Der grosse Umwelt- und Tierschützer wird 90 Jahre alt Franz Weber leidet an Demenz

Einst rettete er das Weinbaugebiet Lavaux am Genfersee oder setzte sich für Robbenbabys ein. Franz Weber, Schweizer Umwelt- und Tierschützer. Seit einem Jahr nun lebt er in einer Altersresidenz, leidet an Demenz. Am 27. Juli feiert Franz Weber seinen 90. Geburtstag. Die «Schweizer Illustrierte» hat ihn mit seiner Tochter Vera Weber besucht.
Franz Weber Vera Weber Geburtstag
© Fabienne Bühler

Franz Weber freut sich über den Besuch von Tochter Vera. Er sagt ihr wie in Kindertagen Jöggeli oder Speckli.

Franz Weber weiss nicht, wo er ist. Wenn ihn seine Frau Judith anruft, meint er, sie sei nebenan, im Büro in Montreux. Und als ihn seine Tochter Vera vor Kurzem besucht, sagt er zu ihr: «Du hast Glück, dass ich da bin. Erst heute Morgen bin ich aus Paris zurückgekehrt.» – «Mein Vater ist in seinen eigenen Gedanken und manchmal auch einfach am Tagträumen», sagt Vera Weber.

Seit einem Jahr lebt er nun in einer Altersresidenz, in einem stilvollen, ehemaligen Grandhotel, mit alten, schönen Möbeln, umgeben von einem idyllischen Park. Hier fühlt er sich wohl, hier sieht es aus wie daheim in Montreux oder wie in «seinem» Grandhotel Giessbach. «Anfangs war er noch unruhig. Doch seit einigen Monaten fragt er nicht mehr, wo er sei. Er hat neue Gesellschaft gefunden», erzählt Vera Weber erleichtert.

Franz Weber Vera Weber Geburtstag
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Franz und Vera Weber mit Kellnerin Davina.

Er wirkt zufrieden

Der grosse Umwelt- und Tierschützer Franz Weber, 89, leidet an Demenz. Vieles hat er vergessen, seine zahlreichen Aktionen sind ihm kaum mehr präsent: «Ich war immer aktiv, habe so viel gemacht, aber ich weiss nicht mehr, was.» An Menschen, die er in den letzten zehn, fünfzehn Jahren kennengelernt hat, erinnert er sich nicht. Doch Weber geht es gut.

Er wirkt zufrieden, unterhält gerne seine Mitmenschen und lächelt oft ganz verschmitzt. Verschiedensten Wörtern fügt er beim Sprechen ein «ante» an. Aus spannend wird «spann-ante», aus warten «wartante», aus Spiegel «Spiegel-ante». Und was bedeutet dies? «Keine Ahnung», sagt Vera Weber, 42. «Als mein Vater damit angefangen hat, trieb er uns zur Weissglut. Heute finden wir es herzig.»

Seine Frauengeschichten und Liebesaffären

Ob er jetzt jodeln müsse, fragt Franz Weber und jauchzt: «Johohooo!» Besonders gerne singt er mit der Réceptionistin, die Pflegerinnen schätzen ihn als charmanten Patienten, als charmanten Mann! Franz Weber hatte stets seine Frauengeschichten und Liebesaffären, auch nach der Heirat mit Judith, seiner grossen Liebe, im Jahr 1974.

Heute kann seine Frau darüber lachen: «Selbst in der Altersresidenz, mit bald 90, wird mein Mann von Frauen umschwärmt.» Seine Begleitperson, eine 75-jährige Dame, könne ihn seit einigen Wochen nicht mehr besuchen, weil Webers demente Zimmernachbarin total eifersüchtig sei. Sie glaube, Franziskus sei ihr Ehemann. Mit dieser Anekdote beginnt Judith Weber ihr Buch, das sie zurzeit schreibt.

Franz Weber Vera Weber Geburtstag
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Franz Weber nimmt stets die Treppe. «Ich bin ein Sportler.»

«Mein Vater bleibt eitel wie eh und je»

Franz Weber trägt einen blauen Veston und eine rote, gemusterte Krawatte. Noch immer bindet er sich täglich eine um. Eleganz und Schönheit sind ihm wichtig. Sein Gang ist stolz, selbstbewusst und auch im hohen Alter zügig. Vor dem Fototermin kämmt er sich die Haare und feilt sogar die Fingernägel, weil sie weich und daher brüchig sind.

«Mein Vater bleibt eitel wie eh und je», sagt Vera Weber. Vater Franz schaut seine Tochter liebevoll an und sagt: «Es ist immer eine Freude, wenn Jöggeli mich besucht.» Die Kosewörter aus Veras Kindertagen hat er nicht vergessen: Jöggeli und Speckli.

Franz Weber Vera Weber Geburtstag
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Die Krawatte darf bei Franz Weber nie fehlen.

«Ich habe ständig fröhliche Gedanken»

Auf einmal beginnt Franz Weber zu dichten, voller Lust und mit viel Gestik: «Was spricht die tiefe Mitternacht? Nein, die schiefe Mitternacht? Ich schlief, ich schlief, aus schiefem Traum bin ich erwacht. Die Welt ist schief, und schiefer als der Tag gedacht. Schief ist ihr Weh. Lust – schiefer noch als Herzeleid: Weh spricht: Vergeh! Doch alle Lust will Ewigkeit, will schiefe, schiefe Ewigkeit!»

«Ist das von Ihnen?» – «Ja, ja!», sagt Weber ganz erfreut. «Ich habe ständig fröhliche Gedanken. Ich kreiere den ganzen Tag. Goethe, Schiller und Weber!» – «Nein, Papi!», widerspricht Vera sogleich, «das ist doch deine schiefe Version aus Nietzsches ‹Zarathustra›!»

Franz Weber Vera Weber Geburtstag
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Seit 18 Jahren arbeitet Vera Weber für die Fondation Franz Weber, vor drei Jahren hat sie offiziell deren Leitung übernommen und das Tätigkeitsgebiet ausgeweitet: Einsatz gegen den Stierkampf (Verbot in Katalonien!) und für den Umweltschutz im kolumbianischen Friedensprozess. In Afrika engagiert sich Vera Weber für den Schutz der Elefanten.

«Mein Vater hat vergessen, dass er raucht»

Franz Webers Zimmer liegt im ersten Stock, Nummer 111. Es ist hell und schön, aber karg eingerichtet. Reizüberflutung tut demenzkranken Menschen nicht gut. Ein Päckchen Cigarillos, Marke Cortos, liegt herum. «Aber mein Vater hat vergessen, dass er raucht. So wie er auch vergessen hat, dass er Vegetarier ist», sagt Vera Weber.

Die Umwelt- und Tierschützerin lebt selbst als überzeugte Vegetarierin. Auf dem Nachttisch ein Stapel Lokalzeitungen, ungelesen, wie es scheint. Auf dem Gestell ein paar Bücher, alle verfasst von Franz Weber. Auch jetzt schreibt er täglich in seine «Agenda». Manchmal nur einen Satz, manchmal, so wie heute, ein ganzes Gedicht, stets in schöner Handschrift. Er legt den Stift beiseite und rezitiert sein neustes Werk auswendig:

«Einsam stand ich da und
schaute, lange für mich hin –
bis mir vor mir selber graute:
vor meinem wehen Sinn.
Glaubt ich doch am Wege
bunte Blumen noch zu sehn –
die abseits von dem Gehege
blühten still und schön.
Ists ein Trugbild nur, durch
Träume hochgezüchtet?
Das wie ein falscher Schwur
vor sich selber flüchtet?
So schlaget zu, ihr bösen,
schwarzen Mächte dann,
dass meine Seele sich erlösen
und geläutert werden kann.
Was ist das jetzt so leise
wie Wellentreiben mich umfängt?
Und zart wie traumesweise
mich in den Jubel drängt? 
Bin von Freude übergossen,
ich dein lieblich Bild erkenn,
das von Strahlenglanz umflossen.
O, teure, unvergessene Lucienne!»

«Das ist jetzt ein echtes Franz-Weber-Gedicht», sagt Vera und lächelt. «Lucienne war tatsächlich ein Mädchen, in das mein Vater mit 18 verliebt war.»

«Den Tod seiner Mutter hat mein Vater nie überwunden»

Nur dieses eine Mal an diesem Tag, als er auf seine Kindheit, auf seine Jugend in Basel angesprochen wird, weicht der zufriedene, glückliche Ausdruck aus Franz Webers Gesicht. 1937, er ist zehn Jahre alt, stirbt seine Mutter Maria. «Das war schlimm», meint Weber traurig. Mehr will er dazu nicht sagen.

Vater Josef kann seine sieben Kinder alleine nicht erziehen, der kleine Franz kommt ins Kinderheim. «Den Tod seiner Mutter hat mein Vater nie überwunden. Sie ist wegen eines eingeklemmten Bruchs gestorben – ein Ärztefehler! Aus dieser Ungerechtigkeit, aus diesem Schmerz entstammt sein unermüdlicher Kampfgeist», weiss Vera Weber.

Franz Weber Vera Weber Geburtstag
© Fabienne Bühler

Täglich schreibt Franz Weber in seine «Agenda» Gedanken und Gedichte, auf Deutsch oder Französisch.

Weber ist befreundet mit vielen Stars der Kulturszene

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg reist der 19-jährige Franz nach Paris. Er will Schriftsteller werden, studiert an der Sorbonne, wird schliesslich Journalist und schreibt auch für die «Schweizer Illustrierte». Weber ist befreundet mit vielen Stars der Kulturszene, mit Jean Cocteau, Eugène Ionesco, Salvador Dalí, Charles Aznavour oder Brigitte Bardot. Mit ihr setzt er sich später für Robbenbabys ein.

Ab Mitte der 60er-Jahre wandelt er sich zum Umwelt- und Tierschützer. Er gründet die Fondation Franz Weber, dann auch den Verein Helvetia Nostra. Die Liste der Ort- und Landschaften, die er vor zerstörerischen Bauten rettet, ist lang: Surlej im Engadin, das Weinbaugebiet Lavaux (heute Unesco-Welterbe), das Grandhotel Giessbach, das Simmental, die Donau-Auen, Delphi und viele mehr.

Franz Weber Vera Weber Geburtstag
© Fabienne Bühler

Zeitzeuge Weber trägt zwei Uhren, eine für die Schweiz, eine für Togo.

«Er hat die Ruhe gefunden, die er früher nie hatte»

Zahlreiche seiner Initiativen werden abgelehnt. Den grössten politischen Erfolg feiert er im März 2012: Seine Tochter Vera führt die von ihm lancierte Zweitwohnungsinitiative zum Abstimmungssieg. Noch ist Franz Weber voll in seinem Element: «Wir müssen die Schweiz retten. Vor den Spekulanten. Vor dem Selbstmord!» Wie eh und je ist er radikal, rastlos, unversöhnlich unterwegs. Ein Getriebener!

«Heute ist das Kämpferische weg. Mein Vater ist nur noch lieb. Die Konflikte, die Auseinandersetzungen sind verflogen», sagt Vera Weber. «Er hat die Ruhe gefunden, die er früher nie hatte.» Und Franz Weber antwortet auf die Frage, was er denn nun gerne mache: «Am liebsten mache ich nichts! Jetzt bin ich endlich arbeitslos!» So wie vor über 80 Jahren, als ihn sein Lehrer fragt, was er denn mal werden möchte, und der kleine Franz ganz überraschend sagt: «Ich möchte Arbeitsloser werden!»

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