Lucas Fischer Der Turner macht Salto vorwärts - zurück ins Leben

Wer so viele Hindernisse im Weg hat wie der Kunstturner Lucas Fischer, gibt für gewöhnlich auf. Das Jahrzehnttalent aus dem Aargau weigert sich zu verlieren. Jetzt fliegt er wieder - und singt sich frei.

Für einen kurzen Moment schwebt er über allen, gestreckt von den Zehen bis in die Fingerspitzen, wie ein Deckenfresko in einer Kapelle. Doch dann reisst ihn die Schwerkraft aus dem Traum vom Fliegen, die Hände greifen in den Barren, die Muskeln federn den Sprung ab. Lucas Fischer ist in seinem Element. «Für ihn gibt es keine Grenzen», sagt Nationaltrainer Bernhard Fluck, «er kann alles erreichen.»

Zehn Tage vor der Kunstturn-Europameisterschaft in Moskau ist Fischer in Form. Das beweist sein dritter Platz beim Weltcup in Cottbus. «Ich bin froh über diesen Erfolg. Den habe ich wirklich gebraucht», sagt der 22-Jährige. «Denn in den vergangenen Jahren hatte ich viel mehr Pech als Glück.» Dass er wieder um die grossen Preise mitturnen kann, spricht für ihn. Für Wille, Zähigkeit fürs Nicht-loslassen-Wollen.

Das Schicksal hat es nicht nur gut mit ihm gemeint. Immer wieder hat Fischer komplizierte Fussverletzungen. Und mit 20 muss er lernen, dass ein zweites Handicap auf ihn wartet: die Epilepsie. Den ersten Anfall hat er daheim in seinem Elternhaus in Möriken. Er fällt in seinem Zimmer hin. Vom Rest weiss er nichts mehr. Seine Mutter findet ihn später zitternd am Boden liegend, mit Schaum vor dem Mund. Noch wird keine Diagnose gestellt. Vier Tage später sitzt er in Magglingen mit Turnerkollegen im Zimmer. Wieder bricht er zusammen. «Es war ein Riesenschock», sagt er noch heute. Die nächsten paar Anfälle kommen beim Turnen, vor allem nach Reck-Übungen. Die Rotationen und die Dauerbelastung an diesem Gerät sind mögliche Auslöser.

Die Trainer entscheiden: Lucas Fischer muss auf die WM vor Olympia verzichten. London 2012 erlebt er nur aus der Ferne, aus den Ferien in Gran Canaria. «Für mich brach eine Welt zusammen», sagt Fischer. Er nimmt zu, lässt sich gehen. «Im Frust war mir alles egal», sagt er. Das Jahr 2012 fällt komplett aus, denn bei einem Fehltritt reisst er sich Aussen- und Innenband, zieht sich eine Knochenabsplitterung und einen Kapselriss zu. Eine kleine Horror-Show für einen Athleten, ein Albtraum à discrétion. «Wenn mir was passiert, dann richtig», sagt er mit Galgenhumor und lacht.

Erst im Herbst gewinnt er die Motivation zurück, nimmt in einem Monat sieben Kilo ab, quält sich. Wie schnell er wieder zu den Besten gehört, ist verblüffend. Cottbus ist erst sein zweiter Wettkampf. Er ist locker, hat sich vom Druck befreit, es den anderen beweisen zu müssen. Den Eltern, Freunden, Trainern.

Die Epilepsie wird er nicht mehr los. Aber er hat sie dank der höchstmöglichen Dosis an Medikamenten im Griff. Richtig gut geht es ihm jedoch dank seinem zweiten Projekt: dem Singen. «Ich habe gesagt, wenn ich weitermachen will, brauche ich ein Ventil, mit dem ich meine Gefühle verarbeiten kann.»

Sein Onkel hört ihn an einer Hochzeit singen und rät ihm, mit einem Gesangslehrer zu arbeiten. Seither fährt Lucas einmal pro Woche von Magglingen nach Zürich, wo er mit Angelo Maggiore an den Tönen und seinem Repertoire feilt. «Ich singe sehr viele Balladen. Als Teenager hätte ich das niemals gemacht. Da wollte jeder cool sein. So gefühlsduseliges Zeug hätte ich nie gesungen. Aber jetzt ist das okay. Ich muss niemandem mehr etwas vormachen.» Gesangslehrer Maggiore nennt ihn ein aussergewöhnliches Talent. «Männer, die so Kopfstimme singen können wie Lucas, gibt es ganz selten.»

Fischer wird als Sänger gebucht. Ein Big Business ist es zwar nicht. Aber er hat Pläne, wie er nach seiner Karriere Artistik und Gesang verbinden will. Ein poetischer Traum. Bis dahin fliegt er um die Wette. Und singt sich frei.

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