Ariella Kaeslin & Sarah Meier im Doppel-Interview Ihr Weg zurück ins Leben

Beide holten Gold. Beide rührten das Publikum zu Tränen. Jetzt redet Kunstturnerin Ariella Kaeslin mit Eiskunstläuferin Sarah Meier in der aktuellen «Schweizer Illustrierten» über Licht und Schatten im Sport, ihre Ängste, ihre Einsamkeit. Und wie sie lernten, normal zu leben.
Ariella Käslin (ohne Freund) Buch Sarah Meier ohne Freund Sport
© Geri Born

Zwiegespräch im Hotelzimmer: Ariella Kaeslin (l.) und Sarah Meier.

Die Suite im Luzerner Art Deco Hotel Montana ist so atemberaubend wie der Ausblick, den sie auf den Vierwaldstättersee bietet. Ariella Kaeslin tritt lächelnd zur Türe herein, auch wenn sie gerade von Termin zu Termin hetzt. In diesen Tagen ist sie wieder gefragt. Seit sie ihre Geschichte aufgearbeitet hat, die Demütigungen aufzeichnen liess, die sie durch einen Trainer in Magglingen erfuhr, über ihr rastloses Leben im Scheinwerferlicht redete, ihre Erschöpfungsdepression nach dem Rücktritt. Für sie war es Ventil und Befreiung, eine kritische Aufarbeitung mit dem System des Kindersports, ein Eingeständnis von Schwäche. Und das von einer Frau, die eigentlich immer stark und glücklich schien.

Schweizer Illustrierte: Eine simple Frage: Ariella Kaeslin, wie gehts Ihnen?
Ariella: Kaeslin: Gut.

Das haben Sie in Interviews auch früher immer gesagt.
Ja, vielleicht. Heute geht es mir wirklich gut. Weil ich voll im neuen Leben stehe, neue Aufgaben habe, neue Hobbys, ein neues Umfeld. Und früher? Im Sport lernt man seine Bedürfnisse zu unterdrücken. Du lernst zu funktionieren. Ob es dir gut geht oder nicht.

Ihre Tiefs sollte niemand mitbekommen.
Das ist so. Ob es dir schlecht geht, ob du müde bist, ob du Schmerzen hast, das hat keinen Platz. Ich würde nicht sagen, dass ich mich nur belogen hätte. Ich wollte mich durchwursteln.

Dann stehst du plötzlich in der Leere


In den vergangenen Tagen machten Sie Schlagzeilen. Wie war das für Sie?
Ich finde es gut, dass diese Geschichte so hohe Wellen schlägt, dass man sie diskutiert. Wir sind keine Maschinen. Wir können nicht immer noch mehr leisten, noch besser sein. Gerade Sportler, die so im Rampenlicht stehen, sollten Schwäche zeigen. Sonst denken die Leute, stimmt, Schwäche zeigen geht nicht.

Sarah Meier, haben Sie jemals eine so schwierige Zeit erlebt?
Sarah Meier: Nein, nicht so extrem. Ich war wie ein offenes Buch, habe es jedem gesagt, wenn mir etwas gegen den Strich ging. Und gleichzeitig hat mich meine Familie konfrontiert, wenn etwas schlecht lief. Als ich nach dem Rücktritt mit meiner Schwester in der WG lebte, tat ich im Frühling kaum etwas. Nadja kam dann in mein Zimmer und sagte: «Steh auf, beweg dich aus dem Bett, such dir ein Hobby!» Das war erlösend.

Vor dem Rücktritt waren Sie voller Tatendrang. Dann kam alles anders. War das normale Leben zu hart?
Ariella Kaeslin: Ich hatte mir das einfach falsch vorgestellt. Ich dachte, es geht zwei, drei Wochen, dann bin ich da drin. Aber das Kunstturnen war psychisch und physisch eine grosse Belastung. Das stecken Körper und Geist nicht einfach so schnell weg. Die Struktur meines Lebens fiel auseinander. Dann stehst du plötzlich in der Leere.
Sarah Meier: Damit hatte ich am meisten Mühe. Ich sehnte mich danach, mal nichts zu tun. Als es dann so weit war, hat mir die Struktur gefehlt.

Ariella, in Ihrem Buch erzählen Sie von schwarzen Gedanken auf Ihrer Asienreise: «Wenn ich auf einen Knopf hätte drücken können und ich tot gewesen wäre, hätte ich ihn gedrückt.»
Ich wollte ja nicht wirklich weg von dieser Erde, aber diese Energie von früher wieder spüren.

Sie setzten die Antidepressiva ab, ohne das mit Ihrem Arzt zu besprechen.
Ja, ich hatte die Geduld nicht. Ich war es gewohnt, dass ich jeden Tag loslegen kann bis zum Gehtnichtmehr. Ich fragte mich: Was ist jetzt los? Du bist doch erst 24. Das kann es doch nicht sein. Ich war ungeduldig, hässig auf die Welt. Abgekämpft, erschöpft.

Wenn dir jemand beim Wettkampf sagt, du siehst gut aus, dann weisst du, dass er meint: Du bist genügend dünn


Sarah, können Sie das nachvollziehen?
Meier: Nur schwer, weil es mir nie so schlecht ging. Es gab zwar auch bei mir Momente, in denen die Lebensfreude etwas weg war. In denen ich wusste, jetzt müsste ich Freude empfinden. 2007 wurde ich EM-Zweite, aber ich spürte nur Enttäuschung. Dann hast du ein schlechtes Gewissen, denn dir geht es doch gut, du hast Erfolg. Aber du kannst es nicht geniessen. (Pause.)
Was mich interessiert, Ariella, ist dein Verhältnis zur Mutter. Du hast ihr Vorwürfe gemacht, dass Sie dich nicht früher herausgeholt hat, richtig?
Kaeslin: Meine Mutter machte mir immer wieder das Angebot, dass sie mich aus Magglingen abholen komme, falls ich keine Lust mehr hätte oder falls es mir schlecht geht. Sie war immer für mich da. Aber ich suchte einen Schuldigen. Auch wenn es gar keinen gab.

Welche Rolle spielten Ihre Eltern?
Meier: Meine Mutter war näher an meinem Sport. Unterstützt wurde ich aber auch vom Vater. Doch niemand machte Druck. Der Unterschied von mir zu Ariella war, dass ich zu Hause wohnen konnte. Das verändert die ganze Situation. Ich habe meine Eltern jeden Tag mit meinen Launen bombardiert. Während meiner Karriere realisierte ich gar nicht, wie schwierig es für sie war. Sie hielten alles von mir fern, damit ich mich auf den Sport konzentrieren konnte. Ihre Beziehung litt sicher auch darunter.
Kaeslin: Meine waren ähnlich. Sie machten alles. Und sie liessen mich machen. Wenn Druck von zu Hause gekommen wäre, hätte ich die Erfolge nie gehabt. Wenn du nicht selber willst, wirst du nicht Weltspitze.
Meier: Ich war eine Minimalistin auf dem Eis. Wenn es einmal klappte, reichte mir das. Dann wollte ich Fangen spielen. Im Eislaufen kommt man mit Talent recht weit. Bis 16 trainierte ich vielleicht ein bis zwei Stunden pro Tag.
Kaeslin (lacht): Faule Tante!
Meier: Ich konnte es so angehen, wie es mir entsprach. Und du musstest es so machen, wie es der Trainer vorgab.

Sie haben gesagt, das Leben nach dem Sport sei Ihnen schwergefallen. Zu entscheiden, was Sie einkaufen sollen, was Sie essen sollen.
Kaeslin: Ich hatte viele Regeln, banale Dinge blieben aber auf der Strecke.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Essen?
Kaeslin: Es ist normal. Ich esse gesund, aber ich setze mir nicht mehr so viele Verbote. Ich esse nach Gefühl und nicht mehr mit dem Verstand.
Meier: Ich musste zum Glück nie auf die Waage. Aber das Thema Essen war auch bei uns präsent. Wenn dir jemand beim Wettkampf sagt, du siehst gut aus, dann weisst du, dass er meint: Du bist genügend dünn. Das beschäftigt einen. Und ich merkte auch, dass es besser geht, wenn ich leicht bin. Wenn ich zurückschaue, war es wohl schon etwas extrem. Jetzt hat sich das eingependelt.
Kaeslin: Ich hatte Angst davor, als ich zurücktrat. Ich dachte, wie machen es normale Menschen, schlank zu bleiben? Jetzt merke ich, dass man doch das eine oder andere essen kann.

Sie haben gesagt, Sie hätten sich in Gesprächen mit anderen unwohl gefühlt.
Kaeslin: Ja, ich sagte nichts, weil ich dachte: Ich weiss ja gar nichts übers Leben, über die Welt. Die meisten Gleichaltrigen ausserhalb des Sports hatten ein abgeschlossenes Studium. Das machte mir Mühe. Später realisierte ich dann, dass sie dafür keine Ahnung von Schuschunowa und Flickflack haben.

Sie mussten also zuerst einen Komplex überwinden.
Meier: Das war wohl so. Meine Schwester ist drei Jahre jünger und hatte ein abgeschlossenes Studium. Und ich nichts. Natürlich hatte ich nicht nichts, aber es fühlte sich so an. Alle anderen hatten einen Job. Ausser mir.

Ariella, die «Kaserne» in Magglingen ist für Sie mit Positivem wie Negativem verbunden. Der erste Trainer machte Ihnen das Leben zur Hölle, nannte Sie «fette Kuh». Wie denken Sie heute über das Trainingszentrum?
Kaeslin: Magglingen ist eine super Trainingsstätte für Sportler. Aber es ist nicht optimal, schon mit 13 von zu Hause wegzugehen. Und das von einem Tag auf den anderen. Man muss extrem selbstständig sein. Am Abend nach Hause zu kommen zur Familie, das hat mir sehr oft gefehlt. Andererseits habe ich den Sport ja auch über alles geliebt.
Meier: Du hast gesagt, dass du deinen Bruder erst nach deinem Rücktritt richtig kennengelernt hast. Krass! Mir hätte meine Schwester sehr gefehlt.
Kaeslin: Ja, das war so. Ich war ja nur am Wochenende zu Hause, so war es gar nicht möglich, ein Verhältnis aufzubauen. Vor ein paar Jahren habe ich Fabio neu kennengelernt. Heute besuche ich ihn und meine Mutter oft. Ich möchte nachholen, was ich verpasst habe.

In welchen Momenten der Karriere verspürten Sie Glück?
Meier: Ich war in den Jahren der grössten Erfolge, abgesehen vom EM-Titel am Karrierenende, am unglücklichsten. Es musste immer mehr sein, noch besser. Aber grundsätzlich machte mich das Eiskunstlaufen schon glücklich.
Kaeslin: Erfolg ist schön, aber der Glücksmoment eben sehr kurz. Danach folgt gleich der Stress und der Druck. Die glücklichsten Momente, die mir bleiben, das sind einfache Dinge: etwa ein Erfolgserlebnis im Training, ein Spässchen mit den Turnkolleginnen.

Hatten Sie immer das Gefühl, nicht zu genügen?
Kaeslin: Ich lief jeweils bei Wettkämpfen in die Halle und dachte: Hier bist du wieder die Schlechteste. Alle sind dünner, alle sind durchtrainierter, alle sind besser. Am Schluss stand ich doch wieder auf dem Podest. Das nennt man wohl chronische Selbstunterschätzung.

Mann, Ariella, jetzt chills einfach mal und nimms easy


Haben Sie das Gefühl, dieses Loch, diese Depression, hätte auch ohne Spitzensport passieren können?
Kaeslin: Ja, durchaus. Vielleicht wäre sie dann im Berufsleben gekommen. Es gehört schon zu meinem Naturell, dass ich immer nach etwas strebe, von einem Extrem ins nächste. Aber heute hat sich das ausbalanciert.

Wer schützt Sie vor dem Exzess?
Kaeslin: Ich musste in erster Linie selber lernen, mich zu stoppen. Wie jetzt beim Sport. Wenn ich kaputt bin und wieder denke, so, jetzt schaffst du das noch, mach noch weiter, gib nicht auf. Dann realisiere ich das und sage mir: Mann, Ariella, jetzt chills einfach mal und nimms easy. Das gelingt recht gut.
Meier: Den Drang hast du aber immer noch, den Half-Ironman in Rappi hast du in weniger als 6 Stunden geschafft.
Kaeslin: Es hat mich schon gepackt, aber auf eine gute Weise. Ein Beispiel: Ich legte auf der Laufstrecke zweimal einen WC-Halt ein. Das hätte ich mir früher nie erlaubt.
Meier: Du machst dein Hobby ja wieder zum Beruf und beginnst im Herbst ein Sportstudium.
Kaeslin: Ja genau, ich habe gerade Bescheid bekommen, dass ich die Aufnahmeprüfung bestanden habe.

Die Wahrscheinlichkeit ist klein, in Ihrem Beruf wieder Weltklasse zu sein.
Meier: Das weiss ich. Ich bin zwar in allen Bereichen ein bisschen ein Streber, aber ich bin zufrieden, wenn ich jeden Tag gerne zur Arbeit gehe und meine Sache als Journalistin gut mache.
Kaeslin: Ich strebe auch nicht danach, noch etwas zu finden, in dem ich so gut bin wie im Kunstturnen. Wäre wohl auch unmöglich (lacht).

Bleiben körperliche Schäden?
Kaeslin: Nein, gar keine. Mir hat es einfach wirklich oben (zeigt auf den Kopf) eine Sicherung rausgehauen. Meinem Körper geht es sehr gut.

Falls Sie einmal Kinder haben, dürften diese kunstturnen und eiskunstlaufen?
Meier: Klar, sie dürfen den Sport ausüben, den sie möchten.
Kaeslin: Vor vier Jahren hätte ich noch Nein gesagt, heute sage ich Ja. Jeder soll seine Erfahrungen selber machen.

Sie haben beide kurz nach dem Rücktritt Ihre Partner kennengelernt. Inwiefern haben sie in dieser Phase geholfen?
Meier: Da mein Freund Jan selber Spitzensportler ist, hatte er viel Verständnis. Und er hat mich oft fürs Training motiviert, denn ich lief ja noch Shows.
Kaeslin: Ich glaube, wir würden es beide mit einem Nichtsportler nicht aushalten. Timon ist zwar nicht Profi, aber auch Leistungssportler. Die Situation in meiner Krise war für ihn sicher nicht leicht, doch ich war immer offen und ehrlich zu ihm, und er brachte viel Verständnis auf. Einerseits motiviert auch er mich zum Sport, aber gleichzeitig ist er auch der, der sagt: «So, jetzt reichts», wenn ichs mal wieder übertreibe.

Ariella, wann dachten Sie eigentlich, ich liebe mein Leben wieder?
Das kann ich nicht sagen. So langsam, wie ich in die Krise reingerutscht bin, so langsam kam ich wieder raus. Schritt für Schritt.

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