Kurt Felix «Es zog mir den Boden total weg»

Vier Chemotherapien, zweimal den Brustkorb geöffnet - Kurt Felix, 69, hat die schlimmsten Monate seines Lebens hinter sich. 2003 redet der TV-Profi zum ersten Mal über seinen Kampf gegen den Krebs. Es ist sein wohl eindrücklichstes Interview.

  Seine Haare sind noch kurz. Und grau meliert. Aber die Farbe ist zurück in seinem Gesicht. Und die runden Bäckchen, die diesen typischen Kurt-Felix-Schalk ausmachen, sind auch wieder da. Trotzdem wirkt er verändert. Ist es der Ausdruck in seinen Augen?

 

«Kurt Felix hat Krebs!» Diese Nachricht schockiert am 28. Februar 2003 die Schweiz. Bei einer Routineuntersuchung entdeckt sein Hausarzt einen tennisballgrossen Tumor im Brustkorb. Zwischen Herz und Lunge. Ein Thymom. «Es kam aus heiterem Himmel. Ich ging als vermeintlich gesunder Mann zur Untersuchung - und ich kehrte als todkranker Mann wieder heim», sagte Kurt Felix damals. Es wird still um ihn. Sechs lange Monate. Es sind sechs Monate, in denen Kurt Felix um sein Leben kämpft.

Zwei hochkomplizierte Operationen und vier Chemotherapien liegen hinter ihm. Jetzt meldet sich der TV-Profi zurück! Er hat sich entschlossen, sein erstes Interview über die schlimmste Zeit seines Lebens der Schweizer Illustrierten zu geben. Beim Treffen in Wil SG sagt Kurt Felix zur Begrüssung: «Hier in Wil wurde ich vor 62 Jahren geboren. Hier werde ich jetzt wiedergeboren.»

Schweizer Illustrierte: Kurt Felix, Sie haben die schwerste Zeit Ihres Lebens hinter sich. Wie geht es Ihnen?

Kurt Felix: Hervorragend, danke. Es ist, als ob ich nie etwas gehabt hätte. Ich fühle mich mental und körperlich wieder fit und gesund. Mein Arzt hat mir gesagt: «Wenn Sie sich gesund fühlen, sind Sie auch gesund. Denn Gesundheit bedeutet nicht die Abwesenheit von Krankheit.» Ich bin über den Berg.

Sie haben den Krebs also besiegt?
Mit dieser Formulierung bin ich sehr vorsichtig. Kein Mensch besiegt den Krebs! Wenn überhaupt jemand den Krebs besiegt, dann sind es die Ärzte. Ich sage es so: Ich bin wieder da. Ich habe es vorerst überstanden.

Wie meinen Sie das: vorerst überstanden?
Die Behandlung ist abgeschlossen. Es bleibt das Risiko, von dieser noch nicht sehr erforschten Krebsart wieder eingeholt zu werden.

Sind noch Krebszellen in Ihrem Körper?
Eine einzige Krebszelle genügt, um wieder einen Tumor zu bilden. Mit anderen Worten: Es kann sein, dass ich bei dieser individuell verlaufenden Krankheit in drei Monaten wieder eine Chemotherapie brauche - oder nie mehr im Leben.

Sie haben sich entschlossen, nur ganz wenige Interviews zu geben ...

Jetzt, da ich wieder ins normale Leben zurückgekehrt bin, muss ich mit vielen Medien-Anfragen rechnen. Ich will aber kein Handelsreisender werden, der in allen Talkshows und mit jeder Zeitschrift über seine Krankheit spricht. Bei der Schweizer Illustrierten wird erstens seriös gearbeitet, zweitens wird sie von sehr vielen Menschen gelesen. Und drittens ist die SI mein Arbeitgeber, der mich immer fair behandelt hat. Auch in dieser schweren Zeit.

Zurück zu dem Tag, an dem das Unheil begann. 24. Januar. Kurt Felix hat einen Termin bei seinem Hausarzt Dr. Rudolf Gonzenbach in St. Gallen. Routinekontrolle. Wie alle zwei Jahre. Diesmal wollte Kurt Felix schon absagen. Es geht ihm prächtig, warum also dem Arzt die Zeit stehlen? Doch Paola besteht darauf. Blutkontrolle, Röntgenbild - der Check dauert eine Stunde.

Kurt Felix hat die Türklinke schon in der Hand, als ihn der Arzt noch einmal in sein Sprechzimmer ruft. Da sei etwas auf dem Röntgenbild zu sehen. Zur Abklärung müsse auch von der Seite geröntgt werden. Felix denkt sich: «Wahrscheinlich hat das Gerät nicht richtig funktioniert.» Dann fährt er nach Hause. Paola hat das Mittagessen bereits auf dem Tisch, als das Telefon klingelt: Dr. Gonzenbach. Er bittet Kurt Felix und Paola, wieder in die Praxis zu kommen. Sofort. Er habe keine gute Nachricht.

Was ging in Ihnen vor, als der Arzt die Diagnose Tumor stellte?
Es war ein Schock. Und das ist gelinde ausgedrückt. Es zog mir den Boden total weg. Ich war wie gelähmt.

Wissen Sie noch, was Paola und Sie auf der Heimfahrt im Auto gesprochen haben?
Ich glaube, wir haben keine Worte gefunden. Glücklicherweise sind viele Erinnerungen ausgelöscht. Der Körper ist gnädig und macht einen vieles vergessen. Aber so viel weiss ich: Diese Tage waren die schlimmsten meines Lebens.

Paola, wie haben Sie diese Momente in Erinnerung?
Paola Felix: Ich fühlte mich hilflos. In einer Sekunde ist das Wort Krebs ausgesprochen, und ebenso schnell wurde unser Leben auf den Kopf gestellt. Kurt tat mir so Leid. Unendlich Leid. Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich ihm am liebsten alles abgenommen - die Krankheit, die Operation, alles.

Wo fanden Sie Halt, Kurt?

Kurt Felix: Ich beschaffte mir Informationen. Ich wollte alles wissen. Noch unter Schock fuhr ich ins Zürcher Unispital zu Professor Dr. Walter Weder. Er leitet die Thoraxchirurgie und operierte mich später. Er sagte: «Herr Felix, wenn Sie mit dem Auto nach St. Gallen zurückfahren, ist das Risiko, dass Ihnen etwas passiert, grösser als bei dieser Opera-tion.» Dieser Satz war so stark - ich überwand den Schock.

Der Tumor war in einem fortgeschrittenen Stadium. Gross wie ein Tennisball. Haben Sie wirklich überhaupt nichts gespürt?

Null und nichts. Auch nicht, als die Diagnose klar war.

Sie sagten von Anfang an: «Ich bin guten Mutes - ich will mich nicht aufgeben.» Woher kam diese Zuversicht?

Wenn man in so einem Zustand ist, gibt es natürlich Stimmungsschwankungen. Ich wusste ja nicht, was die Zukunft bringt. Überlebe ich das? Oder nicht? Vor allem die Zeit, in der man nicht wusste, ob die lebensrettende Chemotherapie anschlägt, war sehr belastend. Aber ich fügte mich in mein Schicksal. Ich vertraute meinen ausgezeichneten Ärzten.

Der Kampf um das Leben von Kurt Felix war dramatisch: Zweimal mussten die Ärzte seinen Brustkorb öffnen. Der Tumor lag zwischen Herz und Lunge. Eine heikle Stelle. Hier verlaufen die Nerven für das Zwerchfell, hier liegen Luftröhre, Aorta und die Zugänge für Lunge und Herz. Zwischen den beiden Operationen musste sich Felix vier Chemotherapien unterziehen.

Wie stark litten Sie unter Nebenwirkungen der Chemotherapie?

Die Broschüren der Schweizer Krebsliga haben mir sehr geholfen. Ich war auf alles vorbereitet. Die Haare sind mir ausgefallen. Das passiert nicht auf einmal, sondern nach und nach. Aber das war mir so egal wie überhaupt nur etwas. Ein Mann kann damit gut leben. Für Frauen ist das sicherlich schlimmer.

Was war für Sie am schlimmsten?

Diese totale Appetitlosigkeit. Mir war permanent ein bisschen schlecht. Ich esse gerne gut. Und nicht essen zu dürfen, wenn man will, ist verdammt schwer. Aber noch schlimmer ist es, wenn man etwas zu sich nehmen muss und nicht mag. Ich habe mit Todesverachtung gegessen.

Was haben Sie gegessen?
Ich konnte erst eine halbe Stunde vorher sagen, was ich gerne essen möchte. Ich hatte komische Gelüste. Wie eine Schwangere. Etwa auf Kartoffelstock mit Gulasch. Oder Gehacktes mit Hörnli. Das hatte ich zuletzt im Militärdienst gegessen. Paola hat dann sofort gekocht, was ich mir gewünscht habe, und ich hätte nichts anderes hinuntergebracht als genau das.

Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Ich schaffe es nicht!?
Nein. Ich habe mir immer gesagt: Ich will die Wolken weiterhin von der Erde aus anschauen und nicht vom Himmel.

Wie haben Ihre Freunde reagiert?

Ich bekam fast täglich E-Mails oder Anrufe. Dazu kamen Hunderte von Briefen - auch von Fremden. Adolf Ogi rief an. Arthur Cohn schickte jeden Monat eine Uhr. Silvia und Christoph Blocher standen eines Tages einfach vor der Tür. Und Frank Elstner hat mir den grössten Blumenstrauss geschickt, den ich je in meinem Leben bekommen habe.

Was hat Ihnen die Kraft gegeben durchzuhalten?
Coping! Ein englischer Ausdruck für «mit einer Sache fertig werden».

Und was genau ist Coping?
Ich habe mich aktiv mit der Krankheit auseinander gesetzt. Fakten eingeholt, Fragen gestellt. Ganz wichtig ist Optimismus und das Vertrauen in die Ärzte. Ich habe mich immer selbst angefeuert. Mir gesagt: Da musst du durch. Dann bist du wieder an Bord.

Paola, wie haben Sie versucht, Kurt beizustehen?
Paola Felix: Wir haben im Krankenhaus im selben Zimmer geschlafen. Ich war 24 Stunden am Tag bei ihm. Wir waren eine Leidensgemeinschaft. Für mich ist es, als wäre auch ich krank gewesen.
Kurt Felix: Du hast mir jeden Wunsch von den Augen abgelesen, Paola. Ich habe mich an die Worte des Pfarrers erinnert, der uns getraut hat: «Eine Ehe heisst, Freud und Leid miteinander zu teilen.» Seit 1980 hatten wir fast nur Freuden miteinander geteilt. Jetzt war es das Leid.

Paola, haben Sie sich mit einem möglichen Leben ohne Kurt auseinander gesetzt?
Paola Felix: Es gab diesen einen Moment ...

Paolas Stimme versagt. Sie schlägt die Hände vors Gesicht und fängt an zu weinen. Die Erinnerung an den 16. April 2003 ist immer noch so lebendig. Der Moment, als Kurt nach der zweiten Chemotherapie zur Computer-Tomografie musste. Diese Minuten, als ihr Mann in der Röhre lag und klar war: Gleich entscheidet sich, ob die Chemo angeschlagen hat. - Todesurteil oder weiterleben. Die Nachricht war positiv. Die Chemo hatte tatsächlich gewirkt.

Kurt Felix: An diesem Abend haben wir gefeiert. Ich hätte nicht gedurft - aber wir haben ein Glas Barolo getrunken.

Hat euch das Erlebte noch mehr zusammengeschweisst?

Kurt Felix: Das klingt immer so schön. Aber wir konnten gar nicht näher zusammen sein, als wir es sowieso schon immer waren. Wir sind aber auch keinen Millimeter auseinander gerückt in dieser Zeit.

Knapp einen Monat nach Entdeckung des Tumors feierten Sie Ihren 62. Geburtstag ...

... es war der traurigste Geburtstag meines Lebens. Ich habe gedacht, es ist vielleicht der letzte. Das war zu der Zeit, als man noch nicht wusste, ob die Chemo anschlägt.

Wie haben Sie diesen Tag verbracht?

Mit Paola, meiner Schwägerin Elisabeth und den Schwiegereltern. Aber ich war nicht fähig zu feiern. Ich war zu schwach.

Haben Sie sich gefragt: Wieso ausgerechnet ich?
Jeder stellt sich diese Frage. Man weiss in meinem Fall die Ursache nicht. Das ist beängstigend. Jeder dritte Mensch bekommt Krebs. Es ist einfach Pech, dass ich dazu- gehöre.

Was machen Sie jetzt anders als vorher?

Ich habe nie geraucht. Ich war nie übergewichtig. Ich hatte keinen Stress, mein Leben ist harmonisch und meine Lebenseinstellung positiv. Was also soll ich jetzt anders machen? Ich esse immer noch das Fleisch von heute, das Brot von gestern und trinke den Wein von vor einem Jahr.

Wie haben Sie die Tage zwischen den Chemotherapien verbracht?

Ich habe schon vorher viel ferngesehen. Aber in dieser Zeit habe ich alles geschaut. Das war eine wunderbare Ablenkung. Ich ging oft an die frische Luft, und ich habe viel gelesen. Eines der köstlichsten Bücher war das von Dieter Bohlen. Ich habe mich darüber kaputtgelacht - obwohl es mir so mies ging.

Bei einem Ihrer Spaziergänge wurden Sie von einem Paparazzo erwischt. Die «Bild»-Zeitung und viele deutsche Zeitschriften veröffentlichten die Fotos ...
Dass man jemanden fotografieren kann, ohne dass derjenige es merkt, ist für mich nichts Neues. Ich habe ja selbst oft mit der versteckten Kamera gearbeitet.

Wie haben Sie auf die «Abschüsse» reagiert?
Ich wollte klagen. Aber alle Verlage sind einem drohenden Prozess ausgewichen und haben sofort aussergerichtlich bezahlt. Laut Pressegesetz ist es strikt verboten, Bilder eines kranken Menschen ohne seine Einwilligung zu veröffentlichen.

Die Bussgelder haben Sie der Kinderkrebshilfe gestiftet ...

... eine hohe fünfstellige Summe. Hut ab vor den Schweizer Medien. Sie haben bei dieser Schweinerei nicht mitgemacht.

Sie haben viel durchgemacht. Wie haben Sie es geschafft, so schnell wieder so fit zu werden?

Ich ging erst bis zum Briefkasten, am nächsten Tag bis zur Bäckerei. Dann wurden die Spaziergänge immer länger. Auch der Appetit kam zurück. Ich habe bereits wieder zwei Kilo zu viel (lacht).

Physisch ist also wieder alles wie früher. Was ist mit Ihrer Seele?
Da hat sich etwas verändert: meine Selbstwahrnehmung. Früher habe ich mich immer in der Mitte des Lebens gefühlt. Wie blöd - mit 62! Jetzt habe ich mir eingestanden: Ich bin im letzten Drittel des Lebens angelangt.

Und was ziehen Sie aus dieser Erkenntnis für Konsequenzen?
Ich habe alle TV-Beraterverträge aufgelöst! Das Einzige, was ich noch machen werde, ist die Kolumne für die Schweizer Illustrierte.

Sie wollen sich also mehr Zeit für sich und Paola nehmen?
So ist es. Wir wollen noch mehr reisen als früher. Mehrtägige Radtouren machen. Im Frühling planen wir eine zweimonatige Reise nach Kanada. Für solche Pläne braucht man Zeit.

Zu Beginn unseres Interviews sagten Sie: «Es kann sein, dass der Krebs mich wieder einholt.» Wie leben Sie mit dieser Angst?

Es kann auch sein, dass ich vor meinem Haus überfahren werde. Wer das Risiko auf sich nimmt, geboren zu werden, muss auch das Risiko auf sich nehmen zu sterben.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Eigentlich muss man sich nicht vor dem Tod fürchten, sondern vor dem Leiden.

Sind Sie dankbar?

Und wie! Den drei Ärzten und meiner Frau bin ich unglaublich dankbar. Auch meinen Freunden, Nachbarn und den vielen Unbekannten, die mir in dieser Zeit geschrieben haben. Und natürlich dem Pflegepersonal in den Kliniken. Dank all denen darf ich weiterleben.

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