Pierin Vincenz Der Banker erkundet sein Graubünden

Nur wandern wäre ihm zu langweilig. Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz erkundet die Rheinschlucht in seinem Heimatkanton Graubünden zu Fuss und zu Wasser. Ein Auf und Ab wie an der Börse!

Ab 1000 Metern über Meer wird aus dem Banker ein Bergler. Pierin Vincenz, 56, Raiffeisen-CEO, verschwindet kurz in der Gemeinschafts-Umkleidekabine der Rafting-Basis Ilanz und wechselt Hemd und Kittel mit Neoprenanzug und Schwimmweste. Mit seinen Bootsgefährten (Vincenz hat sie eben erst kennengelernt) ist er bereits per Du, schliesslich werde man sich gleich gemeinsam in die Fluten des Vorderrheins stürzen. «Mit Pierin an Bord kommen wir sogar in der ‹Tagesschau›, falls wir kentern», witzelt einer, während der Rafting-Guide seine Truppe vorantreibt: Helme fassen! Vincenz: «Meine Frau sagt immer, ich sehe damit aus wie Calimero, die Zeichentrickfilmfigur mit der Eierschale auf dem Kopf.» Dann geht es los: Sicherheitscheck, Instruktionen, rein ins Schlauchboot und ab in die Gischt.

Vincenz selbst hat die Idee, auf dem reissenden Fluss in die Rheinschlucht hineinzufahren. Als Banker sei es problematisch, sich als risikofreudig zu bezeichnen, sagt er. Aber dass es ihm nicht an Mut mangelt, ist offensichtlich: Im Januar 2012 übernahm Raiffeisen den Grossteil der am US-Steuerstreit zerbrochenen Wegelin-Bank, wagte mit der neu gegründeten Notenstein-Privatbank endgültig den Schritt von der bodenständigen «Bank vom Lande» zum «Big Player». Im Februar brachte Vincenz dann einige Bankerkollegen in Rage, stellte das Bankgeheimnis infrage, zog den automatischen Informationsaustausch in Betracht. «Manchmal muss man eben provozieren, um eine Diskussion in Gang zu bringen», sagt er. Ausserdem sei es nun mal kein Gentleman’s Delikt, Geld am Fiskus vorbeizuschleusen. Und was die Notenstein-Privatbank betreffe: Auch da spreche er ungern von einem Risiko. Man habe eine Chance wahrgenommen. Überhaupt könne man als Optimist oder als Pessimist durchs Leben gehen - «aber als Optimist macht das Leben einfach viel mehr Spass».

Das Boot nimmt Tempo auf, die erste Stromschnelle ist erreicht. «Vorwärts!», befiehlt der Rafting-Guide. Pierin Vincenz und seine sechs «Schicksalsgenossen» stechen ihre Paddel ins Wasser, ziehen sie mit ganzer Kraft nach hinten. Das Boot gleitet über einen Felsabsatz, verschwindet im spritzenden Nass. Die Herrenrunde jubelt.

Nach der ersten Abkühlung bleibt ein Moment Zeit, die Landschaft zu geniessen. Pierin Vincenz, aufgewachsen in Andiast GR, war schon als Bub oft hier. Überhaupt sei er ständig gewandert, sein Vater war Bauernverbandspräsident, besuchte unzählige Alpen, nahm Pierin und seine drei Schwestern oft mit. Er sei ein aktiver Junge gewesen, ein guter Fussballer - aber ein miserabler Schüler. Er flog vom Internat in Disentis, beendete mit Ach und Krach die Kanti in Chur und begann in Zürich Jura zu studieren. Dummerweise bekam er nicht mit, dass Zwischenprüfungen eingeführt wurden, verpasste sie, wurde von der Fakultät ausgeschlossen. Erst mit 26 habe er das HSG-Studium begonnen und durchgezogen. «Einfach wars nicht, man verliert natürlich auch an Selbstvertrauen, wenn man immer überall rausfällt.»

Der Rafting-Guide kündigt die nächste Herausforderung an: «Das Schwarze Loch!» (Vincenz: «Hat das was mit diesem Gottesteilchen zu tun?») Der Fluss drückt das Boot an eine Hunderte von Metern hohe Felswand vor Versam, der Guide gibt seine Kommandos noch etwas lauter, die Herren paddeln noch etwas energischer, bis der Rhein sich beruhigt, die Fahrt gemächlicher wird. Zeit, auszusteigen. Bei der Station Versam verabschiedet sich Vincenz per Handschlag von der Herrengruppe, wechselt hinter ein paar Sträuchern vom Neoprenanzug in die Wanderklamotten und marschiert los.

Auf dem schmalen Pfad über die Chrummwag kreuzt der Raiffeisen-Chef mehrere Wanderer. «Grüezi, Pierin», heisst es immer wieder. Der Bankenchef grüsst freundlich zurück, hält zuweilen ein Schwätzchen, wenns Einheimische sind gerne auf Romanisch. Seit der Wegelin- bzw. Notenstein-Übernahme erkennen ihn noch mehr Leute, er habe kein Problem damit, aber der Personenkult im Bankensektor sei momentan schon enorm. «Wir Banker stehen im Fokus. Und fast alles, was wir tun, wird als gefährlich eingestuft.» Vincenz überquert die Eisenbahnbrücke über den Rhein, steigt hinauf in Richtung Trin. Dass Experten befürchten, die Raiffeisen könnte bei einer Immobilienblase an ihrem Hypothekengeschäft zugrunde gehen, kann er nachvollziehen. «Aber solange es der Schweiz gut geht, geht es auch der Raiffeisen gut - und ich sehe keinen Grund, warum wir an der Prosperität unseres Landes zweifeln sollten.»

Bald schon ist der Bahnhof Reichenau-Tamins in Sicht. Von hier geht es nach Andiast. Ein Zvieri im Garten seines Familienhauses - er besitzt darin eine Ferienwohnung - müsse noch drinliegen, findet Vincenz. Er tischt Käse, Aufschnitt und «seinen» Veltliner auf (er sitzt im VR der Plozza Wine Group), hält einen Moment inne, hört den zirpenden Grillen zu, lässt den Blick übers Tal gleiten. Dann blickt er, wie so oft, auf sein Blackberry. Er muss zurück ins Unterland, an diesem Samstagabend steht noch ein Geburtstagsfest an, tags darauf kommt Andrina, eine seiner zwei 18-jährigen Töchter, von ihrem einjährigen Australien-Aufenthalt zurück («das wird ein Fest!»). Und dann, spätestens wenn er an seinem Schreibtisch in der Raiffeisen-Zentrale sitzt, wird aus dem Bergler wieder der Banker.

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