Kate Moss Unverschämt schön - mit 40 Jahren

Sie ist das Gesicht einer Generation. Pendelt zwischen Hochglanz und Gosse. Am Donnerstag, 16. Januar, feiert Kate Moss ihren 40. Geburtstag. Als Mutter. Als Ehefrau. Und immer noch als Supermodel. Die «Schweizer Illustrierte» spricht mit bekannten Gesichtern aus dem Modelbusiness über das Geheimnis der Ikone.

Sommer 1988, Flughafen John F. Kennedy, New York. Sarah Doukas, Chefin der Modelagentur Storm, entdeckt eine 14-Jährige, deren sperriges Konterfei und ausgemergelter Körper alsbald Plakatwände und Hochglanzcovers auf der ganzen Welt zieren: Kate Moss, das Supermodel, ist geboren! Bis heute schwärmt Doukas: «Sie hat eine unglaubliche Knochenstruktur.»

Am Donnerstag wird diese Ausnahmeerscheinung 40 Jahre alt. Auch 25 Jahre nach ihrer Entdeckung steht sie ganz oben im Olymp der Allerschönsten. Mit mehr als neun Millionen Dollar Jahreseinkommen und 400'000 Dollar Tagesgage gleich auf Platz 2 hinter der Brasilianerin Gisele Bündchen. «Ich denke nicht: ‹O my God, so lange bin ich schon dabei?!›», meint die Gefeierte, «ich fühle mich echt nicht wirklich alt.» Dazu passt, dass Kate Moss in der aktuellen 60-Jahr-Jubiläumsausgabe des «Playboy» glänzt. Da zeigt sie sich mit und ohne Hasenkostüm genauso jung, verletzlich, unnahbar und verführerisch wie in der Jeanskampagne von Calvin Klein, mit der sie 1992 den Durchbruch schaffte.

Ursula Knecht, 56, Inhaberin der Modelagentur Option in Zürich und gut befreundet mit Moss-Entdeckerin Sarah Doukas, 61, hat Kates Karriere von Anfang an miterlebt. «Ich habe damals gedacht: ‹Das ist ein sehr spezielles Gesicht, das findet man nicht so schnell wieder.› Moss kam 1994 an die Donna-Karan-Show nach St. Moritz - als Zuschauerin, nicht als Model. Es war ganz lustig: Niemand im Publikum hat sie damals erkannt.»

Ich habe nie Heroin genommen

Sie hat das richtige Gesicht zur rechten Zeit, prägt das Bild einer Generation. Kate Moss wird zum «Superwaif». Waif ist der englische Ausdruck für Strandgut, aber auch für Heimatoder Obdachlose, für verwahrloste Kids. Als «Extremschmuddelkind» wird Kate Moss fortan gerne inszeniert. Sie gibt sich aber auch selber alle Mühe, ihrem Anti-Model-Image gerecht zu werden. Sie ist mit ihren 170 Zentimetern zu klein, sie ist zu dünn, sie lebt ungesund. Nach durchzechten Nächten braucht sie kaum noch Schminke, um zum Aushängeschild der neuen Modeströmung «Heroin-Chic» zu werden. Wobei sie 2012 in der «Vanity Fair» klarmacht: «Ich habe nie Heroin genommen, damit hatte ich nie zu tun.» Aber sie raucht, seit sie zwölf war, trinkt, liebäugelt von Anfang an gern mit den bösen Buben der Schauspieler- und Musikergilde. Einer der prominentesten: Johnny Depp, 50, mit dem sie von 1994 bis 1998 zusammen ist. Die Beziehung endet mit ihrem ersten Drogenentzug. Doch Moss ist dankbar. «Er hat mir viel zum Thema Ruhm beigebracht - dass ich mich nie beschweren und nie etwas erklären soll. Darum twittere ich auch nicht. Ich will nicht, dass die Leute immer wissen, was Sache ist; auf die Art bleibt man schön geheimnisvoll.»

Kate Moss lebt ihr altes Leben weiter. Ihre Liaison mit dem Rockmusiker Pete Doherty, 34, führt zum nächsten grossen Skandal in ihrer Karriere: Bilder der Kokain schnupfenden Kate sorgen 2005 für Aufsehen. Wichtige Auftraggeber wie H & M, Burberry und Chanel kündigen ihre Verträge. Doch die Moss steht wieder auf.

Nach einem weiteren Entzug erscheint sie auf dem Cover der britischen «Vogue», posiert für den Pirelli-Kalender, bekommt eine 50-seitige Fotostrecke in der französischen «Vogue». 2006 wird sie bei den British Fashion Awards zum Model des Jahres gewählt. Im Interview erklärt sie damals ganz nüchtern den Grund für ihre Abstürze: «In der Mode hat der Exzess keine kreativen Gründe, was immer andere auch sagen. Es geht nur darum, auszubrechen, du musst da heraus, um damit leben zu können. Ich weiss, dass ich so was deshalb getan habe.»

Thilo Beck, 52, kennt solche Statements. Er ist Chefarzt Psychiatrie der Zürcher Arud Zentren für Suchtmedizin. «Kate Moss lebt und arbeitet in einem Umfeld, in dem es sehr schwierig ist, sich vor Drogenkonsum zu schützen. Dennoch scheint sie es irgendwie zu schaffen, ein Gleichgewicht zu halten und ihren Konsum regeln zu können. Das ist durchaus möglich, gelingt aber nicht vielen unter diesen Umständen. In Entzugsbehandlungen geht es heute nicht mehr einfach darum, ‹abhängig› oder ‹geheilt› zu sein, sondern darum, den bestmöglichen Umgang mit dem Konsum zu lernen.»

Ausbrechen, weglaufen, eine Ersatzfamilie finden. Das ist der rote Faden ihres Lebens. Heute hat die 87-59-87-Frau selber Familie. Zusammen mit dem Herausgeber des Lifestyle-Magazins «Dazed & Confused», Jefferson Hack, 42, bekommt sie 2002 ihre Tochter Lila Grace. 2011 heiratet sie den Gitarristen der britischen Rockband The Kills, Jamie Hince, 45. Nach der Trauung in der Dorfkirche von Southorp (Cotswolds, GB) feiert das Paar mit seinen Glamour-Gästen drei Tage lang - ganz unter dem Motto «Blumenkinder».

Sie ist keine platte Schönheit

Kate Moss? «Sie verkörpert die ‹Schöne und das Biest› in einer Person», sagt der Schweizer Top-Werber Frank Bodin, 51. «Sie ist keine platte Schönheit, sie kann zuweilen sogar hässlich wirken. Aber gerade dadurch sticht sie als Charakter heraus. In einer zunehmend technologisierten und medial perfekten Welt wächst die Sehnsucht der Menschen nach Authentizität. Und dazu gehören eben auch die Schwächen und Schattenseiten von Menschen.»

Eine ganz grosse Stärke der Moss ist ihre Konsequenz. «Sie ist eine treue Frau, sie weiss, was sie will», meint Ursula Knecht, «trotz tollen Angeboten bleibt sie bei ihrer Entdeckerin Sarah Doukas. Sie ist im Privaten eine ganz normale, coole Engländerin.» Daneben arbeitet Moss heute als Redaktorin für die britische «Vogue» und als Designerin für die Modekette Topshop. Auf ihren Geburtstag stösst sie dann wohl mit ihrem Lieblingsdrink an, den sie Sänger Tom Jones, 73, verraten hat: «Den French 76, den machst du mit Wodka, Zitronensaft und Zucker, dann füllst du mit Champagner auf. Ich liebe ihn!»
 

Das Schweizer Topmodel Nadine Strittmatter, 28, im Interview über Kate Moss:

«Die meisten Models sind im echten Leben ganz anders»

Schweizer Illustrierte: Nadine Strittmatter, was ist das Spezielle, das Besondere an Kate, das sie von anderen Models unterscheidet?
Sie ist eine Muse, eine Inspirationsquelle für die Kreativen in der Modeszene. Sie ist nicht einfach ein leeres, schönes Gesicht. Sie hat Persönlichkeit und ihren eigenen Stil, sie hat etwas zu sagen. Man könnte fast so weit gehen und sagen, dass sie eine Bewegung verkörpert, als Model für die 2000er-Jahre steht. Viele Models lassen alles Mögliche mit sich machen, haben keine eigene Stimme, sind froh wenn sie Arbeit kriegen. Wenn ich das sehe, kommt in mir zwangsläufig die Assoziation mit einer leeren Hülle, einem Geist, auf.

Auf den Bildern wirkt sie meist sehr ernst und in sich gekehrt. Sie sind Expertin: Spielt sie das nur?
Die meisten Models sind im echten Leben ganz anders als auf den Bildern. Man darf nicht vergessen, dass bei den meisten Shoots mindestens ein fünfköpfiges Team dahinter steht und ein Model für das Foto zurechtmacht.

Es ist bekannt, dass Models gesund leben, sich bewusst ernähren, viel schlafen, den Körper fit halten und pflegen müssen. Kate Moss scheint das aber nicht ernst zu nehmen. Wie erklären Sie sich ihren Erfolg trotz der ungesunden Lebensweise?
Kate ist Teil einer grossen Fashionfamilie. Und Familien unterstützen sich nun einmal gegenseitig.

Welchen Belastungen und Versuchungen ist ein Supermodel ausgesetzt?
Das viele Herumreisen kann mit der Zeit zu einem Problem werden. Ebenfalls ist es nicht immer einfach, dass man manchmal während Wochen durcharbeitet, dann aber wieder über eine längere Zeit keinen Job hat. Dieses up and down kann belastend sein. Dazu kommt, dass man über die Jobs keine Kontrolle hat. Entweder man wird ausgewählt oder eben nicht. Der Kunde, die Agency mag einem oder nicht. Man ist gesucht, oder nicht. Aber man hat keine Macht über diese Wahl. Das kann frustrierend sein.

Was muss ein Mann für Eigenschaften haben, damit er eine funktionierende Beziehung mit einem Top-Model leben kann?
Er sollte flexibel sein und den Lebensstil eines Models verstehen - zum Beispiel, dass man nicht viel planen kann. Er sollte sicher unterstützend sein und nicht hindernd. Aber wer möchte schon einen Partner, der einem nicht unterstützt...

Kate Moss ist jetzt 40. Wann ist der Moment, um mit dem Modeln aufzuhören und was kommt danach?
Ich glaube, das Kate Moss erreicht, was sie möchte - unabhängig von ihrem Alter. Sie hat das ja jetzt schon ein paar Mal bewiesen!

Sie hat einen Mann und Tochter. Ist das machbar in diesem Beruf, der einen kaum zu Hause sein lässt? Können Sie sich das selbst auch vorstellen?
Das ist definitiv machbar und wird sicher auch Teil meiner Zukunft sein. Man muss sich halt gut organisieren… Da werde ich sicher noch viel zu lernen haben.

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