Gölä «Ich sah im Leben keinen Sinn»

Zehn Jahre «Uf u dervo»: So offen war Gölä noch nie! Zum ersten Mal zeigt der Büezer-Rocker sein ­Bauernhaus, private Fotos und spricht über seine Kindheit und Ängste.
Am Küchentisch. Hier spielt sich das ganze Familienleben ab.
Am Küchentisch. Hier spielt sich das ganze Familienleben ab.

Erstaunlich: Weder ein hoher Lattenzaun noch dichte Büsche verdecken Göläs Allerheiligstes. Sein umgebautes Bauernhaus steht
frei im Grünen ausserhalb von Faulensee BE. Gleich nebenan ein Wirtshaus, von wo sich den Gästen ungehinderte Sicht auf das Treiben im Haushalt des öffentlichkeitsscheuen Mundartrockers bietet.

Das ist überraschend. Kaum ein anderer Prominenter hielt sein Privat­leben so verdeckt und geheim wie er. Immerhin: Hunde bellen beim Näherkommen. Der Hausherr streckt seinen Kopf zum Fenster raus. «Geits gäbig?», fragt er breit grinsend. «Kommt rein. Es Café?»

«Das ist das Seltsame im Leben: Sobald du etwas loslässt, nicht mehr hinterher-rennst, passiert es von selbst»

Gölä, was ist mit Ihnen passiert? Bislang durfte die Öffentlichkeit nichts Privates über Sie erfahren. Nun öffnen Sie erstmals die Tür.
Ich bin Anfang Jahr 40 geworden. Und ruhiger. Ausserdem stehe ich ja sowieso im Rampenlicht. Ich kann nicht mein Leben lang dagegen kämpfen, dass die Leute wissen wollen, wer ich bin.

Sie wohnen mit Ihrer Partnerin, zwei Buben, zwei Hunden und drei Katzen. Trotzdem sieht es hier aus wie geschleckt.
Ich fluche, wenn im Haus irgendwelche Sachen rumliegen. Und Sibylle räumt dann mit den Kindern auf.

Gölä lacht und gibt Sibylle Marti, 36, einen liebevollen Klaps auf den Hintern. Die Redaktionsleiterin beim Schweizer Fernsehen nimmts gelassen, sie kennt die derben Sprüche ihres Liebsten und hält sich lieber im Hintergrund. Auch jetzt packt sie die Kinder – den gemeinsamen Sohn Lenny, 5, und Göläs Sohn Mike, 12, aus erster Ehe – in warme Winterjacken und geht mit ihnen einkaufen.

**WERBUNG**

Gölä flitzt in den oberen Stock und kommt mit einem Stapel Fotos zurück an den Küchentisch. «Die hat meine Mutter irgendwo gefunden», sagt er. Ein Bild zeigt ihn beim Segeln. Wie alt er damals war, weiss er nicht mehr: «Keine Ahnung», sagt er und ruft sofort seine Mutter Rosemarie, 65, an. Typisch Gölä. Der Musiker macht sich wenig aus Er­innerungsstücken.

Er hat die meisten seiner musikalischen Auszeichnungen verschenkt. Dabei hätte es in seinem Haus viel Platz für Trophäen. Das Bauwerk fasziniert durch traditionelle Holzdecken, Steinfuss­böden, moderne Treppengeländer aus Stahl und grosse Glasfronten.

Beim Rundgang erklärt der Bauherr, er habe die Wohnstube vergrössert und das angrenzende Zimmer in ein Büro umfunktioniert. «Hier ist Sibylles Ecke.» Er zeigt auf das Pult mit dem Computer. Der Rest des Raumes ist sein Revier. Gitarren, CDs, Poster überall.

Früher hat man Sie an Konzerten an­binden müssen, damit Sie aufrecht stehen blieben. So betrunken waren Sie.
(Lacht laut.) Das ist lange her. Ich sah im Leben keinen Sinn. Ich konnte meine musikalischen Träume nicht verwirklichen. Das machte mich traurig, und die Traurigkeit lähmte mich erst recht. Nach der Malerlehre habe ich vor mich hingelebt: ein paar Monate pro Jahr Büezer auf dem Bau, den Rest des Jahres bin ich in der Welt herum­gereist. Das ging so bis zu meiner Heirat 1996. Da war ich 28 Jahre alt und dachte: Jetzt kann ich das Musiker­leben endgültig abhaken.

Wie wurde aus dem Büezer und Hobby­musiker dann doch noch der Rockstar?
Das ist ja das Seltsame im Leben: Sobald du etwas loslässt, nicht mehr hinterherrennst, passiert es von selbst. Mit der Geburt von Mike änderte sich vieles, auch die Beziehung zu meinen Eltern. Ich verstand sie plötzlich, verstand, welche Sorgen sie sich um mich gemacht hatten. Ich wollte nun meine eigene Familie ernähren, sah mich für den Rest meines Lebens auf Baustellen. Ich nahm das Geld, das ich für die Steuern zurückgelegt hatte, und produzierte damit ein Album mit meinen Mundart-Songs. So entstand «Uf u dervo» – quasi als Abschluss meiner kurzen Musikerkarriere. Dabei war das erst der Anfang: Irgendwie landete die Aufnahme bei einer ­Plattenfirma. Der Rest ist Geschichte.

Gölä macht sich den mindestens ­zehnten Kaffee an diesem Morgen.

Rocker Gölä – eine Kaffeetante!
Das ist jetzt meine Droge. Sogar mit Rauchen habe ich aufgehört. Man kann nicht vierzig Jahre saufen und drögeln. Irgendwann musst du einen Schritt vorwärts tun. Mein Gitarrist sagte kürzlich etwas Schönes: Man muss Rock ’n’ Roll nicht leben, sondern spielen.

Im 2001 füllte Gölä als erster Mundartsänger das Hallenstadion zwei Abende hintereinander. Zu seinem 10-Jahr-Jubiläum spielt er am 3. und 4. Dezember wieder an der gleichen Stätte. Für das zweite Konzert gibts noch Tickets: www.ticketcorner.ch


Auch interessant