Der Buchautor im Interview Andreas Z'Graggen hat die Adligen in der Schweiz besucht

Wer sind die Schweizer Adligen? Der frühere «Bilanz»-Chefredaktor Andreas Z'Graggen hat sie besucht: die von Wattenwyls, Diesbachs, von Pfyffers, von Meiss, von Hallwyls, von Redings, Senarclens und wie sie alle heissen. Er zog von Schloss zu Schloss. Und sie zeigten ihm, wie sie heute leben.
Andreas Z'Graggen Adel Schweiz
© Kurt Reichenbach

Er hat den Schweizer Adel besucht: Andreas Z'Graggen, früherer «Bilanz»-Chefredaktor

Warum schreiben gerade Sie, Andreas Z’Graggen, ein Buch über Adlige?
In unserem Familienhaus im Kanton Uri spielte sich laut meinem Vater einst ein tragisches Ereignis ab. Demnach hatte dort Ritter Jost von Rudenz seinen Schwiegervater und Sieger der Schlacht bei Laupen, den adligen Rudolf von Erlach, ermordet. Der Mord fand zwar statt, aber in Bern. Das weckte mein Interesse an der Vergangenheit.

Waren Z’Graggens auch Adlige?
Nein, wir gehörten zu den minderen Urner Magistratenfamilien. Es gab viel wichtigere Urner Familien: die von Beroldingens, die von Rolls, Besslers, Crivellis, Jauchs …

Warum haben viele aristokratische Familien die Schlösser behalten, der Unterhalt ist doch teuer?
Wer ein Schloss besitzt, gibt es nicht so schnell aus der Hand.

Eigentlich kennt die Schweiz doch gar keine Adlige …
Gegenfrage: Was ist ein Adliger?

Eine Person, die von einem Monarchen einen Titel kriegt, weil sie sich verdient gemacht hat … Aber wir hatten doch keine Könige!
Zur Zeit der Gründung der Eidgenossenschaft waren wir Teil einer Monarchie, unser formell höchster Herr war der deutsche König! Am Berner Rathaus prangt immer noch der Reichsadler. Die Autorität des Reichs wurde nie infrage gestellt. Erst 1848 haben wir uns daraus verabschiedet.

Andreas Z'Graggen Adel Schweiz
© Kurt Reichenbach
Der Schlossbesucher: Buchautor Z’Graggen klopfte bei vielen adligen Schweizern an und wurde stets freundlich empfangen.

Damals also haben die Familien ihre Adelstitel erhalten?
Ja, der alte Adel. Später liessen sich auch die in den Orten, heute Kantone, zu Macht und Wohlstand gelangten Familien Adelstitel verleihen. Sie dienten als Offiziere mit ihren Söldnern fremden Fürsten. Und wurden dafür ausgezeichnet. Weil die Fürsten oft knapp bei Kasse waren, konnte man solche Titel auch kaufen.

Und sie mussten die Titel nicht mehr ablegen?
In einigen Orten war das Tragen von Titeln verboten, aber man hielt sich nicht gross daran.

Die meisten Schweizer Patrizierfamilien haben ihr Vermögen mit einer Art Sklavenhandel gemacht, mit dem Söldnerwesen …
Sagen wir mal, viele aristokratische Familien haben mit dem Söldnerwesen viel Geld verdient. Aber mit Sklavenhandel hat das nichts zu tun.

Galerie: So wohnt der Adel in der Schweiz

Arme Bauernsöhne wurden doch als Kriegsknechte an fremde Könige ausgeliehen. Und man versprach ihnen, dass sie fette Beute machen und Frauen vergewaltigen dürfen. Abwechselnd für Frankreich, Österreich, Italien, einfach für den Meistbietenden.
Nicht nur abwechselnd, sondern gleichzeitig! Man nimmt an, dass in all den Jahrhunderten rund zwei Millionen Eidgenossen in fremdem Dienst standen. Und man war insofern neutral, als unsere Kompagnien und Regimenter allen, die bezahlen konnten, zur Verfügung gestellt wurden. Vor allem dem französischen König, wir waren ja so etwas wie ein französisches Protektorat.

Haben das nur Schweizer gemacht?
Nein, alle, aber unsere Vorfahren haben es besonders erfolgreich gemacht, Soldeinnahmen waren für alle attraktiv, nicht bloss für die Aristokratie. Die Orte kassierten mit und konnten teilweise sogar auf das Erheben von Steuern verzichten. Die Söldner wiederum verdienten mehr Geld als in den meisten Berufen. Ganze Familien lebten vom Sold ihrer Söhne.

Sie waren geschickte Soldaten …
Die Schweizer waren die begehrtesten Soldaten Europas, hart, mutig, rücksichtslos. Es heisst, sie hätten die Herzen ihrer Gegner gegessen und sich mit deren Bauchfett die Schuhe gewichst. Gefangene wurden ausgeraubt und totgeschlagen. Man fürchtete die Eidgenossen.

Wurden die Burschen zum fremden Dienst gezwungen?
Sagen wir mal: überschnorrt! Oft mithilfe von Schnaps und Wein. Sie hatten keine grosse Wahl, die Bevölkerung war mausarm.

Wann hörte das auf?
Erst im 19. Jahrhundert. In der Verfassung von 1848 wurde das Söldnerwesen verboten – übrigens auch das Tragen von Adelstiteln. Die Schweizergarde in Rom gibt es allerdings noch.

Die Patrizierfamilien mussten andere Einnahmequellen finden …
Ja, Sie waren schon früh im Erzabbau engagiert, im Salzgeschäft, im Handel mit Käse und Vieh über die Alpenpässe, wie etwa die Stockalper am Simplon.

Andreas Z'Graggen Adel Schweiz
© zVg
Adel in der Schweiz: Das Buch von Andreas Z’Graggen erscheint im NZZ Buchverlag.

Welche Familie hat Sie am meisten beeindruckt?
Die Familie de Saussure, weil sie so viele interessante Intellektuelle, Forscher und Wissenschafter hervorgebracht hat, darunter auch Frauen. Oder die von Salis, die mächtigste Familie Graubündens. Oder die reichen von Wattenwyls aus Bern. Im Laufe der Zeit besassen sie rund 60 Schlösser, auch im Burgund. Sie waren grosse Kriegsherren, zusammen mit den von Erlachs die wohl bedeutendste Familie der Aarestadt.

Bei den Nachkommen fällt auf, dass sie gute Manieren haben, eben etwas Aristokratisches …
Das stimmt, die haben ein anderes Gehabe, sind sehr höflich, zuvorkommend, vielleicht etwas distanziert, aber freundlich. Sie protzen nicht, sind diskret, manchmal etwas knausrig – le charme discret de l’aristocratie.

Woran erkennt man Adlige?
Der polnische Fürst Jan Zamoyski hat mir mal gesagt: «An der langen Nase, den guten Manieren und den geputzten Schuhen.» Schauen Sie die Habsburger an, jene Aargauer Familie, die es am weitesten gebracht hat: Sie waren berühmt für die langen Nasen.

Sind die Leute stolz auf ihre Adelstitel?
Wenn man jemanden danach fragt, sagt er nicht ungern, er sei eigentlich ein Baron oder ein Graf, bei den Diesbachs gibts sogar einen Fürsten, der in Frankreich lebt. Auch Nationalratspräsident Dominique de Buman ist als oberster Schweizer ein Adliger! Sigmund von Wattenwyl hat es so gesagt: «I weiss scho, wär i bi, aber das geit niemer nüt a.»

Die beste Geschichte, die Sie erfahren haben?
Es ist die Story von jenem Freiherrn Auguste Louis de Senarclens aus dem gleichnamigen Dorf unweit Lausanne. Aus einer savoyischen Dienstadelsfamilie stammend, wirkte Senarclens zu Beginn des 19. Jahrhunderts beim Herzog von Hessen-Darmstadt als Oberhofstallmeister. Der Herzog war impotent, dennoch gebar seine Frau eine ganze Reihe von Kindern. Erzeuger war Herr de Senarclens. Einem Sohn aus dieser etwas ungewohnten Verbindung gab man den Titel eines Grafen von Battenberg. Ein Nachkomme heiratete in die englische Aristokratie und änderte im Ersten Weltkrieg seinen deutschen Namen in Mountbatten ab. Prinz Philip, Prinz Charles und Prinz William sowie sein Bruder Prinz Harry – sie alle heissen Mountbatten, sind also Nachkommen dieses Oberhofstallmeisters aus dem Waadtland. Und eine Schwester jenes von Battenberg, Marie, hat später Alexander II. aus der Familie Romanow geheiratet und ist Zarin von Russland geworden. Also: Das russische und das englische Königshaus haben ihre Wurzeln in Senarclens im Waadtland!

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