Der Berner Ex-Stapi ist an Krebs gestorben Unser letzter Besuch zuhause bei Alexander Tschäppät

Alexander Tschäppät ist tot! Am Freitag erlag er dem Krebs. Zur Erinnerung an den langjährigen SP-Politiker publizieren wir nochmals den Text zu seinem Rücktritt als Berner Stapi Ende 2016. Damals besuchte die «Schweizer Illustrierte» ihn und seine Lebenspartnerin Christine Szakacs zuhause in Bern. Alexander Tschäppät freute sich auf seine neue Freiheit - die ihm nun nur allzu kurz vergönnt war.
Alexander Tschäppät und Christine Szakacs
© Remo Nägeli

Hundenarren: Alexander Tschäppät und Christine Szakacs mit Magyar Vizsla Sera (l.) und Longhaired Whippet Vento Ende 2016 in ihrer Eigentumswohnung in Schönberg-Ost in Bern.

Bern liegt Alexander Tschäppät täglich zu Füssen – wortwörtlich! Seit vier Jahren wohnt er in der höchstgelegenen Siedlung der Stadt: zuoberst in einer Eigentumswohnung in Schönberg-Ost, gleich neben dem Zentrum Paul Klee. Vom Sofa aus sieht er die Alpen, von der Badewanne den Chasseral – «und das Demenzzentrum», rutscht es Tschäppät heraus. «Du musst gar nicht so schauen, Chrigeli, aber vielleicht sind wir mal froh darüber.» Kurz holt er Luft, schaut Christine Szakacs, 73, an. Er nennt sie «meine Frau», verheiratet ist das Paar nicht. «Wir haben uns versprochen», sagt Tschäppät, «dass wir uns gegenseitig helfen, die dritten Zähne zu suchen. Das tönt jetzt doof. Aber es ist mir ernst! Im Alter brauchen wir doch jemand, der uns hilft.» Christine lächelt und steckt den Hunden Sera und Vento ein Gutzi zu. Sie kennt Alexanders Sprüche – flapsig dahingeworfen, aber liebevoll gemeint.

Seit über 20 Jahren ist die Dogdance-Trainerin mit Tschäppät zusammen, hat seinen politischen Aufstieg hautnah miterlebt: 1979 wählen ihn die Bernerinnen und Berner in den Stadtrat, Berns Parlament; 2001 in den Gemeinderat, Berns Regierung. Seit zwölf Jahren ist er Stadtpräsident.

Alexander Tschäppät
© Remo Nägeli

«Schysshung»: Alexander Tschäppät hatte eine seiner vier Wohnungsterrassen in Schönberg-Ost zum Hunde-WC umfunktioniert.

Ende Jahr ist Schluss. Am 31. Dezember – «keine Minute früher!» – wird der 64-Jährige den Schlüssel zum Erlacherhof abgeben und sich sagen: «Mou, es het gfägt!» Als Stadtpräsident habe er etwas verändern können – sichtbare Dinge. Das Wasserspiel auf dem Bundesplatz etwa: «Gofen, die vor dem Parlament in Pampers herumspringen und den Wasserstrahlen nachrennen – das macht mich glücklich.»

Mit Alexander Tschäppät geht einer, der sagt, was er denkt, dem die Leute zuhören, wenn er spricht. Weil er sie ernst nimmt. SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga sagt über ihren Parteikollegen: «Er braucht keine Meinungsumfrage, um zu wissen, was Bern bewegt. Er nimmt einfach den Bus.» Tschäppät ist mit allen per Du, lässt sich bereitwillig «Tschäppu» rufen.

«Ich freue mich, dass ich Alex bald wieder mehr für mich habe», sagt Christine und tischt Kaffee auf. Nachtessen zu zweit seien rar gewesen. Aber: Wenn es ihr oder Alex’ Söhnen aus erster Ehe, Christoph, 34, und Fabian, 30, schlecht gegangen sei, habe er auch mal eine Sitzung sausen lassen. Christine zündet sich eine Zigarette an. «Du rauchst im Wohnzimmer – was sollen denn die Leute denken?», fragt Alexander gespielt streng. Seine Frau zuckt nur mit den Schultern. Christine und Alexander – beide machen, was sie für richtig halten. «Glaubwürdigkeit ist das einzige Kapital eines Politikers», sagt Tschäppät. «Darum bin ich, wie ich bin – und mache halt auch Fehler. Aber ich stehe wenigstens dazu.»

Alexander Tschäppät
© Remo Nägeli

Anpacken: Ende 2016 räumte Alexander Tschäppät sein Stapi-Büro im Erlacherhof. 

«Ich bin, wie ich bin» – das ist bei Tschäppät keine Floskel. Das beweisen nicht zuletzt seine Fehltritte. Das abschätzige Liedchen über Christoph Blocher sei unnötig gewesen, sagt er heute – dafür habe er sich auch entschuldigt. Wer sich als Politiker exponiere, müsse Kritik einstecken können.

Doch auch Tschäppät ist gegen Kritik nicht immun. «Wenn mich ein Journalist nach einem Italienerwitz als Rassist darstellt, ja fast eine Kampagne fährt, macht mich das einfach nur ohnmächtig, das brauche ich echt nicht mehr!» Zum ersten Mal an diesem Nachmittag scheint es, als sei er froh, dass jetzt dann fertig ist mit dem Stapi-Leben. Er sieht müde aus. Seit Jahren schläft er schlecht, erwacht morgens um vier, studiert an Menschen oder politischen Geschäften herum. Um sechs geht er mit den Hunden raus.

Tschäppät sagt, er lasse sich schnell herunterziehen. Dann möchte er sich am liebsten in einer Höhle verkriechen. «Zum Glück holt mich Chrige wieder aus dem Loch.» – «Das stimmt», sagt Christine, «aber wenn du dich zu sehr bemitleidest, sage ich dir wüescht.» Vieles sei über Alex gesagt oder geschrieben worden. Alex, der Frauenheld. Alex, der Populist. Alex, der Schluckspecht. Über vieles könne sie nur lachen. «Er bleibt für mich ein faszinierender Mann.»

Alexander Tschäppät
© Remo Nägeli

Alexander Tschäppät Ende 2016 in seinem neuen Beraterbüro. «Ist doch geil hier!»

Im neuen Jahr dürfte es ruhiger werden um Tschäppät. Obwohl: Er hat ja noch das Nationalratsmandat – und sein neu gegründetes «Büro für Angelegenheiten», eine Beratungsagentur. Rein optisch ein Gegenstück zum Stapi-Büro im Erlacherhof: Beton statt Stuck, Industriechic statt edlem Prunk. «Ich weiss nicht, wer anruft. Und wenn niemand anruft, würde mich das glaubs frustrieren.» Aber es sei wichtig, eine Struktur zu haben. Schon nur, damit er nicht den ganzen Tag im Pyjama herumlaufe.

Es gibt einen Satz, den Reynold Tschäppät, Alexanders Vater und einst ebenfalls Stadtpräsident, seinem Sohn früh eingetrichtert hat: «Nimm dich nicht so wichtig!» Dieser Satz hilft Tschäppät jetzt. Er weiss, dass er ersetzbar ist. «Wer nach mir kommt, macht es anders, aber auch gut.» Als Stadtpräsident hat er sich nie dazu geäussert, wen er für seine Nachfolge bevorzugt. «Ich werde erst im neuen Jahr Partei ergreifen – für Ursula Wyss. Weil sie weiss, was sie will.»

«Aber fertig jetzt», sagt er und fügt an, er sei froh, wenn er nicht mehr zu allem und jedem etwas sagen müsse. «Und überhaupt: Ich muss jetzt wieder ins Büro.» Christine bringt ihn zur Tür, drei Küsschen. «Alexander ist ein Vollblutpolitiker», sagt sie, «gut möglich, dass er einiges vermissen wird. Aber ich werde ihn wie gewohnt mit dem Schiffchen über die Wogen geleiten.» Tschäppät dreht sich um: «Ich bin 95 Kilo – da braucht es ein richtiges Schiff!»

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