Christa de Carouge in ihrem letzten SI-Interview «Ich bin dankbar, dass ich so leben konnte, wie ich es wollte»

Sie war die bekannteste und radikalste Designerin der Schweiz. Ihre Kreationen, die Christa de Carouge Wohnräume nannte, waren schwarz, sie selber trug über 30 Jahre ausschliesslich schwarz. Nun trägt die Welt um sie herum schwarz. Denn die Mode-Ikone ist gestern Dienstag nach kurzer Krankheit verstorben. Die «Schweizer Illustrierte» hat «La dame en noir» anlässlich ihres 80. Geburtstages am 6. August 2016 zum Interview getroffen und mit ihr über Liebe und Tod gesprochen.
Christa de Carouge mit ihrem Hund Sushi
© Thomas Buchwalder

Modedesignerin Christa de Carouge mit ihrem Hund Sushi.

Christa de Carouge, in früheren Interviews sagten Sie, dass Ihnen Geburtstage nichts bedeuten. Was meinen Sie nun zum 80.?
Das ist immer noch so. Ich habe darüber nachgedacht, aber 80 ist nur eine Zahl.

Wie kommen Sie mit dem Altern zurecht?
Gut. Die Menschen altern ja nicht mehr gleich wie noch vor ein paar Jahren. Auch modisch gesehen. Die alten Frauen ziehen sich an wie junge Mädchen; wie Animierdamen. Es ist verrückt. Die Menschen tragen, was sie wollen – auch wenn es lächerlich aussieht. Hauptsache, man ist dabei. Ich finde es schrecklich, wenn ich eine alte Frau in Minirock und Turnschuhen sehe.

Ab wann gilt man als alt?
Das sieht man an der Haut, an den vielen Falten, am Gehen, an den hängenden Brüsten.

Wie fühlen Sie sich jetzt mit 80?
Geistig bin ich fit. Ich bin immer noch neugierig aufs Leben, das hält mich jung. Körperlich bin ich seit meiner Entzündung der Bauchspeicheldrüse sehr geschwächt.

Christa de Carouge
© Thomas Buchwalder

«Irgendwann sterben wir und geraten in Vergessenheit.»

Im Februar 2013 waren Sie deshalb über drei Wochen im Spital.
Ja, ich nehme heute noch Medikamente deswegen. Der Schmerz kam aus dem Nichts – er war endlos und grauenhaft. Ich musste mich mehrmals übergeben. Im Spital sagte mir der Arzt, dass ich daran hätte sterben können! Während der Notoperation wurde mir ein Gallenstein entfernt, der einen Kanal verstopfte. Dann kam auch die Gallenblase raus.

Und dann waren Sie geheilt?
Nein. Und ich stand mitten in den Vorbereitungen zu einer sehr anstrengenden Modenschau. Da war noch so viel zu tun. Mein Arzt riet mir im Spital davon ab, weil Stress diese starke Entzündung bei mir auslöse. Das sei Gift für mich. Geschwächt habe ich es trotzdem durchgezogen, und nach vier Tagen Chaos pur bin ich wieder im Spital gelandet. Der Arzt meinte, ich solle mir überlegen, wie lange ich noch arbeiten wolle. Während der zehn Tage im Spital stellte ich mir täglich die gleiche Frage: Wann höre ich auf? Ich entschied mich dann, per Ende 2013 mein Geschäft aufzugeben.

Ursprünglich wollten Sie alle Ihre Schnittmuster und Prototypen wegwerfen. Wieso?
Nur die Skizzen hätte ich behalten. Alles, was Volumen verursachte, wollte ich loswerden. Meine Karriere war schön, ich habe etwas geleistet, aber es ist ja sowieso alles vergänglich. Irgendwann sterben wir und geraten in Vergessenheit. Dann werde ich die Frau sein, die immer nur schwarz trug und schwarze Zelte kreierte.

Und dann kam es doch anders. Sie vererbten alles Ihrer türkischen Schneiderin Deniz Ayfer.
Sie ist die beste. Ich arbeite schon seit über 20 Jahren mit Deniz zusammen. Sie überzeugte mich, dass viele gute Prototypen vorhanden seien, die man weiterentwickeln könne. Da habe ich sie gefragt, ob sie alles übernehmen möchte – und Deniz sagte ja. Nun hat sie gerade ihr erstes Geschäft in der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich eröffnet, wo auch ich meines hatte.

Sie haben Deniz Ayfer einfach so Ihren Nachlass vererbt?
Genau. Für mich stimmte es, sonst hätte ich es nicht getan. Deniz könnte meine Tochter sein, sie ist 55 Jahre alt – aber im Geiste sind wir Schwestern. Ich werde sie auf ihrem Weg begleiten und beraten, falls sie mich braucht. De Carouge lebt durch De Niz, so heisst ihr Label, weiter.

Christa de Carouge
© Thomas Buchwalder
Schwester im Geiste: De Carouge hat ihrer Schneiderin Deniz Ayfer (r.) ihre Prototypen vererbt.

Bereuen Sie etwas in Ihrem Leben?
Nein. Je ne regrette rien! Überhaupt nichts! Ich bin dankbar, dass ich so leben konnte, wie ich es wollte. Ich bin ein Stürmi, ich habe mir oft den Kopf angeschlagen, aber es musste so sein.

Sie waren zweimal verheiratet. Kinder wollten Sie nie?
Nein. Der Kinderwunsch war bei mir nie da.

Mit Ihrer grossen Liebe, André Hirzel, kamen Sie erst 2001 zusammen. Sie waren 65, er 48.
Es war wunderschön. So habe ich mir eine Partnerschaft immer vorgestellt. Wir hatten die gleichen Ideen und waren trotzdem selbständig und frei. Grossartig. Das hatte ich vorher nie.

Die Beziehung dauerte acht Jahre. 2009 starb Ihr Lebenspartner an Lymphdrüsen-Krebs. Tragisch.
Ja. Aber ich bin glücklich und dankbar, dass ich mit ihm zusammen sein durfte. Dieses Gefühl gibt mir Kraft.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein. Mir macht er keine Angst. Mein Testament ist gemacht, ich hatte ein erfülltes Leben. Als ich jedoch im Spital war, machte ich mir Sorgen um meinen Hund Sushi. Was passiert mit ihm? Das habe ich nun geregelt, er kommt bei sehr guten Freunden unter.

Je ne regrette rien. Ich bin dankbar, dass ich so leben konnte, wie ich es wollte!

Ihre Mutter Claire wurde 104! Das kann bei Ihnen noch lange dauern.
So alt will ich nicht werden, ich will kein Légume sein. Und auch kein Pflegefall wie meine Mutter. Bei mir wird es zwischen 80 und 90 passieren. Ich will beglückt und fröhlich gehen. Und noch gut bei Verstand sein. Bei einer unheilbaren Krankheit wende ich mich sofort an Exit, ich bin seit Jahren Mitglied. Ich habe über mein Leben bestimmt, und ich will auch über meinen Tod bestimmen.

Was passiert nach dem Tod?
Nichts. Wenn es fertig ist, ist es fertig. Ich glaube nicht an eine Wiedergeburt. Aber die Seele kann auf der Welt umherschwirren. Manchmal höre ich Andrés Stimme und sein Lachen. Da habe ich mich schon gefragt, ob das seine Seele war.

André Hirzels Urne steht bei Ihnen in der Wohnung. Was soll nach Ihrem Ableben passieren?
Unsere Aschen sollen zusammen auf dem Zürichsee verstreut werden. Dort, wo ich mein Geschäft hatte.

Suchen Sie eine neue Liebe?
Nein! Das ist endgültig vorbei. André war der Beste! Ich brauche kein Liebesnest mehr.

Aber ein grosses Projekt steht Ihnen noch bevor.
Ja, ich plane ab Herbst 2017 eine grosse Ausstellung mit Installationen im Kunsthaus Zug. Da werde ich mein Gedankengut umsetzen können. Das ist die Krönung.

Und der Abschluss?
Und wohl auch der Abschluss.

Und zum Abschluss noch eine Frage: Wieso stehen bei Ihnen in der Wohnung Plüsch-Eisbären herum? Die sind ja weiss!
Sie faszinieren mich. Wenn ich ein Tier wäre, dann ein Eisbär. Ich liebe ihre Schönheit, ihre Körper. Zudem leben sie in der grossen Einsamkeit der Arktis. Und ja, ihr Fell ist zwar weiss, aber ihre Haut ist schwarz.

Christa de Carouge
© Thomas Buchwalder
Schwarz-weiss: Die Eisbären sind ein heller Tupfer in Christa de Carouges Wohnzimmer: «Sie faszinieren mich.»
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