Lara Gut «Lachen ist mein Hobby!»

Geschafft! Die 1,60 Meter kleine Tessiner Draufgängerin Lara Gut ist erst 17. In St. Moritz gewann sie ihr erstes Weltcup-Rennen. Besondere Merkmale: athletisch, bildhübsch, Star-Status. Und das schönste Lächeln im Ski-Zirkus.
Lara Gut: Erster Weltcup-Sieg mit 17
Lara Gut: Erster Weltcup-Sieg mit 17

«Tanti auguri a te!» Im Berghaus Salastrains ob St. Moritz, einen Steinwurf von der Rennpiste entfernt, ist Familie Gut schon am Abend vor Laras erstem Sieg in Fest-Laune. Mamma Gabriella, Sportlehrerin aus dem Tessin, feiert ihren 48. Geburtstag. Die Party dauert bis Mitternacht. Ski-Legende und Weinhändler Roland Collombin ist als unerwarteter Gast auch dabei.

Zwei aus der Runde schleichen frühzeitig ab: die Rennfahrerinnen Lara Gut und Fabienne Suter. Die jungen Frauen sind die Ersten im Bett. Und wenige Stunden später die Ersten auf dem Podest. Dass Lara zuoberst steht, ist eine Sensation. Der Teenager aus Comano TI ist erst 17. Schon jetzt zeichnet sich ab: Die kühne Blonde mit den leuchtend blauen Augen und dem ansteckenden, entwaffnenden Lachen ist in den nächsten Jahren im Frauenweltcup das Mass aller Dinge.

Der Sportfan tut gut daran, sich ein paar Fakten zu merken. Geburts­datum: 27. April 1991 (Sternzeichen Stier, «Ich habe tatsächlich einen dicken Schädel»). Grösse: 160 Zentimeter. Gewicht: 57 Kilos. Nickname: wahlweise «Smart» oder «Sunshine». Handelsschülerin, wenn es die Zeit zulässt. Sprachgenie (Italienisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch). Hobbys: «Lesen. Und lachen – auch wenns mal nicht so gut läuft.»

Es läuft gut – und Lara Gut liefert gleich die Analyse dazu: «Ich bin körperlich und technisch besser geworden. Ich weiss, was ich kann. Und ich weiss, was ich riskieren kann.»

Die einen freuten sich sehr. Vater Pauli zum Beispiel. Er setzt für seine Tochter alles auf eine Karte. Hängt seinen Job als Berufsschullehrer bis auf Weiteres an den Nagel. Engagiert auf eigene Rechnung Trainer (Mauro Pini), Konditionstrainer (Patrick Flaction), Servicemann (Barnaba Greppi) und Physiotherapeutin (Norma Tipaldi). Sie alle arbeiten nur für Lara! Diesen Luxus erlaubt sich sonst nur Bode Miller.

Einzig Berater Oliver Bernhard, der Sponsoren und Medien mit arroganten Forderungen nervte, ist ab sofort nicht mehr dabei. Das «Team Gut» kostet 300 000 bis 400 000 Franken pro Jahr. Noch decken die Sponsorengelder diese Investitionen nicht. Doch der «return of investment» ist in vollem Gang: Die Raiffeisen-Bank, die sich für 150 000 Franken den schönsten Platz am kostbaren Objekt sicherte (auf dem Stirnband über den fröhlichen Augen), hat die Investi­tion bereits im Dezember amortisiert.

Die anderen freuten sich auch, ein bisschen verhaltener. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Lara Gut beansprucht so ziemlich jede Extrawurst, die in einem alpinen Ski-Team denkbar ist. Den ganzen Sommer über trainierte sie für sich allein.

Und in der Rennsaison selbst gibts eigentlich nur eine einzige Verpflichtung: Lara muss im gleichen Hotel übernachten wie die Mannschaft. Cheftrainer Hugues Ansermoz: «Keine einfache Situation für uns alle, aber bestimmt die beste Lösung für Lara.»

Fabienne Suter, ein Star der eher stillen Art: «Wir können damit umgehen. Ich selbst könnte so nicht arbeiten. Ich brauche ein Team um mich.» Die besten Freundinnen hat Lara ausserhalb des Teams: Die Spanierin Maria José Rienda Contreras oder die Österreicherin Renate Götschl surfen am ehesten auf ihrer Wellenlänge.

Team im Team – da ist Ärger programmiert. Deshalb ist die Zusammenarbeit zwischen dem Team Swiss Ski und dem Team Gut nicht etwa nur mündlich, sondern in einem schriftlichen Vertrag geregelt. Am Renntag selbst sieht das so aus: Chef Hugues Ansermoz fährt mit seinem Trainerteam die Strecke ab, man diskutiert die Schlüsselstellen.

Laras Trainer Mauro Pini ist auch dabei; doch bei der eigentlichen Strecken­besichtigung vor dem Start sind der frühreife Schützling und sein Coach wieder allein unterwegs.

Extrawurst? Im Spitzensport gibts ein eisernes Gesetz: Wer siegt, hat immer recht. Oder anders gesagt: Gut ist, was für Gut gut ist. Vater Pauli Gut siehts nicht so eng: «Wir haben uns früh gefragt, was wir mit unseren Kindern anstellen wollen. Kümmern wir uns selber um ihre Talente, übergeben wir sie Dritten? Wir entschieden uns für die erste Variante.

Meine Frau ist Sportlehrerin, plante den kon­ditionell-physischen Aufbau. Ich war mal Rennfahrer. Also begleitete ich meine Tochter zu all ihren Einsätzen.» Lara: «Dad ist für mich die wichtigste Bezugsperson.»

Ihre Karriere hat früh begonnen: Bereits mit anderthalb Jahren stand Lara erstmals auf Ski – Bretter mit lustigen Clowns drauf, ein Geschenk ihrer Tante. Später zierten Poster von Michael von Grünigen und Sonja Nef das Kinderzimmer.

Lara Gut zog nach ihrem ersten grossen Sieg am vergangenen Samstag geduldig von Mikrofon zu Mikrofon. Die Schweizer Illustrierte betrieb im VIP-Zelt Ursachenforschung: Weshalb glänzt die Tessinerin schon mit 17 wie von einem anderen Stern? Urs Lehmann, Weltmeister und Präsident von Swiss Ski: «Lara fährt wie ein Mann. Steht wie ein Mann auf den Ski, verlegt den Schwerpunkt ganz nach hinten. Wer als Frau so fahren will, braucht eine sensationelle Kondition, viel Roh- und Schnellkraft. Sie ist unbekümmert, fährt mit Killerinstinkt.»

Karl Frehsner, ein Leben lang im Weltcup unterwegs und Vater der grössten Schweizer Ski-Erfolge (Zur­briggen, Müller, Accola und Co.): «Lara ist in ihrem jungen Leben mehr Ski gefahren als alle anderen. Nicht nur zwischen den Stangen. Auch im freien Gelände: Das hat ihr Gleichgewichtgeschult, ihren Mut gefördert.» Ein Kamikaze der Piste? «Nein», winkt der «eiserne Karl» ab, «ein kluges Mädchen, das alles sehr genau kalkuliert. Auch das Risiko.»

Applaus im VIP-Zelt, der Star gibt sich die Ehre. Lara bahnt sich den Weg zum Tisch «Team Gut». Sie stösst artig und mit lauwarm gewordenem Champagner mit Freunden, Rivalen und Sponsoren an.

Laras Bruder Jan hält sich beim Feiern diskret im Hintergrund. Nicht mehr lange, vermutet Pauli Gut: «Jan hat genauso viel Talent wie seine Schwester. Er ist 13, eher noch ein Künstler als ein Spitzensportler. Aber irgendwann packt auch ers.» Gute Aussichten!

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