Eiskletterer Dani Arnold «Im Eis ist es immer eine Zitterpartie»

Der Urner Dani Arnold zählt zu den weltbesten Eiskletterern. Doch auch für einen wie ihn wird das Kraxeln am gefrorenen Wasser irgendwann zur Tortur. Im Interview erklärt er, weshalb er in der Eiseskälte trotzdem seine heisse Liebe findet.
Dani Arnold
© Thomas Senf

Dani Arnold in Aktion: «Die Kälte in den Händen ist das grösste Problem beim Eisklettern.»

Dani Arnold, weshalb will der Mensch gefrorenes Wasser emporklettern?
Der grosse Reiz liegt darin, dass es jedes Mal anders ist. Einmal formt viel Wasser das Eis, einmal wenig. Einmal ist das Eis sehr hart, das nächste Mal viel weicher. Es kann sein, dass man im Eis klettert, und eine Woche später sind die Verhältnisse komplett anders. Eine Felsroute ist jedes Mal plus minus gleich, im reinen Eis dagegen muss man immer eine gewisse Reserve haben beim Klettern.

Reserve in Bezug worauf?
Auf dein Können als Kletterer. Am Fels hängst du den Karabinerhaken an der nächsten Sicherung ein und bist safe. Im Eis ist es immer eine Zitterpartie. Du musst mit der einen Hand den Pickel über dir einschlagen, dich daran festhalten und mit der anderen die Eisschraube hervorholen und sie ansetzen, bis sie greift. Danach klappst du einen Hebel an der Schraube aus und drehst sie damit ins Eis. Das ist eine filigrane, ermüdende Angelegenheit. Da musst du Reserven haben, wenn es nicht auf Anhieb gelingt.

Da weinst du oft vor Schmerz, manche erbrechen sich sogar.

Wie ist es eigentlich mit der Kälte? Friert man nicht brutal an die Hände?
Doch, das ist eines der grossen Probleme beim Eisklettern. Es ist generell kalt. Und dann hat man die Hände ständig über dem Kopf, so dass sie nicht gut durchblutet sind. Dicke Handschuhe als Schutz gehen aber nicht, weil einem dann das Gefühl zum Halten von Pickel oder Eisschraube fehlt. Wir tragen oft ganz gewöhnliche Golfhandschuhe, die dünn sind und griffig. So ab zehn Grad minus wirds brutal. Du versuchst, die Arme zwischendurch abwechselnd hängen oder kreisen zu lassen, aber irgendwann geht es nicht mehr. Am schlimmsten ist der Schmerz, wenn das Blut zurückkehrt und der «Kuhnagel» kommt. Da weinst du oft vor Schmerz, manche erbrechen sich sogar.

Dani Arnold
© Thomas Senf

In eisiger Höhe: «Irgendwann durchdringt auch die Feuchtigkeit alles.»

Und die Füsse?
Sind nicht so ein Problem. Da sind ganz dünne Schuhe weniger entscheidend, die Hände sind viel schlimmer. Irgendwann durchdringt auch die Feuchtigkeit alles. Das ist brutal. Da wird der härteste Kerl zur Memme.

Klingt masochistisch. Machen trotzdem die meisten Kletterer beides, Eis und Fels?
Nein, ich gehöre eher zu den Ausnahmen. Für mich ist aber das reine Eisklettern sowie das Mixed-Klettern, also in Routen aus Eis und Fels, das Schönste überhaupt. Das Eisklettern ist letztlich ein wenig mehr Abenteuer als das Felsklettern.

Und das Tempo ist weniger wichtig?
In der Regel schon, ja. Es geht eher um die Schwierigkeit der Route. Aber ich bin im Eis auch schon auf Tempo geklettert, zum Beispiel im «Crack Baby» in Kandersteg, wo ich die 340 Meter hohe Wand in 27 Minuten hochgeklettert bin.

Woran erkennen Sie, wie stabil das Eis ist, an dem Sie klettern wollen?
Zuerst einmal ist es reine Erfahrungssache. Dann muss ich aber bei der Planung einer Tour auch den Temperaturverlauf der letzten zwei Wochen genau kennen. Ideal sind Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Dann läuft permanent Wasser darüber und macht das Eis plastisch. So muss man nicht allzu stark hineinschlagen mit dem Pickel. Schlägt man am falschen Ort hinein, kann es Risse durch den ganzen Eisfall geben, 30, 40, 50 Meter lang. Innerhalb eines Meters kann die Eisqualität variieren von extrem kräftig und stabil bis zu gefährlich brüchig. Das erkennt der erfahrene Eiskletterer unter anderem an der Farbe des Eises.

Dani Arnold
© Thomas Senf

Arnold hält sich in der «Ritter der Kokosnuss»-Route in der Breitwangfluh bei Kandersteg am Eispickel fest.

Trotzdem ist unlängst in Kandersteg ein riesiger Eiszapfen unter Ihnen abgebrochen, an dem Sie kletterten. Das kann also auch dem Besten passieren.
Das ist so. Der Abbruch kam ohne jede Ankündigung. Ich habe ihn durch einen Tritt mit dem linken Steigeisen an der falschen Stelle ausgelöst. Es hat brutal gekracht, ich vergesse das Geräusch des Luftwiderstands nicht mehr, als der Zapfen unter mir in die Tiefe rauschte. Da sind 40 Tonnen Eis unter mir weggebrochen, ein riesiger Lastwagen.

War das ein unverantwortliches Risiko?
Eigentlich nicht. Es hätte zwar sein können, dass ich am wegbrechenden Teil gehangen wäre. Aber man sichert sich an solchen Stellen so, dass man über den Fels angebunden ist, niemals am Eiszapfen selbst. Gefährlicher zu beklettern als Zapfen sind übrigens Eissäulen, die unten aufstehen. Wenn sie entzweibrechen, ist es nicht mehr gut.

So ein Zapfen aus 40 Meter Höhe auf deinen Kopf, und es ist aus.

Also ist das Risiko am Eis weniger berechenbar als am Fels, oder?
Ja. Ich bin sicher schon 1000 Tage im Eis geklettert, aber es passieren noch immer Sachen, die ich nicht erwartet hätte.

Davor haben Sie nie Angst?
Doch, es gibt Situationen, wo man Angst bekommt. Etwa in der riesigen Helmcken-Falls-Höhle in Kanada, wo Millionen von Eiszapfen über uns hingen. Wir mussten da unten durch bis zum Einstieg, aber es gab keinen sicheren Weg. So ein Zapfen aus 40 Meter Höhe auf deinen Kopf, und es ist aus. Da hatten wir schon Schiss. Aber der Ort war so einzigartig – wir konnten nicht umkehren.

Dani Arnold
© Thomas Senf

Arnold übers Eisklettern: «Der grosse Reiz liegt darin, dass es jedes Mal anders ist.»

Solch besondere Eis- oder Mixed-Touren sind Ihnen wichtiger als Temporekorde?
Ja, weil es einfach das Schwierigste überhaupt ist. Die Mixed-Route Anubis in Schottland, die ich letztes Jahr geklettert bin, steht ganz am äussersten Rand der Schwierigkeitsskala. Mehr geht nicht. Eine Eiger-Nordwand kann man im Vergleich dazu nicht schwierig nennen. Als Bergsteiger mache ich am liebsten schwierige Sachen. Auch wenn es ebenfalls Spass macht, einfachere Touren möglichst schnell zu machen.

Zwei Seelen in Ihrer Bergsteiger-Brust?
Ein bisschen schon. Als ich den Geschwindigkeitsrekord am Eiger aufstellte, spielte ich bereits in der Weltelite des Eis- und Mixedkletterns. Aber das wurde praktisch nicht wahrgenommen. Den Leuten die Bedeutung eines zwölften Grades im Mixed-Klettern zu vermitteln, ist fast unmöglich. Aber dass meine 2 Stunden 28 Minuten schneller waren als die 2 Stunden 47 von Ueli Steck, das verstehen alle. Dabei habe ich stets mehr ins Eis und Mixed- als ins Speedklettern investiert.

Es geht im Sport ja eigentlich immer um irrationale Ziele, die man erreichen will.

Ist Dani Arnold für die «falsche Leistung» berühmt?
(lacht) Ganz so weit würde ich nicht gehen. Zumal ich nun auch das Speedklettern weiterentwickelt habe, etwa mit der Begehung der Carlessoroute in den Dolomiten. Aber für mich gibt es in meiner Karriere ein paar Highlights. Und die Eiger-Nordwand ist da eher nicht dabei.

Erstbegehungen extremer Routen sind wohl ein wenig wie die Entdeckungen neuer Länder. Weshalb dann trotzdem auch der Drang zum Temporekord?
Das Speedklettern hat eine ganz eigene Leichtigkeit inne. Klettert man auf Tempo, hat man möglichst wenig Ausrüstung dabei. Man fühlt sich leicht und frei. Sonst hat das Bergsteigen mit seiner ganzen Ausrüstung ja etwas Schwerfälliges. Es ist eigentlich «saulangweilig», es passiert so nichts.

Bald soll es die Eiger-Nordwand in unter zwei Stunden hochgehen. Muss das sein?
Nein, überhaupt nicht. Aber es geht im Sport ja eigentlich immer um irrationale Ziele, die man erreichen will. Auch Fussball-Goals braucht die Menschheit nicht.

Dani Arnold
© Thomas Senf

Farbige Scheinwerfer beleuchten die Eidfjord-Fälle in Norwegen, während Dani Arnold sie emporklettert.

Für viele, die zu den Bergen eine fast mystische Beziehung haben, ist die Tempokletterei fast eine «Entweihung» ihrer Welt. Hinterfragen Sie sich da?
Das tue ich nicht, nein. Ich habe mein ganzes Leben in den Bergen zugebracht, ich weiss, was es bedeutet, Respekt vor ihnen zu haben. Dieser Vorwurf ist nicht angebracht.

Ihr spanischer Kollege Kilian Jornet stellt in Turnschuhen Temporekorde am Berg auf. Ist da die Signalwirkung nicht fatal für den Hobbybergsteiger?
Doch, darin sehe ich auch ein Gefahrenpotenzial. Aber grundsätzlich darf man nicht uns verantwortlich machen, wenn die Leute ihren gesunden Menschenverstand nicht mehr einsetzen. Es stimmt natürlich: Wenn ich in zweieinhalb Stunden die Eiger-Nordwand hochklettere, dann könnte ein begabter Hobbybergsteiger auf die Idee kommen, dass er es in sieben, acht Stunden schaffen müsste. Dabei habe ich, Dani Arnold, auch zwei Tage nach oben, wenn die Verhältnisse nicht ideal sind. Da sehe ich mich durchaus in der Verantwortung, die Leute auf die Realität hinzuweisen.

Sie sagten einmal, Sie hätten ein Leben vor dem Eiger-Rekord gehabt und nun eines danach. Welches ist besser?
(lacht laut) Ja klar, schon das jetzt. Dass ich heute vom Bergsteigen recht gut leben kann, ist ein schöner Nebeneffekt. Vor allem hat mir der Rekord und die dazugehörige Publizität aber zu vielen spannenden, hilfreichen neuen Kontakten verholfen. Das macht mein Leben sehr viel interessanter.

Suchen Sie die öffentliche Anerkennung?
Ja, sie ist mir durchaus wichtig. Aber nicht nur auf mich bezogen. Mich kränkt es, dass das Bergsteigen nicht besser beachtet wird in der Öffentlichkeit. Ich frage mich manchmal, weshalb mache ich gewisse Sachen, wenn ich doch nie auch nur annähernd auf einen so grünen Zweig komme wie selbst ein mittelmässiger Fussballer.

Es gäbe schon Wege, noch mehr Profit herauszuschlagen als Bergsteiger.
Ich weiss, was Sie meinen. Ich müsste zum Beispiel auf den Everest. Aber das reizt mich null, da sind mir zu viele Leute. Das ist selbst ohne Sauerstoff keine Challenge für mich. Auch wenn es medial zweifellos gut wäre.

Auf welchen Achttausendern waren Sie?
Auf keinem einzigen! Ich will zwar schon einmal auf einen rauf. Einfach um zu sehen, wie der Körper da oben funktioniert. Und weil für einen kompletten Bergsteiger ein Achttausender einfach dazugehört, Punkt. Aber nicht um eine Story davon zu verkaufen.

Für eine solche bedarf es im Übrigen oft eines mitunter fragwürdigen Aufwands: Flugreisen in entlegene Regionen, Helikopterflüge für Materialtransporte oder Filmaufnahmen. Keine Hemmungen?
Ich finde den Vorwurf ungerecht, wir würden für den Mammon hochstürmen, ohne links und rechts zu schauen. Zu 95 Prozent sind die Berge auch für mich mystisch. Aber zu fünf Prozent ist es halt mein Beruf, samt gewissen Begleiterscheinungen. Die Umweltproblematik ist mir sehr wohl bewusst. Wir arbeiten deshalb zum Beispiel vermehrt mit Drohnen. Aber ganz alles lässt sich nicht vermeiden, bei jeder noch so berechtigten Kritik.

Mein Antrieb ist der Drang, Limiten zu verschieben. Das ist kaum möglich ohne einen gewissen Egoismus. 

Sie verabschieden sich vor jeder Expedition bewusst von Ehefrau Denise. Leben Sie mit dem Gedanken, einst nicht mehr aus den Bergen heimkehren zu können?
(Überlegt sehr lange) Damit leben ist zu viel gesagt. Es ist mir jederzeit bewusst, dass es passieren könnte. Aber ich akzeptiere es nicht. Es ist kein möglicher Ausgang.

Was würde es brauchen, damit Sie sagen: Genug. Ich gehe nicht mehr klettern?
Ich bin kein Typ, den die Gefahren kalt lassen. Stiesse jemandem aus meinem engen Bergsteiger-Umfeld etwas Schlimmes zu, würde mich das sicher vor die Frage stellen, kann ich weitermachen? Ebenso wie unvorhersehbare Situationen von höherer Gewalt, in denen ich viel Glück brauche, um nicht zu verunfallen. Unlängst hat mich bei einem Gletscherabbruch die Druckwelle fast mitgerissen. Das macht mir Angst. Und nicht etwa potenziell gefährliche Situationen, wo ich ohne Seil oder solo unterwegs war.

Denken Sie bei der Risikoabwägung nur an sich oder auch an Ihre Angehörigen?
Ich glaube, da denke ich zunächst tatsächlich nur an mich und meinen Begleiter.

Muss ein Extrem-Alpinist ein Egoist sein?
Mein Antrieb ist der Drang, Limiten zu verschieben. Das ist kaum möglich ohne einen gewissen Egoismus. Meine Eltern etwa haben keineswegs immer Verständnis für meine Vorhaben und fragen: Muss das jetzt wirklich sein? Aber sie vertrauen mir, weil sie schon oft erlebt haben, dass ich eine Expedition abgebrochen habe, weil das Risiko zu gross war. Ich kann durchaus nein sagen. Doch es stimmt schon, wenn ich entscheide, so höre ich am Ende egoistisch nur auf mich.

Und – lässt Sie Ihr Egoismus den Temporekord am Eiger nochmals angreifen?
Kaum. Mich reizen andere Tempoprojekte viel mehr. Und ich habe einige weitere Ideen, gerade im Bereich des Eiskletterns. Die haben weniger mit Schwierigkeit zu tun als vielmehr mit der Verbindung von Bergsteigen und Kunst. Lassen Sie sich überraschen!

Ein Interview aus SI Sport

Titel Sport 43 2017
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