Ted Scapa Reif fürs Museum

Sammeln, bis die ­Mauern platzen! Seit 30 Jahren lebt Ted Scapa in einem Schloss voller Erinnerungen. Jetzt ist seine wilde Kunst­sammlung in Basel zu sehen.
Für Sammler Ted Scapa ist das Leben mit Kunst ein vitales Bedürfnis. In seinem Eldorado in Vallamand VD treffen Weltkulturen aufeinander.
Für Sammler Ted Scapa ist das Leben mit Kunst ein vitales Bedürfnis. In seinem Eldorado in Vallamand VD treffen Weltkulturen aufeinander.

Kürzlich machte sich Ted Scapa um fünf Uhr früh auf zu einer Safari durch sein Schloss. Bewaffnet mit einer Digitalkamera, reiste er von Afrika nach Ozeanien über China bis nach Südamerika. Die Erinnerungen an ein halbes Jahrhundert Sammelwut liessen ihn schwindlig werden: Was für ein Trip durch die Kulturen innerhalb der eigenen vier Wände!

Oder besser gesagt Mauern. Denn Ted Scapa und seine Frau Meret bewohnen seit 30 Jahren das 200-jährige Schloss Vallamand im gleich­namigen Dorf am Murtensee. Scapa nennt sein Château Ruine. Von aussen wirkt es leicht ver­kommen. Das Innenleben dagegen zeugt von der Offenheit eines Weltenbürgers, der auch ein Herz- und Augenmensch ist.

Seine Wohnräume hat er all die Jahre schichtweise aufgefüllt mit Objekten, die er liebt. Ab Mittwoch ist ein bedeutender Teil seines bunten Sammelsuriums unter dem Namen «Scapas Memories» im Tinguely Museum in Basel zu sehen.

«Viele sehen Schloss Vallamand als ein in die Jahre gekommenes Bijou. Für mich ist es eine Ruine»

Wer das Glück hat, die Schatzkammer des 78-Jährigen zu betreten, dem verschlägt es schon im Treppenhaus die Sprache. Ein lebensgrosser Terrakotta-Krieger aus der Tonarmee des ersten Kaisers von China beschützt die Schlossbewohner.

Es ist nicht der einzige «böse Geist» mit guten Absichten. Wie Drittweltdelegationen bevölkern die Figuren, Masken und Fetische jede Ecke – vom Fenstersims im Billardraum bis zur Kommode in der Küche. Die erhabene Schönheit der Körper und die gleichmässigen Gesichtszüge wirken sinnlich oder fratzenhaft, Furcht einflössend oder expressiv. Manche sind mit echten Haaren und Zähnen versehen, die Körper grazil und nackt. Andere bestechen durch sexuelle Attribute.

Ein Kaminfeuer im Wohn­zimmer verscheucht die Kälte aus den Gemächern. Kerzen verleihen Ted Scapas Paralleluniversum etwas Barockes. Jedes Unikat der oft anonymen Schöpfer hat sich über Jahre sein Plätzchen im kulturellen Biotop erobert.

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Sie korrespondieren wie zufällig mit anderen Trouvaillen aus seiner Sammlung. Mit Bildern von Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Christo, Marc Chagall, A. R. Penck, Antoni Tàpies oder Jörg Immendorff verschmelzen sie zum Gesamtkunstwerk.

Mitten drin im magischen Reich: Ted Scapa, Cartoonist, Künstler, Verleger, Teppichmacher mit holländischen Wurzeln und dem Schalk eines Brummbärs. Heute noch ist der «Spielhaus»-Erfinder das älteste Kind des Schweizer Fern­sehens. «Mir ist egal, ob etwas original oder nach alten Vorbildern gefertigt ist. Auch der Wert oder die Herkunft sind für mich nicht entscheidend», erklärt Scapa seine Sammelleidenschaft.

Er hasst Scheuklappen und verfolgte nie eine kunsthistorische Strategie. Nicht Gier, sondern Neugier, Intuition, Kreativität, Ästhetik, Naivität trieben den Kommunikator an. «Ob Souvenirs von einem Strassenstand in Namibia oder rituelle Statuetten von Aus­grabungen aus Indonesien – meine innere Stimme inspirierte mich zum Kauf. Kunst ist für mich eine grenzüber­greifende Erfahrung, ohne Trennung zwischen gut oder schlecht, trivial oder hochstehend, schwarz oder weiss.»

Neuerwerbungen sind immer noch willkommen. Obwohl sogar das stille Örtchen mit Werken von Jean Tinguely und Keith Haring belegt ist. «Vor zwei Monaten entdeckte ich in Amsterdam afrikanische Schutzschilder mit ausdruckstarken Gesichtern. Herrje – ich musste sie einfach haben!»

Die Ausstellung «Memories» ist eine Hommage an die Freundschaft. Die Idee stammt vom scheidenden Direktor Guido Magnaguagno. Scapas Busenfreunde Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle haben einen Ehrenplatz. Freundschaft und Liebe geben Ted Scapa Kraft. Denn was seine Familie in den letzten Jahren durchlebte, war wie ein Trip durch die Hölle. Scapa selber erkrankte schwer, konnte den Dämon besiegen. Seine Frau Meret ist seit einem Sturz auf Krücken angewiesen.

Nie versiegen wird der Schmerz, den der sechfache Vater 2005 wie ein Tsunami überrollte. Seine Tochter Ghita, die in Hongkong promovierte und seine engste Vertraute in Sachen Kunst war, brachte damals Zwillinge zur Welt. «Als ob es gestern wäre», murmelt Ted Scapa und erzählt von den traurigsten Stunden seines Lebens und wie nah Freud und Leid beisammen liegen.

«Wir sassen an Ghitas Bett in Zürich. Die Babys Gill und Chet waren wohlauf. Zu Hause in Vallamand erreichte uns ein Anruf, der Mutter ginge es plötzlich schlecht. Sofort fuhren wir zurück nach Zürich – doch Ghita war bereits tot.» Die 42-jährige Partnerin von Medienprofi Jürg Wild­berger starb an einem Aorta-Riss. Bis heute herrscht Unklarheit, wie es zum Drama kommen konnte.

Die Unvollkommenheit des Augenblicks hat Ted Scapa gelehrt, dass
Momentaufnahmen nicht für die Ewigkeit gemacht sind. «Mit dieser Ausstellung möchte ich meiner Tochter Ghita und ­allen Völkern dieser Erde etwas zurückgeben. Das Wesentliche habe ich erst vor Kurzem entdeckt: «Das Wesentliche ist der Mensch.»

Scapa Memories
4. Februar bis 19. April


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