Eine Fahrt im Ballon mit Bertrand Piccard «Ich glaube an Gott»

Er geht in die Luft! Der Schweizer Erforscher und Pilot Bertrand Piccard erzählt, was das Fliegen mit dem Leben zu tun hat, was er seinen Töchtern rät und wo er Gott näher kommt.
Bertrand Piccard
© Nicolas Righetti

Bertrand Piccard sagte zu seinen Töchtern: «Seid in eurem Bereich Pioniere, schafft etwas Neues!»

Der Himmel ist strahlend blau, der Wind gut. Eilig macht der Westschweizer Pilot Bertrand Piccard, 59, morgens um neun Uhr in Château-d’OEx VD den Heissluftballon seiner Stiftung Winds of Hope bereit: Es gibt ein Ballonrennen, das Tal abwärts bis nach Gruyères FR! Doch damit nicht genug: Am Nachmittag startet er gleich nochmals – und fliegt bis nach Saanen BE.

Monsieur Piccard, haben Sie nie genug vom Fliegen?
Das Licht war heute einfach wunderbar, der Wind perfekt! Da bleibe ich doch nicht am Boden, wenn ich fliegen kann.

Ist das Fliegen eine Sucht?
Nein, sondern eine Suche. Es geht um Verantwortung: gegenüber mir selbst und gegenüber den Menschen, die mit mir fliegen. Ich bin den Kräften der Natur ausgeliefert. Mit dem Ballon kann ich nur die Richtung ändern, indem ich steige oder sinke – und so einen anderen Wind finde. Deshalb ist Ballonfahren mehr Philosophie als Sport.

Wie meinen Sie das?
Im Leben ist es wie beim Ballonfliegen: Wenn Sie die Richtung Ihres Lebens ändern wollen, müssen Sie die Art und Weise Ihres Denkens ändern. Dann stehen Ihnen alle Wege offen.

Hier spricht der Psychiater in Ihnen! Kann ich denn einfach so meine Art zu denken ändern?
Das ist nicht ganz einfach. Deshalb haben so viele Menschen Probleme: Sie sind gefangen in ihren Ängsten, in ihrer Vergangenheit, in ihrem Weltbild. Der Nachteil starker Überzeugungen ist, dass wir immer in die gleiche Richtung gehen. Taucht ein Hindernis auf, so löst das eine riesige Krise aus.

Wie können wir das ändern?
Wenn wir Erfolg wollen, müssen wir immer alles hinterfragen – statt einfach blind irgendwelchen Regeln zu folgen.

Aber Sie hatten doch immer starke Überzeugungen! Etwa die Erde in einem Ballon umrunden zu können.
Ich zweifle immer an allem. Deshalb hatte ich bei meinen drei Versuchen zur Erdumrundung drei verschiedene Ballone. Jedes Mal habe ich andere Konstruktionen und Materialien ausprobiert – und so schliesslich gewonnen. Meine Konkurrenten hingegen waren zu sehr von ihrem Konzept überzeugt – und scheiterten.

Aber Sie waren überzeugt, gewinnen zu können.
Ich war motiviert, nicht überzeugt. Das Schlimmste im Leben ist nicht das Scheitern. Das Schlimmste ist, es nicht versucht zu haben. Wir bereuen immer das, was wir nicht versucht haben.

Wo haben Sie gelernt, Ihre Grenzen stets weiter zu stecken?
In meiner Kindheit! Die Freunde meines Vaters waren Entdecker, Astronauten, Taucher. Ich wollte wie sie das Unbekannte erforschen! Als Jugendlicher litt ich unter diesem Drang. Denn statt neue Dinge zu entdecken, musste ich in die Schule.

Wann änderte sich das?
Als ich 16 Jahre alt war, kamen die ersten Deltasegler in die Schweiz. Das fand ich grossartig! Ganz alleine in mehreren 1000 Metern Höhe fliegen.

Im Jahr 1999 umrundeten Sie als erster Mensch die Welt mit einem Ballon, 2016 folgte dasselbe mit einem Solarflugzeug. Was wird Ihr nächstes grosses Projekt sein?
Mit meiner Solar-Impulse-Stiftung suchen wir bis Ende Jahr 1000 Lösungen, welche die Umwelt auf eine ökonomisch profitable Art und Weise schützen können. Um ein sauberes und effizientes Wachstum zu schaffen.

Bertrand Piccard
© Nicolas Righetti

Bertrand Piccard im Innern seines Heissluft-Ballons: «Deshalb haben so viele Menschen Probleme: Sie sind gefangen in ihren Ängsten, in ihrer Vergangenheit, in ihrem Weltbild.»

Haben Sie schon viele Projekte?

Knapp 500. So hat zum Beispiel ein Unternehmen ein einfaches Verfahren entwickelt, dank dem normale Autos nicht nur 95 Prozent weniger Feinstaub produzieren, sondern auch 25 Prozent weniger Benzin verbrauchen.

Und was machen Sie mit diesen 1000 Projekten?
Wir gehen damit zu den Staatschefs und überzeugen sie, eine viel ambitioniertere Umweltpolitik zu machen als bisher.

Planen Sie auch ein grosses fliegerisches Projekt?
Nein. Aber ein Freund von mir hat ein Solarflugzeug mit zwei Sitzplätzen. Darin wollen wir die Staatschefs mitnehmen, wenn wir ihnen unsere Mappe mit den 1000 Umweltprojekten übergeben.

Schon Ihr Grossvater war vom Fliegen fasziniert …
… er ist als Erster in die Stratosphäre geflogen – auf 16 000 Meter über Meer. Und hat von dort die Erdkrümmung gesehen.

Sie waren vier Jahre alt, als er starb. Erinnern Sie sich an ihn?
Ja, sehr gut! Er war ein äusserst warmherziger Mensch. Einmal haben wir ihn im Jura besucht. Ich spielte in seinem Zimmer und habe dabei die Finger in die Steckdose gesteckt. Das hat mir wahnsinnig wehgetan – aber ich erinnere mich noch immer an diesen Tag.

Ihr Vater ist später so tief getaucht wie niemand zuvor.
Er hat mit meinem Grossvater den ersten Bathyscaphe gebaut. Zusammen haben sie einen Weltrekord im Tiefseetauchen aufgestellt. Später ist mein Vater dann bis in knapp 11 000 Meter Tiefe getaucht.

Sie haben drei Töchter. Was machen sie?
Eine studiert Recht, eine Wirtschaft und eine Architektur. Ich habe ihnen gesagt: Seid in eurem Bereich Pioniere, schafft etwas Neues!

Setzen Sie nicht zu viel Druck auf?
Im Gegenteil: Ich motiviere sie! Und sie müssen weder tauchen noch fliegen – beides ist heute Routine (lacht).

Sie sind seit fast 30 Jahren verheiratet. Wie hat Ihre Frau es so lange mit Ihnen ausgehalten?
Michèle muss mich nicht einfach aushalten – wir arbeiten eng zusammen. Und sorgten beispielsweise dafür, dass Solar Impulse nicht nur ein Flugzeug ist, sondern eine Botschaft hat. Was ich in meinem Leben alles gemacht habe, kann man nicht trotz der Familie machen. Man kann es nur dank der Familie machen.

Hatte Ihre Frau nicht Angst um Sie, als Sie im Ballon und in der Solar Impulse um die Welt flogen?
Überhaupt nicht. Meine Frau wartet nicht zu Hause, bis ihr Mann zurückkommt. Sie ist mit mir vor Ort.

Aber Sie leben gefährlicher als jemand, der jeden Morgen mit dem Auto ins Büro fährt.
Michèle sieht, wie sorgfältig ich arbeite. Ich trainierte etwa, wie ich mit dem Fallschirm abspringen und im Meer überleben könnte, falls Breitling Orbiter oder Solar Impulse abgestürzt wären.

Ihre Projekte sind sehr teuer: Solar Impulse kostete 170 Millionen Franken.
Ja, gut. Das war ein Projekt, das 15 Jahre dauerte, 150 Angestellte hatte und Dutzende von Start-ups ermöglichte. Ein Transfer eines einzigen Fussballstars kann heute 220 Millionen Franken kosten.

Und doch: Irgendwoher muss das Geld kommen.
Dafür brauche ich Partner, die mehr sind als nur Sponsoren. Partner, die den gleichen Pioniergeist haben wie ich. Und die an mich glauben. Mit der Uhrenmarke Breitling beispielsweise verbindet mich eine lange Freundschaft. Sie haben mich bereits 1992 bei unserer Atlantiküberquerung im Ballon unterstützt. Als wir gewannen, sagte der damalige Chef von Breitling: «Wenn du noch eine andere gute Idee hast, dann sag es mir.» Ich antwortete: «Ich will die Erde im Ballon umrunden.»

Wie hat er reagiert?
Wir haben dieses Projekt gemeinsam entwickelt. Und Breitling war unglaublich treu – auch als die ersten beiden Versuche scheiterten. Breitling hat auch den Heissluftballon, mit dem wir heute geflogen sind, meiner Stiftung Winds of Hope geschenkt. Mit ihr helfen wir Kindern in Afrika, die an Noma erkrankt sind – einer schlimmen Krankheit, die ihre Gesichter zerfrisst. Breitling und Victorinox übernehmen die Kosten der ganzen Administration, sodass die Spenden ganz den Kindern zugutekommen.

Sie arbeiten weiterhin mit Breitling zusammen?
Ja, ich freue mich sehr, für Breitling Botschafter für den Schutz der Luft zu werden.

Bertrand Piccard
© Nicolas Righetti

Los geht's: Bertrand Piccard hebt mit dem Heissluftballon seiner Stiftung «Winds of Hope» ab.

Sind Sie mit Ihren Projekten eigentlich reich geworden?

Ich habe dafür nie einen Lohn bezogen. Das fände ich heikel.

Ah ja? Wie finanzieren Sie denn Ihr Leben?
Über die Vorträge, die ich halte. Und die Bücher, die ich schreibe.

Damit verdienen Sie genug Geld?
Ja. Die Leute mögen meine Auftritte – und ich bin etwa die Hälfte meiner Zeit unterwegs: Diesen Januar war ich schon in Indien, Abu Dhabi, Kalifornien sowie eine Woche am WEF in Davos.

Tönt anstrengend.
Ist es auch. Aber von nichts kommt nichts. Das Leben ist zu kurz, um rumzusitzen.

Haben Sie keine Angst vor einem Burnout?
Manchmal sage ich: Lasst mich einen Tag in Ruhe. Und dann schlafe ich 14 Stunden.

Was machen Sie morgen?
Fallschirmspringen. Ich liebe den Moment, in dem ich mich entscheiden muss, ins Leere zu springen. Das mache ich immer mit offenen Augen. Morgen springe ich zum ersten Mal in meinem Leben aus einem Ballon.

Haben Sie Angst?
Ein bisschen Lampenfieber.

Gibt es in der Familie Piccard überhaupt ein Angst-Gen?
Ja, das gibt es. Als ich jünger war, hatte ich Höhenangst, aber ich habe mich geheilt.

Wann hatten Sie in Ihrem Leben am meisten Angst?
Bei einem Akrobatikflug ist der Flügel meines Deltaseglers komplett zerrissen. Ich konnte den Notfallschirm öffnen und auf einem kleinen Stück Wiese landen. Direkt daneben gab es einen Weinberg mit spitzen Pfählen, eine Stromleitung, einen Wald und eine Strasse. Ich habe die Augen zum Himmel gerichtet und meinem Schutzengel gedankt.

Glauben Sie an Gott?
Ich glaube an den Gott, der die Menschen schuf. Aber ich glaube nicht an den Gott, den sich die Menschen geschaffen haben. Denn Gott ist eine ganze andere Dimension – wir können ihn uns nicht vorstellen.

Sind Sie Gott im Ballon näher, so hoch oben am Himmel?
Nein. Im Ballon bin ich Gott nicht näher. Dafür wende ich die Meditation und das Gebet an. Zudem beginnt der Himmel direkt über dem Boden, noch unter den Schuhen.

Bertrand Piccard
© Nicolas Righetti

Hoch in der Luft: In seinem Ballon fliegt Bertrand Piccard von Château-d’OEx nach Gruyères.

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