts, Sonnenbrille, nackter Oberkörper, braun gebrannt, weisse Haare auf der Brust, Farbspritzer an den ­Beinen. So rennt er hier jeden Tag rum. Nur wenn er in den Pool springt, ent­ledigt er sich seiner Badeshorts. Egal, ob Gäste zu Besuch sind oder nicht. Ist ja sein Reich!

Vor dem Atelier im hinteren Teil der Finca warnt ein Schild: «PROHIBIDA LA ENTRADA – ACHTUNG Eintritt streng verboten! No entry!» Der Atelierboden ist mit Farbklecksen übersät. Unter der Decke Neonleuchten, ein Tisch, doppelt so gross wie eine Tischtennisplatte, ­Regale, vollgestopft mit unzähligen ­roten, gelben, blauen und grünen Farbtuben, dazwischen Pigmentpulver­beutel, Tusche, ein Bolzenschneider, um die Zeltblachen, auf die er malt, zu zerlegen, und an den Wänden Zettel mit hingekritzelten Telefonnummern. Für die Bilder des Schweizer Kunstmalers blättert man gut und gerne 20 000 Franken hin. Knie hat sich mit seinem eigenen, unverkennbaren Stil einen Namen gemacht. Seine Motive sind Szenen aus dem Zirkus.

Wann haben Sie Ihr letztes schlechtes Bild gemalt, Herr Knie?
Das kommt immer wieder vor. Die liegen dort. (Er nickt mit dem Kopf kurz zu einem Stapel Bilder in der Ecke seines Ateliers.) Die missglückten nehme ich im nächsten Frühjahr wieder hervor und übe ein bisschen an ihnen. Und die, bei denen die Farbe noch nicht trocken ist, spritze ich einfach mit dem Gartenschlauch ab.

Viele grosse Künstler waren unter Drogeneinfluss kreativ.
Na ja, bei mir ist es höchstens der Duft der Farben. Riechen Sie mal! Hier im Atelier hängt ein ganz spezieller Geruch in der Luft. Da werde ich manchmal fast geil. Es sind zum Teil Farben, die in der Verarbeitung nicht ganz ungiftig sind, aber das ist mir scheiss­egal. Sollte ich eines Tages am Duft meiner Farben verrecken, weiss ich: Es hat sich gelohnt.

Nie mit Drogen experimentiert?
Das entspricht nicht meinem Charakter. Ich will unabhängig sein. Drogen machen abhängig. Ich trinke nicht mal Alkohol. Selbst als Jugendlicher hab ichs nie probiert, allein aus Angst, mein Vater könnte es erfahren. Er warnte meinen Bruder Fredy und mich: Wenn ich euch mal rauchen oder trinken sehe, hau ich euch eins uf d Schnure.

Aber es gibt bestimmt auch eine dunkle Seite an Ihnen?
Ja, die habe ich sicherlich …

… und die kommt in Ihren zum Teil ­deftigen Aktbildern zum Ausdruck?
Diese Bilder entstanden nach der Scheidung von meiner ersten Frau in den 80er-Jahren. Damals stellte ich die Frauen als solche an den Pranger, «vierteilte» sie und was weiss ich noch. Mich quälte ständig die Frage: Warum? Aber du bekommst bei einer Scheidung genauso wenig eine Antwort wie beim Tod. Andere brauchen in so einer Situation einen Psychiater, ich ver­arbeitete die Trennung mit Malen.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Bilder heute betrachten?
Sie sind super. Aber ich werde nicht mit ihnen identifiziert. Das ist schizophren, manchmal auch frustrierend. Ich kann machen, was ich will: Die Leute verlangen meine Zirkusbilder.

«Sollte ich eines Tages am Duft meiner Farben verrecken, weiss ich: Es hat sich gelohnt»

Dann haben Sie sich dem Diktat der Masse gebeugt?
Nein! Ich habe auch sonst viele andere Sachen gemacht. Aber ich komme immer wieder zu meinen Wurzeln zurück – und die liegen im Zirkus.

Wo sind die Aktbilder heute?
Die allermeisten stehen bei mir im Keller. Eins hängt bei Ex-Fussball-Star Rolf Blättler. Ein anderes wollte ich vor Jahren unbedingt zurückkaufen – aber der jetzige Besitzer, diese «Schweinebacke», hat es nicht rausgerückt.

Am übernächsten Tag sind wir für morgens verabredet. Rolf Knie ist ein Frühaufsteher. Vor allem jetzt, wo die Vorbereitungen für seinen «Salto Natale»-Weihnachtszirkus auf Hochtouren laufen, ist er schon mal um fünf Uhr auf den Beinen. Am Vorabend drückte er mir den Schlüssel zum Tor seiner Finca in die Hand. «Behalte ihn die nächsten Tage, dann musst du nicht klingeln.» Thomas, der Fotograf, und ich schauen uns ungläubig an. «Ihr könnt kommen und gehen, wann ihr wollt. Wenn ihr Lust habt, zu baden, mein Pool steht euch offen.»

So ist Rolf Knie. Er vertraut grundsätzlich jedem. Sagt er. «Jeder Mensch, den ich sehe oder treffe, ist für mich erst mal ein guter Mensch – bis er mir beweist, dass er ein Arschloch ist.» Diese Vertrauensseligkeit sorgt für manche Diskussion zwischen ihm und seiner zweiten Ehefrau Belinha, 51. «Bei ihr ists umgekehrt. Belinha begegnet den Menschen zunächst mit Skepsis, ist aber dafür danach umso herzlicher.»

Rolf Knie, was bedeuten dir Frauen?
Das Weib war und ist seit je der Antrieb für uns Männer – sei es in der Kunst, in der Politik oder sonst wo. Und bei Frauen gilt: Geld und Erfolg machen uns Männer für sie sexy.

Hast du das selbst so erlebt?
Sicher doch! Ob als Schauspieler auf der Bühne oder als Clown im Zirkus, es gab immer Groupies, und in meiner Jugend habe ich das genossen – und die Groupies sicher auch. Man soll aber immer fair bleiben. Als ich mit meinem Sohn Gregory vor Jahren mal in Genf in einer Boutique stand, sprachen wir über das Thema, und ich sagte ihm: Was immer du machst und wie du mit Frauen umgehst, es muss so sein, dass sie eine Riesenfreude haben, wenn sie dich wiedersehen. Auf einmal höre ich eine Frau sagen: «Da hat dein Vater vollkommen recht. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Rolf wiedersehe.» Es war eine alte Freundin aus Jugendtagen, die unser Gespräch verfolgt hatte. Übrigens: Weisst du, welches weltweit die schönsten Frauen sind?

Du verrätst es mir sicherlich.
Das sind die, die irgendwo auf einem Bahnhof oder am Flughafen an dir vorbeieilen. Du kannst alles in sie hineininterpretieren, und die Frau wird dich niemals enttäuschen.

Als Junger hast du dich laut eigenen Aussagen alle drei Wochen neu verliebt. Wie ist das jetzt – mit 60?
Das Schönste heute ist, mich immer wieder neu in Belinha zu verlieben.

Bei deiner ersten Heirat warst du gerade 24. Zu jung?
Das würde ich nicht sagen. Meine erste Frau war eine wunderbare Person. Und ich? Ich war sicher ein kleiner Filou. Das führte irgendwann dazu, dass wir uns auseinanderlebten.

Und heute – immer noch ein Filou?
Nein, nein!

Mit Belinha bist du seit 25 Jahren ­zusammen, seit 18 verheiratet. Gibts Dinge, die du heute anders machen würdest?
Ich würde alles genau so tun, wie ichs getan habe. Belinha und ich haben es bis heute extrem lustig zusammen, wir lachen uns manchmal kaputt über uns – selbst im Bett. Ausserdem: Wie viele Frauen mit 51 haben so einen Body wie meine. So etwas sehe ich heutzutage selbst bei einer 20-Jährigen selten.Okay, Belinha hat einen harten Grind.

Du etwa nicht?
Ach, ich weiss nicht …

Knallt ihr oft aneinander?
Praktisch nie. Wir sind hin und wieder unterschiedlicher Meinung, respektieren das aber auch gegenseitig.

Aber irgendwer hat sicher das letzte Wort?
Ich versuche Belinha mit Argumenten zu überzeugen, und es gelingt mir meist. Sie als Portugiesin ist mehr die Emotionale. Ich sage oft zu ihr: Du darfst vor lauter Emotionen und ­Gefühlen das Denken nicht vergessen.

Das hört keine Frau gern …
(Lacht.) Meine muss es von mir hören.

Wie hältst du es mit der Treue?
Dazu äussere ich mich nicht. Treue ist etwas Individuelles.

Würdest du einen Seitensprung gestehen?
(Grinst.) Hörst du schlecht? Ich sagte eben, dass ich mich dazu nicht äussere. Das ist eine Angelegenheit zwischen zwei Menschen in einer Partnerschaft. Es gibt ja Männer, die haben nur Freude, wenn sie sehen, dass ihre Frau mit einem anderen bumst. Aber dann kommt der Papst daher und sagt, dass das nicht richtig ist. Ich bin aber nicht der Papst. Wenn der Mann Freude dran hat und die Frau auch, dann sollen sie das von mir aus zehn Mal am Tag tun.

Wärst du so nachsichtig?
Das musst du jetzt nicht auf mich ummünzen.

Wie tolerant bist du denn?
Sehr! Die Liebe zu einer anderen Person sollte immer grösser sein als der Egoismus und die Selbstherrlichkeit.

Zwei Tage später fahren wir mit Rolf Knie am Abend zu den Klippen von Cap Negret. «Der Sonnenuntergang dort ist traumhaft», verspricht er. Das Naturschutzgebiet mit den Inseln Es Malgrat und Illa dels Conills liegt auf dem Weg zwischen seiner Finca in Santa Ponça und Port d’Andratx, dem nächsten Ort. Rolf brettert in seinem gelben Opel GT/I voraus, Thomas, der Fotograf, und ich versuchen in unserem Seat-Leon-Leihauto hinterherzurasen.

Zum Glück sehen wir immer noch gerade seine Bremslichter, wenn er abbiegt. Knie hat sich mit dem Oldtimer, Baujahr 1973, einen Jugendtraum erfüllt. «Als ich noch beim Circus Knie war, hatten wir so einen als Werbe­fahrzeug. Bei den Mädels war ich damit der Held», erzählt er grinsend. Als wir auf die Klippen zulaufen, ruft er besorgt: «Geht nicht so nah ran, da gehts achtzig Meter steil runter.»

Salto Natale
Vom 11. 11. 2009 bis 3. 1. 2010 in Zürich Kloten
Vorverkauf unter Tel. 0900 - 66 77 88 (CHF 1.15/Min.) oder: www.saltonatale.ch

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