Olaf Breuning Die Schweiz ist seine Sehnsuchtsinsel

An der 43. Art Basel präsentiert Künstlerschreck Olaf Breuning diese Woche «Grabsteine» aus Marmor. Der Schaffhauser lebt seit elf Jahren in New York. Hier liegen die Ideen auf der Strasse.

Olaf Breuning, 42, lässt seine modernen Monster Perücken tragen. Er stülpt ihnen Papiersäcke über den Kopf oder drückt ihnen Kettensägen in die Hand. Wenn man sich seine Werke so anschaut, wird man das Gefühl nicht los, dass hier einer partout nicht erwachsen werden will. Und dabei auch noch kräftig Kasse macht.

Die Fotografien und Installationen des gebürtigen Schaffhausers sind teuer und begehrt. Weltweit reissen sich Museen, Galerien und Sammler um seine Kunst. Breuning ist kein Shootingstar mehr, sondern international längst etabliert. Seine Inszenierungen sind ausgeklügelte Momentaufnahmen. Nichts scheint, wie es ist, und doch ist alles echt. Echt ist auch das mulmige Gefühl, das seine Unholde auslösen. Als seien sie gerade aus der Geisterbahn gehüpft, um uns einen herzhaften Schrecken einzujagen.

Olaf Breunings Reich an der Franklyn Street im Stadtteil Tribeca ist der Geisterbahn-Hauptsitz. Seit elf Jahren lebt er mitten in New York City, der Stadt seiner Alpträume. In einem früheren Interview beschrieb er seine Hassliebe so: «Die Stadt ist für mich wie ein grosser Kuchen, auf dem das Sahnehäubchen des Übelsten thront.» Die helle Loft ist Wohn- und Arbeitsort zugleich. Auch eine Katze mit dem eigenwilligen Namen Whale (deutsch: Wal) streicht hier um die Beine. Die Hightech-Spielzeuge im Fotostudio sind das Herzstück.

Schummerig: der Stauraum zum Staunen. In der Rumpelkammer stapeln sich Kisten voller Klimbim. Viele Requisiten wurden für frühere Werke verwendet: für Porträts von Affenmenschen, Rittern oder Höhlenbewohnern. Die Urahnen tragen moderne Waffen und an jedem Finger einen Ring. Darauf kleben Buchstaben, die nacheinander gelesen folgenden Satz ergeben: «Wir können tun, was wir wollen, wir sind immer dieselben Blödmänner. Wir lernen nicht und werden dadurch auch nicht klüger. Wir sind einfach dumm und bleiben es für immer.» Vor zehn Jahren kostete diese Arbeit pro Stück 50 000 Franken.

Breuning zog 2001 von Zürich nach New York. Erst wohnte er in der Nähe von Ground Zero. 2008 musste er sein Atelier in Soho aufgeben. «Die Wirtschaftskrise fegte übers Land, meine Werke verkauften sich plötzlich nicht mehr so toll.» Aus New York wegzuziehen, kam für ihn trotzdem nie in Frage. Zurzeit dreht er «Home 3». Der 30-minütige Kurzfilm ist eine lustige, freche, respektlose Liebeserklärung an Manhattan und feiert im Herbst im Swiss Institute in New York Premiere. In seiner «pragmatisch faulen Art, Dinge zu organisieren», besetzte Breuning die Hauptrolle der Roadmovie-Triologie mit seinem besten Freund, Brian Kerstetter. Das Chanel-Model entpuppte sich als Naturtalent. In den ersten beiden Episoden erkundet der Held die Pennerszene unter der Brooklyn Bridge, kotzt als Luxusboy in den Schweizer Schnee oder treibt Ureinwohner in Papua-Neuguinea in den Wahnsinn.

Jetzt nimmt uns Breuning im dritten Teil wieder mit auf eine Reise, von der man nie weiss, ob sie tatsächlich stattfindet oder nur das Hirngespinst einer verlorenen Seele ist. Der Spass könnte schnell ins Gegenteil kippen. Diese Gratwanderung beherrscht Breuning meisterhaft. Ein Rezept hat er dafür nicht. Er bedient sich ungeniert bei der Popkultur: Werbung, Musik, Internet, Kunst, Filme, Magazine, Zeitungen. «Ich gehe durchs Leben und nehme mit, was mich interessiert.» Die einzige Schwierigkeit ist die, eine Pionierarbeit abzuliefern - auch wenn alles schon gesagt ist. «Du hast eine Idee, googelst und stellst fest: Irgendein Idiot hat irgendwo auf der Welt deine Idee schon vor zehn Jahren umgesetzt. Das ist frustrierend.»

An der 43. Art Basel wird Olaf Breuning von seiner New Yorker Galerie Metro Pictures vertreten. Olaf präsentiert Stelen aus Marmor, die entfernt an Grabsteine erinnern. Die Schweiz bleibt seine Sehnsuchtsinsel. Im Juli besucht er seine Familie in Schaffhausen. «Fliegen ist scheisse», sagt Breuning, «wenn man sich keinen Business-Sitz leisten kann. Es fängt schon beim Check-in an, wo ich von Maschinen statt von Menschen bedient werde.»

Der Tausendsassa kommt auch gern zum Arbeiten in seine Heimat. Er ist Mitglied von «Zurich.Minds», gehört zu den 600 einflussreichsten Schweizer Persönlichkeiten. Für das Modehaus Bally entwarf er Kulttaschen, die an der Art Basel Miami Beach 2010 vorgestellt wurden. Gerade hat er für Atelier Pfister in den Farbtopf gelangt und bunte Schalen fürs Couchtischchen entworfen.

Zurzeit ist Design-Fan Olaf selber am Einrichten. In Upstate New York hat er im Grünen ein Haus gekauft. Weit weg vom Moloch New York, der einen verschlingen kann. Es gibt viel zu tun. Obwohl er nicht zwei linke Hände hat, sieht sich Breuning als «Verwalter», nicht als Handwerker. Wichtigstes Zukunftsprojekt: eine Familie gründen. Vor vier Jahren heiratete er Freundin Makiko. Sie wünscht sich Kinder. Offenbar schlagen zwei Seelen in Olafs Brust: «Ich bin kein Kinderfreund. Doch was wollen wir mit einem Riesenhaus, wenn darin nicht gelacht wird?»

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