Interview mit dem Bike-Star Danny MacAskill springt mit dem Velo über Stock und Stein

Er hüpft von Dach zu Dach, macht Salti ins Meer und trickst die Angst aus: Der Schotte Danny MacAskill erreicht per Video bis zu 80 Millionen Fans.
Danny MacAskill
© Red Bull Content Pool

Bodenständig: Abseits des Bikes ist Danny MacAskill kein Adrenalinjunkie: Er ist ein vorsichtiger Autofahrer und hängt gern rum.

  

Ein paar wenige Minuten lassen einem jeweils den Atem stocken: Danny MacAskill, 32, vollbringt auf seinem Velo Unfassbares. Und lässt sich dabei filmen. Bis zu 80 Millionen Mal werden auf Youtube seine Videos angeklickt. In denen hüpft er auf schmale Geländer, springt von einer Rampe mit einem Vorwärtssalto 28 Meter tief ins Meer oder befährt halsbrecherisch steile Wege – bei «Home Of Trails» auch im Bündnerland. Zahlreiche Knochenbrüche und eine schwere Rückenverletzung sind die Nebeneffekte. Die Videos haben MacAskill so berühmt gemacht, dass die Schlange zu seiner Autogrammstunde am Urban Bike Festival in Zürich über eine Stunde lang nicht kürzer wird. Danach erzählt er, wie viel Arbeit hinter den spielerisch wirkenden Tricks steckt und wie er mit der Angst umgeht.

Danny MacAskill, es heisst, Sie lieben Zürich. Stimmt das?
O ja! Und wie! Ich wollte sogar schon herziehen. Eigentlich immer, wenn ich im Frühling am Urban Bike Festival bin und hier diesen coolen Vibe spüre. Danach bin ich wieder mit Projekten beschäftigt und es wird Winter, wenn es mich vielleicht nicht ganz so anspricht. Dann denke ich: nächstes Jahr!

Wie kommt man auf die Idee, mit dem Velo auf Geländer zu springen oder einen Salto über einen Stacheldrahtzaun zu machen?
Ich bin mit einer Horde Kinder auf der Isle of Skye aufgewachsen. Wir bauten kleine Sprünge, übten Wheelies, fuhren überall hin. Mit elf Jahren sah ich das Video «Chainspotting» von einigen meiner späteren Helden. Ich realisierte, dass das, was ich auf dem Velo mache, Trial heisst. Ich wollte nie Profi sein, habe einfach Videos geschaut und dann einfache Versionen davon ausprobiert.

Sie hatten manchmal Ärger mit der Polizei. Passiert Ihnen das immer noch?
Nein, nicht mehr. Alle meine Freunde lebten ausserhalb des Dorfes, ich aber hatte das Glück, Strassenbeleuchtung zu haben. Also übte ich auch nachts und bei Wind und Regen auf der Strasse vor meinem Haus. Oder beim Blumenbeet mit niedrigen Wänden beim kleinen Shoppingcenter. Nicht alle schätzten meine Fahrkünste, einige beklagten sich bei der Polizei. Einmal nahmen sie mir mein Velo während der ganzen Sommerferien weg. Ich war halt das einzige Verbrechen, mit dem sie es zu tun hatten.

Für mich ist auf dem Trial Bike sitzen wie auf meinen Füssen stehen. Einfach natürlich

Was treibt Sie dazu, immer neue Tricks auszuprobieren?
Für mich ist das Fahren ein grosses Spiel ohne Ende. Als ich jünger war, dachte ich: Es wäre toll, wenn ich von diesem Bushäuschen springen könnte. Oder ich frage mich, ob ich über die Lücke zwischen diesen zwei Wänden springen kann. Heute denke ich mir Konzepte für meine Filme aus und versuche Tricks zu entwickeln, die diese Konzepte zum Leben erwecken. Manchmal braucht es viele Tage und Hunderte Versuche, bis ein Trick klappt.

Jeder Ihrer Filme wird zum Erfolg. Der erste wurde 38 Millionen Mal angeklickt, «Imaginate» gar 83 Millionen Mal. Woher holen Sie die Inspiration?
Das kann alles sein, etwa ein Bild in einem Flugzeug-Magazin, von dem mich die Landschaft fasziniert. Die Idee kommt auf eine Liste. Oder ich sage, ich möchte etwas mit einem Mountainbike in einer schönen Landschaft machen. Wo könnte das sein? Es ist einfacher, ein neues Konzept für einen Film zu finden, als zu versuchen, die Tricks aus dem ersten Film zu toppen.

Danny MacAskill
© Red Bull Content Pool

Monaco: Vor dem Formel-1-Rennen in Monaco versetzt MacAskill die Zuschauer mit seiner ganz eigenen Powershow in Staunen.

Sie müssen beim Erlernen neuer Tricks geduldig sein. Sind Sie das auch ausserhalb des Radsports?
Geduldig oder stur, das ist fast dasselbe (lacht). Ich mag es einfach, auf dem Bike Fortschritte zu machen. Man muss geduldig sein und wissen, wo die Grenzen liegen. In 99 Prozent der Fälle schaffe ich es, den Trick zu stehen, den ich mir vorgenommen habe. Manchmal nicht für diesen Film, sondern erst ein Jahr später.

Wie trainiert man die Balance für solch verrückte Tricks?
Ich trainiere nicht speziell, sondern fahre viel. Es ist Übungssache. Balance hat viel mit Angst zu tun. Es spielt sich viel mehr im Kopf ab als im Körper. Du lernst, wo deine Grenzen sind – und keine Angst zu haben, bis dorthin zu gehen. Wenn ich eine Idee habe, die komplett neu für mich ist, wie etwa mit dem Bike auf eine Slackline zu fahren, dann kann ich es zu Beginn nicht. Wenn ich es aber immer wieder probiere, Hunderte Male, dann werde ich irgendwann gut darin. Natürlich könnte ich auf einem Balancebrett trainieren, aber ich bin froh, dass ich eine gute Balance habe. Das ist wohl, weil ich keine Angst vor dem Fallen habe.

Danny MacAskill
© Red Bull Content Pool

Zürich: Hat keine Angst vor dem Fallen: MacAskill spielt mit seinem BMX vor dem Grossmünster.

Tatsächlich?
Sobald du davor Angst hast, verkrampfst du dich. Natürlich kommt es darauf an, wo du bist – bei zehn Meter über dem Wasser weisst du, dass es okay ist, wenn du fällst. Für mich ist auf dem Trialbike sitzen wie auf meinen Füssen stehen. Wenn es also grosse Steine hat am Strand, weiss man genau, wie viel Energie man aufwenden muss, um vom einen zum anderen zu springen. Das ist natürlich. Einige Dinge in meinen Filmen tue ich also fast blindlings.

Und bei schwierigeren Dingen?
Mein Hirn fängt an zu arbeiten, wenn ich zu einem neuen Sprung komme, zum Beispiel einem Vorwärtssalto, bei dem ich die Landung nicht sehe und weiss: Wenn ich den Sprung nicht lande, bedeutet es gebrochene Knochen. Ich fahre dann immer los bis zur Kante und stoppe dort, mein Kopf sagt: neinneinnein. Wenn du über Tage hinweg filmst, wird das Hirn müde. Und damit wirds noch schwieriger, mit der Angst klarzukommen.

Danny MacAskill
© Martin Bissig

Lenzerheide: Nein, das ist kein Sturz. Danny MacAskill springt bloss mit einer Drehung vom Geländer der Alphütte Fops bei Lenzerheide.

Was tun Sie dagegen?
Ich spiele Musik ab und fokussiere mich darauf, benutze sie wie einen Startschuss zu einem Rennen. Das holt meine Gedanken weg von Angst und Zweifel und all diesen dummen Dingen. Angst hat keinen Platz in meinem Kopf. Sie steht nur im Weg. Denn ich weiss, dass ich den Sprung kann. Dass es keinen Grund gibt, dass ich nicht perfekt landen sollte. Angst ist blöd, sie ist nur dein Hirn, das sich fragt: Was passiert, wenn du auf deinem Rücken landest? Meine Einstellung ist: Es passiert nicht, wenn du völlig konzentriert bist.

Und das funktioniert immer?
O nein! Sogar oft nicht. Stürze sind unvermeidlich. Aber ich kann Massnahmen treffen, gewisse Dinge zuerst lernen. Bei den grossen Sprüngen muss ich sichergehen, dass ich sie lande. Die Konsequenzen sind sonst richtig gross. Bloss zwei bis drei Meter über dem Beton hingegen wird es zwar wehtun, aber du wirst wohl nicht sterben. Es gibt Tage, an denen ich ständig stürze. Und weiss, dass ich am nächsten Tag nicht werde fahren können, weil alles wehtut, der Nacken schmerzt, der Knöchel verstaucht ist und so weiter. Also mache ich weiter, und irgendwann stehe ich den Trick – und kann mir am nächsten Tag ein Bad gönnen (grinst).

Danny MacAskill
© Martin Bissig, tolisart.com

Davos: Im Video «Home Of Trails» fährt MacAskill über die Landwasserbrücke in der Zügenschlucht. Und wählt die Brüstung.

Wie schwierig ist es, nach einer Verletzung wieder aufs Rad zu steigen?
Man muss sich Zeit lassen. Oft ist die Verletzung noch nicht ganz ausgeheilt, wenn du zurück auf dem Rad bist. Du bist hungrig, etwas zu zeigen, aber Körper und Kopf sind leider nicht in Bestform. Nach einer Rückenverletzung musste ich ein Jahr pausieren und drehte danach «Imaginate», wo wir meinen Kinderzimmerboden in gross rekonstruiert haben. Das war ein sehr cooles Projekt, aber auch das stressigste, weil ich nicht auf dem Level war, auf dem ich hätte sein sollen.

Angst hat keinen Platz in meinem Kopf. Ich weiss, dass ich den Sprung kann. Es gibt keinen Grund, weshalb ich ihn nicht landen sollte

Biken Sie auch ganz normal, ohne über Dinge zu hüpfen?
Ja! Ich brauche die Zeit, in der ich nur für mich fahre. Wenn ich zum Beispiel den ganzen Tag filme, fahre ich abends zur Erholung Rad. Ganz entspannt, um meinen Kopf durchzulüften. Manchmal habe ich genug davon, dass jemand eine Kamera auf mich richtet.

Wie viel des Filmens ist stressig, wie viel wirklich Spass?
Es kommt aufs Level an, auf dem ich fahre. Und wie gut ich mich fühle. Es ist das Einzige in meinem Leben, bei dem ich Emotionen erlebe. Emotionen wie richtige Angst, echten Stress, Versagen. Ich kann Tage damit verbringen, alles von mir in einen Trick zu stecken – physisch und mental. Und meine Freunde sind da und warten, dass es klappt. Das kann hart sein. Natürlich nicht wie bei einem Athleten, der sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet. Aber letztendlich sind es meine Ideen, meine eigene Zeit, meine Freunde … Also: Ja, es macht Spass.

Danny MacAskill
© Red Bull Content Pool

Beliebt: MacAskill präsentiert mit seinen Freunden auf der ganzen Welt die Show «Drop & Roll», bisher dreimal auch in Zürich.

Wie reagieren die Menschen, die bei einem Dreh zusehen?
Es gibt unzählige tolle Begegnungen. 2016 drehten wir in Gran Canaria, ich springe in Las Palmas von Dach zu Dach. Wir gingen also von Tür zu Tür und fragten die Leute, die dort wohnen, ob ich mit dem Bike über ihr Dach fahren darf. Stellen Sie sich vor, ich würde das in London versuchen! Sie würden wohl einfach die Tür schliessen und mir nachrufen, ich solle verschwinden. Als sie in Gran Canaria realisierten, was wir wollten, machten sie uns Kaffee und waren ganz entspannt – so lange wir sie nicht während der Siesta störten.

Was wird Ihr nächstes Projekt?
Ich liebe es, Geheimnisse zu haben. Dass niemand weiss, was ich plane. Ich bekomme viele Zuschriften mit Ideen, aber ich habe eine so lange Liste mit meinen Träumen, die ich zuerst umsetzen möchte. Und es gibt ein Kind, das sich gewünscht hat, dass ich bei ihm zu Hause von Bett zu Bett springe oder die Treppe hinunter fahre. Vielleicht kann ich es ja einmal überraschen.

Eine Interview aus «Velo»

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