Das grosse Familieninterview zum 70. Geburtstag! Bernhard Russi: «Die Familie ist das Wichtigste»

Skilegende Bernhard Russi wird heute Montag 70! Zwei Monate nach einer Rücken-OP geht es ihm wieder gut. Daheim in Andermatt UR erzählt seine Familie, was sie an ihm liebt und was sie nervt: «Beim Jassen verhält er sich unsportlich.»
Bernhard Russi
© Kurt Reichenbach

Harmonisch: Mari und Bernhard Russi im Unteralptäli ob Andermatt UR, wenige Minuten entfernt von ihrem Wohnhaus.

Diesen Sommer machten Russis eine Woche Familienferien in Schweden, in der Heimat von Mari, 58. Alle waren dabei: Bernhard, 70, Tochter Jenny, 26, Sohn Ian, 38, mit Frau Sarah, 38, und den Buben Johnny, 6, und Glenn, 4. Vergangenen Sonntag kommt Familie Russi wieder in Andermatt UR zusammen. Johnny und Glenn spielen im Garten Fussball. Mari, Jenny, Sarah und Ian erzählen Anekdoten aus ihren Ferien in Schweden. Und Bernhard spielt drinnen Klavier.

Wie oft gibt es bei Russis gemeinsame Ferien oder solche Familientage wie heute, wo alle da sind?
Ian: Alle gleichzeitig zusammenzubringen, ist schon nicht einfach. Gemeinsame Sommerferien wie jetzt in Schweden haben wir schon lange nicht mehr geschafft.

Jenny: Aber die Familientage werden in letzter Zeit häufiger, vor allem wegen Johnny und Glenn.

Sarah: Ja, und in den Weihnachtsund den Skiferien sind wir fast immer da. Die Buben bleiben dann oft noch länger.

Fühlt ihr euch eigentlich mehr als Andermatter, als Bergler, oder als Unterländer?
Ian: Wenn ich in Andermatt bin, fühle ich mich mehr von da. Ich bin dann daheim.

Sarah: Du warst schon immer ein Sehnsuchtsbergler!

Jenny: Hier oben wird man zum Andermatter. Auch wenn wir im Aargau aufgewachsen sind, wurden wir von den Bergen geprägt. Je älter ich werde, desto mehr merke ich das. Inzwischen zieht es mich in den Ferien eher in die Berge als an den Strand.

Bernhard Russi
© Kurt Reichenbach

Familientreffen: Mari und Bernhard mit Ian (l.), Sarah, Jenny (r.) und den Grosskindern Glenn und Johnny (vorne) in ihrem Garten in Andermatt.

Bernhard wird 70. Man glaubt es kaum, wenn man ihn so sieht: attraktiv, fit, aktiv.
Jenny: Das finde ich auch. Es ist schön, einen so aktiven Dädi zu haben. Und er lebt in seiner Rolle als Grossvater von Johnny und Glenn so richtig auf.

Mari: Er interessiert sich auch für alles, was ihr macht.

Jenny: Ja, er bringt sich ein. Und er will immer Neues lernen. Zurzeit Rätoromanisch.

Ian: Er hat stets neue Ziele, neue Ideen. Zuweilen fragt man sich auch: Muss das jetzt wirklich sein? (Lacht.) Inzwischen ist er so reif geworden, dass er merkt, wenn etwas nicht mehr geht, wenn er an seine Grenzen stösst.

Jenny: Ich glaube, das ist seine einzige Alterserscheinung – Dädi ist vernünftiger geworden.

Mari: Also unvernünftig war Bernhard nie. Er hat sich einfach immer hohe Ziele gesetzt und ist ehrgeizig. Sein Spruch ist ja, dass man stets seine Grenzen herausfordern muss, um sie zu erkennen.

Ian: Er versucht jetzt wenigstens beim Skifahren nicht mehr, weiter zu springen als ich. Es brauchte aber viele Versuche und Schmerzen, bis er das akzeptiert hat (lacht).

Galerie: Russi auf dem Höhepunkt seiner Karriere


 

Wie ist Bernhard als Vater?
Ian: Huere guet! Er war früher kein Vater, der rund um die Uhr da war. Aber wenn er da war, dann 100 Prozent.

Jenny: Am besten war oder ist er in Krisen- und Stresssituationen. Dann kann er einem die nötige Ruhe geben, hat viel Verständnis und sieht immer das Positive. Er hat uns auch nie unter Druck gesetzt oder etwas von uns erwartet, auch schulisch nicht.

Mari: Aber er hat erwartet, dass ihr euch Mühe gebt. Ob es dann am Schluss einen Sechser oder einen Vierer gab, war nicht entscheidend.

War es nie eine Bürde, Tochter und Sohn von Bernhard Russi zu sein?
Jenny: In der Teenager-Zeit war es schon nicht einfach. Man will eigenständig sein, sich finden und entwickeln. Wenn man dann immer hört, ah, du bist die Tochter von Bernhard Russi, sagt man sich: Nein, ich bin Jenny!

Ian: Als Kind war es extrem cool. In der Pubertät wurde es dann manchmal belastend. Deshalb war ich froh, dass ich mit 17 ein Austauschjahr in Amerika machen konnte.

Sarah: Ich bin von aussen in die Familie gekommen und habe Bernhard Russi gar nicht gekannt. Für mich war er immer der Vater von Ian und nicht die Skilegende. Anfangs ist mir aufgefallen, dass meistens Mari und Ian miteinander geredet, während Bernhard und ich eher ein Buch gelesen haben. Mari ist der Mittelpunkt der Familie.

Bernhard Russi
© Kurt Reichenbach
Cool: Russi mit Johnny (l.) und Glenn auf einem Sessel des alten Nätschenlifts. «In seiner Rolle als Grossvater geht er so richtig auf.»

Was nervt an Bernhard?
Ian: Jassen mit ihm ist schwierig. Er verhält sich dann so richtig unsportlich und provoziert gerne. Und am Schluss verlässt meistens jemand den Tisch.

Mari: Manchmal ist es schon zum Davonlaufen (lacht).

Und sonst?
Ian: Wenn man mal so richtig wütend oder genervt ist und er immer noch das Positive sieht.

Jenny: Ja, das stimmt. Er kann dann das Negative einfach nicht akzeptieren... (Bernhard kommt heraus auf die Terrasse.)

Mari: Das ist jetzt der falsche Zeitpunkt!

Bernhard: Ah, so seht ihr das... Dann müssen wir noch mal über die Bücher. Ich glaube, man geht einfacher durchs Leben, wenn man das Positive sieht. Mein Vater war genauso.

Bernhard Russi, am 20. August werden Sie 70. Wie feiern Sie den Tag?
Ich hoffe, dass meine Familie nicht auf den dummen Gedanken kommt, eine Party zu organisieren. (Jenny schmunzelt.) Das kann nur schiefgehen. Ich mache jeweils lieber eine Bergtour. Oder gehe aufs Velo. So wie am 50. Geburtstag, als ich vor und nach dem Zmittag je 50 Kilometer gefahren bin. Doch dieses Jahr wollte ich eine grössere, spezielle Sache organisieren, für meine Familie, Freunde und Bekannte. Da ich aber diesen Sommer eine Operation hatte, musste ich die Feier auf nächstes Jahr verschieben.

Was war das für ein Eingriff?
Eine Rücken-OP, an der Lendenwirbelsäule. Es hat sich schon länger abgezeichnet, dass ich diese machen muss. Und zuletzt war der Eingriff unumgänglich.

Wie geht es Ihnen jetzt?
Sehr gut. Ich könnte mehr machen, als ich effektiv darf. Mir ist bewusst, dass ich vernünftig und zurückhaltend bleiben muss, denn der Heilungsprozess braucht Zeit. Im Dezember sollte ich grünes Licht erhalten, dass ich wieder vorsichtig Ski fahren, klettern und Golf spielen darf.

Haben Sie Mühe mit dem Älterwerden?
Nein, es macht mir keine Mühe. Älterwerden ist ein Prozess – und daran finde ich nichts Schlechtes. Meine Devise lautet sowieso: Nur weil du älter wirst, darfst du nicht aufhören, an deine Grenzen zu gehen. Und 7 oder 70 ist für mich sowieso eine schöne Zahl: 1970 wurde ich Weltmeister, 7 ist der Schwierigkeitsgrad, den ich im Klettern noch unbedingt erreichen will.

Ist das typisch Spitzensportler, immer an die Grenzen zu gehen?
Ich glaube, es ist der menschliche Instinkt. Schon kleine Kinder klettern auf Mauern und Bäume, obwohl es dort oben nichts gibt. Der Mensch sucht immer wieder das Limit, auch in der Wissenschaft, in der Kunst, in der Musik. So entwickeln wir uns weiter. Mir tut Adrenalin gut. Ich bin ja ein leidenschaftlicher Kletterer. Du kannst ans Limit gehen, ohne dich in Lebensgefahr zu begeben, ausser du machst einen groben Fehler oder hast Pech.

Bernhard Russi
© Kurt Reichenbach

Aktiv und fit: Obschon er wegen seiner Rücken-OP aufpassen muss, steigt Russi in die Unteralpreuss. Hinten im Tal gehts hoch zu seiner Hütte am Wildenmattensee.

Aber dann ist es meistens tödlich.
Letztes Jahr ging ich mit einem Freund an der Mittagsfluh im Haslital klettern. Wir waren bereits im Abstieg, als ein riesiger Brocken einen halben Meter vor mir in den Felsen gedonnert ist. Wir hatten riesiges Schwein. Ich fordere das nicht heraus, aber ich weiss, dass es zum Leben gehört. Wenn du in den Bergen aufwächst, setzt du dich früh damit auseinander. Im Sommer die Überschwemmungen, im Winter die Lawinen! Mein Vater arbeitete als Bahnmeister bei der Furka-Oberalp-Bahn. Als Bub hatte ich stets Angst, dass er in eine Lawine kommt. Damit lernt man leben.

Sie haben in Ihrer Familie viele Schicksalsschläge erlitten und vor anderthalb Jahren in einem Dok-Film und in der «Schweizer Illustrierten» darüber gesprochen. Was haben Sie für Reaktionen erhalten?
Ich war ja hin und her gerissen, ob ich das überhaupt machen will. Im Nachhinein bin ich froh darum. Nicht wegen mir. Aber ich habe gespürt, dass es vielen Menschen gutgetan hat, zu sehen, dass auch andere mit Rückschlägen umgehen müssen. Und ich erhielt unglaubliche Reaktionen – in einem Ausmass, das mich wirklich überrascht hat. Noch heute habe ich im Büro einen halben Meter hohen Stapel mit persönlichen Briefen und berührenden Lebensgeschichten. Ich bin daran, jeden Brief zu beantworten.

Jeden einzelnen?
Ja, das bin ich diesen Menschen schuldig. Es ist schliesslich auch ein Vertrauensbeweis von ihnen.

Wie geht es heute Ihrem Bruder Manfred?
Im Vergleich zur Zeit, als der Film gedreht wurde, hervorragend. Seit über eineinhalb Jahren ist Manfred trocken, kein Schluck Alkohol. Mari und ich haben ihn gerade gestern besucht: Er sieht wirklich gut aus, aber er braucht ein Umfeld, das zu ihm schaut.

Und wie geht es Ihrer Schwester Madeleine?
Seit eh und je gleich. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Vor meiner OP war ich zum letzten Mal bei ihr.

Im Dok-Film haben Sie gesagt: «Wenn ich an meine glücklichsten Momente denke, meinen alle, es sei der WM- oder der Olympiasieg. Aber es sind die Tage der Geburt von Ian und Jenny. Die Familie ist für mich der eigentliche Sinn des Lebens.»
Ja, das stimmt, die Familie ist das Wichtigste! Auch wenn ich dankbar bin, was ich im Sport erleben durfte. Aber schauen Sie sich hier im Haus um: nirgendwo eine Medaille, nirgendwo ein Pokal. Das ist alles im Talmuseum von Andermatt (lacht).

Russis pflegen einen engen Familienzusammenhalt.
Wir müssen nicht alles zusammen machen. Aber wenn ich von Jenny mal zwei, drei Wochen nichts höre, fehlt mir schon was. Mari gleist dann das nächste Familientreffen auf, sie ist die Organisatorin in der Familie. Und ich könnte mir keine Weihnacht vorstellen ohne meine Familie, ohne Christbaum, ohne «Stille Nacht, heilige Nacht» im Sextett.

Bernhard Russi
© Kurt Reichenbach

Musikalisch: In der Art 87, der neuen Galerie von Mari Russi, Lesley Pollock und Gedeon Regli (r.) im Dorfzentrum von Andermatt, spielt Bernhard auch an Vernissagen.

Zum 65. Geburtstag haben wir Ihnen ein paar Klavierstunden geschenkt. Wie gut spielen Sie?
Eine Zeitlang habe ich noch Klavierstunden genommen. Ich bin sowieso der Lerntyp, ich übe gerne. Doch jetzt habe ich eher meine Jazz- und Improvisationsphase. Ich kann kaum an einem Klavier vorbeigehen, ohne zu spielen. Wenn ich morgens um zwei nach Hause komme, setze ich mich manchmal ans Klavier und spiele bis fünf. Es ist wie beim Skifahren: ein Ziel, eine Vorstellung haben, was man erreichen will – und dann üben! Dabei empfinde ich das Klavier als spannender, weil ich jede Taste lernen muss.

Zum 70. Geburtstag kommt ein neues Russi-Buch heraus. Es ist erst das zweite, das erste hat Reporter-Legende Karl Erb 1971 geschrieben.
Einerseits fühlt man sich etwas gebauchpinselt. Und vielleicht wissen jetzt auch einige, was sie ihrer Mutter oder Grossmutter zu Weihnachten schenken sollen (lacht). Andererseits wäre es nicht nötig gewesen. Daher habe ich beim Buch, bis aufs Durchlesen, auch nicht aktiv mitgewirkt – und hoffte eigentlich, ich könnte es so verhindern.

Im Video: Die Feier zur Publikation des Buches über Bernhard Russi

 
 
Bernhard Russi feiert seinen 70. Geburtstag vor

Die «Schweizer Illustrierte» feiert den Geburtstag von Skilegende Bernhard Russi und die Publikation seines neuen Buches. Hochkarätige Gäste aus Sport, Politik und Unterhaltung kamen, um dem bald 70 Jährigen zu gratulieren.

Posted by Schweizer Illustrierte on Thursday, August 16, 2018

Sie könnten auch selber eines schreiben – Ihre Autobiografie!
Ich habe tatsächlich ein paar kleine Kapitel geschrieben. Es gibt in meinem Leben, aus meiner eigenen Sicht, durchaus noch ein paar Sachen zu erzählen. Doch ich weiss noch nicht, ob ich das je in einem Buch zusammenfassen will. Vielleicht gibt es mal ein Büchlein – nur für die Familie.

Haben Sie letzten Winter Ihren Job als TV-Experte vermisst?
Nein, überhaupt nicht, auch wenn es schön war, dass ich das so lange machen durfte. Doch ich habe in meinem Leben noch nie so viele Skirennen geschaut wie im vergangenen Winter. Es war so beruhigend und entschleunigend, hier zu sitzen, mit der Fernbedienung in der Hand, ohne dass du dir eine Zwischenzeit merken musstest. Auch diesen Sommer war es super. Ich wurde vor dem ersten WM-Spiel operiert – und habe danach keinen einzigen Match verpasst (lacht). Und gestern Abend bin ich um zehn nach Hause gekommen, habe im Fernsehen mit geschlossenen Augen alles zurückgespult und mir dann bis ein Uhr morgens die Europameisterschaften reingezogen: Leichtathletik, Triathlon, Turmspringen. Das geniesse ich.

Auch interessant