Sommerserie Notruf 144: Nachts zwischen Leid und Leidenschaft

Was erleben Menschen, die vornehmlich nachts arbeiten? Welchen kuriosen Typen begegnen sie? Welche Geschichten haben sie zu erzählen? SI online begleitet Personen während ihrer Nachtschicht. Diese Woche hängen wir uns ans Telefon der Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung Zürich. Und erleben hautnah, wofür die Nummern 144 und 118 stehen.

«Sanitätsnotruf – wo genau ist der Unfallort?»
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«Grüezi Frau Meier»
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«Aber gälled Sie, Sie händ etz em 144 aglütet...»
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«Jo, isch scho guet, en schöne Obig wünsch ich Ihne Frau Meier.»


Der Anruf von Frau Meier erreicht Andreas Röthlisberger an einem Freitagabend um 22.15 Uhr. «Die sind no herzig, die zwei», sagt er in die Runde. Die ältere Dame wohnt mit ihrem Mann im Altersheim. Der Grund des Anrufs: Sie sucht die Tochter. Und wenn ihr Mann zum Hörer greift, sucht er den Sohn. «Das kann schon mehrmals an einem Abend vorkommen, dann rufe ich jeweils im Heim an und informiere die zuständige Person», denn: «seit ich hier bin, rufen die Meiers an». «Hier» ist die Einsatzleitzentrale von Schutz & Rettung Zürich. Hier verbringe ich die Nacht.

Röthlisberger arbeitet seit März 2011 im Büro an der Weststrasse. Die Luft im mit Teppich bedeckten Raum ist stickig, durch die zwei Sicherheitstüren kommt nur, wer einen entsprechenden Schlüssel trägt. Hier, im vierten Stock des alten Gebäudes in Zürich Wiedikon riecht es irgendwie nach Schulhaus, anders als im Parterre. Dort befinden sich nämlich die Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, die Halle verströmt den Geruch von Werkstatt und Gummi. Und während Andreas Röthlisberger zum mittlerweile 33. Mal seit Arbeitsbeginn zum Telefon greift, gewährt Urs Eberle, Bereichsleiter Kommunikation & Marketing, einen Einblick in den Alltag der Berufsfeuerwehr. Über 20 Einsatzkräfte befinden sich an diesem Abend im Dienst, sie alle arbeiten in Schichten – 24 Stunden am Stück! Insgesamt arbeiten rund 650 Festangestellte für Schutz & Rettung Zürich. Aufgeteilt sind sie in die Bereiche «Feuerwehr», «Rettungsdienst», «Zivilschutz», «Notrufzentralen» und «Feuerpolizei». Sie alle tragen Uniform - und Namensschild. So kennt man sich auch unbekannterweise.


SCHLAFEN BIS ZUM NÄCHSTEN NOTRU
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Inmitten von dutzenden Einsatzfahrzeugen rutscht ein Feuerwehrmann die Stange herunter. Er hat Licht gesehen und unsere Stimmen gehört und will nach dem Rechten sehen. «Bist du nicht im Bett?», fragt Eberle. Offensichtlich nicht. Normalerweise ziehe man sich zwischen 22 und 23 Uhr in die Schlafräume zurück, erklärt er. «Aber schlafen tut man hier sowieso nicht gut.» Zu gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass einen ein Notruf um 3 Uhr aus dem Bett holt. Da sei man dann froh, wenn man nicht aus dem Tiefschlaf gerissen werde.

Innert Minuten sind die Feuerwehrleute parat, wenn die Sirene im Gebäude losgeht. Wie im Film rutschen sie die Stangen herunter, springen in die Stiefel, die perfekt vorbereitet auf ihre Besitzer warten. Mitten in der Halle zeigt Eberle auf ein zusammengefaltetes Sprungkissen: «Das haben wir heute gebraucht.» Ein versuchter Selbstmord. Auch das Klischee vom guten Feuerwehrmann, der das Büsi in Not rettet, erfüllt die Mannschaft von Schutz & Rettung Zürich. «Diesen Sommer haben wir beispielsweise auch zwei eingeklemmte Vögel gerettet.» Trotzdem gehe es nicht zu und her wie in den grossen Hollywood-Blockbustern, denn auch in ernsten Situationen «müssen die Männer hier einen kühlen Kopf bewahren».

 
WAS MACHE ICH NUR HIER?

Auch bei Andreas Röthlisberger am Arbeitsplatz geht es alles andere als Hollywood-like zu und her. Im Raum befinden sich acht Tische, vier Personen, 32 Monitore. Und 26 Grad Raumtemperatur. Unglamourös. 12 Stunden dauert seine Schicht, Arbeitsbeginn ist 18.30 Uhr, Dienstschluss ist um 06.30 am nächsten Morgen, Pause: eine Stunde, am Stück. Es ist jetzt 22.15 Uhr, Zeit fürs Plaudern bleibt kaum, die roten Lämpchen, welche die eingehenden Notrufe signalisieren, wollen nicht aufhören zu leuchten.

Der nächste Anruf. Ein 73-jähriger Mann ist am Telefon. Er hat gerade eine Operation hinter sich, blutet und klagt über Atembeschwerden. Da mir Andreas ein Headset verpasst hat, höre ich mit: Was mache ich nur hier, frage ich mich, als ich die Angst in der Stimme des alten Mannes höre. «Was soll ich nur tun?», fragt er. Röthlisberger erklärt mit ruhiger Stimme, dass er wählen könne: Ambulanz oder Notfallarzt. Der Mann entscheidet sich für den Arzt, bedankt sich herzlich und wird in die Warteschleife gelegt. Ich schwitze, Andreas bleibt konzentriert – «einer muss ruhig bleiben, irgendwie». Er informiert den SOS-Arzt, tippt einen Code in den Computer und schliesst «den Fall» ab. Inzwischen ist es nach Mitternacht.

 

 

KOMASAUFEN STATT KINO-ABEND
Andreas Röthlisberger ist 35, kommt aus Basel
und lebt in Zürich. Er ist ausgebildeter Rettungssanitäter, hat 9 Jahre im Rettungsdienst gearbeitet – bis es ihm gereicht hat. «Irgendwann hatte ich genug, es hat einfach keinen Spass mehr gemacht», erklärt er. Die Erklärung folgt im nächsten Notruf: Eine 16-Jährige aus Winterthur ist am Telefon, ihr Kollege hat zu viel Wodka getrunken, er bewegt sich nicht mehr und übergibt sich nur noch. «Die ist immerhin 16», meint Röthlisberger, «ich hatte auch schon mal einen 12-Jährigen, der sich am Nachmittag nach der Schule bewusstlos getrunken hat.» Komasaufen gehört mittlerweile zum Wochenende wie früher der Kino-Abend. Das Resultat: «Teilweise haben wir keine Rettungsfahrzeuge verfügbar bei einem schwerwiegenden Vorfall – weil sich alle um Betrunkene kümmern müssen.» Der Frust spricht aus ihm.

Die Arbeit hat auch Andreas’ Privatleben beeinflusst: «Ich finde gewisse Dinge nicht mehr so lustig, dazu gehört auch der Ausgang. Heute verbringe ich meine Abende lieber mit Freunden und nicht mit Lempen.» Im Job gehören genau diese aber zum Alltag, auch der nächste Notfall betrifft einen Betrunkenen. Aber auch der Tod begleitet ihn ins Büro. Er hat sein eigenes Rezept für solche Fälle: «Ich sage mir immer: Wir können vieles, aber nicht alles. So muss man denken in diesem Job, man muss den letzten Herzschlag eines Menschen akzeptieren können.»

  

DIE RUHE VOR DEM STURM
Der junge Mann mit den zwei glitzernden Ohrsteckern und den Adiletten liebt seinen Beruf, das spürt man deutlich.
Und das spüren die Anrufer. Jeder, der den Calltaker - also die Stimme von Andreas - an diesem Abend am Telefon hört, bedankt sich überschwänglich. Genau hier wollte Röthlisberger schon immer sein. Hier, in der Zentrale, könne er seine Fantasie gebrauchen. Und seinen Kopf. Trotzdem hat er schon Abstecher in andere Branchen gemacht, war bei der Grenzwache und ein Jahr lang persönlicher Leibwächter einer russischen Familie in Zürich. Diese Erfahrung habe ihm gezeigt, wie wichtig ihm seine Beziehung ist, und dass er dafür Zeit investieren muss: «Jetzt ist alles schön geregelt.» Geregelt? Bei 12-Stunden-Schichten und Nachtdiensten? «Das funktioniert perfekt, man kommt sich nicht in den Weg und trotzdem sehe ich meine Freundin regelmässig.»

Seit bald 30 Minuten hat Röthlisberger nicht mehr zum Hörer gegriffen. Eine Seltenheit an einem Wochenende. Dass sich dies am Samstagabend drastisch ändern wird, wissen wir zum Glück in dieser Freitagnacht noch nicht. Dann, wenn es zu dramatischen Ausschreitungen am Zürcher Bellevue kommt, Arbeitskollegen verletzt werden, dann hat Röthlisberger Wochenende. Dann ist er nicht mehr hier, sondern dort, am Zürichsee. Er wird Zeit am Wasser verbracht haben - denn das liebt der Retter mindestens genau so sehr wie seinen Job.

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