Florian Burkhardt über sein Buch «Das Kind meiner Mutter» «Ich dachte, der Hass gegen meine Eltern kommt hoch»

Florian Burkhardt wächst in einer dysfunktionalen Familie in der Innerschweiz auf. Als junger Erwachsener löst er seine Fesseln und haut ab. Es folgen wilde Jahre, Abstürze und eine Angsterkrankung. Mit SI online spricht der 43-Jährige über das Buch, das er über seine Kindheit geschrieben hat.

Er ist noch nicht auf der Welt, als seine Eltern bei einem selbst verschuldeten Autounfall ihr jüngstes Kind verlieren. Als Ersatz für den toten Buben zeugen Florian Burkhardts Eltern, die immer schon zwei Kinder wollten, sofort ein neues. Florian erblickt 1974 in der Innerschweiz das Licht der Welt.

Aus Angst, auch ihn zu verlieren, beschützt ihn Florians Mutter vor allen Einflüssen der «gefährlichen» Aussenwelt. Selbst als Teenager spielt Florian ausschliesslich mit jüngeren Kindern. Damit ihn niemand zum Konsum von Drogen oder Alkohol verleiten kann. Die Überfürsorge wird zum erdrückenden Gefängnis.

Florian Burkhardt als Bub seiner Mutter in der Innerschweiz
© zvg

Florian Burkhardt als kleiner Junge.

Als Florian 16 Jahre alt ist, wollen die Eltern seine Homosexualität unterbinden. Sie stecken ihn in ein katholisches Internat, wo er zum Lehrer ausgebildet wird. Nach fünf Jahren erhält Florian das Lehrer-Diplom. Und damit sein Ticket in die lange ersehnte Freiheit. Über die wilden Jahre, die psychische Angsterkrankung und den Absturz, die dann folgten, hat der Regisseur Marcel Gisler 2015 den Film «Electroboy» realisiert. Im selben Jahr begann Florian Burkhardt die Geschichte seiner Kindheit und Jugend niederzuschreiben.

SI online: «Das Kind meiner Mutter» ist Ihr Erstling. Wie lange haben Sie am Buch gearbeitet?
Florian Burkhardt: Ein Dreivierteljahr. Ich sass täglich ein paar Stunden in meiner Wahlheimat Deutschland in einem Café und habe intensiv geschrieben. Es war mir ein grosses Anliegen, dem kleinen und dem heranwachsenden Florian eine Stimme zu geben. Ganz ohne aus meiner heutigen Sicht zu werten. Und ganz ohne zu analysieren. 

Ist es realistisch, Gefühle auszuschalten?
Ich dachte, der Hass gegen meine Eltern kommt hoch, während ich schreibe. Ich habe damit gerechnet, dass es schlimm wird. Heute habe ich aber meine Emotionen so gut unter Kontrolle, dass die grosse emotionale Welle ausgeblieben ist. 

Sind Sie noch wütend auf Ihre Mutter und Ihren Vater?
Nein, sie sind ja keine bösen Menschen. Sie konnten es nicht anders, nicht besser machen mit mir. Heute habe ich sogar ein gewisses Verständnis für sie. Ich bin dennoch gespannt, wie sie reagieren und ob das Buch etwas in ihnen auslösen wird. Wenn es so wird wie beim Film, dann wird es so sein wie immer: Sie werden alle Gefühle und Gedanken unter den Teppich kehren und das Buch als schön betiteln. Damit wird die Sache gegessen sein.

Wie ist Ihr Kontakt zu Ihren Eltern zurzeit?
Bis letzte Woche habe ich in Deutschland gelebt. Da haben wir einmal die Woche telefoniert und einmal im Jahr war ich bei ihnen zu Besuch. Seit letzter Woche bin ich zurück in der Schweiz und wohne nun in Bern. Wir werden sicher weiterhin wöchentlich telefonieren und ich kann mir vorstellen, dass wir uns nun etwas öfters sehen.

Freuen Sie sich darauf?
Nun, die Treffen sind halt sehr statisch. Sie erinnern mehr an ein Geschäftsmeeting als an ein Familientreffen. Wir sehen uns und rede über belanglose Themen, wie zum Beispiel die schönen Berge in der Schweiz. Dann geht jeder wieder seinen Weg.

Würden Sie sich wünschen, dass das Buch Ihre Eltern insofern aufrüttelt, dass es zu einer Aufarbeitung Ihrer Kindheit kommt?
Das wäre sicherlich nicht schlecht. Aber ganz egal, ob und wie sowas passieren würde; ich bin in Frieden. Mehr noch, ich habe meine Eltern wirklich gerne. Nichtsdestotrotz finde ich meine Mutter sehr selbstbezogen: Wenn sie «Electroboy» guckt, schaut sie nur den Schluss, weil sie nur da zu sehen ist. Den Rest findet sie langweilig und uninteressant.

Ihr Buch ist ab dem 25. April im Handel erhältlich. Wie geht es Ihnen bei diesem Gedanken?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Da ich ja unter einer Angsstörung leide, nehme ich täglich Medikamente. Diese sorgen dafür, dass meine Emotionen geregelt sind. Das heisst, dass ich weder grosse Euphorie fühle, noch unter depressiven Verstimmungen leide. Ich kann aber sagen, dass ich mich auf das nächste Projekt freue.

Können Sie mehr dazu verraten?
Es wird wieder ein Buch. Ein «Electroboy»-Buch. Mir war es sehr wichtig, dass ich bei «Das Kind meiner Mutter» mein Erwachsenen-Ich ganz bewusst nicht reinbringe und dieses dafür im zweiten Werk, das zirka in einem Jahr kommt, thematisiere.

Florian Burkhardt Electroboy als Erwachsener
© Christoph Schaller

So sieht Florian Burkhardt heute als Erwachsener aus.

«Das Kind meiner Mutter» von Florian Burkhardt ist ab dem 25. April überall im Handel erhältlich.

Das Kind meiner Mutter, Buchcover Florian Burkhardt
© Wörthersee Verlag
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