Ueli Maurer «Mir machts Spass»

Wer mit ihm mithalten will, muss früh aufstehen. Sitzungen morgens um 6.30 Uhr - das ist bei Ueli Maurer normal. Der SVP-Bundesrat über Kuhglocken im Büro, sein Dienstvelo und das sonntägliche Kaninchenmisten.
Eine Terrasse für zwei Bundesräte: Ueli Maurer, 58, muss seinen Balkon im Bundeshaus Ost mit Büronachbarin und Volkswirtschaftsdirektorin Doris Leuthard teilen. Und am Departements-Osterhasen darf jeder knabbern.
Eine Terrasse für zwei Bundesräte: Ueli Maurer, 58, muss seinen Balkon im Bundeshaus Ost mit Büronachbarin und Volkswirtschaftsdirektorin Doris Leuthard teilen. Und am Departements-Osterhasen darf jeder knabbern.

Sein Büro wirkt schnörkellos, aber zweckmässig. Eine schwarze Ledersitzgruppe, ein grosser Schreibtisch, ein paar Schränke für Akten. Ueli Maurer führt galant und gut gelaunt durch seine neuen Räume im Bundeshaus Ost: «Die Möbel habe ich von meinem Vorgänger übernommen.» An Karfreitag ist es genau 100 Tage her, dass Samuel Schmid ging und Maurer das Amt als Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport antrat.

«Es macht mir Spass, Bundesrat zu sein», sagt der 58-jährige Hinwiler. Er fühle sich von seinen Amtskollegen gut aufgenommen und arbeite mit Leidenschaft. Im Sitzungszimmer neben seinem Büro steht der Chefsessel am oberen Ende des langen Tisches - dort, wo eine blaue Plastikunterlage liegt. «Ich habe da mal Kaffee verschüttet», erzählt der Zürcher Neo-Bundesrat und grinst spitzbübisch.

«Jetzt hat der Weibel wohl vorgesorgt …» An den Wänden hängen keine Werke von Hodler oder Anker, sondern Fotos aus der Sammlung des Armeefilmdienstes. Maurers Lieblingsbild: ein Soldat, der Piccolo spielt. «Diese Fotos motivieren mich.» Die Armee sei schliesslich ein Teil seines Alltags geworden - und als Chef müsse er schauen, dass der Betrieb reibungslos laufe.

Herr Maurer, erstmals in Ihrem Leben arbeiten Sie nun zu 100 Prozent als Politiker. Sind Sie glücklich damit?
Die Tage hier in Bern sind so intensiv und interessant, dass ich meine Arbeit sehr geniesse. Aber abends vermisse ich den direkten Kontakt zu den Menschen. Bis zur Wahl in den Bundesrat beschäftigte ich mich immer in irgendeiner Form mit der Landwirtschaft - deshalb fehlt mir hier manchmal ein bodenständiger Bauer in meinem Alltag.

Was hat Sie an Ihrem neuen Job am meisten überrascht?
Völlig fremd ist mir eigentlich nichts. Aber mich überraschten die vielen Angestellten, die mir zur Verfügung stehen. Für alles und jedes ist nicht nur eine Person zuständig, sondern eine ganze Truppe (lacht). Und die Struktur hier ist voll auf mich ausgerichtet - offenbar bin ich der wichtigste Mann im Laden, und alle dienen mir zu. Das ist ein neues Gefühl, denn als Präsident des Zürcher Bauernverbandes war ich stets ein Selfmademan. Ich kann noch heute keine Rede halten, die jemand für mich geschrieben hat. Ich muss die Ideen dazu selber entwerfen, sonst klappt das nicht.

Sie haben mal angedroht, dass bei Ihnen morgens die erste Sitzung bereits um sechs Uhr beginnt.
Es stellte sich heraus, dass sechs Uhr für all jene ein bisschen früh ist, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Aber halb sieben Uhr ist bei mir Standard, um diese Zeit trafen wir uns auch heute Morgen zur ersten Sitzung - das ist ja nicht wirklich früh, oder?

Na ja … Früher haben Sie an Sitzungen oft gezeichnet. Liegt das noch immer drin?
Nein, die Bundesratssitzungen sind sehr intensiv. Und alle anderen muss ich als Departementsvorsteher leiten. Was für ein Verlust von Lebensqualität (lacht)! Aber während Telefon­gesprächen kann ich manchmal für mich noch ein bisschen zeichnen.

Einst waren Sie Ihr eigener Chef, heute wuseln den ganzen Tag Leute um Sie herum. Haben Sie sich daran gewöhnt?
Ich stellte rasch klar: Wer zu mir kommt, ist gut vorbereitet, stellt Anträge oder informiert mich - da wird nicht herumgewuselt. Mein einziger Luxus ist der Weibel, der mir einen Kaffee bringt, wann immer ich Lust darauf habe (lacht).

Und noch ein Privileg haben unsere Bundesräte: Jede Woche schmückt ein frischer Blumenstrauss ihren Schreibtisch. Und da hat Ueli Maurer ein besonderes Anliegen: «Weisse Rosen sind für mich die edelsten Blumen, die es gibt.» Also wünscht er sich in seinen Bouquets mindestens eine seiner Lieblingsblumen. «Aber irgendwie ist meine Bitte noch nicht in der Gärtnerei angekommen …», meint er mit einem Schmunzeln.

Eine neue Attraktion erhält Maurers Büro noch diese Woche: An der Wand zwischen den grossen Bogenfenstern wird ein Glockenregal installiert. «Eine Treichel und zehn Glocken lagern bei mir daheim im Keller», erzählt er. Zwei Exemplare seien gar Erbstücke seines Vaters, der am Bachtel bauerte.

Haben sich Ihre sechs Kinder und Ihre Frau an die neue Situation gewöhnt?
Die neue, klare Trennung zwischen Familien- und Berufsleben hat für mich auch angenehme Seiten, denn ich kann ohne schlechtes Gewissen bis 23 Uhr arbeiten. Und denke nicht ständig, dass ich jetzt nach Hause sollte. Die Arbeitsmenge, die ich bewältigen muss, ist enorm. Ich finde mich mit der neuen Situation gut zurecht, meine Familie hat sich hin­gegen noch nicht ganz daran gewöhnt.

Wie sieht Ihr perfekter Sonntag aus?
Ich miste die Kaninchen mit meinem Sohn Corsin - das habe ich mit ihm so abgemacht. Überhaupt kümmere ich mich am Sonntag am meisten um meinen Jüngsten, gehe mit ihm an einen Eishockey- oder Fussballmatch. Oder wir treiben gemeinsam Sport. Wir nennen das dann einen «Herrensonntag».

Was vermissen Sie sonst noch aus Ihrem «alten Leben»?
Den Sport. In Bern versuchte ich morgens auch schon joggen zu gehen, doch das ist schwierig. Zuerst muss ich durch die halbe Stadt, bis ich an der Aare bin - unterwegs kennen mich alle, ich komme kaum vorwärts. Jetzt hab ich den Versuch aufgegeben, doch die Bewegung fehlt mir.

Die SVP schenkte Ihnen zur Wahl ein Militärvelo. Flitzen Sie mit dem nun durch Berns Gassen?
Nein, ich nahm es mit nach Hause. Aber ich habe jetzt ein zweites Velo für Bern geordert – es gibt ja so viele überzählige in der Armee. Kurze Wege lassen sich damit viel effizienter zurück legen als mit dem Dienst-Mercedes.

Ueli Maurer lebt nicht gern in der Stadt. «Ich will morgens die Vögel zwitschern hören. Und abends ist mir wohl, wenn ich die Fenster aufreissen und richtig durchatmen kann.» Deshalb sucht der Magistrat noch immer eine Wohnung im Grünen und logiert derweilen - wie seit Jahren, wenn er in Bern ist - im Hotel Bären.

25 öffentliche Auftritte hat der Verteidigungsminister bisher absolviert. «Leider besuchte ich noch nicht viele Sportanlässe - da wird immer so ein Tamtam um mich gemacht.» So schleicht der Sportminister manchmal inkognito auf die Zuschauertribüne. Einfach und unkompliziert - so mags Ueli Maurer am liebsten. Schon immer. Und erst recht als Bundesrat.

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