Bettina Dieterle über ihr spätes Glück Mit einer Familie wäre meine Karriere unmöglich gewesen

Mit 52 Jahren will es die Baslerin wissen: Kabarettistin Bettina Dieterle bestreitet ihr erstes Soloprogramm – inspiriert von Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben als Frau, Punk und Dressurreiterin.
Bettina Dieterle
© Geri Born

Seit sechs Jahren sind Bettina Dieterle und Luciano Marinello ein Paar: «Gemüsehändler und Clown, das geht gut zusammen.»

Es scharrt, schnaubt, schlägt aus. Doch Anna-Tina Straumann-Stückelböck zügelt ihr Dressurpferd der «Hohen S-Klasse» gekonnt. Reiterin wie Ross spielt Bettina Dieterle, 52. Die Kabarettistin («Mannezimmer», «Café Bâle», «Benissimo-Friends») verkörpert im Stück «Suffragetten-Blues» zwei Stuten auf einmal – und ganz unterschiedliche Rollen. Statt eine Biografie zu schreiben, entschied sich die Baslerin, Passagen ihres Lebens humorvoll in ihrem ersten Soloprogramm zu erzählen.

Ein dreiteiliges Loft mit Seeblick

«Yoga, chillen oder arbeiten» – das sind die drei Tätigkeiten, denen Bettina Dieterle in ihrem 90 m² grossen Arbeitsloft in Wädenswil ZH vorwiegend frönt. Mit den Möbeln ihrer verstorbenen Mutter hat sie dieses in drei Bereiche unterteilt. Am Ende steht ein langer Tisch für Büroarbeiten. In der Mitte chillt sie auf dem roten Ledersofa zu Klassik und Punkmusik, macht Gesangsübungen am Klavier oder zupft auf dem Mustang Bass. «Für meine kleinen Hände die beste Gitarrenform.»

Vis-à-vis unter der grosszügigen Fensterfront mit Blick auf den Zürichsee liegen Matten und Kissen für Yoga und Meditation bereit. Dieterle ist diplomierte Körper- sowie ausgebildete Trauma- und Hypnotherapeutin, aber in erster Linie Schauspielerin. Der dritte Abschnitt ihres Lofts dient denn auch als Garderobe und Bühne. Gerade steckt sie im «geschneiderten Rösslikostüm. Das teuerste Outfit der Produktion.»

Bettina Dieterle
© Geri Born

In der Mitte ihrer 90 m² Loft chillt Dieterle auf dem roten Ledersofa zu Klassik und Punkmusik.

Durchbruch mit den Acapickels

1983 tritt Bettina Dieterle dem Basler Jugendtheater bei und absolviert 1986 eine Ausbildung zur Bewegungsschauspielerin. Dort trifft sie auf Gleichgesinnte, und die Acapickels werden gegründet. «Den Ausstieg nach vier Jahren habe ich nur bereut, als sie den Salzburger Stier erhalten haben und ich nicht dabei sein konnte – dafür waren es meine Witze auf der Bühne.» Damals ist sie bereits als «Friends»-Mitglied am Bildschirm in den Schweizer Stuben zu sehen.

«Wilde Ehe» mit Gemüsehändler Marinello

«Hey Love» inklusive Herz hat sie auf ein Fenster gemalt. Seit sechs Jahren lebt Bettina Dieterle in «wilder Ehe» mit Luciano Marinello, 54, dem ehemaligen Inhaber der gleichnamigen Lebensmittelläden. «Gemüsehändler und Clown, das geht gut zusammen», sagt Dieterle. «Sich Mitte 40 kennenzulernen, ist ideal: Beide sind bereit, keiner verbiegt sich für den anderen.»

Meine Karriere zusammen mit einer Familie wäre nicht machbar gewesen.

Hätte sie den richtigen Partner in ihren Dreissigern gehabt, meint sie, hätte sie heute sicher Kinder. «Doch ich bin davon überzeugt, dass meine Karriere zusammen mit einer Familie nicht machbar gewesen wäre.»

Bettina Dieterle
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Halb Ross, halb Reiterin! In ihrem Atelier in Wädenswil ZH probt Bettina Dieterle im «Rösslikostüm» für ihr Stück «Suffragetten-Blues».

Vielerorts die erste Frau

In ihrer improvisierten Vorrats-Rumpel-Küche-Kammer flickt Dieterle ein Verlängerungskabel. Selbst ist die Frau, der Werkzeugkasten ein Geschenk ihres Mannes. Dieterle packt an, nimmt gerne Herausforderungen an, «die oft mit einem Anruf beginnen». In manch beruflicher Position amtete sie als erste Frau.

So ist sie die erste Regisseurin am Glaibasler Charivari, bei der Vorfasnachtsveranstaltung Drummeli oder an der Operettenbühne Hombrechtikon. «Manche sagen, ich sei eine extrem weibliche Regisseurin mit offenem Ohr und Empathie während den Proben», sagt sie. «Doch ein paar Wochen vor den Premieren zeigt sich meine männliche Chefseite.»

Bettina Dieterle
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Selbst ist die Frau, der Werkzeugkasten ein Geschenk ihres Mannes. 

 

Nur noch Schlangen-Tattoo aus der Punkzeit

Im Loft nimmt Bettina Dieterle nun den Hut und zieht den Schweif ein. Fertig geprobt für heute. Dem Pferdesport verfiel sie als Neunjährige. «Als Meitli stand ich jeweils um vier Uhr auf, um in den Stall zu radeln.» Der elitäre Dressursport stand damals im Kontrast zu ihrem linken Elternhaus.

Vater Gymnasiallehrer, Mutter Buchhändlerin hat Betty ihren allerersten TV-Auftritt als Kind an der Hand ihrer Mutter. «Sie nahmen mich zu jedem Pfingstmarsch gegen AKWs mit», erinnert sie sich. «Ich wurde von meinen Eltern politisch geprägt und zum eigenständigen Denken erzogen.»

Als Teenager beginnt sie sich von ihren Eltern abzugrenzen. «Ich musste einfach radikaler als sie werden.» Dieterle besetzt Häuser, kämpft für Freiräume, singt in der Punkband UA. Am Handgelenk trägt sie noch das Tattoo aus jener Zeit, eine kleine Schlange.

Alle anderen Tätowierungen hat sie sich wegmachen lassen. Wenn alle tätowiert sind, sei es langweilig. Die Schlange ist das Symbol für Transformation. Sich verwandeln. Das ist das, was sie bis heute tut – und fortan in ihrem allerersten Solostück.

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