Bundespräsident Alain Berset «Ohne Muriel wäre ich nicht hier»

So sportlich kann ein Staatsbesuch sein! Liechtensteins Erbprinz Alois zeigt Bundespräsident Alain Berset sein Skigebiet. Was die Männer verbindet, wie Berset Zeit für die Familie schafft und was seine Frau Muriel ihm bedeutet.  
Alain Berset und Frau Muriel
© Kurt Reichenbach

Ein gutes Team: Budespräsident Alain Berset und seine Frau Muriel Zeender Berset. 

Die Liechtensteiner sind stolz darauf. Der Tourismusverband wirbt sogar damit. «Im Skigebiet Malbun geht niemand verloren!» Doch das Ländle hat die Rechnung ohne den Schweizer Bundespräsidenten Alain Berset, 45, gemacht.

Zusammen mit seiner Frau Muriel Zeender, 44, dem Erbprinzen Alois von und zu Liechtenstein, 49, und dessen Gattin Sophie, 50, soll Berset für ein Foto an einem der drei Sessellifte posieren. Doch von den sportlichen Magistraten fehlt jede Spur. «Dabei können hier sogar Kinder allein fahren!», sagt Liechtensteins Botschafterin in der Schweiz, Doris Frick.

Alain Berset im Lichtenstein
© Kurt Reichenbach

Hoher Gast: Bundespräsident Alain Berset, 45, mit Gattin Muriel, 44, (r.), Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, 49, mit seiner Frau Sophie, 50, in Malbun, FL.

Berset und von und zu Liechtenstein geniessen Zeit für sich

Eine halbe Stunde vergeht, bis zwei Männer in blauen Skijacken rassig die Hügel herabkurven, bremsen, ihre Brillen hochziehen und strahlen. «Wir haben es genossen, ein wenig für uns zu sein», sagt Alois von und zu Liechtenstein. «Sie glauben gar nicht, wie gut man auf dem Skilift diskutieren kann», ergänzt Alain Berset. Die beiden lachen.

Alain Berset im Lichtenstein
© Kurt Reichenbach

Strahlend: Berset geniesst die Abwechslung vom Politalltag. «Solche Momente sind selten.»

Schnell ist klar: Das hier ist kein normaler Staatsbesuch. Es ist ein Besuch bei Freunden. Nicht nur, weil der Schweizer Bundespräsident und die Liechtensteiner Regierung nicht müde werden, die Verbundenheit zwischen den Nachbarländern zu betonen – die gemeinsame Kultur, die Sprache, die Mentalität; das Erbprinzenpaar und die Bersets können es miteinander. 

Wir freuen uns, wenn Skifahrerin Tina Weirather siegt!

«Erbprinz Alois und ich haben uns schon einige Male getroffen. Wir verstehen uns einfach gut», sagt der Schweizer. Sie stammen aus einer ähnlichen Generation, interessieren sich neben Politik auch für Kultur und haben beide mehrere Kinder – bei den Bersets sind es drei im Alter von 10 bis 14, beim Erbprinzenpaar vier im Alter von 17 bis 22. «Klar tauschen wir uns über den Nachwuchs aus.»

Alain Berset im Lichtenstein
© Kurt Reichenbach

Rassig: «Ich lernte in Fribourg auf einem Hügel Ski fahren. Ohne Lift!», erzählt Berset.

Welchen Stellenwert die Schweiz in Liechtenstein hat, spürt man schon beim Empfang auf Schloss Vaduz. Königsblauer Frack, schwarze Fliege, goldene Manschettenknöpfe. Die Diener der Fürstenfamilie haben sich für den hohen Besuch herausgeputzt. Im Hof warten sie zusammen mit dem Erbprinzenpaar, während Fürstin Marie oben im Türmchen neugierig durch die Scheibe spienzelt.

Keine Formalitäten

Die Burganlage, die 120 Meter über dem Städtchen thront, ist seit 1939 Wohnsitz der Fürstenfamilie. Heute leben hier Fürst Hans-Adam II., 73, mit seiner Gattin Marie, 77, und der älteste Sohn Alois mit Familie, der seit 2004 das Staatsoberhaupt offiziell vertritt. Angesprochen wird er mit «Seine Durchlaucht», sie mit «Ihre königliche Hoheit». Auf diese Formalitäten wird heute allerdings verzichtet.

Alain Berset im Lichtenstein Fürstin Marie
© Kurt Reichenbach

Neugierig: Fürstin Marie verfolgt durchs Turmfenster auf Schloss Vaduz den Besuch aus der Schweiz.

«Hallo, Alois» – «grüss Gott, Alain», so tönts, als Berset aus der Limousine steigt. Die Koffer haben der Bundespräsident und seine Gattin dabei – sie dürfen nämlich in der Gästewohnung des Schlosses übernachten!

Über 100 Abkommen gibt es zwischen dem sechstkleinsten Staat der Welt und der Schweiz. 3600 Schweizer leben in Liechtenstein, 10'000 pendeln ins Ländle zur Arbeit. Die Liechtensteiner wiederum zahlen in Schweizer Franken, bilden Personal wie Polizisten beim Nachbarn aus, und selbst der Fleischverarbeiter Malbun wirbt mit «Schweizer Fleisch».

«Wir und die EU müssen uns bewegen!»

 «Wir sind uns so nah, dass wir uns freuen, wenn Tina Weirather ein Skirennen gewinnt», sagt Alain Berset an der Medienkonferenz mit Regierungschef Adrian Hasler. Die lokalen Journalisten danken es ihm mit einem warmen Lachen.

Einen grossen Unterschied gibts dann aber doch zwischen den zwei Ländern: das Verhältnis zur EU. Die Schweiz sagte am 6. Dezember 1992 Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum EWR – eine Woche später stimmte Liechtenstein zu.

Ich spüre die Doppelbelastung. Zeit für mich bleibt spätabends

 

«Wir sind überzeugt, dass der EWR die beste Art der Integration ist», sagt Hasler. 80 Prozent des Volkes seien laut einer Studie ebenfalls dieser Meinung. «So grosse Einigkeit in der Europapolitik! Davon können wir nur träumen», sagt SP-Politiker Berset. Die Entspannung der Beziehung zur EU bezeichnet der Bundespräsident als die grosse Herausforderung 2018. «Wir und die EU müssen uns bewegen.»

In seinem Innendepartement hat Berset mit der AHV-Revision selbst einen grossen Brocken zu bewältigen. Hinzu kommen die repräsentativen Aufgaben eines Bundespräsidenten. «Ich spüre die Doppelbelastung. Aber es macht Freude», sagt Berset. Mit seiner Familie versucht er trotz Mehrarbeit so viel wie möglich zu unternehmen. «Wir gehen bowlen oder ins Kino.» Ganz von der Politik abschalten könne er dabei nicht: «Meine Kinder interessieren sich immer mehr für meinen Job – und stellen natürlich Fragen.» Zeit für sich selbst – etwa zum Klavierspielen – habe er wenig. «Wenn, dann spätabends.»

«Selbst ist der Mann!»

Dass der Bundespräsident auch Hausmann-Qualitäten besitzt, zeigt sich im Gästezimmer der Fürstenfamilie. Während Muriel Zeender ihr schulterfreies schwarzes Cocktailkleid richtet und den roten Lippenstift aufträgt, näht ihr Gatte einen Knopf an den Anzug.

«Selbst ist der Mann», sagt Berset und schmunzelt. Dann sind die beiden bereit für den kulturellen Höhepunkt des Abends: eine Führung durch die Kunstsammlung der Fürstenfamilie! Rubens, van Dyck, Raffael– so viele kostbare Meisterwerke sind hier versammelt, dass noch nicht einmal die Kulturministerin Liechtensteins in die heiligen Hallen durfte.

Alain Berset im Lichtenstein
© Kurt Reichenbach

Fingerfertig Vor dem Abendprogramm näht Alain Berset noch schnell einen Knopf an den Anzug. «Selbst ist der Mann», sagt er im Gästezimmer auf Schloss Vaduz.

«Viele Kunstwerke sehen so modern aus!», sagt Berset, der die Bilder genau unter die Lupe nimmt. Kunst berühre ihn, weil man damit Geschichte vermitteln kann. «Die Expertin ist aber meine Frau.» Muriel Zeender, Literaturwissenschafterin und Künstlerin, stellt Zeichnungen ihrer Serie «Land of Plenty» zurzeit in Fribourg aus.

Von der fürstlichen Sammlung ist sie begeistert. «C’est vraiment très beau.» Als Bundesratsgattin hält sich Zeender in der Öffentlichkeit vornehm zurück, gibt keine Interviews. Ihrem Mann steht sie bei wichtigen Empfängen aber stets zur Seite. Für ihn ist klar: «Ohne ihre Unterstützung wäre ich nicht hier.»

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