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Der Komiker setzt sich für bedrohte Tiere ein

Bei den Orang-Utangs vergeht Viktor Giacobbo das Lachen

Komiker Viktor Giacobbo engagiert sich für die Orang-Utans in Indonesien. Es ist ein todernster Kampf um ihr Überleben.

Viktor Giacobbo bei Orang-Utans
Viktor Giacobbo in der Auswilderungsstation. Die Maske trägt er, um die Affen vor möglichen menschlichen Erregern zu schützen. PanEco

Viktor Giacobbo kennt sich aus mit Absurditäten. Er verdient sein Geld damit. Zum Lachen ist dem 65-jährigen Komiker trotzdem nicht, als er sagt: «Es gibt Zustände, die sind zu tragisch für Witze. Dass wir für Gesichtscreme ganze Regenwälder abholzen zum Beispiel.»

Giacobbo sitzt auf einem Sofa in seinem Casinotheater Winterthur und scrollt durch Fotos auf seinem Mobiltelefon. Er sagt, für Affen habe er sich erst interessiert, als er einem genauer ins Gesicht geschaut habe. Er zeigt auf ein Bild, auf dem er neben einem Orang-Utan steht, beide blicken ernst in die Kamera. Der Komiker fährt mit dem Finger zwischen den zwei Köpfen hin und her und sagt: «Wir haben quasi dasselbe Erbgut. Wie könnte mich das nicht interessieren?»

Viktor Giacobbo bei Orang-Utans
Neben dem schwindenden Lebensraum bedroht der illegale Handel mit Affenbabys die Orang-Utans. PanEco/Yves Bachmann

Giacobbo mag Tiere, seit er denken kann. Seit acht Jahren engagiert er sich für sie. Damals besuchte er die Stiftung der Schweizer Biologin Regina Frey auf Sumatra, die sich für die Rettung der Menschenaffen und die Erhaltung ihres Lebensraumes auf der indonesischen Insel einsetzt. In Batu M’Belin, einem Stück Regenwald nahe der Grossstadt Medan, befindet sich ihre Auffang- und Pflegestation. Dort landen verletzte oder illegal gehaltene Tiere und werden auf das Leben in der Natur vorbereitet.

Als Giacobbo das Schutzprogramm im Sommer 2010 besuchte, war er beeindruckt von der Professionalität der medizinischen Anlagen und dem ganzheitlichen Ansatz. «Die meisten Stiftungen konzentrieren sich auf punktuelles Engagement wie das Retten von gefährdeten Tieren aus prekären Umständen», sagt er. Doch wer sich nachhaltig engagieren wolle, könne sich nicht damit begnügen. «Man muss auch verstehen, warum sie dort landen und wie man dafür sorgen kann, dass das nicht mehr geschieht.»

Es ist weltweit das einzige Projekt, dem eine erfolgreiche Wiederansiedlung der Affen gelingt

Jedes Jahr fällt eine Million Hektar Regenwald legalem Abholzen oder illegalem Raubbau zum Opfer. Oft, um darauf Palmölplantagen zu errichten – für jenen günstigen und vielseitig einsetzbaren Rohstoff, der vom Brotaufstrich bis zum Waschmittel in zahlreichen Alltagsprodukten zu finden ist. Für das billige Pflanzenfett zahlt die Natur einen hohen Preis. Die Orang-Utans auf Sumatra leiden besonders stark darunter: Ihr Bestand ist in den vergangenen 75 Jahren um 80 Prozent zurückgegangen – die verbliebenen 14 000 Menschenaffen sind mittlerweile vom Aussterben bedroht. Doch der schwindende Lebensraum ist nur ein Gefährdungsgrund. Ein anderer ist der illegale Handel mit Orang-Utan-Babys, die in Indonesien als Statussymbol gelten. Um an die begehrten Tiere zu kommen, werden deren Mütter erschossen – und die traumatisierten Jungtiere fortan als Haustiere gehalten, wo sie oft falsch ernährt und misshandelt werden.

Um den Orang-Utans auf Sumatra zu helfen, wieder auf eine stattliche Anzahl anzuwachsen, baut die Stiftung PanEco mit ihrem Orang-Utan-Schutzprogramm SOCP systematisch neue Populationen auf. Es ist weltweit das einzige Projekt, dem eine erfolgreiche Wiederansiedlung der Menschenaffen gelingt. Das ist nicht alles. Um der Bevölkerung alternative Einkommensquellen zur Palmölgewinnung aufzuzeigen, konzentriert man sich im Dorf Bukit Lawang auf die Umschulung von Bauern auf nachhaltige Bodenbewirtschaftung, aber auch auf Öko-Tourismus und lokal geführte Trekking-Touren.

Auch Giacobbo war auf so einem Trip dabei – und schwer davon beeindruckt. «Wir waren etwa eine Stunde durchs Dickicht gestapft, es war glitschig, heiss und feucht.» Plötzlich habe sich der Gruppenführer umgedreht und alle angehalten, zu verstummen und sich auf den Boden zu knien. «Es war totenstill. Dann folgte ein lautes Knacksen, und ein Orang-Utan-Weibchen bewegte sich mit seinem Jungen in unser Blickfeld, ganz langsam, und sah uns direkt in die Augen.» Er schüttelt den Kopf und sagt: «Die langsamen Bewegungen, diese Mimik, es war unglaublich. Wenn ich daran denke, stellen sich grad wieder alle Nackenhaare auf.»

Seit einem Jahr ist der Komiker auch im Stiftungsrat von PanEco dabei. Er zählt stolz die Erfolge auf: «Die ersten Babys der neuen Populationen sind geboren, diesen Frühling wird der Orang-Utan Haven eingeweiht, eine Insel im Urwald, auf der künftig auch jene Tiere quasi frei leben können, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr ausgewildert werden können.» Die Herausforderungen bleiben. Doch es gebe Hoffnung: «Die Regenwald-Abholzung zugunsten des Palmöls steht vermehrt in der Kritik», sagt Giacobbo, der selber auf Produkte mit Palmöl verzichtet, wo er nur kann. Andererseits finde ein Umdenken bei der lokalen Bevölkerung statt. «Die Leute verstehen immer mehr, dass der Regenwald und die Orang-Utans ihr Erbe sind, das sie schützen wollen.» Jetzt gehe es darum, zu zeigen, wie.

Von Roberta Fischli am 2. Februar 2019