Der ehemalige Radprofi reist mit dem Circus Royal Beat Breu erfüllt sich seinen Kindheitstraum

Einst wurde er als Radprofi bejubelt und umschwärmt. Dann fiel Beat Breu das Leben schwer. Heute, im Alter von 60 Jahren reist er mit dem Zirkus.

Über dem Bistro ist immer Nacht. Der Zirkus hat seinen riesigen Mantel darüber zugeknöpft. Beat Breu schaut über die Lichter seines Wagens, hinauf zur dunkelblauen Zeltwand. Die Sonne scheint durch ein paar Dutzend Löcher, so klein wie Fünfräppler. Es ist etwas schäbig. Und der schönste Sternenhimmel, den man sich vorstellen kann. Es ist Breus neues Zuhause.

Er läuft hinüber zu einem Tisch, der vor seinem Bistrowagen steht, serviert den Kindern Sirup, den Erwachsenen Kaffee. Winzige Manegen mit Clowns, Kamelen und Artisten stehen auf jedem Tisch als Dekoration. Die Bühnen sind nicht bemalt, sondern beklebt mit farbigem Filz. «Sälber gmacht», sagt Breu. «Aber es ist nichts Wahnsinniges. Die Leute haben halt Freude.» Auch die Clowns, die draussen im Licht der Laterne stehen, gehören ihm. Die hat er schon als Kind gesammelt. Breu zeigt auf einen kleinen roten Zirkuswagen, der im Bistro steht. «Damit habe ich als Kind gespielt. Wenn die Onkel auf Besuch kamen, gab ich Vorstellungen und verlangte zwanzig Rappen.»

Jetzt ist er 60. Und endlich auf Tournee. Zehn Monate lang als Beizer im Schlepptau des Circus Royal. Als «Garçöönli», wie ihn Heidi nennt, wenn er von Tisch zu Tisch hetzt. Von März bis Dezember. 80 Spielorte, 350 Vorstellungen. Breu, einst einer der grössten Radfahrer der Schweiz, Tour-de-Suisse-Sieger 1981 und 1989, Sieger zweier Bergetappen der Tour de France 1982 – eine davon hinauf auf die legendäre Alpe d’Huez.

Breu, der Stadt-St.-Galler mit dem glockenhellen Dialekt. Den sie «Bergfloh» nannten, der alle im Sack hatte: Gegner, Journalisten, Zuschauer. Breu, den die Schweizer liebten. Er hatte Fehler. Er war wie sie. Er, der einen Motorradfahrer wissen liess, «i hau der eini ad Schnorre, went en nomol in Windschatte lohsch». Breu, der an der Tour de Suisse 1981 von seinem Teamkollegen Godi Schmutz verschaukelt und fast um den Sieg gebracht wurde und den legendären Satz sagte, den die Generation 50 plus heute noch abruft: «De Gopfried isch fö mi gschtorbe!» Breu, der zurücktrat, Schulden hatte, sich als Bordellbetreiber und Komiker versuchte, über dessen Spässe gelacht und der verlacht wurde, der nach der Karriere lange keinen Boden unter die Füsse bekam, der nicht wusste, wer zu ihm gehörte oder zu wem er gehörte. Breu, den alle nur Beat nannten, hängt noch eine Etappe an.

Beat Breu Schmutz Fuchs Tour de Suisse 1981
© Dukas

Tour de Suisse 1981:  Josef Fuchs (v. l.), Beat Breu, Gody Schmutz

«Der Start war schwierig», sagt er. «Zehn Grad minus in Weinfelden. Wir mussten das Wasser immer laufen lassen. Sonst wäre es gefroren. Und dann taute es plötzlich. Die Karren standen bis zur Achse im Schlamm. Als wir in Kreuzlingen ankamen, war alles ein Dreckhaufen. Das Zelt sah schlimm aus. Aber ich wusste, das Zirkusleben kann auch hart sein.»

Eigentlich fehlt es ihm zuletzt an nichts. Er ist Aussendienstmitarbeiter einer Thuner Ersatzteilfirma für Zweiräder. Als er in St. Gallen die Tierschau des Circus Royal besucht, wird er angesprochen und an die Premiere nach Zürich eingeladen. Er findet das Bistro trostlos, ruft Zirkusdirektor Oliver Skreinig an. Dann führt das eine zum andern. Schliesslich sitzt Peter Gasser am Tisch mit ihm und fragt: «Bist du sicher, dass du es machen willst? Zirkus ist hart!» Breu sagt: «Ja, klar!» Sie geben sich die Hand. Drei Jahre will er auf Tournee. Dann wäre er 63. Heidi ist 65 und schon pensioniert.

Es ist morgens um elf. Breu macht seinen Rundgang. Die Hunde und Ziegen sind unter freiem Himmel. Die Kamele und Lamas unter einem Zeltdach mit Watussi-Rindern. Der Kamelbock stinkt. Breu sagt, er könne den Penis nach hinten drehen und alles vollsprenkeln, wenn er markieren wolle. Während der Vorführung laufen die Kamele im Kreis. Ein Lama springt darüber, wenn sie liegen. Weil: Aufeinander stellen könne man sie ja nicht, sagt Breu. Pferde gibt es. Und ein Pony. Die Vögel mussten sie weggeben. «Kumedi mit dem Tierschutz», sagt Breu. Dabei standen sie immer friedlich bei den Lamas. Auch wenn die Lamas schliefen. «Fast wie Kinder», sagt Heidi. Und Löwen? Die gabs immer im Royal, im letzten Zirkus, der die Tierschützer auf den Plan rief. «Aber ein Löwe machte nicht richtig mit. Der Dompteur fand, das gehe nicht. Jetzt haben sie halt keine Raubtiere.» Dafür wirds einfacher, weil keine Aktivisten vor dem Zelt stehen.

Beat Breu Zirkus Royal
© Fabienne Bühler

Rundgang: Breu bei den Kamelen. «Tierli und Glön waren für mich Zirkus.»

«Glön und Tier» hat Breu seit seiner Kindheit am liebsten gesehen. Hier im Circus Royal ist er vom Handstandkünstler und vom Jongleur angetan. «Da kommst du mit Schauen nicht nach.» Immer wenn Heidi Beat sucht, ist er im Zelt verschwunden. Er kennt die Abläufe, die Musik. Er weiss, zu welchem Takt die marokkanischen Artisten auftreten. Der Clown ist Italiener. Ein moderner Reprisenclown. «Er macht es noch gut», sagt Breu. «Besser als das Pantomimenzeug.» Der Clown nimmt ein altes Velo auseinander. Dann klemmt er sich die Finger ein. Am Ende setzt er es verkehrt zusammen. Dort, wo der Sattel ist, sind dann die Pedale. Beat lacht herzlich. «Für die Kinder ist es noch lustig.»

Zirkus. Das ist ein Kampf ums Überleben. Manchmal kommen 500 oder 600 Leute, oft auch nur 50, 60. Senioren mit ihren Enkeln. Für eine Zuckerwatte und etwas Magie, die völlig aus der Zeit gefallen ist. Den Kindern wird das Herz noch nicht schwer, wenn sie auf die leeren Sitze schauen. «Ich bewundere die Artisten. Auch den Jongleur, dem manchmal eine Keule runterfällt», sagt Breu. Und nein, er beneidet sie nicht. Er sei keiner für die Bühne. «Ich schlitterte damals ins Zeug rein», sagt er über seine Jahre als Komiker. Alle meinten, er sei ein «lustiger Cheib». Aber wenn «du da oben stehst, dann hocken sie da und starren dich an».

Breu wird für Geburtstage, Hochzeiten, Firmenfeste gebucht. Zu Beginn läuft es, dann wirds schwieriger. «Einmal war es haarsträubend. Ich war in Sils bei einem Ärztekongress. Vor mir spielte eine Kammermusik, die aus London eingeflogen worden war. Musik, die mir nicht gefiel. Geige und Cello. Die bekamen eine Standing Ovation. Dann kam ich mit meinem Scheissdreck.»

Er geht auf die Bühne mit einem Rucksack voller Witze, die unter die Gürtellinie zielen. «Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Keiner lachte. Und ich schämte mich.» 35 Minuten sollte der Auftritt dauern. Breu bleibt keine 15. «Es waren die längsten 15 Minuten meines Lebens. Wie ein Weltuntergang. Das ging mir unter die Haut.» Als er das fertig erzählt hat, schaut er auf seine gefalteten Hände. Dann nickt er vor sich hin. Ja. So war es halt.

Beat Breu Zirkus Royal
© Fabienne Bühler

Erinnerungen: Beat Breu signiert seinem Gast Urs Fischer die Breu-Biografie.

Im Bistro gibt es Kundschaft. Franz Büsser stellt sich vor Breu hin. «Äh, wie soll ich … wie darf …?» – «Beat, einfach Beat», sagt Breu. Er kennt das, wenn die älteren Herren ihn einmal erleben wollen. Büsser wedelt mit der Hand Richtung Berge. Dort oben am Col des Mosses, «hämmer ghepet». Er sei extra für einen Kaffee hierhergekommen.

Die Gäste wechseln, das Thema bleibt. Breu weiss, wofür sie kommen. Er hat eine ganze Wand voller Fotoalben am Wagen stehen. Und wendet mit den Gästen dann die Seiten und Erinnerungen wie die Kehren einer Passfahrt. Tour de Suisse, Giro, Tour de France, Sepp Vögeli, eingeklebte «Teleboy»-Eintrittskarten. Elisabeth Vaterlaus, eine ältere Frau, ist mit ihrer Tochter hier. Sie bestellen ein Cüpli, schauen sich um. «So schön ist das hier in dem Wagen», sagt sie. «Bei Beat Breu. Dass ich das noch erleben darf.» Sie erzählt ihm, dass sie einst im Service arbeitete und er bei einer Rundfahrt an ihr Buffet kam. «Er bestellte Obst», sagt sie. Beat muss zum nächsten Tisch. Elisabeth Vaterlaus kommt auch zur Abendvorstellung. Ihr geht es gut. Beat auch.

Die alten Geschichten plagen ihn manchmal. Die Schulden, die ihm sein Bruder durch Immobiliengeschäfte aufhalste, die Banken, die «mich bis aufs Blut plagten. Der Letzte, der mir die Knöpfe eindrückte, war ein Banker, der zuletzt selber in U-Haft war. Selber Gauner», sagt er.

Breu überlegt sich, was Glück bedeutet. «Ich bin zufrieden. Mit Heidi. Mit dem Zirkus. Meine Kinder und Enkelkinder sind gesund. Das, was ich erlebt habe, hätte nicht sein müssen. Aber wenn ich Trübsal blase, wirds nicht besser.» Denn jetzt ist er da, wo er hinwollte. «Der Zirkus war immer mein Ziel. Mir war wurst, als was. Als Platzanweiser oder sonst was. Aber es hiess, ich müsse was lernen. Der Grossvater war Lokführer, der Vater Banker. Es hiess, zum Zirkus darf man nicht. Das sind die Fahrenden.»

Breu steht während der Vorstellung bei Josefine Igen hinter der Manege. Sie bürstet ihre Tibet-Terrier noch einmal. Breu krault die Hunde. Geht dann hinüber zum Vorhang und zieht ihn etwas zurück. Ein rötlicher Schimmer fällt auf sein Gesicht. Beat lächelt.

Beat Breu Zirkus Royal
© Fabienne Bühler

Ein Blick durch den Vorhang: «Das ist alles, was ich immer wollte.»

Tourneedaten: www.circusroyal.ch

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