Der Whistleblower meldet sich zurück Mit seiner dritten Frau kommt Christoph Meili zur Ruhe

Für die einen ein Held, für die anderen ein Verräter. Christoph Meili, der bekannteste Whistleblower der Schweiz, meldet sich zurück. In einem Dok-Film auf SRF 1 und im Kino. Und in der SI mit seiner neuen Partnerin Nadja: «Ich wünsche mir ein ruhiges Leben.»
Whistleblower Christoph Meili und seine Frau SI Shooting Ausgabe 34/2018
© Joseph Khakshouri

Angekommen: In Wil SG führt das Paar ein bescheidenes Leben. Sie arbeitet als Floristin, er als Bohrmaschinenverkäufer.

Christoph Meili hat früh gelernt, misstrauisch zu sein. Gegenüber Mitschülern, die ihn hänseln, weil er als Einziger beschnitten ist. Gegenüber vermeintlich sicheren Werten wie der Ehe. Seine Eltern lassen sich scheiden, als er zehn Jahre alt ist. 

Ein heller, ebenerdiger Raum in einer Ladenzeile in Sirnach TG. Christoph Meili, 50 Jahre alt, offeriert Kaffee und Zopf. An der Wand hinter ihm stehen Worte in goldener Schrift: «Hingabe», «Ewiges Leben», «Geduld». Die Mitglieder einer kleinen Freikirche, zu denen auch Meili gehört, treffen sich hier zweimal pro Woche. 

Mit festem Blick und gleichmässiger Stimme erzählt er, was 1997 passierte. Es klingt, als wäre es wenige Wochen her. 

«Ich war misstrauisch»

Als 29-jähriger Wachmann will Meili in einem Schredderraum der Schweizerischen Bankgesellschaft – der späteren UBS – das Licht löschen. Da entdeckt er verdächtige Akten. Meili weiss, dass ein neues Gesetz den Banken verbietet, Dokumente aus der Kriegszeit zu vernichten. Er nimmt ein paar Bankbücher mit. «Ich war misstrauisch», sagt Meili, «und dachte einfach, dass es das Richtige ist.» Er fragt beim «Tages-Anzeiger» an, dort hat niemand Zeit. Also übergibt er die Papiere der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich und denkt, dass die Geschichte damit ein Ende hat. Doch sie geht erst los. 

Christoph Meili Whistleblower Bild mit Akten
© Keystone/Gisela Blau

Berühmtes Bild: Christoph Meili zeigt Bank-Dokumente, die er 1997 vor dem UBS-Schredder bewahrte. 

Meili gerät in die Öffentlichkeit, wird als Held gefeiert. Der Wind dreht, als eine jüdische Organisation ihm einen Preis verleiht und Geld für Anwaltskosten verspricht. «Da dachten alle: Aha, er hat Geld von den Juden bekommen.» Meili verliert seinen Job und zieht Hals über Kopf mit seiner Familie in die USA.

Dort unterstützt er amerikanische Anwälte und Politiker bei ihrer Sammelklage gegen die Schweiz. Nun diskutiert das ganze Land über die Frage, inwiefern sich die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs an jüdischen Vermögen und Liegenschaften bereichert hat. Damit wird Meili für viele seiner Landsleute definitiv zum Nestbeschmutzer. 

Seine Rückkehr in die Schweiz

Nach elf Jahren in den USA kommt er 2009 mittellos zurück in die Schweiz und meldet sich beim Sozialamt in Sirnach TG an. «Ich weiss, dass es Leute gibt, die nicht verstehen können, was ich getan habe», sagt Meili. «Aber ich muss sie nicht mehr überzeugen.» Seine heutige Frau Nadja von Arx ist während des Gesprächs dabei, strahlt Ruhe aus. «Christoph ist entspannter, weicher geworden», sagt sie. 

Nadja ist seine dritte Frau

Es ist die dritte Ehe für Meili. Die Kinder aus erster Ehe, Davide und Mirjam, wuchsen in den USA auf – «in Freiheit», wie er sagt. «In der Schweiz wären sie gefoppt worden.» Davide, 25, arbeitet bei der U. S. Air Force und ist im süddeutschen Ramstein stationiert. Mirjam, 27, lebt in Nevada. Beide haben Meili dieses Jahr in der Schweiz besucht. Den Sohn aus zweiter Ehe, Simon, hat Meili seit neun Jahren nur noch per Skype gesehen. «Er ist jetzt 14, fragt sich, warum ich nicht bei ihm bin. Das ist schon hart.»

Christoph Meili Whistleblower SI Shooting für Ausgabe 34/2018
© Joseph Khakshouri

Verliebt: Christoph Meili und Nadja von Arx sind seit fünf Jahren verheiratet. Sie kennen sich seit 30 Jahren. 

Zurück in die USA will Meili aber auf keinen Fall. Er lebt jetzt in Wil SG und ist seit fünf Jahren mit Nadja von Arx verheiratet. Sie kennen sich seit 30 Jahren. Aber erst als Meili und sie 2009 den gleichen Gottesdienst besuchten, begann eine Freundschaft. «Und dann …», Christoph Meili lächelt. «Ich kann mit ihr alles besprechen. Sie hat das, was ich nicht habe, und umgekehrt.»

Vorher habe er auch einmal eine jüngere Freundin gehabt, sagt er. «Aber die wollte Fun, das ist nichts für mich, ich führe ein ruhiges Leben.» Nadja von Arx sagt, dass Meilis ruhige Art und seine graublauen Augen ihr gefallen haben. «Und sein Sinn für Gerechtigkeit, Ehrlichkeit.» 

Gerecht – so geht es aus Meilis Sicht in seinem Leben immer noch nicht zu. Die Zeiten, als er Morddrohungen erhielt, sind zwar vorbei. Doch diskriminiert werde er weiterhin. Vor allem bei der Jobsuche sei seine Vergangenheit ein Nachteil. «Ich bewerbe mich überall. Aber oft kommt nach der Einladung zum Gespräch ein Anruf: Sind Sie der Christoph Meili? Und als ich einmal eine Stelle erhielt, sagte die Mitarbeiterin plötzlich vor Kunden zu mir: Ich weiss, wer Sie sind, Sie sind dieser Landesverräter!»

Christoph Meili Whistleblower Bild mit Akten
© Keystone

Verfolgt: In der Schweiz erhält Christoph Meili Morddrohungen, weil er die Bank verpfiff.

Wenn Christoph Meili solche Dinge erzählt – erzählt, wie jemand ihn aus einem Wiler Restaurant werfen wollte, erzählt, wie die Lokalpresse ihn bei einer Beschäftigungstherapie ablichten wollte –, ist es wieder spürbar: dieses Gefühl «einer gegen alle», dieses Misstrauen. Für sein Facebook-Profil hat er ein Bild des Künstlers Banksy ausgewählt: Jesus trägt das Kreuz, verfolgt von einer Meute Journalisten. 

«Heute muss ich nichts mehr beweisen»

Hat Christoph Meili wirklich abgeschlossen mit all den Kränkungen und Ungerechtigkeiten? «Heute muss ich nichts mehr beweisen», sagt er. Auch dass er beim Dok-Film «Die Affäre Meili» mitmacht, der jetzt in Schweizer Kinos läuft, habe nichts mit später Rache zu tun. «Die Produktionsfirma hatte mich schon früher angefragt.» Jetzt, 20 Jahre nach den Ereignissen, die sein Leben veränderten, habe er gedacht: «Ich kann auch mal was sagen.» 

Christoph Meili Whistleblower Bild von früher
© Keystone

Verehrt: Von den Juden wird Meili als Held gefeiert. Dass er die Aufarbeitung der nachrichtenlosen Vermögen vorantrieb, rechnen sie ihm bis heute hoch an.

Längerfristig wieder in der Öffentlichkeit stehen, das möchte Meili nicht mehr. «Ich bin glücklich, so wie es jetzt ist.» Er habe psychologische Beratung in Anspruch genommen, die ihm gezeigt habe, «dass ich normal bin! Und ich habe dank Jesus Frieden gefunden.»

Die Religion verbindet ihn mit seiner Frau. «Vergebung spielt eine grosse Rolle für ihn», sagt Nadja von Arx. «Vor allem wenn es im Innern wieder mal brodelt.» 

Christoph Meili Whistleblower SI Shooting für Ausgabe 34/2018
© Joseph Khakshouri
Geprägt: Christoph Meili, 50, wurde geliebt und gehasst. Heute sagt er: «Ich habe Frieden gefunden.»

Das Internet vergisst nichts

Er selbst habe auch Fehler gemacht, sagt Meili. Während seiner Zeit in Amerika veröffentlichte er auf Youtube schadenfreudige Videos über sein neues Leben in den USA, das verbesserte seinen Ruf in der Schweiz nicht. «Da habe ich experimentiert», sagt er. «Bis ich gemerkt habe: Einmal im Internet, immer im Internet.»

Er sei halt jung und bockig gewesen damals. Dass es aber richtig war, die Akten aus dem Schredderraum der Bank mitzunehmen, davon ist er bis heute überzeugt. «Ich konnte Holocaust-Opfern helfen, das bedeutet mir viel.» 

Wenn er trotzdem wieder mit Menschen konfrontiert wird, für die er ein Verräter bleibt, dann denke er heute manchmal einfach: «Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.» 

Hier können Sie den SRF1-Dok-Film nachschauen. 

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